Um vier Uhr morgens weckte mich das Kirchengeläut. Flensburg lag im Nebel, die Docks waren leer – dabei sollte die Neptunus heute mit Zucker und Rum aus der Karibik heimkehren. Stattdessen kam ein…

Um vier Uhr morgens weckte mich das Kirchengeläut. Flensburg lag im Nebel, die Docks waren leer – dabei sollte die Neptunus heute mit Zucker und Rum aus der Karibik heimkehren. Stattdessen kam ein...

Der 31. August 1757. Vor der Küste Jütlands kämpft sich ein hölzernes Segelschiff durch eine Sturmnacht. Die Neptunus, beladen mit rohem Zucker, Tabak und Fässern eines dunklen Destillats, das die Besatzung kaum kennt.

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Monatelang war sie über den Atlantik unterwegs, von den westindischen Inseln der dänischen Krone zurück in die Heimat. Es ist erst die zweite Fahrt dieser Art in der Geschichte Flensburgs. Finanziert von mehreren Kaufmannsfamilien gemeinsam, weil keiner das Wagnis allein tragen konnte. Die Wellen werden höher, der Kurs gerät ins Schwanken – und noch vor Erreichen der heimischen Förde zerschellt die Neptunus an der jütischen Küste, buchstäblich in Sichtweite der Heimat.

Für die Besitzer ist es ein harter Schlag, aber kein Ende. Denn was in jenen Fässern transportiert wurde, hatte wenige Jahre zuvor bereits eine ganze Stadt im Norden Deutschlands verändert. Eine Stadt, die nie eine Zuckerrohrplantage besaß und trotzdem, ohne eigene Kolonie, zu einem der wichtigsten Rumzentren Europas wurde. Um das zu verstehen, muss man Jahrzehnte zurückgehen.

1733 erwarb die dänische Krone von Frankreich die Insel St. Croix, mitten in den Jungferninseln der Karibik. Fast zeitgleich sicherte sich die Westindische Kompanie das Handelsmonopol für Zucker im gesamten dänischen Gesamtstaat, zu dem damals auch weite Teile Norddeutschlands gehörten. Auf St.

Croix und den Nachbarinseln St. Thomas und St. John entstand eine Plantagenwirtschaft, die vollständig auf der Arbeit versklavter Menschen beruhte. Historiker schätzen, dass die dänische Krone insgesamt etwa 200.

000 Menschen aus Westafrika verschleppte. Sie mussten sechs Tage die Woche von frühmorgens bis spätabends auf den Zuckerrohrfeldern arbeiten, ohne Lohn, ohne Rechte, in einem Klima, das viele innerhalb weniger Jahre tötete. Aus dem gepressten Zuckerrohrsaft entstand nach dem Kochen und Kristallisieren ein zäher, dunkler Rückstand: die Melasse. Aus ihr wurde vor Ort ein erster roher Alkohol destilliert – jener Rum, der später über den Atlantik nach Norden reisen sollte.

Ohne die erzwungene Arbeit wäre der enorme Gewinn aus Zucker und Rumhandel nicht denkbar gewesen. 1755 schickten Kaufleute aus Flensburg, damals Teil des dänischen Königreichs, das erste eigene Schiff über den Atlantik zu den westindischen Inseln. An Bord: Fleisch, Butter, Mehl, weißer Zucker, Messer für die Zuckerrohrernte, Nägel, Taue, Kleidung – ein Großteil ausdrücklich für die versklavten Arbeiter auf den Plantagen. Dazu Ziegelsteine aus den Ziegeleien an der Flensburger Förde, die als Ballast dienten und auf den Inseln für den Bau von Lagerhäusern weiterverwendet wurden.

Noch heute findet man vereinzelt norddeutsche Backsteine in Mauern und Treppenstufen auf St. Croix. Auf der Rückreise luden die Schiffe rohen braunen Zucker, rohen, kaum genießbaren Rum, Tabak, Ingwer, Baumwolle und Farbhölzer. Die Flensburger Frachtschiffe waren selbst nicht direkt am Sklaventransport zwischen Afrika und der Karibik beteiligt.

Aber ihr gesamter Reichtum blieb untrennbar mit dem System der Sklaverei verbunden. Ohne die Zwangsarbeit auf den Plantagen hätte es weder den Zucker noch den Rum gegeben, den sie so gewinnbringend nach Europa brachten. Dieser Rohrum aus den karibischen Brennereien war nach übereinstimmenden Berichten kaum trinkbar. Viel zu stark, viel zu unrein im Geschmack.

Er wurde in primitiven Apparaten direkt neben den Zuckermühlen destilliert, in großer Hitze und mit wenig Sorgfalt – denn das eigentliche Ziel der Plantagenbesitzer war die Zuckerproduktion. Der Alkohol galt lange nur als profitables Nebenprodukt. In Flensburg begannen die ansässigen Brennereien deshalb, den importierten Rohstoff mit Wasser, etwas Zucker und eigenen, aus Getreide oder Kartoffeln gewonnenen Alkoholen zu strecken und geschmacklich zu veredeln. Dann lagerte er in Eichenfässern und nahm seine bräunliche Farbe an – ähnlich, wie es andernorts mit Weinbrand oder jungem Whisky geschah.

Diese Technik, im Deutschen bis heute „Verschnitt” genannt, war ursprünglich schlicht eine Notwendigkeit. Kein Betrug, sondern die einzige Möglichkeit, aus einem fast ungenießbaren Rohstoff ein Getränk zu machen, das man tatsächlich trinken konnte. Doch bald bekam diese Technik eine zweite Funktion. Die dänische Krone erhob auf importierte Spirituosen immer höhere Einfuhrzölle, berechnet pro Fass, unabhängig vom tatsächlichen Alkoholgehalt.

Für die Flensburger ergab sich daraus eine simple, aber geniale Rechnung: Wenn man nur eine kleine Menge des hochkonzentrierten Originalrums importierte und sie mit größeren Mengen einheimischem Neutralalkohol und Wasser streckte, ließ sich dieselbe Menge trinkfertigen Rums herstellen – dabei aber ein erheblicher Teil des Zolls einsparen. Ein einziges Fass Rumkonzentrat konnte so zu einem Vielfachen seines Volumens an Verschnitt werden, während die Zollbehörde nur die ursprüngliche Fassmenge sah. Flensburg blühte auf. Neben Kopenhagen und Altona entwickelte sich die kleine Hafenstadt an der Förde zu einem der bedeutendsten Zentren der Zuckerproduktion im dänischen Gesamtstaat.

Der Reichtum ist bis heute an den prächtigen Kontorhäusern und Kaufmannshöfen der Altstadt abzulesen. Ganze Straßenzüge wurden mit den Gewinnen aus Zucker und Rum errichtet, mit tiefen Kellergewölben zur Lagerung der Fässer. Familien, die bis heute in Flensburg bekannt sind, gehen auf diese Zeit zurück – ohne je selbst eine Plantage betreten zu haben. In der Blütezeit sollen mehr als 200 eigenständige Rumhäuser in der Stadt aktiv gewesen sein, jedes mit eigenen Rezepturen und streng gehüteten Verschnittformen, die nur von Vater zu Sohn weitergegeben wurden.

Während Hamburg zum zentralen Umschlagplatz für Kolonialwaren aller Art aufstieg – Kaffee, Kakao, Tee, Zucker aus aller Welt – spezialisierte sich das kleinere Flensburg fast ausschließlich auf den karibischen Rum. Gemessen an seiner Größe wurde es zu einem der dichtesten Rumhandelsplätze Nordeuropas. Bis 1806 erreichte der Westindienhandel einen solchen Umfang, dass Flensburg neben Kopenhagen zur bedeutendsten Handelsstadt des gesamten dänischen Staatsgebiets aufstieg. Doch der Boom währte nicht ewig.

Ab 1842 stagnierte der Westindienhandel, denn nach der schrittweisen Befreiung der versklavten Bevölkerung auf den dänischen Inseln verteuerte sich der Anbau von Zuckerrohr erheblich. Gleichzeitig fielen die Weltmarktpreise, weil vor allem Großbritannien seine eigenen karibischen Kolonien massiv ausbaute und den Markt mit billigerem Zucker überschwemmte. Für die dänischen Inseln begann ein langsamer, unaufhaltsamer wirtschaftlicher Abstieg. Der eigentliche Bruch für Flensburg kam jedoch 1864 mit dem deutsch-dänischen Krieg.

Flensburg und ganz Schleswig gingen von der dänischen Krone an Preußen und Österreich über. Mit dem Wechsel der Staatszugehörigkeit verloren die Flensburger Rumhäuser über Nacht ihren privilegierten Zugang zu den dänischen Kolonien in der Karibik. Jenes Handelsnetzwerk, das über ein Jahrhundert sorgfältig aufgebaut worden war, brach binnen weniger Kriegsmonate zusammen. Doch die Kaufleute gaben nicht auf.

Unmittelbar nach dem Krieg bezogen sie ihren Rohstoff über Umwege aus London und Amsterdam, den beiden großen europäischen Handelsdrehscheiben für Kolonialwaren. Ab etwa 1880 lieferte dann das britische Jamaika direkt an die Flensburger Häuser. Der Rumhandel erlebte einen bemerkenswerten zweiten Frühling – diesmal unter preußischer statt dänischer Flagge, aber mit denselben alten Familiennamen. In dieser Umbruchzeit, 1848, war in Flensburg die Destillerie Pott gegründet worden.

Jenes Unternehmen, dessen Name bis heute untrennbar mit dem deutschen Rumverschnitt verbunden ist und dessen braune Flasche noch immer in unzähligen deutschen Küchenschränken steht. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam den norddeutschen Rumhäusern eine gesetzliche Entwicklung zugute: Ein Verbot, Branntwein direkt aus Wein zu brennen, verschaffte dem Rum als Ausweichprodukt in ganz Deutschland zusätzlichen Auftrieb. Die endgültige moderne Form des Rumverschnitts entstand um 1910.

Während der ursprüngliche Verschnitt noch einen hohen Anteil echten karibischen Rums enthielt, oft um die 40 Prozent, reduzierte sich dieser Anteil im Zuge der wachsenden Nachfrage und steigender Importzölle immer weiter – bis am Ende nur noch fünf Prozent des fertigen Getränks aus echtem, meist jamaikanischem Rumkonzentrat bestanden. Der Rest war deutscher Agraralkohol aus Getreide, Zuckerrüben oder Kartoffeln sowie Wasser. Genau diese Rezeptur – mindestens fünf Prozent Rumanteil bei einem Mindestalkoholgehalt von 37,5 Volumenprozent – bildet bis heute die gesetzliche Grundlage für alles, was in Deutschland und der gesamten EU offiziell als Rumverschnitt bezeichnet werden darf. Eine eigene, streng regulierte Spirituosenkategorie, die sich klar vom echten Rum unterscheidet und das auf dem Etikett in gleicher Schriftgröße, Schriftart und Farbe kennzeichnen muss.

Wird Rumverschnitt außerhalb Deutschlands verkauft, muss das Etikett zusätzlich die genaue Zusammensetzung des Alkohols offenlegen. Eine Vorschrift, die es für kaum eine andere Spirituosenkategorie in Europa gibt. Bekannte Marken wie Asmussen Original oder Hansen Präsident Rumverschnitt fanden über Generationen ihren Platz – nicht nur als Getränk, sondern vor allem in der deutschen Küche: im winterlichen Punsch, im Rumtopf, in Weihnachtsplätzchen und in unzähligen Backrezepten. Anders als in der Karibik oder England, wo Rum meist pur oder in Cocktails getrunken wird, entwickelte sich der deutsche Verschnitt zu einer Zutat, die man im Küchenschrank neben Mehl und Zucker aufbewahrte.

Doch die Branche erlebte im Laufe des 20. Jahrhunderts – nach den beiden Weltkriegen, den Rohstoffengpässen und dem Verlust kolonialer Handelsstrukturen – einen langsamen, stetigen Niedergang. Von den einst über zwanzig Flensburger Rumhäusern der Nachkriegszeit ging bis zur Jahrtausendwende fast jedes einzelne in Insolvenz oder wurde von Konzernen aufgekauft. Die traditionsreichen Namen blieben oft nur noch als Markenhülle auf industriell produzierten Flaschen bestehen, ohne Verbindung zu den ursprünglichen Familienbetrieben.

Fast einzig das Rumhaus A. Johansen überstand den Niedergang als eigenständiges, familiengeführtes Unternehmen. Gemeinsam mit dem Wein- und Rumhaus Brage, das in der historischen Roten Straße ein kleines Manufakturmuseum betreibt, hält es die Erinnerung an die einstige Blütezeit lebendig. Im restaurierten Zollpackhaus an der Flensburger Förde, in dessen Kellergewölben einst der reine, unverschnittene Karibikrum lagerte, erzählt heute ein Rummuseum die Geschichte bedeutender Kaufmannsfamilien – das Abenteuer der Westindienfahrt ebenso wie den Schrecken der Sklaverei, auf der dieser Wohlstand gründete.

Eine Sonderausstellung mit dem programmatischen Titel „Dänisch-Westindien” widmet sich explizit diesem lange verdrängten Kapitel der Stadtgeschichte und macht deutlich: Der Rum, der den Flensburgern einst Reichtum brachte, hat den Menschen auf St. Croix vor allem Leid gebracht. Heute erlebt der Rumverschnitt eine vorsichtige Renaissance. Neben den wenigen verbliebenen historischen Häusern experimentieren junge Manufakturen in Hamburg und Flensburg mit eigenen Interpretationen der alten Rezepturen – manche bewusst näher am hochprozentigen Verschnitt des 18.

Jahrhunderts, andere als reiner, unverschnittener Rum, um sich von der Tradition abzugrenzen und internationale Kenner anzusprechen. Auch in Österreich existiert mit dem sogenannten Inländerrum eine ähnliche Tradition eines heimischen Rumersatzes. Der globale Rummarkt wird heute auf einen Wert zwischen 17 und 20 Milliarden US-Dollar geschätzt. Doch der deutsche Rumverschnitt bleibt darin eine kleine, eigenwillige und weltweit einzigartige Nische.

Ein Produkt, das es in dieser exakten rechtlichen Form nur in Deutschland gibt – und das dennoch Flasche für Flasche in Millionen Küchenschränken steht. Und so kehren wir zurück zu jener stürmischen Augustnacht des Jahres 1757. Als die Neptunus, beladen mit rohem Zucker und den ersten Fässern eines noch kaum trinkbaren Destillats, vor der jütischen Küste auf Grund lief und zerschellte, so nah am heimischen Hafen und doch nicht mehr rechtzeitig genug. Die Besatzung konnte unmöglich ahnen, dass ihre Ladung den Grundstein für eine Handelstradition legen würde, die zwei Jahrhunderte überdauern, einen Krieg, einen Staatswechsel, zwei Weltkriege und schließlich den fast vollständigen Niedergang der Branche überstehen sollte.

Die Kaufleute, die 1755 das erste Schiff nach Westindien schickten, wollten schlicht Zucker und Gewürze verkaufen – nicht eine europaweit einzigartige Spirituosenkategorie erschaffen. Die Brennmeister, die den rauen Rum mit Wasser und heimischem Alkohol streckten, wollten ihn trinkbar machen und ein paar Taler Zoll sparen – nicht eine Rechtsvorschrift begründen, die über 250 Jahre später noch in der europäischen Spirituosenverordnung Bestand hat. Und die versklavten Menschen auf den Feldern von St. Croix wussten am allerwenigsten, welchen bitteren Reichtum ihre erzwungene Arbeit einer fernen norddeutschen Handelsstadt bescheren würde.

Einer Stadt, deren Namen die meisten von ihnen ihr Leben lang niemals hören sollten. Nicht schlecht für ein Getränk, das ursprünglich schlicht zu stark war, um es pur zu trinken.