„Mama, das ist doch alles viel zu viel für dich allein. Soll ich dir nicht ein bisschen helfen? “, sagte meine Tochter Manuela zwei Monate nach Dieters Beerdigung. Sie stand in unserem Wohnzimmer, sah sich um und lächelte.

Ich dachte, sie meinte das Putzen. Sie meinte nicht das Putzen. Sie ging schnurstracks zur Vitrine, in der Dieters Sammlung stand. Neun alte Bahnuhren, über dreißig Jahre zusammengetragen.
Jede mit einer Geschichte, aus welchem Bahnhof sie stammte. Erfurt, Weimar, Gotha, sogar eine aus Leipzig. „Die verstauben hier doch nur“, sagte sie und nahm die erste Uhr heraus. „Und du weißt doch, wie sehr ich Papas Uhren immer geliebt habe.
Lass mich sie mitnehmen und in Ehren halten. “
Was sagt man da? Sie hat ein Recht darauf, dachte ich. Er war auch ihr Vater.
Ich nickte. Sie lächelte noch einmal, drückte mir einen Kuss auf die Wange und ging. Am nächsten Morgen saß ich in einer Küche, in der zum ersten Mal seit dreißig Jahren keine Uhr tickte. Es war still.
Aber ich stand auf. Und weil ich aufstand, wurde es still. Danach ging es Schlag auf Schlag. Kai kam eine Woche später, diesmal mit seiner Frau Sonja.
Sie setzten sich an den Esstisch – den Tisch, den Dieter 1978 für achtzig Mark gekauft hatte, mit dem Brandfleck von der Silvesterkerze und der Kerbe, wo Kai als Sechsjähriger mit der Gabel hineingehauen hatte. „Mama, der Tisch ist doch viel zu groß für dich allein“, sagte Kai. „Sonja und ich, wir hätten da wirklich Platz für so was. Und er würde bei uns weiterleben.
“ Ich sah ihn an. „Der Tisch ist unser Tisch“, sagte ich. „Der bleibt hier. “ Kai lächelte, genau wie seine Schwester es getan hatte.
„Klar, Mama. Natürlich. War ja nur eine Frage. “ Sie tranken noch einen Kaffee und gingen.
Der Tisch blieb. Diesmal war ich stolz auf mich. Aber dann kamen die kleinen Dinge. Zuerst war es Dieters Mantel, der im Schrank hing.
Manuela brauchte ihn angeblich für ein Kostüm. Dann die Kiste mit seinen alten Werkzeugen. Kai wollte sie „aufheben“, nur für den Fall. Ich sagte Ja zu allem.
Weil es einfacher war. Weil ich dachte, es macht sie glücklich, und wenn sie glücklich sind, bin ich es auch. Ich wollte nicht die Mutter sein, die an Sachen hängt, wenn es doch nur Dinge sind. Aber es waren keine Dinge.
Es war mein Leben. Die Besuche wurden häufiger. Immer mit Kaffee, immer mit einem Lächeln, immer mit einer Geschichte, warum genau dieses Stück jetzt besser woanders aufgehoben wäre. Die Stehlampe aus Dieters Arbeitszimmer.
Das Porzellan von seiner Mutter. Die alte Kamera, mit der er die Kinder fotografiert hatte. Drei Jahre lang haben meine Kinder mein Haus leer geräumt, Stück für Stück, während sie lächelten und sagten: „Ich tu dir doch einen Gefallen. “ Und ich ließ es zu.
Weil ich dachte: Es ist nur Zeug. Weil ich dachte: Sie haben ein Recht darauf. Weil ich dachte: Wenn ich Nein sage, verliere ich sie. Aber ich habe sie schon längst verloren, ich habe es nur nicht gemerkt.
An meinem siebzigsten Geburtstag war es dann so weit. Manuela hatte eine Feier in ihrem Garten organisiert. Sie hatte Tische aufgestellt, Laternen aufgehängt, alles sehr hübsch. Die Nachbarn waren da, ein paar alte Freunde, Kai mit Sonja und ihrer Tochter Lena.
Manuela hielt eine kleine Rede, in der sie sagte, wie sehr sie mich liebt, und dann stand mein Sohn auf. Er hob sein Glas, räusperte sich und sagte vor allen Gästen: „Unsere Mutter war schon immer so. Sie hat nie an Dingen gehangen. Nichts hat ihr je etwas bedeutet.
Deshalb gibt sie alles so gerne her. “ Ich hörte die Leute lachen. Ich hörte Manuela etwas von „typisch Mama“ sagen. Und ich saß da mit glühenden Wangen und dachte an meinen Ehering, den ich nie abgenommen hatte, und an Dieters Uhr, die ich noch trug.
Nichts hat ihr je etwas bedeutet? Drei Jahre lang haben sie mein Haus leer geräumt, und jetzt machten sie mich vor allen zur Frau, die nie etwas geliebt hat. Ich stand auf. Alle sahen mich an.
„Moment“, sagte ich. Die Stimme zitterte ein bisschen, aber ich sprach weiter. „Ihr sagt, ich habe nie an Dingen gehangen. Du, Kai, nimmst den Tisch, an dem du deine Hausaufgaben gemacht hast, und sagst, ich hänge nicht an Dingen.
Du, Manuela, trägst die Uhren deines Vaters aus dem Haus und sagst, ich hänge nicht an Dingen. “ Die Luft war schwer. Manuela lachte nervös. „Mama, das war doch nur eine Rede, niemand meint das böse.
“ Ich öffnete meine Handtasche. Sie war schwer. Ich holte ein altes Schulheft heraus und legte es auf den Tisch. Es hatte einen dunkelblauen Umschlag, an den Rändern abgegriffen, auf dem Deckblatt stand in Kinderschrift: „Mein großes Buch vom Leben.
“ „Ihr kennt das Heft nicht“, sagte ich. „Das ist uralt, das ist aus meiner Schulzeit, das hat doch nichts damit zu tun“, sagte Manuela. Ich sah sie an. „Es hat sehr wohl etwas damit zu tun.
Denn in diesem Heft steht, was mir wirklich wichtig ist. “ Ich schlug die erste Seite auf und las laut vor: „Mein Name ist Ursula Frei. Das ist mein Leben, und keiner darf es wegwerfen. “ Dann klappte ich das Heft zu und ließ es auf dem Tisch liegen.
Die Gäste schauten betreten auf ihre Teller. Kai starrte auf das Heft. Manuela griff danach. „Darf ich mal sehen?
“ Ich zog es zu mir. „Nein. “ Und zum ersten Mal seit drei Jahren sagte ich das Wort, das ich die ganze Zeit hätte sagen müssen. „Nein.
“ Dann nahm ich meine Tasche, stand auf und ging. Hinter mir hörte ich Manuela rufen: „Mama, sei nicht so! Das ist doch alles nur Liebe! “ Ich ging weiter.
Ich ging nach Hause, in meine leere Wohnung. Sie war fast leer jetzt. Der Tisch war noch da, ein paar Stühle, das Bett. Und die Wand, an der die Uhren gehangen hatten, war kahl.
Ich setzte mich an den Tisch und legte das Heft vor mich hin. Es war nicht aus meiner Schulzeit. Es war ein leeres Schulheft, das ich vor zwei Jahren gekauft hatte. Und ich hatte angefangen, hineinzuschreiben, was mir wichtiger war als jedes Möbelstück, jede Uhr, jeder Mantel.
Ich schreibe immer noch hinein. Jede Nacht. Und ich frage mich, ob meine Kinder je fragen werden, was in diesem Heft steht. Vielleicht tun sie es.
Vielleicht nicht. Aber wenn sie es tun, dann lesen sie zuerst diese eine Seite. Die Seite, auf der ich geschrieben habe: „Ich bin nicht die Frau, die an nichts hängt. Ich bin die Frau, die gelernt hat zu gehen, als man ihr alles nehmen wollte, was ihr etwas bedeutet hat.
“


