Über 180 Millionen Tonnen Tomaten werden jedes Jahr weltweit geerntet. Sie stecken in Saucen, auf Pizzen, in Salaten, als Ketchup, in Suppen und auf Burgern. Die Tomate ist das meist konsumierte Gemüse der Welt – obwohl sie botanisch gesehen eine Frucht ist. Ohne sie gäbe es keine Bolognese, keine Pizza Margherita, keine Tomatensuppe und keine Salsa.

Die gesamte Fast-Food-Industrie wäre ohne sie kaum denkbar. Man könnte meinen, das sei schon immer so gewesen. War es aber nicht. Fast 200 Jahre lang galt die Tomate in weiten Teilen Europas als tödliches Gift.
Ärzte warnten vor ihr, Botaniker stuften sie als hochgefährlich ein – und wer sie aß, wurde tatsächlich krank. Zumindest dann, wenn er reich genug war, von den richtigen Tellern zu essen. Diese Geschichte ist keine Anekdote am Rande der Kulturgeschichte. Sie ist die Geschichte einer der seltsamsten Verwechslungen in der Geschichte der Ernährung.
Und sie beginnt nicht in Europa, sondern am anderen Ende der Welt. Die Tomate, die Europa später so fürchten sollte, war in ihrer Heimat das Gegenteil von gefährlich. Sie war Alltag. In Südamerika – im heutigen Peru, Ecuador und im Norden Chiles – wuchsen wilde Tomatenarten seit Jahrtausenden.
Kleine, kirschgroße Früchte, die an steilen Berghängen und trockenen Küstenstreifen der Pazifikseite gediehen. Botaniker haben dort mindestens 13 verschiedene Wildarten identifiziert. Manche kaum größer als Erbsen, andere mit einem Durchmesser von vier bis sechs Zentimetern. Die Wildformen hatten rote, gelbe und orangefarbene Früchte.
Sie existierten dort lange, bevor irgendjemand auf die Idee kam, sie gezielt anzubauen. Das änderte sich, als die Pflanzen nach Mesoamerika gelangten – vermutlich über Zugvögel oder den Handel zwischen verschiedenen Völkern. Die Azteken und Maya begannen, die kleinen Wildfrüchte systematisch zu kultivieren und weiterzuzüchten. Sie nannten sie „Tomatel“, was in der Sprache Nahuatl so viel wie „Schwellfrucht“ bedeutet.
Auf den riesigen Märkten von Tenochtitlan, der Hauptstadt des Aztekenreichs, waren Tomaten eine ganz gewöhnliche Handelsware. Die Azteken kochten sie zusammen mit Chili und Kräutern zu Saucen, verwendeten sie in Eintöpfen und aßen sie roh. Für sie war die Tomate ungefähr das, was für uns heute die Zwiebel ist: Sie kam in fast jedes Gericht, war auf jedem Marktstand zu finden – und niemand dachte jemals darüber nach, ob sie gefährlich sein könnte. Die spanischen Eroberer, die später nach Mesoamerika kamen, beschrieben die Märkte von Tenochtitlan als größer und vielfältiger als alles, was sie aus Europa kannten.
Tausende Händler, dutzende Gemüsesorten – darunter auch die kleine rote Frucht, die sie noch nicht kannten. 2000 Jahre lang hatten die Hochkulturen Mittel- und Südamerikas diese Früchte gegessen, ohne dass irgendwer auf die Idee gekommen wäre, sie könnten tödlich sein. Das sollte sich gründlich ändern, als Europäer zum ersten Mal einen Fuß auf diesen Kontinent setzten. Im Jahr 1521 eroberte der spanische Konquistador Hernán Cortés die Aztekenhauptstadt Tenochtitlan, die an der Stelle des heutigen Mexiko-Stadt lag.
Was er dort fand, war eine blühende Zivilisation mit riesigen Märkten, auf denen hunderte Lebensmittel gehandelt wurden: Mais, Bohnen, Chili, Kakao, Avocados – und eben auch Tomaten. Cortés und seine Soldaten brachten Samen und Pflanzen zurück nach Spanien, darunter vermutlich auch Tomatensamen. Die genaue Route und das exakte Datum sind unter Historikern umstritten. Manche vermuten, dass bereits Christoph Kolumbus bei seinen früheren Reisen Tomaten nach Europa gebracht haben könnte.
Gesichert ist jedenfalls, dass die Tomate irgendwann in den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts in Südeuropa ankam. In Spanien und Italien behandelte man die neue Frucht zunächst mit Neugier. Sie landete in den Gärten wohlhabender Familien, wo sie als exotische Kuriosität aus der Neuen Welt bewundert wurde.
Der italienische Arzt und Botaniker Pietro Andrea Mattioli erwähnte die Tomate 1544 zum ersten Mal in einem gedruckten europäischen Text. In seinem Kommentar zu den Schriften des antiken griechischen Arztes Dioskurides beschrieb Mattioli eine neue Pflanzenart, die aus der Neuen Welt nach Italien gebracht worden war. Er verglich sie mit der Aubergine und schrieb, sie sei zunächst grün und werde dann goldgelb, wenn sie reife. Gegessen werde sie wie die Aubergine, nämlich gebraten in Öl und gewürzt mit Salz und Pfeffer.
Zehn Jahre später, in einer überarbeiteten Auflage, gab Mattioli der Frucht einen Namen: „Pomodoro“ – goldener Apfel. Daraus wurde im Italienischen das Wort „Pomodoro“, das sich bis heute gehalten hat. Wenige Jahre danach, am 31. Oktober 1548, erhielt der toskanische Herzog Cosimo de Medici einen Korb voller dieser exotischen Früchte von seinen Landgütern.
Ob er sie gegessen hat, ist nicht überliefert. Wahrscheinlich hat er sie einfach nur angeschaut und bewundert, denn er hatte die Pflanzen als exotische Schaupflanzen anbauen lassen – nicht als Nahrungsmittel. In den Gärten der italienischen Renaissance waren Tomaten Sammlerstücke, die man Besuchern zeigte wie seltene Vögel oder ungewöhnliche Mineralien. Essen wollte sie kaum jemand.
Klingt doch alles ganz harmlos, oder? Ein Botaniker beschreibt eine neue Frucht, vergleicht sie mit der Aubergine, ein Herzog bekommt einen Korb davon geschickt. Man könnte meinen, die Sache wäre damit erledigt gewesen. Aber Mattioli tat in seiner Beschreibung noch etwas anderes: Er ordnete die Tomate in die Nähe der Alraune ein – einer Pflanze, die in der damaligen Vorstellung mit Magie, Wahnsinn und Tod verbunden war.
Und genau das wurde der Tomate zum Verhängnis. Im 16. und 17. Jahrhundert war die Botanik keine exakte Wissenschaft im heutigen Sinne.
Pflanzen wurden nach ihrem Aussehen klassifiziert – nach der Form ihrer Blätter, dem Geruch ihrer Stängel, der Farbe ihrer Blüten. Und die Tomate sah bestimmten Pflanzen verdächtig ähnlich. Ihre Blätter und Stängel erinnerten an die Tollkirsche, lateinisch Atropa Belladonna, eine der giftigsten Pflanzen Europas. Schon wenige Beeren der Tollkirsche konnten einen Erwachsenen töten.
Und dann war da noch die Alraune, die in der Volksmedizin als Halluzinogen und Todbringer berüchtigt war. Beide Pflanzen gehören zur Familie der Nachtschattengewächse, der Solanaceae – und die Tomate gehört botanisch zur selben Familie. Für die Botaniker der Renaissance war das ein klarer Fall: Wenn die Tollkirsche tödlich ist und die Alraune Wahnsinn verursacht, dann muss auch die Tomate gefährlich sein. Schließlich sieht sie den beiden so ähnlich.
Die Blätter der Tomatenpflanze riechen außerdem streng, beinahe unangenehm. Und das war kein nebensächliches Detail. In der Medizin des 16. Jahrhunderts galt der Geruch einer Pflanze als direkter Hinweis auf ihre Wirkung.
Schlecht riechend bedeutete in dieser Logik fast automatisch, dass eine Pflanze giftig war. Hinzu kam die sogenannte Viersäftelehre, die damals noch die Grundlage der europäischen Medizin bildete. Nach diesem System, das auf den antiken Arzt Galen zurückging, wurden alle Lebensmittel in vier Kategorien eingeteilt: warm, kalt, feucht und trocken. Jedes Lebensmittel beeinflusste das Gleichgewicht der Körpersäfte – und wer das falsche aß, wurde krank.
Die Tomate wurde als kalt und feucht eingestuft, also am äußersten Rand des Systems. Damit galt sie als schwer verdaulich und potenziell schädlich. Als alltägliches Nahrungsmittel kam sie nach dieser Logik schlicht nicht in Frage. Die Viersäftelehre mag heute absurd klingen, aber sie war die offizielle Medizin Europas, gelehrt an Universitäten von Oxford bis Padua.
Wer ihr widersprach, widersprach der Wissenschaft seiner Zeit. Der englische Botaniker John Gerard brachte all diese Überzeugungen 1597 auf den Punkt. In seinem einflussreichen Werk „The Herbal“, einer umfassenden Pflanzenenzyklopädie, ordnete Gerard die Tomate direkt neben Alraune und Tollkirsche ein. Er beschrieb die gesamte Pflanze als übel riechend und warnte ausdrücklich davor, die Früchte zu essen.
Diese Einschätzung war in England und Nordeuropa über Generationen hinweg die maßgebliche Autorität zum Thema Tomate. Wenn der führende Botaniker des Landes sagt, eine Pflanze ist giftig, dann fragt man nicht lange nach. Und in den englischsprachigen Kolonien in Nordamerika las man dieselben Bücher. Gerard lag mit seiner Warnung nicht einmal komplett daneben.
Die Blätter und Stängel der Tomatenpflanze enthalten tatsächlich Solanin, ein giftiges Alkaloid, das Übelkeit, Erbrechen und Durchfall auslösen kann. Auch unreife, grüne Tomaten enthalten erhöhte Mengen davon. Erst wenn die Frucht vollständig reift und sich rot färbt, sinkt der Solaningehalt auf ein Niveau, das völlig unbedenklich ist. Aber diese Unterscheidung zwischen unreifer und reifer Frucht, zwischen Blatt und Fruchtfleisch, existierte in der Wissenschaft des 16.
Jahrhunderts nicht. Gerard und seine Zeitgenossen sahen die Sache als erledigt an: Die Tomate gehört zu einer Familie von Giftpflanzen, also ist sie giftig. Aber die botanische Verwandtschaft war nur ein Teil des Problems. Denn es gab einen zweiten, viel konkreteren Grund, warum die Tomate in Europa als tödlich galt.
Und dieser Grund hat mit den Essgewohnheiten der Oberschicht zu tun. Im 17. und 18. Jahrhundert aßen wohlhabende Europäer von Zinntellern.
Zinn war ein Zeichen von Wohlstand und Stand. Die Teller waren schwer, schön glänzend und in jedem gehobenen Haushalt zu finden. Man aß von ihnen bei Banketten, bei Familienmahlzeiten, bei Festen. Bauern und einfache Arbeiter konnten sich solche Teller nicht leisten.
Sie aßen von Holzbrettchen, aus Tonschalen oder einfach von der Hand in den Mund. Und genau dieser Unterschied zwischen arm und reich wurde zum entscheidenden Faktor in der Geschichte der Tomate. Zinnteller enthielten damals hohe Mengen an Blei. Das war kein Fabrikationsfehler und kein Zufall, sondern übliche Handwerkskunst der Zeit.
Blei machte das Zinn weicher, leichter zu gießen und billiger herzustellen. Und normalerweise war das kein Problem. Die meisten Lebensmittel reagierten nicht mit dem Blei in den Tellern. Brot, Fleisch, gekochtes Gemüse – alles kein Thema.
Tomaten sind allerdings ungewöhnlich sauer. Sie enthalten Zitronen- und Apfelsäure in Mengen, die andere Früchte und Gemüse bei weitem übertreffen. Und wenn diese Säure mit dem Blei in den Zinntellern in Kontakt kam, passierte etwas, das niemand verstand und niemand sehen konnte: Die Säure löste das Blei aus dem Teller. Das Blei ging in die Tomate über, in die Soße, in den Saft.
Und wer die Tomate dann aß, nahm eine Dosis Blei zu sich, die über die Zeit erheblichen Schaden anrichten konnte. Die Symptome einer Bleivergiftung sind Übelkeit, Bauchkrämpfe, Erbrechen, Durchfall – in schweren Fällen Muskelkrämpfe, Verwirrtheit und Tod. Und genau diese Symptome traten auf, wenn Aristokraten Tomaten von ihren prachtvollen Zinntellern aßen. Die logische Schlussfolgerung der damaligen Zeit lag auf der Hand: Die Tomate ist schuld.
Was denn sonst? Niemand kam auf die Idee, dass es am Teller liegen könnte. Warum auch? Von diesen Tellern hatte man seit Generationen gegessen, ohne dass jemand krank geworden war.
Brot hatte nie jemanden vergiftet, Fleisch auch nicht. Die einzige Veränderung war die neue Frucht aus der Neuen Welt. Also musste sie das Problem sein. So funktionierte die Logik – und niemand hatte einen Grund, sie anzuzweifeln.
Und jetzt der Teil der Geschichte, der das Ganze noch absurder macht: Die ärmere Bevölkerung, die sich keine Zinnteller leisten konnte, aß ihre Tomaten von Holzbrettchen und aus Tonschüsseln, manchmal einfach direkt aus der Hand. Diese Materialien reagierten nicht mit der Tomatensäure. Das Blei blieb im Holz, die Säure blieb in der Tomate – und niemand wurde krank. Bauern und einfache Arbeiter in Süditalien und Spanien aßen Tomaten und blieben völlig gesund.
Aber ihre Erfahrungen zählten nichts. In einer Gesellschaft, in der Wissen von oben nach unten floss, bestimmte die Erfahrung der Oberschicht, was als wahr galt. Und die Oberschicht wurde krank. So entstand über Jahrzehnte hinweg eine merkwürdige, beinahe groteske Situation: Zwei völlig verschiedene Wahrheiten existierten nebeneinander.
In den Palazzi der italienischen Aristokratie und an den Tafeln der nordeuropäischen Adelshöfe galt die Tomate als Giftapfel. In den einfachen Küchen Süditaliens und Spaniens war sie längst ein ganz normales Lebensmittel, das in Saucen, Eintöpfen und Suppen landete. Die Wahrheit lag auf den Holztischen der Armen. Nur hörte ihnen niemand zu.
Dann kam noch ein dritter Faktor hinzu, der die Angst weiter zementierte. Im 18. Jahrhundert klassifizierte der schwedische Naturforscher Carl von Linné die Tomate offiziell als Mitglied der Familie der Nachtschattengewächse. Er gab ihr den lateinischen Namen Lycopersicon, zusammengesetzt aus den griechischen Wörtern für „Wolf“ und „Pfirsich“ – Wolfpfirsich.
Der Name allein klingt wie eine Warnung. Linné bestätigte damit wissenschaftlich, was die Menschen ohnehin schon glaubten: Die Tomate gehört zur selben botanischen Familie wie die Tollkirsche und der Stechapfel – und beide können töten. Was Linné allerdings nicht sagte und was zu seiner Zeit auch noch niemand wusste, war etwas Entscheidendes: Die Zugehörigkeit zur selben Pflanzenfamilie sagt wenig über die Giftigkeit einer einzelnen Art aus. Die Kartoffel gehört ebenfalls zu den Nachtschattengewächsen, ebenso die Paprika, die Aubergine und der Tabak – alles Pflanzen, die heute weltweit angebaut und konsumiert werden.
Aber diese Erkenntnis lag noch Jahrzehnte in der Zukunft. Und Linnés Klassifizierung bestätigte einstweilen die Skepsis gegenüber der Tomate. Und doch gab es ein Land, das sich von all diesen Warnungen deutlich weniger beeindrucken ließ als der Rest Europas. In Süditalien, besonders rund um die Küste von Neapel, hatten die Menschen schon im 17.
Jahrhundert begonnen, regelmäßig Tomaten zu kochen und zu essen. Die ersten Kochrezepte mit Tomaten tauchten in italienischen Kochbüchern auf – Jahrzehnte bevor der Rest Europas die Frucht überhaupt als essbar betrachtete. Antonio Latini, ein Koch am Hof des spanischen Vizekönigs von Neapel, veröffentlichte in den 1690er Jahren ein Rezept für eine Tomatensoße „in spanischer Art“. Es war eines der frühesten dokumentierten Rezepte mit Tomaten in der europäischen Kochgeschichte.
Latini beschrieb, wie man Tomaten mit Thymian, Salz, Öl und Essig zu einer Soße verarbeitete. Ein einfaches Rezept, aber ein enormer Schritt: Während man in England Tomaten noch als Giftpflanzen betrachtete, kochte man in Neapel bereits mit ihnen. Warum ausgerechnet Süditalien? Die Antwort hat mit Geografie, Klima und der sozialen Schichtung zu tun.
Das Klima rund um Neapel war ideal für den Tomatenanbau. Die Pflanzen gediehen in der Sonne und dem warmen, fruchtbaren Boden am Golf von Neapel besonders gut. Gleichzeitig war Neapel eine der ärmsten und am dichtesten besiedelten Großstädte Europas. Die Bevölkerung konnte sich teure Zutaten oft schlicht nicht leisten und war daher offen für günstige, ertragreiche Nutzpflanzen.
Und die Tomate erfüllte all diese Anforderungen: Sie war ertragreich, anspruchslos und praktisch kostenlos, wenn man sie im eigenen Garten oder auf einem kleinen Stück Land anbaute. Eine einzige Tomatenpflanze konnte im warmen Klima Süditaliens über Wochen hinweg Früchte tragen, und die Samen ließen sich ohne großen Aufwand für das nächste Jahr aufbewahren. Und da war der entscheidende Punkt, den wir schon kennen: Die einfache Bevölkerung Neapels aß nicht von Zinntellern. Sie aß von Tongefäßen, von Holzbrettchen, manchmal direkt aus der Hand.
Niemand wurde von einer Bleivergiftung überrascht. Niemand klagte über mysteriöse Übelkeit nach dem Essen. Die neapolitanischen Bauern und Fischer machten eine völlig andere Erfahrung mit der Tomate als die Adelshäuser Nordeuropas. Für sie war die Tomate schlicht lecker, nahrhaft und billig.
So schlich sich die rote Frucht durch die Hintertür in die europäische Küche – nicht über die Adelstafeln, sondern über die einfachen Tische der Armen. Im 18. Jahrhundert begann sich die Wahrnehmung der Tomate langsam zu drehen. In Spanien, Portugal und den südlichen Regionen Frankreichs fand die Tomate allmählich Einzug in die gehobene Küche.
Die Viersäftelehre verlor zunehmend an Einfluss. Neue wissenschaftliche Methoden traten an ihre Stelle. Ärzte und Naturforscher begannen, Pflanzen nicht mehr nur nach ihrem Aussehen zu beurteilen, sondern ihre tatsächliche Wirkung auf den Körper zu untersuchen. Und mit diesen neuen Methoden kam die langsame, zögerliche Erkenntnis, dass man Tomaten vielleicht doch essen konnte, ohne daran zu sterben.
In Spanien waren Tomaten bereits zu einem festen Bestandteil der Küche geworden. Gaspacho, die berühmte kalte Suppe aus Andalusien, bekam im Laufe des 18. Jahrhunderts die Tomate als zentrale Zutat. In Südfrankreich, besonders in der Provence, fand die rote Frucht Einzug in Eintöpfe und Schmorgerichte.
Der italienische Koch Vincenzo Corrado veröffentlichte 1773 sein berühmtes Kochbuch „Il cuoco galante“, das einen neuen Stil des Kochens beschrieb, der stark auf Gemüse, Olivenöl und frische Zutaten setzte. Tomaten spielten darin bereits eine Rolle. In Südeuropa war die Rehabilitation der Tomate zu diesem Zeitpunkt im Grunde bereits abgeschlossen. Die Frucht gehörte dort zur Alltagsküche, und die alten Warnungen der Botaniker verblassten.
In Nordeuropa und vor allem in Nordamerika hielt sich die Angst allerdings deutlich länger. In England waren Tomaten bis weit ins 18. Jahrhundert hinein reine Zierpflanzen, die man in Gärten bewunderte, aber niemals aß. Die roten Früchte galten dort nicht nur als giftig, sondern auch als sündhaft.
Ihre leuchtende Farbe und ihre sinnliche Form erinnerten manche Zeitgenossen an den verbotenen Apfel im Garten Eden. In Frankreich nannte man die Tomate „Pomme d’amour“ – Liebesapfel –, was ebenfalls nicht unbedingt zur Akzeptanz als biederes Nahrungsmittel beitrug. In den amerikanischen Kolonien war es nicht viel anders: Die Tomate wuchs dort zwar in manchen Gärten, wurde aber fast ausschließlich als dekoratives Gewächs betrachtet. Und dann gibt es da diese eine berühmte Geschichte, die jeder kennt, der sich schon einmal mit der Tomatengeschichte beschäftigt hat.
Im Jahr 1820 soll ein Mann namens Robert Gibb Johnson auf den Stufen des Gerichtsgebäudes von Salem in New Jersey gestanden haben und vor Hunderten von Zuschauern einen ganzen Korb voller Tomaten gegessen haben. Sein eigener Arzt soll gewarnt haben, Johnson werde Schaum vor dem Mund bekommen und an Ort und Stelle zusammenbrechen. Stattdessen passierte nichts. Johnson aß Tomate um Tomate und blieb quicklebendig.
Die Menge war geschockt, die Nachricht verbreitete sich – und die Angst vor der Tomate begann zu bröckeln. Eine großartige Geschichte. Das Problem daran ist nur: Sie hat mit ziemlicher Sicherheit nie stattgefunden. Der Historiker Andrew F.
Smith, der sich intensiv mit der Geschichte der Tomate in Amerika beschäftigt hat, hat in den Archiven von Salem keinerlei Hinweise auf dieses Ereignis gefunden. Die früheste Erwähnung der Anekdote stammt aus dem Jahr 198, als ein lokaler Verleger beiläufig erwähnte, Johnson habe 1820 Tomaten nach Salem gebracht. Von einer öffentlichen Demonstration auf den Gerichtsstufen war damals noch keine Rede. Die dramatischen Details – der warnende Arzt, die entsetzten Zuschauer, die mutige Kostprobe – wurden erst in den 1930er Jahren hinzugedichtet.
Und 1949 strahlte CBS die Geschichte als historische Nachstellung im Fernsehen aus. Danach war die Legende nicht mehr zu stoppen. Was allerdings tatsächlich stattfand, war weniger spektakulär, aber dafür real. Im Laufe des 19.
Jahrhunderts verschwand die Angst vor der Tomate in Nordamerika und Nordeuropa Stück für Stück. Das lag weniger an einer einzelnen spektakulären Demonstration als an einer Kombination ganz unterschiedlicher Faktoren: Italienische Einwanderer brachten ihre Kochtraditionen mit nach Amerika und zeigten, dass Tomaten nicht nur essbar, sondern auch schmackhaft waren. Wissenschaftliche Fortschritte in der Botanik und der Chemie machten klar, dass reife Tomaten kein gefährliches Solanin in relevanten Mengen enthalten. Und nicht zuletzt verschwanden die bleihaltigen Zinnteller zugunsten von Porzellan und Keramik aus den Haushalten – womit das eigentliche Problem still und leise von selbst gelöst wurde.
Die Tomate wurde nicht rehabilitiert, weil jemand mutig genug war, eine zu essen. Sie wurde rehabilitiert, weil sich die Welt um sie herum veränderte. Und dann ging es schnell. Im Jahr 1876 begann Henry John Heinz in Pittsburgh, Pennsylvania, mit der kommerziellen Produktion von Tomatenketchup.
Heinz hatte erkannt, dass sich die Tomate hervorragend konservieren und in großen Mengen verarbeiten ließ. Sein Ketchup wurde innerhalb weniger Jahre zum Massenprodukt und machte die Tomate zu einer Zutat, die plötzlich in jedem amerikanischen Haushalt stand – auch in denen, die mit der frischen Frucht bis dahin noch nie etwas angefangen hatten. Was als scharfe Würzsoße auf Tomatenbasis begann, wurde innerhalb weniger Jahrzehnte zum Standardgewürz der amerikanischen Küche. Heute werden allein in den Vereinigten Staaten jedes Jahr Milliarden von Portionsbeuteln Ketchup verbraucht.
In Deutschland kam die Tomate noch später an. Erst im 20. Jahrhundert begann man auch dort, Tomaten in nennenswertem Umfang anzubauen und zu essen. Bis dahin war sie in deutschen Gärten vor allem eine Zierpflanze gewesen, bekannt unter dem Namen „Paradiesapfel“ oder „Liebesapfel“.
In Italien nahm die Tomatengeschichte eine andere, aber nicht weniger bedeutende Wendung. Im Jahr 1889 soll der Pizzabäcker Raffaele Esposito in Neapel zu Ehren von Königin Margherita von Savoyen eine Pizza mit Tomaten, Mozzarella und Basilikum kreiert haben – in den drei Farben der italienischen Flagge. Ob diese Geschichte in allen Details stimmt, ist unter Historikern umstritten. Was dagegen nicht umstritten ist, ist die Wirkung: Die Pizza Margherita wurde zum Symbol der neapolitanischen Küche und trug die Tomate als Hauptzutat auf einem Teigfladen in die ganze Welt.
Was in den Gassen von Neapel als Essen der Armen begann, wurde zum globalen Kulturphänomen. Gleichzeitig begann die industrielle Verarbeitung von Tomaten in großem Maßstab. In Italien entstanden die ersten Fabriken für Tomatenkonserven und Tomatenmark. Die Konservendose machte es möglich, Tomaten das ganze Jahr über verfügbar zu haben – nicht nur in der kurzen Erntesaison im Sommer.
In den Vereinigten Staaten wuchs die Tomatenproduktion im späten 19. Jahrhundert rasant, angetrieben von der wachsenden Nachfrage nach Ketchup, Dosentomaten und Tomatensaucen. Im Jahr 1897 brachte die Campbell Soup Company ihre erste Tomatensuppe in Dosen auf den amerikanischen Markt. Was einmal eine gefürchtete Giftpflanze gewesen war, füllte jetzt Supermarktregale von der Ost- bis zur Westküste.
Im 20. Jahrhundert wurde die Tomate endgültig zur globalen Massenware. Züchter entwickelten Sorten, die gegen Krankheiten resistenter waren, höhere Erträge lieferten und sich besser transportieren ließen. Die industrielle Landwirtschaft machte den großflächigen Anbau möglich.
Heute werden jährlich weit über 180 Millionen Tonnen Tomaten weltweit produziert. China ist mit Abstand der größte Produzent, gefolgt von Indien, der Türkei und den Vereinigten Staaten. In der Europäischen Union ist Italien das Hauptanbauland – was niemanden überraschen dürfte, der diese Geschichte von Anfang an verfolgt hat. Die Vielfalt der Sorten ist dabei enorm gewachsen.
Von der kleinen Kirschtomate, die den wilden Vorfahren in den Anden noch am ähnlichsten sieht, über die klassische runde Tomate bis hin zur Fleischtomate, der länglichen Roma-Tomate und den unzähligen Erbstücksorten, die auf Wochenmärkten angeboten werden. Weltweit gibt es schätzungsweise über 10. 000 verschiedene Tomatensorten – gezüchtet für verschiedene Klimazonen, Böden und Verwendungszwecke. Manche sind für den Frischverzehr optimiert, andere für die Saucenherstellung, wieder andere für die industrielle Verarbeitung zu Tomatenmark oder Ketchup.
Die Tomate ist längst nicht mehr nur ein Lebensmittel. Sie ist ein globaler Wirtschaftsfaktor. Die Tomatenwirtschaft umfasst Frischware, Konserven, Ketchup, Tomatenmark, getrocknete Tomaten, Tomatensaft und dutzende weitere Produkte. Jeder Burger, jede Pizza, jede Nudelsoße in jeder Restaurantkette auf der Welt hängt direkt oder indirekt von dieser einen Frucht ab, die vor 500 Jahren noch als tödlich galt.
Wenn man einen Schritt zurücktritt und auf diese ganze Geschichte blickt, dann steckt darin mehr als eine kuriose Anekdote über ein Lebensmittel. Es ist eine Geschichte über die Macht falscher Annahmen und darüber, wessen Wahrheit zählt. Die Tomate war nie giftig. Das Problem waren die Teller, von denen sie gegessen wurde.
Aber weil die Menschen, die krank wurden, zufällig die mächtigsten und einflussreichsten waren, setzte sich ihre Erklärung durch. Die einfachen Bauern in Süditalien, die Tomaten aßen und gesund blieben, hatten die ganze Zeit Recht. Nur hatte niemand einen Grund, ihnen zuzuhören. Die Verwechslung hielt sich fast 200 Jahre, weil mehrere Faktoren zusammenspielten und sich gegenseitig verstärkten.
Da war die optische und botanische Verwandtschaft mit echten Giftpflanzen. Da war die chemische Reaktion zwischen Tomatensäure und bleihaltigen Tellern, die Menschen tatsächlich krank machte und tötete. Da war die Autorität einzelner Gelehrter wie John Gerard, deren Wort mehr zählte als die Erfahrung ganzer Bevölkerungsschichten. Und da war die gesellschaftliche Struktur, die bestimmte Erfahrungen über andere stellte.
Es brauchte Jahrhunderte, bis Wissenschaft, Einwanderung und der stille Wechsel von Zinn zu Porzellan diese Faktoren einzeln aus dem Weg räumten. Und die Tomate hat das alles überlebt. Von den Berghängen der Anden über die Märkte der Azteken in Tenochtitlan, durch die skeptischen Gärten der Renaissance und die Armenküchen Neapels bis auf jeden Kontinent der Erde. 13 Wildarten in Südamerika, die damals niemand beachtete, und heute über 10.
000 Kultursorten auf der ganzen Welt. 200 Jahre lang als Giftpflanze gefürchtet – und heute das meistgegessene Gemüse des Planeten. Die Tomate hat sich in all der Zeit nicht verändert.
Nur die Menschen, die sie betrachteten.


