„Hallo, kommst du bitte mal her? Ich muss dir was Wichtiges sagen. Es geht um deine Mutter. “ Das sind die Worte, mit denen ein Mann die achtjährige Levke anspricht.

Sie steht allein vor ihrem Haus und wartet auf ihren Vater. Der Mann behauptet, ein alter Freund der Familie zu sein, und sagt, ihre Mutter liege im Krankenhaus. Levke zögert, doch dann steigt sie ein. Es ist der 6.
Mai 2004. Silke Leuchner hat an diesem Tag ihren beruflichen Wiedereinstieg begonnen. Sie ist den ganzen Tag weg, und ihr Mann kommt mittags nach Hause, um auf die Kinder aufzupassen. Die Kinder Levke, Timo und Klara sind acht, zehn und zwölf Jahre alt.
Levke geht in die zweite Klasse. Die Schule ist nur eine Viertelstunde zu Fuß entfernt. An diesem Donnerstag kommt Levke um 12:30 Uhr von der Schule nach Hause. Niemand ist da.
Sie hat ihren Schlüssel vergessen. Kein Problem, denkt sie, Papa kommt ja gleich. Sie wartet auf dem Bürgersteig vor dem Haus. Eine Autofahrerin sieht sie später dort stehen, mit ihrem Schulranzen auf dem Rücken.
Dann ist Levke verschwunden. Als der Vater um 13 Uhr nach Hause kommt, ist sie weg. Er ruft sofort die Polizei. Die Eltern sind verzweifelt.
Sie haben keine Erklärung. Levke ist zuverlässig, sie würde nie einfach wegbleiben. Die Polizei leitet sofort Suchmaßnahmen ein. Carsten Bettels ist seit drei Monaten Leiter des Zentralen Kriminaldienstes in Kuckshafen.
Er übernimmt den Fall. Am Abend besucht er die Familie. Die beiden älteren Kinder sind ins Bett geschickt worden, können aber nicht schlafen. Die Eltern fragen, ob jemand Levke entführt hat.
Bettels kann ihnen keine Antwort geben. Am nächsten Tag wird ein Waldparkplatz etwa 25 Kilometer entfernt zum Schauplatz. Dort findet jemand Levkes Schulranzen und ihre Jacke. Eine Frau hat die Sachen entdeckt und bringt sie zur Polizei.
Sie hat im Radio von dem verschwundenen Mädchen gehört. Die Beamten erkennen die Sachen wieder. Aus dem Vermisstenfall wird ein Verbrechen. Die Polizei richtet eine Sonderkommission ein.
Sie durchsuchen das Waldgebiet, finden aber nichts weiter. Eine Mitschülerin von Levke meldet sich. Sie hat am Tag des Verschwindens einen Mann auf dem Schulparkplatz gesehen. Er hatte einen dunklen Fleck auf der Stirn, eine Sonnenbrille und einen dunklen Schnurrbart.
Er stieg in einen dunklen BMW Coupé. Die Polizei erstellt ein Phantombild. Der Wagen wurde zur passenden Uhrzeit auch in der Nähe von Levkes Wohnhaus gesehen. Die Ermittler wollen das Phantombild veröffentlichen.
Doch Bettels zögert. Er hat Angst, sich damit zu sehr festzulegen. Stattdessen überprüfen sie alle dunklen BMWs mit dem Kennzeichen aus der Region. Es sind über tausend.
Die Eltern wollen helfen. Sie stellen auf dem Waldparkplatz einen Schaukasten auf, mit Bildern von Levke und ihren Lieblingspuppen. Die Polizei hofft, den Täter damit unter Druck zu setzen. Vielleicht kehrt er an den Ort des Verbrechens zurück.
Dreieinhalb Monate später die traurige Gewissheit. Am 23. August 2004 findet ein Pilzsammler im Sauerland, rund 400 Kilometer entfernt, die sterblichen Überreste eines Kindes. Die Hose mit dem auffälligen Blumenmotiv lässt keinen Zweifel.
Es ist Levke. Ein DNA-Abgleich bestätigt die Identität. Die Angehörigenbetreuer informieren die Eltern. Die Mutter und der Vater müssen es auch ihren anderen Kindern sagen.
Levke wird nicht wiederkommen. Die Rechtsmedizin untersucht den Leichnam. Er ist nach dreieinhalb Monaten größtenteils skelettiert. Ein Nachweis über die Tathandlung ist kaum noch möglich.
Aber es gibt einen wertvollen Hinweis: ein Kabelbinder, der eng an der Halswirbelsäule fixiert ist. Jetzt gibt es drei Tatorte: den Ort des Verschwindens, den Fundort der Sachen und den Fundort der Leiche. Die Polizei fragt die Öffentlichkeit nach Personen, die eine Verbindung zwischen den Regionen haben. Es kommen 150 Hinweise.
Zwei davon führen zu demselben Mann: Günther Wachter. Wachter ist Anfang dreißig, im Sauerland aufgewachsen, wohnt heute im Norden. Er ist der Polizei bekannt. 1994 hat er sich an einer 17-jährigen Anhalterin vergriffen.
Das Urteil: zwei Jahre Jugendstrafe auf Bewährung. Im Jahr 2000 soll er eine geistig behinderte 17-Jährige im Auto gefesselt und geschlagen haben. Das Verfahren wurde eingestellt, weil das Opfer ihn nicht identifizieren konnte. Die Beamten laden Wachter vor.
Er ist arbeitslos und macht eine Maßnahme vom Arbeitsamt. Er lebt getrennt von seiner Frau, hat einen zehnjährigen Sohn. Er gibt an, seine Großmutter im Sauerland zu besuchen. Er fährt das Auto seiner Mutter, das nicht auf ihn zugelassen ist.
Wo war er, als Levke verschwand? Er war in der Firma, bei der Maßnahme. Er gibt freiwillig eine Speichelprobe ab und erlaubt, die Sitze seines Autos abzukleben. Dann erzählt er eine seltsame Geschichte: Er sei im Sommer durch den Wald gefahren, als ihm ein Tier vors Auto lief.
Er sei hinterhergegangen, um zu helfen, habe es aber nicht gefunden. Genau an der Stelle, wo später die Leiche lag. Die Ermittler sind skeptisch. Doch Wachters Alibi für den Tag von Levkes Verschwinden scheint zu halten.
Er war in der Firma. Aber dann platzt das Alibi. Wachter wurde an dem Tag um zehn Uhr nach Hause geschickt. Der Fahrer des LKWs musste aus privaten Gründen freinehmen.
Wachter hätte also locker um 12:30 Uhr vor Levkes Haus sein können. Auf dem Waldparkplatz mit dem Schaukasten wurden 880 Fahrzeuge registriert. Das Auto von Wachters Mutter war dreimal dabei. Die Besuche fanden vor dem Verschwinden von Nils statt.
Im Auto seiner Mutter werden Fasern gefunden, die mit den Fasern von Levkes Kleidung identisch sind. Die Ermittler wollen Wachter festnehmen. Doch Bettels zögert wieder. Er will ein Geständnis.
Nur Indizien reichen nicht, sagt er. Der Typ ist brandgefährlich, erwidert sein Kollege. Er darf uns nicht noch einmal davonkommen. Die Strategie: Sie wollen mit Wachter eine Reise ins Sauerland machen.
Er soll ihnen zeigen, wo der angebliche Wildunfall war. Sie bauen Druck auf. Am 7. Dezember 2004 fährt die Soko mit Wachter in den Wald.
Er führt sie an eine Stelle, die weit abseits des tatsächlichen Fundorts der Leiche liegt. Es gibt keine Spuren eines Wildunfalls. Am nächsten Tag durchsuchen die Beamten Wachters Wohnung. Sie finden Kabelbinder, wie sie beim Mord an Levke verwendet wurden.
Wachter bekommt davon nichts mit. Auf dem Weg zur Vernehmung fahren sie mit ihm an dem Schaukasten vorbei, mit den Bildern von Levke. Sie fahren auch am Haus der Familie Leuchner vorbei. Der Druck steigt.
In der Vernehmung konfrontieren sie ihn mit den Fakten: Das Alibi ist widerlegt. Seine DNA passt zu einer Mischspur auf Levkes Jacke. Im Auto wurden Fasern gefunden. Er war dreimal auf dem Waldparkplatz.
Und dann diese ominöse Geschichte mit dem Wildunfall. „Stehen Sie einmal in Ihrem Leben für das ein, was Sie getan haben“, sagt der Beamte. Wachter schweigt lange. Dann seufzt er.
„Ich kann sie ja nicht wieder lebendig machen. “
Er gesteht. An dem Tag hatte er Streit mit seiner Frau. Er setzte sich ins Auto und fuhr herum.
Dann sah er Levke, die vor ihrem Haus wartete. Er fuhr erst vorbei, kehrte dann aber zurück. Er sprach sie an, erzählte ihr, ihre Mutter sei im Krankenhaus. Er gab sich als alter Freund der Familie aus.
Es kostete etwas Überredung, aber schließlich stieg sie ein. Er fuhr etwa 60 Kilometer mit ihr nach Süden. Dann hielt er an einer ruhigen Stelle an und befriedigte sich an ihr. Danach fuhr er 50 Kilometer nach Norden.
In einem Waldstück tötete er sie mit einem Kabelbinder um den Hals. Ihre Sachen und den Schulranzen legte er auf den Parkplatz, wo man sie später fand. Am nächsten Tag holte er die Leiche und fuhr in derselben Nacht ins Sauerland. Dort entsorgte er sie.
In der Nacht darauf ging er noch einmal hin und zog sie tiefer in den Wald. Die Vernehmung dauert sechs Stunden. Danach äußert sich Wachter nie wieder zur Tat. Doch dann die Überraschung im Januar.
Gegenüber einem Mitgefangenen gesteht Wachter den zweiten Mord. Er hat auch Nils getötet. Die Polizei kann die Leiche des Jungen bergen. Auch sie wurde mit Kabelbindern gefesselt.
Die Kabelbinder stammen aus derselben Charge wie die im Fall Levke. Am 29. Juni 2005 wird Günther Wachter vor dem Landgericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht stellt die besondere Schwere der Schuld fest und ordnet Sicherungsverwahrung an.
Es ist die höchste Strafe, die das deutsche Recht kennt. Gegenüber einem Mitgefangenen hat Wachter gesagt: „Bei passender Gelegenheit hätten es über 1000 Opfer sein können. “ Er hat sogar Andeutungen über weitere Opfer gemacht. Die Soko wird deshalb noch über ein Jahr lang fortgeführt.
Über 260 Tötungsdelikte aus ganz Deutschland werden untersucht, ohne Ergebnis. Doch die Eltern von Levke und Nils haben wenigstens die Gewissheit: Der Mörder ihrer Kinder kann keinem anderen Kind mehr etwas antun.


