Im August 1757 kämpfte sich die Neptunus, ein hölzernes Segelschiff aus Flensburg, durch eine Sturmnacht vor der Küste Jütlands. An Bord: roher Zucker, Tabak und Fässer eines dunklen, hochprozentigen Getränks, das die Besatzung kaum kannte. Es war erst die zweite Fahrt dieser Art in der Geschichte der Stadt, finanziert von mehreren Kaufmannsfamilien gemeinsam, weil keiner allein das Risiko hätte tragen können. Doch noch vor Erreichen der heimischen Förde lief das Schiff auf Grund und zerschellte in Sichtweite der Heimat.

Für die Besitzer war das ein harter finanzieller Schlag, aber kein Ende. Denn was in jenen Fässern transportiert wurde, hatte bereits in den Jahren zuvor eine ganze Stadt im Norden Deutschlands verändert. Eine Stadt, die niemals eine eigene Zuckerrohrplantage besaß und trotzdem ohne eigene Kolonie zu einem der wichtigsten Rumzentren Europas werden sollte. Um das zu verstehen, muss man viele Jahrzehnte zurückgehen, zu einer winzigen Karibikinsel.
Im Jahr 1733 erwarb die dänische Krone von Frankreich die Insel St. Croix, mitten in den Jungferninseln. Fast zeitgleich sicherte sich die westindische Kompanie das Handelsmonopol für Zucker im gesamten dänischen Gesamtstaat, zu dem damals auch weite Teile Norddeutschlands gehörten. Auf St.
Croix und den Nachbarinseln St. Thomas und St. John entstand in den folgenden Jahrzehnten eine Plantagenwirtschaft, die vollständig auf der Arbeit versklavter Menschen beruhte. Historiker schätzen, dass die dänische Krone insgesamt etwa 200.
000 Menschen aus Westafrika verschleppte. Sie mussten sechs Tage die Woche von frühmorgens bis spätabends auf den Zuckerrohrfeldern arbeiten, ohne Lohn, ohne Rechte, unter einem Klima, das viele von ihnen innerhalb weniger Jahre das Leben kostete. Aus dem gepressten Zuckerrohrsaft entstand nach dem Kochen ein zäher, dunkler Rückstand, die Melasse. Daraus wurde vor Ort ein erster roher Alkohol destilliert, jener Rohrum, der später über den Atlantik nach Norden reisen sollte.
Ohne diese erzwungene Arbeit wäre der enorme Gewinn aus dem Zucker- und Rumhandel schlicht nicht denkbar gewesen. Im Jahr 1755 schickten Kaufleute und Räte aus Flensburg, damals noch Teil des dänischen Königreichs, das erste eigene Schiff über den Atlantik zu den westindischen Inseln. An Bord waren Fleisch, Butter, Mehl, weißer Zucker, Messer für die Zuckerrohrernte, Nägel, Taue und Kleidung. Ein Großteil davon ausdrücklich für die versklavten Arbeiter auf den Plantagen bestimmt.
Dazu kamen Ziegelsteine aus den Ziegeleien an der Flensburger Förde, die als Ballast dienten und auf den Inseln für den Bau von Lagerhäusern verwendet wurden. Noch heute findet man vereinzelt norddeutsche Backsteine in Mauern und Treppenstufen auf St. Croix, ein stummes, fast vergessenes Zeugnis dieser Handelsverbindung. Auf der Rückreise luden die Schiffe dann rohen braunen Zucker, rohen, kaum genießbaren Rum, Tabak, Ingwer, Baumwolle und Farbhölzer.
Die Flensburger Frachtsegler waren selbst nicht direkt am Sklaventransport zwischen Afrika und der Karibik beteiligt. Ihr gesamter Reichtum jedoch blieb untrennbar mit dem System der Sklaverei verbunden, denn ohne die Zwangsarbeit auf den Plantagen hätte es weder Zucker noch Rum gegeben, die sie so gewinnbringend nach Europa brachten. Dieser Rohrum, direkt aus den karibischen Brennereien in die Fässer gefüllt, war nach übereinstimmenden Berichten kaum trinkbar. Viel zu stark, viel zu roh, viel zu unrein im Geschmack.
Er wurde in einfachen, oft primitiven Brennapparaten direkt neben den Zuckermühlen destilliert, in großer Hitze und mit wenig Rücksicht auf Reinheit, denn das eigentliche Ziel war stets die Zuckerproduktion. Der Alkohol galt lange nur als profitables Nebenprodukt. In Flensburg begannen die ansässigen Brennereien deshalb, das importierte Konzentrat mit Wasser, etwas Zucker und dem eigenen, aus Getreide oder Kartoffeln gewonnenen Alkohol zu strecken und geschmacklich zu veredeln. Danach lagerte es in Eichenfässern und nahm dabei seine charakteristische bräunliche Farbe an.
Diese Technik des Mischens und Streckens, im Deutschen bis heute als Verschnitt bezeichnet, war ursprünglich schlicht eine Notwendigkeit. Kein Betrug, sondern die einzige Möglichkeit, aus einem fast ungenießbaren Rohstoff ein Getränk zu machen, das man tatsächlich trinken konnte. Doch bald bekam diese Technik eine zweite, viel praktischere Funktion. Im Laufe des 18.
Jahrhunderts erhob die dänische Krone auf importierte Spirituosen immer höhere Einfuhrzölle, die pro Fass unabhängig vom tatsächlichen Alkoholgehalt berechnet wurden. Für die Flensburger Kaufleute ergab sich daraus eine simple, aber geniale Rechnung. Wenn man nur eine kleine Menge des hochkonzentrierten Originalrums importierte und diese anschließend mit deutlich größeren Mengen einheimischem Neutralalkohol und Wasser streckte, ließ sich am Ende die gleiche Menge trinkbaren Rums herstellen, dabei aber ein erheblicher Teil des Zolls einsparen. Ein einziges Fass hochprozentiges Rumkonzentrat konnte auf diese Weise zu einem Vielfachen seines ursprünglichen Volumens an trinkfertigem Verschnitt werden, während die Zollbehörde nur die ursprüngliche kleine Fassmenge zu Gesicht bekam.
Flensburg blühte durch diesen Handel über Jahrzehnte auf. Neben Kopenhagen und Altona entwickelte sich die kleine Hafenstadt an der Förde zu einem der bedeutendsten Zentren der Zuckerproduktion im gesamten dänischen Gesamtstaat. Der Reichtum ist bis heute an den prächtigen Kontorhäusern und Kaufmannshöfen der Altstadt abzulesen. Ganze Straßenzüge wurden mit den Gewinnen aus Zucker und Rum errichtet, mit tiefen Kellergewölben zur Lagerung der Fässer und repräsentativen Fassaden.
In der Blütezeit sollen in Flensburg mehr als 200 eigenständige Rumhäuser aktiv gewesen sein, jedes mit eigenen Rezepturen und streng gehüteten Verschnittformen, die oft nur von Vater zu Sohn weitergegeben wurden. Während Hamburg zum zentralen Umschlagplatz für Kolonialwaren aller Art aufstieg, spezialisierte sich das kleinere Flensburg fast ausschließlich auf den karibischen Rum und wurde dadurch, gemessen an seiner Größe, zu einem der dichtesten Rumhandelsplätze in ganz Nordeuropa. Bis zum Jahr 1806 erreichte der Westindienhandel einen solchen Umfang, dass Flensburg neben Kopenhagen zur bedeutendsten Handelsstadt des gesamten dänischen Staatsgebiets aufstieg. Doch dieser Boom war nicht von Dauer.
Ab 1842 stagnierte der Westindienhandel spürbar, denn nach der schrittweisen Befreiung der versklavten Bevölkerung auf den dänischen Inseln verteuerte sich der Anbau von Zuckerrohr erheblich. Gleichzeitig fielen die Weltmarktpreise für Rohrzucker, weil andere europäische Mächte, allen voran Großbritannien, ihre eigenen karibischen Kolonien massiv ausbauten. Für die dänischen Inseln begann damit ein langsamer, unaufhaltsamer wirtschaftlicher Abstieg. Der eigentliche Bruch für Flensburg kam jedoch erst 1864 mit dem Deutsch-Dänischen Krieg.
Flensburg und ganz Schleswig gingen von der dänischen Krone an Preußen und Österreich über. Mit diesem Wechsel verloren die Flensburger Rumhäuser über Nacht ihren direkten privilegierten Zugang zu den dänischen Kolonien in der Karibik, jenem Handelsnetzwerk, das über ein Jahrhundert sorgfältig aufgebaut worden war und nun binnen weniger Kriegsmonate zusammenbrach. Doch die Kaufleute gaben ihr Geschäft nicht auf. In den Jahren nach dem Krieg bezogen sie ihren Rohstoff zunächst über Umwege aus London und Amsterdam, den beiden großen europäischen Handelsdrehscheiben für Kolonialwaren.
Ab etwa 1880 lieferte das mittlerweile britische Jamaika direkt an die Flensburger Häuser, und der Rumhandel erlebte einen bemerkenswerten zweiten Frühling, diesmal unter preußischer Flagge, aber mit denselben alten Familiennamen an der Spitze. In dieser Umbruchzeit, im Jahr 1848, wurde in Flensburg auch die Destillerie Pott gegründet. Jenes Unternehmen, dessen Name bis heute untrennbar mit dem deutschen Rumverschnitt verbunden ist und dessen braune Flasche noch immer in unzähligen deutschen Küchenschränken steht. Gegen Ende des 19.
Jahrhunderts kam den norddeutschen Rumhäusern zudem ein Verbot zugute, Branntwein direkt aus Wein zu brennen. Das verschaffte dem Rum als Ausweichprodukt in ganz Deutschland zusätzlichen Auftrieb, sodass sich der norddeutsche Verschnitt allmählich zu einem gesamtdeutschen Phänomen entwickelte. Die endgültige moderne Form des Rumverschnitts entstand um das Jahr 1910. Während der ursprüngliche Verschnitt des 18.
Jahrhunderts noch einen hohen Anteil an echtem karibischem Rum enthielt, oft um die 40 Prozent, reduzierte sich dieser Anteil im Zuge der wachsenden Nachfrage und steigender Importzölle immer weiter, bis am Ende gerade einmal 5 Prozent des fertigen Getränks tatsächlich aus echtem, meist jamaikanischem Rumkonzentrat bestanden. Der Rest war deutscher Agraralkohol aus Getreide, Zuckerrüben oder Kartoffeln sowie Wasser. Genau diese Rezeptur, mindestens 5 Prozent Rumanteil bei einem Mindestalkoholgehalt von 37,5 Volumenprozent, bildet bis heute die gesetzliche Grundlage für alles, was in Deutschland und der gesamten Europäischen Union offiziell als Rumverschnitt bezeichnet werden darf. Eine eigene, streng regulierte Spirituosenkategorie, die sich klar vom echten Rum unterscheidet und dies auf dem Etikett direkt neben dem Wort Rum in gleicher Schriftgröße, Schriftart und Farbe kennzeichnen muss.
Wird Rumverschnitt außerhalb Deutschlands verkauft, muss das Etikett zusätzlich die genaue Zusammensetzung des enthaltenen Alkohols offenlegen. Eine Vorschrift, die es in dieser Form für kaum eine andere Spirituosenkategorie in Europa gibt. Bekannte Markennamen wie Asmussen Original oder Hansen Präsident Rumverschnitt fanden über Generationen ihren festen Platz, nicht nur als Getränk, sondern vor allem in der deutschen Küche. Im winterlichen Punsch, im Rumtopf, in Weihnachtsplätzchen und in unzähligen Backrezepten blieb der intensive dunkle Geschmack bis heute unersetzlich.
Anders als in der Karibik oder in England, wo Rum meist pur oder in Cocktails getrunken wurde, entwickelte sich der deutsche Verschnitt zu einer Zutat, die man im Küchenschrank neben Mehl und Zucker aufbewahrte. Renommierte Häuser wie Pott, Hansen, Asmussen, Sonnenberg und Detlefsen prägten über Jahrzehnte das Bild dieser typisch norddeutschen Spirituose, bis die Branche im Laufe des 20. Jahrhunderts einen langsamen, aber stetigen Niedergang erlebte. Nach den beiden Weltkriegen, den damit verbundenen Rohstoffengpässen und dem Verlust vieler kolonialer Handelsstrukturen ging von den einst über 20 verbliebenen Flensburger Rumhäusern der Nachkriegszeit bis zur Jahrtausendwende fast jedes einzelne entweder in Insolvenz oder wurde von größeren Konzernen aufgekauft.
Die traditionsreichen Namen wurden häufig nur noch als reine Markenhülle auf industriell produzierten Flaschen weitergeführt, ohne Verbindung zu den ursprünglichen Familienbetrieben. Fast einzig das Rumhaus A. Johansen überstand diesen Niedergang als eigenständiges familiengeführtes Unternehmen. Gemeinsam mit dem traditionsreichen Wein- und Rumhaus Brage, das heute in der historischen Roten Straße ein eigenes kleines Manufakturmuseum betreibt, hält es die Erinnerung an die einstige Blütezeit lebendig.
Im restaurierten Zollpackhaus an der Flensburger Förde, in dessen historischen Kellergewölben einst der reine, unverschnittene Karibikrum lagerte, ist heute ein eigenes kleines Rummuseum untergebracht. Eine moderne Multimedia-Installation erzählt die Geschichte bedeutender Flensburger Kaufmannsfamilien, das Abenteuer der Westindienfahrt ebenso wie den Schrecken der Sklaverei, auf der dieser gesamte Wohlstand einst gründete. Eine Sonderausstellung mit dem programmatischen Titel Dänisch-Westindien widmet sich seither explizit diesem lange verdrängten Kapitel der Stadtgeschichte und macht deutlich, dass der Rum, der den Flensburgern einst Reichtum brachte, den Menschen auf St. Croix vor allem Leid gebracht hat.
Heute erlebt der Rumverschnitt eine vorsichtige kleine Renaissance. Neben den wenigen verbliebenen historischen Häusern experimentieren junge Manufakturen in Hamburg und Flensburg mit eigenen Interpretationen der alten Rezepturen. Manche orientieren sich bewusst näher am ursprünglichen hochprozentigen Verschnitt des 18. Jahrhunderts, andere werden ganz bewusst als reiner, unverschnittener Rum vermarktet, um sich von der Verschnitttradition abzugrenzen und internationale Rumkenner anzusprechen.
Auch im benachbarten Österreich existiert mit dem sogenannten Inländerrum eine ähnliche historisch verwandte Tradition eines im eigenen Land hergestellten Rumersatzes. Der globale Rummarkt wird heute auf einen Wert zwischen 17 und 20 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt. Doch der spezifisch deutsche Rumverschnitt bleibt darin bis heute eine kleine, eigenwillige und weltweit einzigartige Nische. Ein Produkt, das in dieser exakten rechtlichen Form ausschließlich in Deutschland existiert und das dennoch Flasche für Flasche bis heute in Millionen deutscher Küchenschränke steht.
Und so kehren wir zurück an jene stürmische Augustnacht des Jahres 1757. Als die Neptunus, beladen mit rohem Zucker und den ersten Fässern eines noch kaum trinkbaren westindischen Destillats, vor der jütländischen Küste auf Grund lief und zerschellte, so nah am heimischen Hafen und doch nicht mehr rechtzeitig genug. Die Besatzung konnte unmöglich ahnen, dass ihre Ladung den Grundstein für eine Handelstradition legen würde, die weit über zwei Jahrhunderte überdauern sollte. Einen Krieg, einen Wechsel der Staatszugehörigkeit, zwei Weltkriege und schließlich sogar den fast vollständigen wirtschaftlichen Niedergang der Branche, die sie selbst begründet hatte.
Die Kaufleute, die 1755 das erste Schiff nach Westindien schickten, wollten schlicht Zucker und Gewürze verkaufen, nicht eine europaweit einzigartige Spirituosenkategorie erschaffen. Die Brennmeister, die den rauen Rohrum zum ersten Mal mit Wasser und heimischem Alkohol streckten, wollten ihn schlicht trinkbar machen und dabei ein paar Taler Zoll sparen, nicht eine Rechtsvorschrift begründen, die noch heute, weit über 250 Jahre später, in der europäischen Spirituosenverordnung Bestand hat. Und die versklavten Menschen, die auf den Feldern von St. Croix das Zuckerrohr schnitten, aus dem all dies entstand, wussten mit Sicherheit am allerwenigsten, welchen bitteren Reichtum ihre erzwungene Arbeit einer fernen norddeutschen Handelsstadt bescheren würde, einer Stadt, deren Namen die meisten von ihnen ihr Leben lang niemals hören sollten.
Nicht schlecht für ein Getränk, das ursprünglich schlicht zu stark war, um es pur zu trinken.

