Die Tür flog auf, noch bevor ich überhaupt anklopfen konnte. Mutter stand im Flur, das Telefon in der Hand, und ihr Gesicht war weiß wie die Wand hinter ihr. »Sie haben ihn«, sagte sie. »Sie haben deinen Bruder.

«
Ich brauchte einen Moment, um die Worte zu verstehen. Dann nahm ich ihr den Hörer aus der zitternden Hand und lauschte in die leere Leitung. Es knackte, dann war da nur noch Rauschen. Aufgelegt.
»Wer war das? «, fragte ich. Mutter schüttelte den Kopf. »Ich weiß nicht.
Eine Männerstimme. Fremd. Er hat nur gesagt, dass sie Jan haben und dass wir nichts unternehmen sollen, sonst sehen wir ihn nie wieder. «
Jan war achtzehn, zwei Jahre jünger als ich.
Er studierte im vierten Semester in Prag, froh, aus unserem kleinen Dorf rauszukommen. Wir hatten gestern noch telefoniert. Er hatte von einer neuen Mitbewohnerin geschwärmt, von einem Seminar, das ihn forderte. Nichts hatte nach Gefahr geklungen.
Ich rief sofort seine Nummer an. Nichts. Mailbox. Dann rief ich seine Mitbewohner an, alle, die ich kannte.
Niemand hatte ihn seit dem Morgen gesehen. Seine Universität wusste von nichts. Die Polizei nahm die Anzeige auf, aber ohne konkrete Hinweise konnten sie nicht viel tun. Man riet uns, abzuwarten, keine voreiligen Schritte zu unternehmen.
Abwarten. Als ob das möglich wäre. Zwei Tage lang passierte nichts. Keine Anrufe, keine Nachrichten, keine Forderungen.
Mutter saß am Küchentisch, starrte auf ihr Handy und trank Kaffee, der längst kalt geworden war. Ich fuhr nach Prag, suchte Jans Zimmer durch, sprach mit seinen Freunden. Niemand hatte etwas Auffälliges bemerkt. Jan war am Morgen zu einer Vorlesung aufgebrochen und nie angekommen.
Am dritten Tag, kurz vor Mitternacht, summte mein Handy. Eine unbekannte Nummer. Ich ging ran. »Du bist die Schwester«, sagte die Stimme.
Ruhig, sachlich, als würde er eine Einkaufsliste vorlesen. »Dein Bruder schuldet uns Geld. Viel Geld. Wir behalten ihn, bis du es bringst.
«
»Wie viel? «
Er nannte eine Summe, die mich sprachlos machte. Ein Betrag, den unsere Familie niemals aufbringen konnte. Ich fragte, wofür Jan so viel Schulden haben sollte.
Der Mann lachte kurz. »Frag ihn nicht. Frag dich, was du bereit bist zu tun. Du hast fünf Tage.
«
Die Leitung brach ab. Keine Nummer zum Zurückrufen, keine Anweisung, nichts als diese Frist. Ich erzählte Mutter nicht die ganze Wahrheit. Ich sagte nur, dass Jan am Leben sei und dass Geldforderungen im Raum stünden.
Sie wollte zur Polizei gehen, aber ich hielt sie zurück. Nicht, weil ich den Fremden glaubte, sondern weil ich Angst hatte, was mit Jan passieren würde, wenn wir unüberlegt handelten. Ich versuchte, die Nummer zurückzuverfolgen, über die ich angerufen worden war. Ohne Erfolg.
Sie war nicht registriert, wahrscheinlich eine Wegwerf-SIM. Jans Facebook-Profil zeigte keine verdächtigen Kontakte, seine Bank keinerlei auffällige Abbuchungen. Er hatte kein Spiel, keine Wetten, keine Drogen. Er war ein normaler Student, der sich über zu viel Lernstoff beschwerte und am Wochenende Fußball schaute.
Aber irgendetwas musste es geben. Niemand entführt einen x-beliebigen Studenten ohne Grund. Ich durchsuchte sein Zimmer in Prag erneut, akribischer diesmal. Hinter dem Schreibtisch, unter dem Bett, in den Taschen alter Jacken.
Ich fand nichts. Erst als ich die Ablage über seinem Kleiderschrank durchging, stieß ich auf einen Ordner, den ich vorher übersehen hatte. Darin lagen Unterlagen zu einem Auslandssemester. Ein Stipendium, ein Antrag, ein Ablehnungsschreiben.
Er hatte sich für ein Auslandssemester in Rumänien beworben und war abgelehnt worden. Aus Kostengründen, stand da. Aber auf dem Ablehnungsschreiben klebte ein gelber Notizzettel, den jemand nachträglich hinzugefügt hatte. Eine Handschrift, die ich nicht kannte.
»Alternative Option verfügbar. Interesse? «
Ich fotografierte alles, steckte den Zettel ein und ging zurück ins Wohnheim. Jans Mitbewohner, ein stiller Typ namens Tomas, saß im Gemeinschaftsraum.
Er wich meinem Blick aus, als ich ihm die Fragen stellte. Ich drückte nach. »Weißt du etwas über das Auslandssemester? «
Tomas zuckte mit den Schultern.
»Er hat davon geredet. Aber er sagte, er hätte einen Weg gefunden, es doch zu finanzieren. Ich habe nicht weiter gefragt. «
»Einen Weg?
Was für einen Weg? «
»Er hat jemanden kennengelernt. Bei einer dieser Jobbörsen im Internet. Für Übersetzungen, glaube ich.
Leichtes Geld, hat er gesagt. Er war ganz aufgeregt deswegen. «
Das klang harmlos. Übersetzungsjobs gab es überall.
Aber ich ließ mir den Namen der Plattform geben und suchte danach. Ich fand eine obskure Website, die in schlechtem Englisch angelegte Dienste bewarb. Ich wollte mich anmelden, aber die Seite verlangte eine Empfehlung. Ohne Zugang kam ich nicht weiter.
Ich meldete mich bei einem Account-Profi an, den Jan einmal erwähnt hatte. Einem Kommilitonen, der sich mit so etwas auskannte. Er half mir, die Sperre zu umgehen. Was ich dann sah, ließ mir das Blut gefrieren.
Die Plattform vermittelte nicht nur Übersetzungen. Sie handelte mit gestohlenen Daten, gefälschten Dokumenten und, wie mir schien, mit persönlichen Informationen, die für Erpressungen benutzt wurden. Jan hatte dort gearbeitet. Er hatte Übersetzungen geliefert, ja, aber auch Dinge sortiert, die verdächtig nach erpresstem Material aussahen.
Und irgendwann hatte er offenbar genug angesammelt, um aussteigen zu wollen. Das musste der Grund sein. Er hatte zu viel gewusst oder zu viel mitgenommen, und jetzt wollten sie ihn zum Schweigen bringen – oder ihn dazu zwingen, weiterzumachen. Die Frist lief.
Noch zwei Tage. Ich hatte keine Summe, keinen Plan und keine Ahnung, wie ich meinen Bruder zurückbekommen sollte. Die Polizei konnte mir nicht helfen, ohne dass ich ihr alles erzählte. Und wenn ich das tat, riskierte ich, dass die Entführer Wind davon bekamen.
Ich saß im Zug zurück zu meinen Eltern, als mein Handy erneut vibrierte. Dieselbe Nummer. »Hast du unser Geld? «
»Ich komme an so viel Geld nicht ran«, sagte ich.
»Ihr habt euch den falschen Bruder ausgesucht. Wir sind keine reiche Familie. «
»Wir sind nicht an deiner Familie interessiert«, sagte der Mann. »Wir sind an dir interessiert.
Dein Bruder hat uns erzählt, was du beruflich machst. Du hast Zugang zu Systemen, die für uns sehr wertvoll sind. «
Mein Magen zog sich zusammen. Ich arbeitete als IT-Sicherheitsexpertin für eine kleine Firma, die sensible Daten für Kommunen verwaltete.
Nichts Weltbewegendes, aber doch genug, um es für eine Erpressung zu nutzen. »Was genau wollt ihr? «
»Wir wollen einen Server. Einen bestimmten.
Du bringst uns die Zugangsdaten, dann bekommst du deinen Bruder zurück. «
Ich schloss die Augen. Ich wusste, welchen Server sie meinten. Die Daten darauf enthielten Sozialversicherungsnummern, Adressen, Geburtsdaten von tausenden Menschen.
Wenn diese Daten in die falschen Hände gerieten, wäre der Schaden immens. »Ich kann das nicht einfach so«, sagte ich. »Ich brauche Zeit. «
»Du hast dreißig Stunden.
Danach bekommst du deinen Bruder in Teilen geliefert. «
Die Leitung brach ab. Ich starrte auf das Fenster, sah die Landschaft vorbeiziehen und spürte, wie mir die Kehle eng wurde. Zu Hause angekommen, log ich Mutter an.
Ich sagte, ich hätte eine Spur, dass es Jan gut gehe, dass ich bald eine Lösung hätte. Sie wollte Einzelheiten, aber ich wich aus. Wenn sie die Wahrheit wüsste, würde sie sofort die Polizei rufen. Und das hätte ich vielleicht tun müssen.
Aber die Drohung mit den »Teilen« saß zu tief. Ich rief meine Chefin an und sagte, ich müsse ein paar Tage frei nehmen. Sie fragte nach, ich erfand eine Krankheit. Dann saß ich in meinem alten Zimmer, den Laptop aufgeschlagen, und starrte auf die verschlüsselte Datei, in der die Zugangsdaten lagen.
Ich hatte die ganze Nacht. Und keine Ahnung, was richtig war. Gegen Morgen fiel mir etwas ein. Die Website, die Jan benutzt hatte, war nur eine von mehreren.
Es gab eine zweite, ähnlich obskure Plattform, auf die ich über den Account-Profi gestoßen war. Dort wurden Dienstleistungen angeboten, die anderswo zu gefährlich waren. Und dort, so hoffte ich, konnte ich vielleicht eine Verbindung zu den Entführern finden. Ich meldete mich unter einem falschen Namen an.
Ich gab vor, eine Übersetzerin zu sein, die sich etwas dazuverdienen wollte. Zunächst passierte nichts. Dann, nach ein paar Stunden, kam eine private Nachricht. »Du stellst viele Fragen.
Arbeitest du für jemanden? «
Ich schrieb zurück, dass ich nur vorsichtig sei, dass ich schon schlechte Erfahrungen gemacht hätte. Die Antwort kam schnell. »Vorsicht ist gut.
Aber manchmal ist Vertrauen ein größeres Geschäft. «
Ich spielte mit, gab vor, an einem lukrativen Projekt interessiert zu sein. Die Person auf der anderen Seite – ein Profil namens »Kontor« – fragte, ob ich Zugang zu bestimmten Datensätzen habe. Meine Firma, der Server.
Es passte zu dem, was der Entführer verlangt hatte. Ich schrieb vorsichtig. Ich brauche eine Garantie, dass mein Bruder sicher sei, bevor ich irgendetwas herausgebe. Lange Pause.
Dann kam eine Datei. Ein Video. Jan saß auf einem Stuhl, die Hände auf dem Rücken. Er sah müde aus, aber unverletzt.
Er sprach nicht, sah nur in die Kamera. Dann wurde das Video abgeschnitten. Das war alles. Keine Worte, keine Forderungen.
Aber es war Beweis genug. Ich konnte nicht mehr nur herumsitzen. Ich rief den Account-Profi an, den Kommilitonen, und fragte, ob er die Datei oder die IP-Adresse zurückverfolgen könnte. Er sagte, er könne es versuchen.
Stunden vergingen. Ich saß da, kaute auf meinen Fingernägeln, schaute auf die Uhr. Die Frist lief unaufhaltsam ab. Am frühen Abend rief er zurück.
»Ich habe eine Adresse«, sagte er. »Es ist ein Lagerhaus am Stadtrand von Prag. In der Nähe des alten Güterbahnhofs. Aber ich kann nicht garantieren, dass sie da noch sind.
«
Ich hätte die Polizei rufen sollen. Ich wusste es. Aber wenn die Entführer bemerkten, dass etwas nicht stimmte, würden sie Jan woanders hinbringen. Und ich hätte keine zweite Chance.
Ich nahm den letzten Zug nach Prag. In meinem Rucksack steckten ein Taschenmesser, ein Ersatzhandy und die Unterlagen über Jans Auslandssemester, für den Fall, dass ich noch etwas übersehen hatte. Der Bahnhof war fast leer, als ich ankam. Ich nahm ein Taxi zum alten Güterbahnhof und ließ mich ein paar Straßen davor absetzen.
Das Lagerhaus war ein verlassener Betonblock. Fenster waren vernagelt, das Tor war mit einer Kette gesichert. Ich schlich mich um die Seite herum und fand eine Hintertür, die offen stand. Ich drückte mich hinein und wartete, bis sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten.
Drinnen roch es nach Staub und Schimmel. Ein paar Neonröhren flackerten im hinteren Bereich. Ich bewegte mich vorsichtig, blieb im Schatten, lauschte auf Stimmen. Dann hörte ich sie.
Zwei Männer, die sich unterhielten. Einer lachte. Ich zog mein Handy hervor, schaltete die Taschenlampe aus und näherte mich. Ich konnte jetzt Sätze verstehen.
Sie sprachen über Geld, über einen »Auftrag«, der bald erledigt sei. Eine Tür stand einen Spalt offen, dahinter sah ich einen Raum mit einer Lampe, einem Stuhl und einer zusammengesunkenen Gestalt. Jan. Ich hielt den Atem an.
Die beiden Männer saßen mit dem Rücken zu mir, an einen Tisch gelehnt. Ich hatte keine Ahnung, ob sie bewaffnet waren. Ich wusste nur, dass ich nicht ewig warten konnte. Ich trat einen Schritt vor.
Der Boden knarrte. Beide Männer fuhren herum. Der eine griff in seine Jacke, zog eine Pistole hervor. Ich warf mich zur Seite, hinter ein Regal.
Ein Schuss knallte, Metall quietschte, als die Kugel in ein Regalbrett einschlug. »Bleib stehen! «, brüllte einer. Ich rannte, geduckt, Richtung der Tür, hinter der Jan saß.
Ich riss sie auf. Jan sah mich mit aufgerissenen Augen an, die Hände gefesselt, ein Tuch im Mund. Ich riss das Tuch heraus und begann, an den Fesseln zu ziehen. Sie waren mit Kabelbindern gesichert, ich konnte sie nicht lösen.
»Lauf! «, schrie Jan. »Lauf! «
Ich drehte mich um.
Der Mann mit der Waffe stand im Türrahmen. Hinter mir hörte ich Jan fluchen, dann ein Geräusch, als würde er aufstehen. »Keine Bewegung«, sagte der Schütze. »Du hast uns unterschätzt, Schwesterherz.
«
Ich hob die Hände. Mein Herz schlug so laut, dass ich dachte, er müsste es hören. Dann geschah etwas, womit ich nicht gerechnet hatte. Jans Stuhl flog durch die Luft, direkt in den Rücken des Mannes.
Er stolperte, die Waffe ging los, die Kugel schlug irgendwo in der Wand ein. Ich sprang auf den Mann zu, riss ihm die Waffe aus der Hand, bevor er sich fangen konnte. Der zweite Mann, der mir gefolgt war, stand fassungslos da. Ich richtete die Waffe auf ihn.
»Runter! Jetzt! «, schrie ich. Er hob die Hände, kniete nieder.
Jan, die Kabelbinder noch an den Handgelenken, trat hinter mir hervor und trat dem Mann, der auf dem Boden lag, das Bein weg. Er blieb liegen, stöhnend. Ich hielt die Waffe weiterhin auf den Knienden gerichtet. »Wo ist dein Handy?
«, fragte ich. Er deutete mit dem Kinn auf den Tisch. Ich griff rückwärts nach dem Gerät, drückte Jan mein eigenes Handy in die Hand. »Ruf die Polizei«, sagte ich.
»Jetzt. «
Er tat es, mit zitternden Fingern. Ich stand da, die Waffe im Anschlag, bis die Minuten vergingen, die wie Stunden wirkten. Dann, endlich, hörte ich in der Ferne Sirenen.
Als die Polizei eintraf, ließ ich die Waffe sinken. Die beiden Männer wurden abgeführt. Jan saß auf dem Stuhl, den er vorhin benutzt hatte, die zerschnittenen Kabelbinder neben sich. Er sah mich an, und in seinen Augen stand etwas, das ich nicht genau benennen konnte.
»Du hast mich gefunden«, sagte er. »Ja«, sagte ich. »Hast du geglaubt, ich lasse dich hier sitzen? «
Er lachte, kurz und ungläubig.
Dann zog er mich in eine Umarmung, die schmerzte, weil er so fest drückte. Ich ließ es zu. Bei der Polizei erzählte Jan die ganze Geschichte. Er hatte tatsächlich für die Plattform gearbeitet, zuerst ahnungslos, dann mit wachsendem Unbehagen.
Als er aussteigen wollte, hatte man ihn nicht gehen lassen. Man hatte ihm gedroht, seine Familie zu erwähnen. Er hatte versucht, Beweise zu sammeln, um sie zu belasten. Dafür hatten sie ihn entführt.
Die Daten auf dem Server, den sie haben wollten, waren benutzt worden, um die Namen von Leuten zu überprüfen, die man erpressen konnte. Jan hatte das herausgefunden, weil er zu viel übersetzt hatte. Er hatte damit gewedelt, um sich freizukaufen – und es hatte nicht funktioniert. Die Polizei durchsuchte das Lagerhaus und die Wohnungen der beiden Männer.
Sie fanden Computer, Festplatten, Aufzeichnungen. Die Plattform, für die Jan gearbeitet hatte, wurde vom Netz genommen. Ob die Hintermänner je gefasst wurden, habe ich nie erfahren. Die Ermittlungen zogen sich hin.
Zu Hause, in unserem Dorf, saß Mutter am Küchentisch, als Jan und ich durch die Tür kamen. Sie stand auf, ging auf ihn zu, schlug ihm mit der flachen Hand auf die Brust. »Wie konntest du nur«, sagte sie. »Wie konntest du dich da hineinziehen lassen.
«
Jan nickte. »Ich weiß. Es tut mir leid. «
Sie umarmte ihn.
Dann sah sie mich an. »Und du? «, fragte sie. »Bist du verletzt?
«
»Nein«, sagte ich. »Ich bin nur müde. «
Sie ließ mich das Besteck auf den Tisch legen, während sie den Tee aufsetzte. Es war die alltäglichste Sache der Welt, und gerade das fühlte sich wie der größte Luxus an.
Ich blieb noch ein paar Tage bei ihnen. Jan zog zurück nach Prag, aber nicht in dieselbe Wohnung. Er wechselte das Studium ein Semester später, nahm sich eine Auszeit, arbeitete, fand einen neuen Anfang. Wir sprachen nie viel darüber, was in dem Lagerhaus passiert war.
Aber wenn er mich neuerdings ansah, war da etwas anderes in seinen Augen. Etwas, das vorher nicht da gewesen war. Ich behielt die Zugangsdaten zu meinem Server. Ich änderte sie trotzdem, alle gleich am nächsten Arbeitstag.
Ich wusste nicht, ob jemand anderes je versuchen würde, sie zu bekommen. Aber ich wusste, dass ich nicht schlafen könnte, wenn ich sie unverändert ließ. Monate später klingelte mein Handy. Unbekannte Nummer.
Ich zögerte, dann nahm ich ab. Eine Männerstimme, ruhig, sachlich. »Dein Bruder schuldet uns noch etwas«, sagte sie. Ich schwieg.
Meine Hand wanderte zum Tisch, zu einem Notizblock, auf dem ich die Nummer notierte. »Er schuldet euch gar nichts«, sagte ich. »Und wenn ihr noch einmal versucht, mit uns Kontakt aufzunehmen, werde ich jede einzelne Aufzeichnung, die wir euch abgenommen haben, der Polizei und den Medien übergeben. Alle.
«
Am anderen Ende war es still. Dann sagte die Stimme: »Das wäre unklug. «
»Unklug«, sagte ich, »ist, wenn ich euch das nächste Mal nicht vorwarne. Sie wissen, wo ihr das Lagerhaus habt.
Sie wissen, wie ihr arbeitet. Legt auf und verschwindet. «
Die Leitung blieb einen Moment still. Dann knackte es, und die Verbindung war weg.
Ich saß da, den Hörer noch in der Hand, und spürte, wie mein Puls langsam zurückging. Ich wusste nicht, ob sie aufhören würden. Aber ich wusste, dass ich mich nicht mehr einschüchtern lassen würde. Ich legte den Hörer auf, stand auf und ging in die Küche, um Wasser zu trinken.
Das Fenster stand offen, die Abendluft strömte herein. Ich atmete tief durch, hielt einen Moment inne und schloss dann das Fenster. Nichts weiter.


