Auf der Firmengala, vor zweihundert Gästen, hob mein Schwiegersohn das Glas und sagte in sein Mikrofon: „Ein besonderer Dank an Ingrid, die dem Unternehmen so lange die Treue gehalten hat. Es ist Zeit, dass sie sich endlich zur Ruhe setzt und uns Jüngeren das Feld überlässt. “ Alle klatschten. Ich klatschte mit.

Am nächsten Morgen rief er mich an und sagte, er brauche meine Geschäftsanteile für die Umstrukturierung. Was er nicht wusste: Am Abend zuvor, während seiner Rede, waren diese Anteile bereits nicht mehr das, wofür er sie hielt. Mein Name ist Ingrid Hofmann. Ich lebe in Stuttgart-Degerloch, hoch über der Stadt, in einem Haus, das mein Mann Wilhelm und ich vor fünfzig Jahren gebaut haben.
Wilhelm hat die Firma gegründet – Hofmann Präzisionstechnik. Er begann mit einer gebrauchten Drehbank in einer Garage in Weihingen und starb als Inhaber eines Unternehmens mit 160 Mitarbeitern. Ich war von Anfang an dabei. Ich habe in dieser Garage die Buchhaltung auf einem Küchentisch gemacht, während Wilhelm an der Drehbank stand.
Ich habe die erste Sekretärin eingestellt, mit der ersten Bank verhandelt, die Angebote geschrieben. Wir waren ein Team – er die Technik, ich das Kaufmännische. Fünfzig Jahre lang. Ich will Ihnen eine Geschichte aus den Anfängen erzählen, damit Sie verstehen, wer ich in dieser Firma bin.
1973, die Ölkrise. Die ganze Autoindustrie stand still, und wir lieferten fast nur an die Autoindustrie. Von einem Monat auf den anderen brachen die Aufträge weg. Wilhelm saß abends in der Werkstatt und sagte, wir müssten Konkurs anmelden.
Er sah keinen Ausweg. Er war ein genialer Techniker, aber wenn die Zahlen bedrohlich wurden, verlor er den Mut. Ich habe damals die Nächte durchgerechnet und gesehen, dass wir überleben können, wenn wir umstellen – weg von der Massenfertigung, hin zu Spezialteilen, kleinen Serien, hoher Präzision für Medizintechnik und Messgeräte. Ich bin zur Bank gefahren, allein mit einem Konzept, das ich in drei Nächten geschrieben hatte.
Der Filialleiter, ein Herr Dobler, hat es gelesen und gesagt: „Frau Hofmann, das hat Hand und Fuß. Aber sagen Sie mir, warum sitzt Ihr Mann nicht hier? “ Ich antwortete: „Weil mein Mann an der Maschine steht und die Teile macht, von denen wir hier reden. Einer von uns muss arbeiten, während der andere mit ihnen spricht.
“ Er hat gelacht und uns den Kredit gegeben. Diese Umstellung hat die Firma gerettet. Wilhelm hat sie gebaut – ich habe sie erdacht. Das ist es, was ich meine, wenn ich sage, ich bin die Mitgründerin.
Wir waren 51 Jahre verheiratet, als er vor zwei Jahren starb. Ich erzähle Ihnen das so ausführlich, weil Sie verstehen müssen, was ich in dieser Firma bin. Ich bin nicht die Witwe des Gründers, die man aus Höflichkeit zu Feiern einlädt. Ich bin die Mitgründerin.
Ich kenne jede Zahl, jeden Kunden, jeden Lieferanten seit 50 Jahren. Ich habe Krisen durchgesteuert, von denen die jungen Leute in der Geschäftsführung heute nur in Büchern lesen. Aber genau das haben sie vergessen – oder sie wollten es vergessen. Denn eine alte Frau, die zu viel weiß, ist unbequem.
Meine Tochter Beate, 47, verstand von all dem nichts. Sie wusste nur, dass ihr Mann sagte, es gehe um Formalien. Christoph, mein Schwiegersohn, war lange still, als ich ihn das erste Mal mit meinen Fragen konfrontierte. Es war vollkommen still im Raum, als ich ihnen schließlich erklärte, was meine nächsten Schritte sein würden.
Ich sagte zu Beate: „Es bedeutet, mein Kind, dass ich die Kontrolle über die Firma deines Vaters übernehme und dass ich sie in eine Form gebracht habe, in der niemand sie mehr an sich reißen oder aushöhlen kann. “
Als ich Christoph anrief, um ihm mitzuteilen, dass seine Pläne gescheitert waren, war er zuerst still. Dann sagte er nur: „Frau Hofmann, ich habe gewusst, dass Sie noch da sind. “ Mehr nicht.
Keine Entschuldigung. Keine Erklärung. Nur dieser eine Satz, der klang, als hätte er die ganze Zeit damit gerechnet, dass ich zurückschlagen würde.


