Ich dachte, ich kenne meine kleine Schwester besser als jeder andere auf der Welt. Bis sie eines Mittags aus dem Haus ging und nie zurückkam – und die Ermittler mir erzählten, was sie wirklich…

Ich dachte, ich kenne meine kleine Schwester besser als jeder andere auf der Welt. Bis sie eines Mittags aus dem Haus ging und nie zurückkam – und die Ermittler mir erzählten, was sie wirklich...

Samira schreibt ihrer Schwester noch ein Foto von ihrem Babybauch. Sie ist im vierten Monat, langsam wird die Schwangerschaft sichtbar. Jenny antwortet, alles wirkt normal. Kein Streit, keine Sorge, nichts deutet auf das hin, was wenige Stunden später passieren wird.

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Am 28. Juli 2022 ist Samiras zwölfjähriger Sohn zu Hause. In Hessen haben die Sommerferien gerade begonnen. Den Morgen verbringen Mutter und Sohn gemeinsam.

Gegen elf Uhr macht sich Samira fertig. Sie sagt nur, sie sei nicht lange weg. Dann geht sie aus der Tür. Ab der Mittagszeit reagiert sie nicht mehr auf Nachrichten ihrer Schwester.

Der Junge wartet. Erst bis zum Nachmittag, dann bis zum Abend. Er schläft irgendwann ein. Als er am nächsten Morgen aufwacht, ist seine Mutter immer noch nicht da.

Er ruft sie an. Samira legt großen Wert darauf, immer erreichbar zu sein. Aber an diesem Morgen geht niemand ran. Verzweifelt ruft das Kind seine Tante an – Samiras Schwester Jenny.

Jenny versucht, den Jungen am Telefon zu beruhigen. Sie fragt, ob er sich traut, die Polizei anzurufen. Auch sie hat Samira seit dem Vortag nicht mehr erreicht. Bis kurz vor zwölf war Samira online.

Ab 14:30 Uhr kamen Nachrichten nicht mehr durch. Der Zwölfjährige wählt die Nummer der Polizei. Jenny ist selbst noch nie in Kirchheim gewesen, in der Wohnung ihrer Schwester. Sie weiß nicht einmal, in welchem Stockwerk Samira wohnt.

Sie hofft, dass die Polizei die Sache ernster nimmt, wenn ein Kind anruft. Das tut sie. Eine Streife fährt vorbei. In der Wohnung finden die Beamten wichtige persönliche Gegenstände.

Samiras EC-Karten liegen da. Ihr Ladekabel. Hätte sie geplant, die Nacht woanders zu verbringen, hätte sie das ihrem Sohn gesagt. Und sie hätte diese Sachen mitgenommen.

Die Ermittlungen werden aufgenommen. Dabei kommt nach und nach etwas ans Licht, das niemand aus Samiras Umfeld wusste. Weder ihr Sohn noch ihre Schwester oder Bekannte hatten eine Ahnung. Samira ist als Sexarbeiterin tätig.

Die 34-Jährige führt ein Doppelleben. Unter dem Namen SunshineGirl ist sie auf Erotikportalen aktiv. Abends ist sie oft unterwegs, gezielt auf Kundensuche in Marburg und Kirchheim. Einige Kunden besucht sie auch zu Hause.

Andere holen sie direkt vor ihrer Wohnung ab oder am Ende der Straße. Für ihre Schwester Jenny ist das ein Schock. Aber es erklärt auch einiges. Samira wusste nicht, wer der Vater ihres ungeborenen Kindes ist.

Sie hatte gesagt, sie werde die Männer kontaktieren und ihnen die Situation erklären. Die Antworten der potenziellen Väter hat sie Jenny per Screenshot geschickt. Begeistert wirkte keiner von ihnen. Samiras Leben war nicht einfach gewesen.

Als alleinerziehende Mutter ohne Berufsausbildung musste sie für sich und ihren Sohn aufkommen. Alleinerziehende gehören in Deutschland zu den am stärksten von Armut bedrohten Familien. Samira wollte ihrem Sohn trotzdem etwas bieten. Ein schönes Zuhause.

Ein Eis. Einmal auf den Jahrmarkt gehen. Der Druck war groß. Und die Arbeit als Sexarbeiterin erschien ihr vielleicht als einfache Lösung.

Die Ermittler finden heraus, dass Samira an dem Tag ihres Verschwindens gegen Mittag vor ihrem Haus zu einem Kunden ins Auto gestiegen sein muss. Eine Spürhunde-Staffel nimmt ihre Fährte auf. Die Spur bricht an der Straße ab – genau dort, wo sie in ein Fahrzeug eingestiegen sein könnte. Zeugen sagen, es könnte ein schwarzes Auto gewesen sein.

Mehr wissen sie nicht. Die Polizei wertet Samiras Chats mit ihren Kunden aus. Immer wieder ist zu lesen, dass sie sich zu Hause oder am Ende der Straße abholen lässt. Mit Kunden fährt sie oft zu einer abgelegenen Stelle unter einer Brücke an der B62, in der Nähe eines Klärwerks und eines Wanderwegs.

Diese Gegend wird gründlich abgesucht, an Land und im Wasser. Ohne Erfolg. Samira hat mit ihrem Sohn lange in Lübeck gelebt. Nach der schlimmen Trennung von ihrem Ex-Freund, der sie geschlagen haben soll und vor dem sie 2021 in ein Frauenhaus floh, kam sie nicht mehr freiwillig dorthin zurück.

Ihre Schwester Jenny lebt in Hamburg. Doch Jenny hat seit dem Mittag des 28. Juli keinen Kontakt zu Samira. Ein Besuch war nicht geplant – und schon gar nicht ohne ihren Sohn.

Samira hätte ihren Jungen niemals zurückgelassen, da sind sich alle sicher. In Kirchheim wohnt Samira mit ihrem Sohn in der Straße Am Grot. Von dort verschwindet sie spurlos. Die Polizei vermutet, dass sie Opfer eines Gewaltverbrechens geworden ist.

Soziale Netzwerke und Kontakte, die sie zu verschiedenen Orten in Nord- und Osthessen gehabt haben soll, bringen keine neuen Hinweise. Niemand hat Samira nach dem 28. Juli gesehen. Der Ex-Freund wird befragt.

Gegen ihn erhärtet sich kein konkreter Tatverdacht. Auch mehrere Freier werden verhört. Die Ermittler können dadurch besser rekonstruieren, wie Samira gearbeitet hat. Auch die möglichen Väter ihres ungeborenen Kindes werden ermittelt.

Es gibt Andeutungen, dass Samira von einem von ihnen Unterhalt verlangen wollte. Ob daraus Druck oder eine Eskalation entstand, bleibt unklar. Gewalt gegen Sexarbeiterinnen ist ein großes Problem. Die Dunkelziffer ist hoch.

Samira hat niemandem erzählt, wann sie sich mit wem trifft. Die Polizei hat ihre Daten ausgewertet, aber aus Chats und Nachrichten gehen keine belastenden Hinweise gegen einen Kunden hervor. Seitdem fehlt von Samira Semitch jede Spur. Sie ist 1,58 Meter groß, hat Nasen- und Lippenpiercing und ein großes Tattoo am rechten Bein.

Bei ihrem Verschwinden trug sie vermutlich ein Kleid, eine schwarze Jacke und weiße Schuhe mit auffälligen orangefarbenen Schnürsenkeln. Ihr Sohn ist inzwischen bei Familienmitgliedern untergebracht. Jenny und die Familie warten bis heute auf eine Antwort. Jeder Hinweis könnte helfen.

Vielleicht hat jemand Samira an diesem Tag gesehen. Vielleicht weiß jemand, in welches Auto sie gestiegen ist. Oder was danach passiert ist.