Der Garten war voll. Fast jedes Beet war besetzt, fast jede Lücke geschlossen – nur ein, zwei freie Streifen fehlten noch, und die sollten heute gefüllt werden. Aber zuerst hatte Jen ein anderes Problem. Auf der Anzuchtbank stand die monatliche Salatplatte, die sie vor vier Wochen zusammen mit ihren Zuschauern ausgesät hatte.

Sie war aus den Fugen geraten. Was da aus der Erde drängte, war kein zartes Gemüse mehr, sondern ein dichter Teppich aus winzigen Pflänzchen, die sich gegenseitig das Licht stahlen. Kopfsalat, Eichblatt, Lollo, Rauke, Batavia – alles war aufgegangen und wuchs kreuz und quer durcheinander. Es war zu viel, viel zu viel.
„Die brauchen jetzt Platz”, sagte Jen. In jedem Töpfchen sollten nur ein bis zwei Pflänzchen bleiben, der Rest musste raus. Sie griff zum Pikierstab, senkte ihn vorsichtig neben einem Büschel in die Erde und löste die zarten Wurzeln heraus. Kaum hatte sie den Stab angehoben, hing gleich ein ganzes Bündel daran.
Die Pflänzchen waren winzig, aber kräftig, und sie standen so dicht, dass man unmöglich ein einzelnes herausziehen konnte. Jen arbeitete sich Reihe für Reihe durch: Stich, lösen, herausheben, in die neue Platte setzen, sanft andrücken – immer derselbe Rhythmus. Es war meditative Arbeit, die Hände voller feuchter Erde. Die zweite Platte stand schon bereit, denn die Pflänzchen, die sie rettete, sollten ja nicht wieder zu eng stehen.
Alles, was sie nicht behalten konnte, pflanzte sie in kleine Töpfe für Freunde und Familie. Es war genug für alle, und genau das war auch der Sinn: Wer Gärtnerinnen und Gärtner im Freundeskreis hatte, konnte sie problemlos versorgen. „So sorgen wir dafür, dass möglichst viele Menschen Spaß daran haben und lebendige Nahrung zu sich nehmen können”, sagte sie, während ihre Finger weiterarbeiteten. Wer nicht in eine weitere Platte pikieren wollte, konnte die Pflänzchen übrigens auch direkt in Töpfe oder ins Hochbeet setzen – das funktionierte genauso.
Natürlich konnte man von dieser Salatplatte längst ernten. Das war ja der ganze Sinn: eine Platte, die man regelmäßig ansät und die einem Monat für Monat frischen Salat liefert. Man musste sich nur bedienen, sobald die Blätter groß genug waren. Deshalb hielt Jen so viel von dieser Methode – sie inspirierte gern andere, es ihr gleichzutun.
Als sie fertig war, goss sie die Platte mit kaltem Wasser vorsichtig an. Kaltes Wasser vertrugen die Pflanzen am besten, selbst an warmen Tagen. Dann trug sie die geretteten Salate in den Schatten. Keine pralle Sonne, nicht jetzt.
Die nächsten ein bis zwei Tage brauchten sie, um sich zu erholen, zu akklimatisieren und den Schock des Umsetzens zu verdauen. Erst wenn sie aufrecht standen und gut standen, durften sie zurück an die Sonne. Der Juni war angekommen, und der Kalender zeigte deutlich: Jetzt gab es noch einmal jede Menge zu säen. Wer etwas verpasst hatte, wessen Gemüse kaputtgegangen war, wer einfach nachziehen wollte – der Juni machte vieles möglich.
Die Wurzelpetersilie zum Beispiel. Ein echtes Feinschmecker-Gemüse, das in keinem Garten fehlen sollte. Möhren gingen auch noch, dazu Bete, die verschiedenen bunten Ringel in Rot, Weiß und Gelb. Selbst Mairüben konnte man noch aussäen, auch wenn der Name längst nicht mehr zum Monat passte.
Bei den Hülsenfrüchten war eines ein Muss: die Zuckererbse. „Gerade wenn man Kinder hat, darf sie nicht fehlen”, sagte Jen. Die Schoten ließen sich unterwegs wegsnacken, und die jungen Triebe samt Blüten waren obendrein essbar und wunderschön anzusehen. Am Himmel zog ein Gewitter auf und grollte leise im Hintergrund.
„Fast ein bisschen romantisch”, murmelte Jen und arbeitete weiter. Buschbohnen konnten in die Erde, dazu Stangenbohnen. Die brauchten zwar ein Gerüst, aber das konnte man geschickt kombinieren: als Windschutz oder sogar als Sichtschutz auf Terrasse und Balkon. Wer Kohl liebte, für den war der Juni ebenfalls noch nicht verloren.
Spitzkohl, Kohlrabi, Frühwirsing – es lohnte sich, immer wieder neue Sätze anzusetzen. Vor Kurzem hatte Jen auf Instagram ein Foto eines dieser Wirsinge gezeigt: knackig, frisch, genau so, wie sie Kohl am liebsten mochte. Auch später Blumenkohl und Brokkoli waren noch möglich. Und bei den Kräutern blühte das Angebot: Petersilie, Thymian, Dill, Oregano, Basilikum in verschiedenen Sorten, wer mochte auch Koriander und Baldrian.
Sommerblumen ließen sich ebenfalls noch säen, zum Beispiel die Bechermalve mit ihren zartrosa Blüten. Nur bei den Kürbisgewächsen musste man aufpassen. Melonen war jetzt wirklich zu spät, aber Gurken, Kürbisse und Zucchini konnte man im Juni noch locker aussäen. Für den Winterkohl war die Zeit dagegen abgelaufen.
Aber den hatte Jen schon lange in den Anzuchtschalen. Grünkohl und Palmkohl standen dort, ausgesät vor einigen Wochen, zusammen mit ihren Zuschauern. Den Grünkohl aß ihre Familie im Winter regelmäßig, ob als Chips oder klassisch gekocht. Der Palmkohl, auch Schwarzkohl genannt, machte sich mit seinen dunklen Blättern einfach gut.
„Schön gekeimt”, sagte Jen zufrieden. Aber auch diese Pflänzchen brauchten jetzt mehr Platz. Die größeren Multitopfplatten waren schon vorbereitet. Jen pikierte den Winterkohl im Schnelldurchgang um: lösen, setzen, andrücken, weiter.
Als alle Pflänzchen in ihren neuen Töpfen standen, goss sie sie an. Zwei bis drei Wochen durften sie sich jetzt etablieren und zu kräftigen Jungpflanzen heranwachsen, bevor sie ins Beet kamen. Und wieder galt: erst in den Schatten stellen, nicht in die pralle Sonne. Die Pflänzchen sollten sich erholen und ins Wachstum kommen.
Bevor es ans Beet ging, machte Jen noch einen Abstecher zu den jungen Pflanzen vor ihr. Der Spätwirsing für den Winter stand da, mit kräftigen Blättern. Die Steckrübe, die noch etwas Zeit brauchte, bis sie groß genug war. Der Rotkohl mit seinen violett schimmernden Blättern war unverkennbar in der Farbe.
Und dann war da noch ein Kohl mit schönen, runden Blättern, der längst pflanzbereit aussah. „Was das wohl ist? “, fragte sie mit einem Augenzwinkern. Die Antwort gab sie erst im Beet preis.
Im großen Gemüsegarten zog sie die Pflanze aus dem Topf. Die Wurzeln waren weiß und kräftig, die Pflanze stand aufrecht. „Das ist Rosenkohl”, sagte sie. Genau der Rosenkohl, den sie beim letzten Mal zusammen mit ihren Zuschauern pikiert hatte, fand jetzt seinen Platz in der Erde.
Auf dem Beet standen die Tomaten, die vor Kurzem gepflanzt worden waren, und sie waren gut angewachsen. Kohl war ein guter Mischkulturpartner für Tomaten. Wer die Mischkultur noch verfeinern wollte, hätte in die Lücken Basilikum gesetzt, denn intensiv duftende Kräuter mochten die Tomaten besonders gern. Aber zuerst musste das Beet sauber werden.
Ein Streifen lag noch da, bewachsen mit Melde und Disteln. Die Erde wollte schließlich nicht nackt bleiben, aber das Unkraut sollte dem jungen Kohl auch nicht das Wasser abgraben. Jen räumte auf, riss die Melde heraus und zupfte die Disteln aus der lockeren Erde. Dann setzte sie den Rosenkohl, mit dem Gießring goss sie jede Pflanze an, versetzt mit EM.
Der Abstand betrug zwischen sechzig und fünfundsiebzig Zentimetern. Großzügig, aber nötig, denn Rosenkohl wurde groß und blieb über den Winter im Beet. Ein windiger Standort tat ihm gut, Abendsonne gefiel ihm ebenfalls. Als alle Pflanzen in der Erde waren, trat Jen einen Schritt zurück.
Die kleinen Kohlpflanzen sahen frisch aus, zart, fast zerbrechlich. Und genau das war die Gefahr. „Die sehen nicht nur für uns attraktiv aus”, sagte sie. Tauben hatten ein wachsames Auge auf die jungen Blätter, und sie würden sich verständlicherweise darauf stürzen.
Deshalb kamen jetzt die Netze drüber, als Schutz für den Anfang. Erst wenn die Pflanzen größer waren, würde das Interesse der Tauben nachlassen. Als die Netze befestigt waren, blieb Jen einen Moment stehen. Leichte Brise, warme Sonne, volle Beete.
Die Pflanzen standen im Saft und wuchsen. Sie ließ den Blick über das Beet wandern, über die jungen Kohlpflanzen unter den Netzen, über die Tomaten am Rand. „Habt ihr Lust, demnächst mal mit mir einen Beetrundgang zu machen? “, fragte sie in die Kamera.
Wer wollte, konnte es in die Kommentare schreiben. Wer sich für ihr Kleid interessierte, fand den Link in der Videobeschreibung. Aber die eigentliche Botschaft des Tages war eine andere. Macht eure Gärten bunt, vergesst das Säen nicht.
Bis zum nächsten Mal. Sie strich mit der Hand über die Blätter eines Rosenkohls, der unter dem Netz Schutz gefunden hatte, und drehte sich um. Die Beete lagen still in der Abendsonne.
Voll, im besten Sinne voll.


