„Bleib ruhig. Wer hat das Auto denn gerade? “ – Dieser eine Satz in einem abgehörten Telefonat zwischen einem Vater und seinem Sohn bestätigte den Ermittlern, was sie längst vermutet hatten. Die beiden Männer wussten, wofür ihr silberner Mercedes genutzt wurde.

Es war der 27. Mai 2021, als mitten in der Nacht ein silberner Mercedes in ein Industriegebiet in Dormagen-Horrem fuhr. Mindestens zwei Männer aus den Niederlanden stiegen aus. Sie wollten einen Geldautomaten sprengen, der an der Außenwand eines Bürogebäudes hing.
Die Explosion zerstörte den Automaten vollständig. Fenster barsten, der Eingangsbereich wurde zertrümmert, ein Blechteil flog 40 Meter weit auf die Straße. Gerd Allard, dem das Gebäude gehört, wurde damals von der Polizei geweckt. Es war nicht sein erster Anruf dieser Art.
Schon 2016 hatte es in demselben Gebäude eine Sprengung gegeben, damals noch mit Gas. Die Wucht hatte die Leuchten aus der Decke gerissen. „Ich dachte nur: Das Ding kommt raus“, erinnert er sich. „Beim ersten Mal, beim zweiten Mal – da könnte auch ein drittes Mal kommen.
Das Objekt liegt ja nicht mitten im Wohngebiet, sondern im Gewerbegebiet. Abends sind alle Firmen zu, dann ist es leichtes Spiel. “
Auch der Versicherungsmakler Michael Prenzel war damals fassungslos über die Wucht der Explosion. „Allein die Tür des Automaten wiegt rund 300 Kilo.
Sie wurde von vorne bis zum Heizkörper geschleudert. Da muss eine enorme Kraft dahintergesteckt haben. “ Die Versicherung zahlte zwar den Schaden, stellte aber eine Bedingung: Gerd Allard musste schriftlich bestätigen, dass er nie wieder einen Geldautomaten in sein Haus einbauen lässt. Für ihn kam das sowieso nicht in Frage.
Von der Bank erfuhr er später, dass es 2020 sogar eine versuchte Sprengung gegeben hatte, von der er nie etwas wusste. Für ihn zählte nur eines: „Das Gebäude und die Menschen, die darin arbeiten, müssen geschützt sein. Wenn wieder ein Automat käme, würden die Leute mit einem ganz anderen Gefühl arbeiten. Und irgendwann könnte die Statik nicht mehr so sein, wie sie sein sollte.
“
Die Ermittler kamen den Tätern von Dormagen erst Jahre später auf die Spur. 2021 werteten sie Funkzellendaten aus. Jedes Handy, jedes Gerät, das sich in ein Mobilfunknetz einwählt, sendet eine individuelle IMEI-Kennung an den Sendemast. Bei der Auswertung stellten die Beamten fest: Dieselbe Kennung war 2021 bei 15 vollendeten und zwei versuchten Geldautomatensprengungen zur jeweiligen Tatzeit in der jeweiligen Tatortfunkzelle eingebucht – auch während der Sprengung in Dormagen.
Die Kennung gehörte zum Fluchtfahrzeug, einem Mercedes AMG mit 600 PS. Der Staatsanwalt Julius Sterzel von der Zentral- und Anlaufstelle für die Verfolgung organisierter Straftaten in NRW erklärt: „Nachdem wir feststellen konnten, dass das Tatfahrzeug an diversen Tatorten in der Funkzelle eingeloggt war, haben wir die Ermittlungen aufgenommen und den Halter identifiziert. “ Der Halter war ein 46-jähriger Mann, der zwar in Gronau in Deutschland gemeldet war, sich aber hauptsächlich in Enschede in den Niederlanden aufhielt. Die Ermittler legten ihn auf verdeckte Maßnahmen: Telefonüberwachung, Observation.
Dann nahmen sie auch den 23-jährigen Sohn ins Visier. In einem abgehörten Gespräch fiel der entscheidende Satz: „Das ist dieser Idiot von der Automatensprengung. “
Für die Ermittler war das der Durchbruch. „Das war das erste Mal, dass wir tatsächlich belegen konnten, dass die beiden vorsätzlich gehandelt hatten und wussten, dass das Fahrzeug für Geldautomatensprengungen eingesetzt wurde“, sagt Sterzel.
Im Mai 2022 wurden Vater und Sohn festgenommen, ihre Wohn- und Geschäftsräume durchsucht, das Tatfahrzeug beschlagnahmt. Bei der Untersuchung des Autos fanden die Ermittler einen Datenschatz, der zu weiteren Festnahmen führte. Über ihre Verteidiger räumten der Vater und sein Sohn die Vorwürfe vollumfänglich ein. Dafür wurden ihnen Bewährungs- und Jugendstrafen zugesagt.
Vor Gericht gestanden sie, dass sie ihren 600 PS starken Mercedes über soziale Medien gezielt an Geldautomatensprenger vermietet hatten. Rund 28. 000 Euro sollen sie damit verdient haben. Und sie lieferten den Behörden weitere wichtige Informationen.
So konnten nicht nur Logistiker gefasst werden, deren Aufgabe es unter anderem war, diese schnellen Autos zu besorgen und zur Verfügung zu stellen. Die Beamten wussten jetzt auch, wer einer der Fahrer war – der Mann, der 2021 in Dormagen hinter dem Steuer gesessen hatte. Das Gericht konnte ihm nachweisen, dass er an neun Sprengungen beteiligt war. Das Landgericht Düsseldorf verurteilte den Fahrer zu zwölf Jahren und zehn Monaten Haft.
Eine hohe Strafe. „Das Gericht hat hier eine Vielzahl von Geldautomatensprengungen verurteilt, neun vollendete Sprengungen“, erklärt Sterzel. „Berücksichtigt wurden das erhebliche Gefährdungspotenzial, das hochprofessionelle und arbeitsteilige Vorgehen. “ Seit einer Gesetzesänderung ist die Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion zur Begehung eines Diebstahls mit einer Mindeststrafe von zwei Jahren belegt.
Früher nutzten die Täter für ihre Sprengungen vor allem Gasgemische, bis Banken Gasneutralisierungssysteme einbauten. Seitdem setzen die Sprenger zunehmend auf feste Explosivstoffe. Die Tätergruppierungen sind keine hierarchischen, traditionellen Pyramidensysteme, erklärt Jan Op Gen Oorth von Europol in Den Haag. „Meistens handelt es sich um Niederländer aus dem Bereich Utrecht oder Brabant, 80 bis 140 Leute, die grob miteinander verknüpft sind.
Sie kennen sich untereinander und haben verschiedene Schwerpunktaufgaben: Fahrer, Sprenger und so weiter. “ Deshalb reiche es nicht, bei einer großen Razzia nur ein paar Fahrer festzunehmen. „Man muss auch an die Geldströme herankommen, damit niemand sagt: Okay, wenn ich festgenommen werde, gehe ich zwei Jahre ins Gefängnis, aber wenn ich rauskomme, ist mein Geld immer noch auf irgendeiner Kryptowallet. “
Beim Standing innerhalb des Milieus handelt es sich bei Geldautomatensprengungen nicht um eine Einstiegskriminalität wie etwa bei Cannabis oder Kokain.
Es sei ein sehr spezielles Milieu, fast ausschließlich niederländische Gruppierungen mit einer bestimmten familiären Verbindung zu Marokko. Die meisten Täter sind Männer zwischen 21 und 25 Jahren. Rekrutiert werden sie über soziale Medien und Messenger-Dienste wie Snapchat oder Telegram, wo Interessenten angesprochen werden, man sich kennenlernt und Vertrauen aufbaut. Der Tathergang läuft fast immer gleich ab.
Am 27. Mai 2021 überquerten mindestens zwei Männer mit einem Mercedes um 00:27 Uhr die deutsch-niederländische Grenze bei Straelen. Gegen 01:13 Uhr entwendeten sie in Kerpen das deutsche Kennzeichen eines parkenden Fahrzeugs und brachten es an ihrem silbernen Mercedes E63 AMG an. Gegen 02:20 Uhr erreichte der Wagen das Industriegebiet in Dormagen-Horrem.
Ein maskierter Mann stieg aus, rannte zum Automaten, brachte mindestens zwei Festsprengstoffpakete an und sprengte ihn. Eine Minute später saßen die Männer wieder im Auto und beschleunigten innerhalb von vier Sekunden von null auf 90 km/h. Sie fuhren zurück in die Niederlande. Die Flucht gelang ihnen.
Die Autos der Sprenger sind viel schneller als Polizeifahrzeuge. Die Fahrer müssen zum Tanken keine Tankstelle anfahren, sie transportieren den Treibstoff im Wagen. Nicht selten befindet sich direkt neben dem Treibstoff der Sprengstoff. Gründe, warum die Polizei manchmal gezwungen ist, eine Verfolgung abzubrechen.
Geldautomatensprengungen in Nordrhein-Westfalen sind rückläufig. Das liegt an erfolgreichen Festnahmen, teils hohen Haftstrafen, aber auch daran, dass die Polizei Banken berät, wo ein Automat klug aufgestellt wird und wo nicht. Banken investieren in bessere Sicherungstechniken wie Verneblungssysteme oder Farbklebepatronen. Und dennoch schreckt das nicht alle ab.
Ursprünglich war die Geldautomatensprengung nur in den Niederlanden ein Thema. Dann wurde sie durch Ermittlungsdruck und Präventionsmaßnahmen der Banken nach Deutschland verlagert. Mittlerweile verschiebt sie sich durch ähnliche Strategien auch in andere Länder: Belgien, Luxemburg, Schweiz, Frankreich, Österreich. Es bleibt Nordwesteuropa, aber es ist internationaler geworden.
Bei Europol gibt es spezielle Taskforces, die das Phänomen länderübergreifend bekämpfen. Die verschärften Sicherheitssysteme, die zunehmende europäische Strafverfolgung und der wachsende Ermittlungsdruck lassen eines erwarten: Das Phänomen der Geldautomatensprengung hat seinen Höhepunkt überschritten.


