Der Fall der 26-jährigen Scarlett S. aus Bad Lippspringe gibt weiterhin Rätsel auf: Seit mehr als 1. 300 Tagen fehlt jede Spur von der jungen Frau, die im September 2020 im Südschwarzwald auf dem bekannten Schluchtensteig verschwand.

Trotz über 500 Hinweisen, intensiver Suchaktionen mit Hunden und Hubschraubern sowie der Auswertung von Handydaten und Überwachungskameras bleibt unklar, was ihr zugestoßen ist. Ihre Eltern, die Polizei und eine private Suchgruppe geben die Hoffnung nicht auf, aber die Ungewissheit nagt an allen Beteiligten.
Am 10. September 2020 war Scarlett S. allein mit Rucksack und Zelt in Todtmoos aufgebrochen, um die sechste und letzte Etappe des Schluchtensteigs zu absolvieren.
Zuvor war sie in einem Supermarkt gefilmt worden – die letzten Bilder, die von ihr existieren. Gegen 10 Uhr kaufte sie Getränke, danach rief sie ihren Freund Joey in China an. Dann verließ sie den Ort in Richtung Wanderweg.
Seitdem ist sie verschwunden.
Die Familie bemerkte das Fehlen erst am 11. September, als eine Freundin in Mainz anrief, bei der Scarlett nach der Wanderung hatte übernachten wollen. Die Mutter meldete sie noch am selben Samstag als vermisst.
Die Polizei nahm den Fall sofort ernst, weil die Wanderung im Schwarzwald bekannt war, und leitete die Informationen an die zuständigen Behörden weiter.
Die Suche begann umgehend. Polizei, Feuerwehr und Bergwacht durchkämmten das Gebiet zwischen Todtmoos und Wehr mit Wärmebildkameras und Suchhunden. Ein Hubschrauber simulierte ein Funknetz, um Scarletts Handy zu orten – vergeblich.
Die Beamten hofften zunächst auf einen Unfall, da die junge Frau sportlich, gut ausgerüstet und erfahren war. Sie trug einen auffällig roten Rucksack und hatte bereits fünf Etappen problemlos gemeistert.
Der Schluchtensteig gilt als anspruchsvoll, aber nicht lebensgefährlich. Martin Schwenninger, der den Weg mitentwickelt hat, erklärt, dass die sechste Etappe sogar die einfachste sei. Es gebe keine Absturzgefahr, und Wanderer, die sich verletzten, würden in der Regel schnell gefunden.
Dennoch gesteht er ein, dass in unwegsamem Gelände eine Person nur fünf Meter neben dem Weg liegen könne, ohne entdeckt zu werden.
Genau diese Ungewissheit quält Scarletts Vater Ralf. In ihrem Zimmer in Bad Lippspringe hat er eine Karte mit den Stationen ihrer Wanderung aufgehängt. Grüne Nadeln markieren die Etappen, orangene die Orte, an denen Zeugen sie gesehen haben wollen.
Doch jede logische Spur führte ins Leere. Er beschreibt seine Tochter als optimistisch, lebensfroh und tierlieb – eine Weltreisende, die immer konsequent ihre Ziele verfolgte.
Scarlett hatte nach einer Reise durch Asien und dem Kennenlernen eines chinesischen Mannes unter der Corona-Pandemie gelitten. Sie war 2020 aus Myanmar zurückgekehrt und hatte mit ihrer Mutter den Jakobsweg gewandert. Dort hörte sie vom Schluchtensteig und beschloss, ihn zu gehen.
Eine Mitfahrgelegenheit über BlaBlaCar organisierte sie, um die Fahrt zu teilen. Die erste Etappe begann sie am 10. September mit Begeisterung.
Die ersten Tage verliefen normal. Sie schickte Nachrichten an Familie und Freunde, traf andere Wanderer und zeltete mit ihnen. Am 9.
September traf sie in Todtmoos zufällig drei der Wanderer wieder, mit denen sie zuvor gezeltet hatte. Sie aßen gemeinsam – die letzten Personen, die länger mit ihr verbrachten. Am nächsten Morgen machte sie sich auf den Weg zur letzten Etappe, die rund 20 Kilometer lang war.
Die Polizei konzentrierte sich auf den Streckenabschnitt zwischen Todtmoos und Wehr. Sie befragte Anwohner und durchsuchte die Umgebung, aber es gab keine Spur von Scarletts rotem Rucksack, ihrem Zelt oder ihrer Kleidung. Auch eine Überwachungskamera an einem Haus in der Nähe zeigte sie nicht.
Die Beamten blieben bei der Unfalltheorie, obwohl viele Experten dies für unwahrscheinlich halten.
Nach zwei Wochen stellte die Polizei die aktive Suche vorerst ein – mit der Begründung, alle Spuren und Kontakte seien überprüft. Erst bei neuen Hinweisen werde die Suche wieder aufgenommen. Die Familie war verzweifelt, denn sie durfte aus logistischen Gründen nicht in der Nähe der Suchhunde sein.
„Wir waren zur Untätigkeit verdammt“, sagt Ralf S.
Doch die Ermittlungen gingen weiter. Im September 2021 leitete die Staatsanwaltschaft Waldshut-Tiengen ein Todesermittlungsverfahren ein, nachdem eine unbekannte Person Anzeige erstattet hatte. In Deutschland ist die Staatsanwaltschaft in solchen Fällen verpflichtet zu ermitteln.
Gleichzeitig meldeten sich immer mehr Zeugen, die Scarlett gesehen haben wollten – aber alle Angaben ließen sich nicht bestätigen.
Eine Wende schien sich im Sommer 2022 anzubahnen, als eine Wanderin auf der letzten Etappe eine Sonnenbrille fand, die dem Modell von Scarlett entsprach. Die Kriminaltechnik untersuchte sie auf DNA-Spuren, fand aber keine. Die Sonnenbrille war weggewaschen oder abgenutzt.
Im Februar 2023 stellte die Staatsanwaltschaft das Verfahren ein, da keine Anhaltspunkte für ein Verbrechen vorlagen.
Dennoch blieb eine private Gruppe aktiv, die sich auf Facebook unter „Bitte findet Scarlett“ organisiert hat. Sie sucht bis heute vor Ort und sammelt Hinweise. Eine Hundestaffel führte die Spur auf einen Parkplatz etwa sieben Kilometer von Todtmoos entfernt.
Dort verloren die Hunde die Witterung. Eine Zeugin gab an, Scarlett dort gesehen zu haben – aber niemand meldete sich, als die Polizei nach weiteren Zeugen suchte.
Die Frage, ob Scarlett vielleicht in ein Auto gestiegen ist, beschäftigt die Ermittler bis heute. „Aller Wahrscheinlichkeit nach muss sie in ein Auto gekommen sein“, sagt Martin Schwenninger. „Das würde das spurlose Verschwinden erklären.
“ Denn auf der zweiten Hälfte der sechsten Etappe wurde sie nirgendwo mehr wahrgenommen, obwohl sie zuvor regelmäßig gesehen worden war.
Ralf S. denkt darüber nach, ob seine Tochter vielleicht untergetaucht sein könnte. „Natürlich wäre das die beste Option“, sagt er.
„Aber warum sollte sie? Wir waren nicht zerstritten. Sie hätte tun können, was sie wollte.
Die Corona-Pandemie war ein Einschnitt, aber kein Grund, alles hinter sich zu lassen. “ Die Hoffnung, dass sie noch lebt, ist bei ihm nicht erloschen: „Solange nichts gefunden ist, kann man hoffen. “
Die Polizei ermittelt weiter, obwohl die Suche offiziell eingestellt ist. Jeder neue Hinweis wird überprüft. Zuletzt gab es im Januar 2024 eine Meldung, die sich aber als falsch herausstellte.
Die Beamten glauben nach wie vor an einen Unfall – aber die Spur auf den Parkplatz und das Fehlen jeder Leiche lassen Zweifel offen.
Scarlett S. hätte vor wenigen Monaten ihren 30. Geburtstag gefeiert.
Sie war eine erfahrene Reisende, die allein durch Asien gereist war und immer auf sich achtgab. Ihr Vater betont, dass sie nie leichtsinnig war. „Sie hatte ordentliches Schuhwerk und Ausrüstung – man kann ihr keinen Vorwurf machen.
“ Die Umstände ihres Verschwindens bleiben rätselhaft.
Die Familie appelliert an die Öffentlichkeit: Wer etwas gesehen oder gehört hat, sollte sich bei der Polizei melden. Besonders wichtig sind Hinweise auf Personen, die plötzlich größere Bodenarbeiten in ihrem Garten durchgeführt haben oder ungewöhnliche Einkäufe tätigten. „Vielleicht hat jemand ein schlechtes Gewissen und weiß mehr“, hofft Ralf S.
Der Fall Scarlett S. ist einer der mysteriösesten Vermisstenfälle in Deutschland. Trotz aller technischen Mittel und des Engagements vieler Helfer bleibt die Frage: Wo ist Scarlett?
Die Antwort liegt irgendwo im Schwarzwald – oder in den Erinnerungen eines Menschen, der sie zuletzt gesehen hat. Bis dahin halten die Eltern an der Hoffnung fest, dass ihre Tochter eines Tages wieder auftaucht.

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