Ich stand in der Küche und schnitt Zwiebeln für das Abendessen, als mir die Tränen über die Wangen liefen – und plötzlich fiel mir ein, was ich neulich über Ramses I. gelesen hatte: Sie haben dem…

Ich stand in der Küche und schnitt Zwiebeln für das Abendessen, als mir die Tränen über die Wangen liefen – und plötzlich fiel mir ein, was ich neulich über Ramses I. gelesen hatte: Sie haben dem...

Im Jahr 1290 vor Christus starb in Ägypten ein Pharao namens Ramses I. Sein Körper wurde einbalsamiert, in Leinentücher gewickelt und im Tal der Könige bestattet – völlig normal für einen Herrscher des Nils. Nur ein Detail war anders. Als Archäologen seine Mumie Ende des 19.

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Jahrhunderts öffneten, fanden sie in seinen Augenhöhlen keine Edelsteine, kein Glas, kein Gold. Stattdessen steckten dort zwei kleine Zwiebeln, und über seinen Nasenlöchern lag eine dünne Schicht Zwiebelschale. Das klingt wie ein schlechter Scherz. Es war keiner.

Es war ein Akt tiefen Glaubens – und ein Detail, das in der gesamten Geschichte der ägyptischen Mumifizierung einzigartig geblieben ist. Die Ägypter verehrten die Zwiebel. Sie hielten sie für ein Symbol des ewigen Lebens. Und wenn man darüber nachdenkt, versteht man langsam, warum ausgerechnet eine unscheinbare Knolle, die einem die Tränen in die Augen treibt, es geschafft hat, sich in praktisch jede Küche dieses Planeten zu schleichen.

Von Tokio bis Timbuktu, von Mexiko-Stadt bis Mumbai, von den Straßenküchen Bangkoks bis zu den Sternerestaurants in Paris. Es gibt kein Land, keine Kultur und keine Kochtradition, in der die Zwiebel fehlt – und das seit Jahrtausenden. Wie hat sie das geschafft? Ihre Geschichte beginnt weit vor den Pharaonen, weit vor den Pyramiden, an einem Ort, an den die meisten Menschen nie denken würden.

Irgendwo in den Bergregionen Zentralasiens, auf dem Gebiet des heutigen Iran, Pakistans und Turkmenistans, wuchsen vor Tausenden von Jahren die wilden Vorfahren unserer heutigen Küchenzwiebel. Forscher der Universität Göttingen haben durch genetische Analysen herausgefunden, dass Allium vavilovii der engste wilde Verwandte ist – eine Pflanze, die dort bis heute in den Bergen gedeiht. Wann genau Menschen zum ersten Mal eine wilde Zwiebel aus dem Boden zogen und aßen, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Es geschah lange vor jeder Schrift, vermutlich sogar lange vor dem Beginn des Ackerbaus.

Die wilden Zwiebeln wuchsen in verschiedenen Regionen gleichzeitig, und es ist gut möglich, dass mehrere Kulturen unabhängig voneinander entdeckten, dass diese scharfen Knollen essbar waren. Die meisten Forscher sind sich einig, dass die Zwiebel seit mindestens 5000 Jahren gezielt angebaut wird. Damit gehört sie zu den ältesten Kulturgemüsen der Menschheit – älter als die meisten Getreidesorten, die heute unsere Ernährung bestimmen. Und der Grund dafür liegt nicht in ihrem Geschmack.

Er liegt in ihrem Überlebensvorteil. Die Zwiebel ist fast unverschämt pflegeleicht. Sie wächst in fast jedem Boden, kommt mit Hitze und Kälte zurecht, braucht wenig Wasser. Und wenn man sie erntet, verdirbt sie nicht sofort wie eine Tomate oder Gurke.

Man kann sie monatelang lagern, in einen Sack packen und auf weite Reisen mitnehmen. Sie stillt den Durst, liefert Energie und hat antibakterielle Eigenschaften, die man damals nicht benennen konnte, aber instinktiv nutzte. In einer Zeit, in der jede Ernte über Leben und Tod entscheiden konnte, war das ein Vorteil, den kaum ein anderes Gemüse bieten konnte. Botanisch gehört die Zwiebel zur Familie der Amaryllisgewächse und zur Gattung Allium, zu der auch Knoblauch, Lauch, Schnittlauch und Schalotten zählen.

Was sie von ihren Verwandten unterscheidet, ist ihre schiere Anpassungsfähigkeit. Keine andere Allium-Art hat es geschafft, sich so weit zu verbreiten und in so vielen unterschiedlichen Klimazonen zu gedeihen. Die Seidenstraße, das Netzwerk uralter Handelsrouten zwischen Asien und Europa, spielte eine entscheidende Rolle bei dieser Verbreitung. Händler schätzten die Zwiebel nicht nur als Nahrung für unterwegs, sondern auch als Handelsware, weil sie haltbar, leicht zu transportieren und überall gefragt war.

Von Zentralasien aus erreichte sie so alle Himmelsrichtungen zugleich. Schon vor 5000 Jahren wuchs sie in chinesischen Gärten. In den ältesten vedischen Schriften Indiens taucht sie als Heil- und Nahrungspflanze auf. Das indische Lehrbuch Charaka Samhita, eines der frühesten medizinischen Werke der Menschheit, empfahl Zwiebeln gegen Herz-, Gelenk- und Verdauungsbeschwerden.

Und dann kam die Zwiebel nach Ägypten – und dort nahm ihre Geschichte eine Wendung, die niemand hätte vorhersehen können. Die Ägypter aßen die Zwiebel nicht einfach nur. Sie beteten sie an. Im alten Ägypten galt sie als heilig.

Der Grund lag in ihrer Anatomie. Schneidet man eine Zwiebel in der Mitte durch, sieht man konzentrische Ringe – Kreis in Kreis in Kreis, scheinbar ohne Ende. Für die Ägypter war das ein Abbild der Ewigkeit, des endlosen Kreislaufs von Leben, Tod und Wiedergeburt. Diese Symbolik war so stark, dass die Zwiebel nicht nur auf den Tisch kam, sondern auch in die Tempel und in die Gräber.

Die ältesten Belege für organisierten Zwiebelanbau in Ägypten reichen bis 3500 vor Christus zurück. Damit war die Zwiebel dort schon fester Bestandteil des Alltags, als die große Pyramide von Gizeh noch nicht existierte. Die Ägypter malten Zwiebeln an die Innenwände ihrer Pyramiden und Grabkammern. Sie legten sie auf die Festtafeln ihrer großen Feste und als Opfergaben auf ihre Altäre.

Und sie verfütterten sie an die Arbeiter, die die Pyramiden bauten. Die alten Ägypter glaubten, die Zwiebel gebe den Männern Kraft für die schwere Arbeit in der Wüstenhitze. Ob das in irgendeiner Form wissenschaftlich haltbar war, wusste damals niemand. Aber die Pyramiden stehen noch heute.

Auch in Mesopotamien war die Zwiebel geschätzt. Die Sumerer im heutigen Irak bauten sie spätestens ab 2500 vor Christus an. Eine sumerische Keilschrifttafel aus dieser Zeit beschreibt, wie jemand das Zwiebelfeld des Stadtgouverneurs umpflügte. Ob das eine Beschwerde oder ein Geständnis war, lässt sich heute nicht mehr sagen.

Aber es zeigt, dass Zwiebeln in der sumerischen Gesellschaft offenbar wichtig genug waren, um einen offiziellen Eintrag auf einer Tontafel zu rechtfertigen. Zurück zu Ramses I. und seinen Zwiebelaugen. Das Detail ist nicht nur skurril, es ist aufschlussreich.

Die Zwiebeln in seinen Augenhöhlen sahen laut den Aufzeichnungen des Archäologen Grafton Elliot Smith, der die Mumie 1905 untersuchte, erstaunlich lebensecht aus. Zusätzlich hatte man seine Nasenlöcher mit Zwiebelschale bedeckt, möglicherweise wegen der antiseptischen Eigenschaften der Pflanze. Kein anderer Pharao wurde auf diese Weise behandelt. Die Mumie befindet sich heute im Nationalmuseum der ägyptischen Zivilisation in Kairo, nachdem sie 2021 im Rahmen der Goldenen Parade der Pharaonen dorthin überführt wurde.

Die Ägypter waren überzeugt, dass die Zwiebel mit ihrem scharfen Geruch böse Geister fernhalten und den Toten auf ihrer Reise ins Jenseits Kraft schenken konnte. Wenn ein Gemüse mächtig genug ist, einen Pharao ins nächste Leben zu begleiten, dann hat es sich seinen Platz in der Menschheitsgeschichte verdient. Von Nordafrika gelangte die Zwiebel über Handelsrouten und Eroberungen ins antike Griechenland. Alexander der Große, so heißt es, brachte Zwiebeln von Ägypten nach Griechenland – und dort wurde die Knolle zum Geheimtipp einer ganz bestimmten Gruppe: der Athleten.

Im antiken Griechenland bereiteten sich die Teilnehmer der Olympischen Spiele auf ihre Wettkämpfe vor, indem sie pfundweise Zwiebeln aßen. Nicht ein paar Scheiben im Salat, sondern buchstäblich pfundweise roh. Dazu tranken sie reinen Zwiebelsaft. Und als wäre das nicht genug, rieben sie sich vor dem Wettkampf den gesamten Körper mit Zwiebeln ein.

Man kann sich lebhaft vorstellen, welchen Eindruck das auf die Gegner gemacht haben muss, noch bevor der erste Ringkampf begann. Allein der Geruch muss eine Waffe für sich gewesen sein. Die Griechen glaubten, die Zwiebel verleihe Stärke, Ausdauer und Mut. Und die Olympischen Spiele waren ernst genug, um jedes Mittel auszuprobieren, das einen Vorteil versprach.

Alexander der Große übernahm diese Überzeugung für seine Feldzüge. Er ließ seine Armeen vor Schlachten Zwiebeln essen, weil er überzeugt war: Was so scharf schmeckt, muss den Körper stark machen. Alexanders Truppen eroberten ein Reich, das von Griechenland bis nach Indien reichte. Man kann nicht beweisen, dass die Zwiebeln daran schuld waren.

Aber man kann es auch nicht ausschließen. Die Medizin der Antike kam ohne die Zwiebel ebenfalls nicht aus. Der griechische Arzt Hippokrates, oft als Vater der westlichen Medizin bezeichnet, verschrieb Zwiebeln als harntreibendes Mittel, zur Wundbehandlung und gegen Lungenentzündung. Sein Landsmann Dioskurides, ein Militärarzt unter dem römischen Kaiser Nero im ersten Jahrhundert nach Christus, katalogisierte die medizinischen Anwendungen der Zwiebel noch ausführlicher.

Dann eroberte Rom die griechische Welt – und die Zwiebel wurde zur Standardzutat im gesamten Imperium. Plinius der Ältere, Roms bekanntester Naturforscher und Autor der berühmten Naturalis Historia, listete in seinem Werk 27 verschiedene Heilmittel auf Zwiebelbasis auf. Er war überzeugt, dass Zwiebeln schlechte Augen heilen, Schlaflosigkeit bekämpfen, Mundgeschwüre lindern, Zahnschmerzen vertreiben und gegen Ruhr wirken könnten. 27 verschiedene medizinische Anwendungen – für ein Gemüse, das die meisten Menschen heute einfach in den Topf werfen, ohne groß darüber nachzudenken.

Die Gladiatoren im Kolosseum übernahmen derweil eine Variante der griechischen Athletentradition. Sie ließen sich vor dem Kampf mit Zwiebelsaft einreiben, weil sie glaubten, das straffe ihre Muskeln und gebe ihnen Energie und Mut für die Arena. Ob der Zwiebelsaft die Muskeln tatsächlich gestrafft hat, ist mehr als fraglich. Aber die Gladiatoren waren im antiken Rom Superstars – und wenn sie auf Zwiebeln schworen, dann hatte das Gewicht.

Kaiser Nero selbst war ein erklärter Zwiebelfan. Er aß laut Plinius an bestimmten Festtagen des Monats ausschließlich Schnittlauch in Öl und sonst nichts, weil er überzeugt war, das sei gut für seine Stimme. Und auch in Homers Odyssee taucht die Zwiebel auf: Sie soll Odysseus auf seiner Reise Kraft verliehen haben. Die antike Welt von Griechenland bis Rom war sich offenbar einig, dass die Zwiebel etwas Besonderes war.

Was die Römer für die Geschichte der Zwiebel besonders bedeutsam machte, war allerdings nicht ihre Medizin und nicht ihre Gladiatoren. Es war ihre Reichweite. Römische Legionäre trugen Zwiebeln mit sich, wohin auch immer sie marschierten – von Italien nach Spanien, über den Balkan bis nach Germanien und Britannien. Überall, wo Rom ein Lager errichtete oder eine Siedlung gründete, pflanzten die Soldaten auch Zwiebeln an.

Archäologische Ausgrabungen in ehemaligen römischen Militärlagern, darunter sogar Funde auf einer abgelegenen schwedischen Insel, haben verkohlte Zwiebelreste zutage gefördert, die über 1500 Jahre alt sind. So verbreitete sich die Knolle über den gesamten europäischen Kontinent – Provinz für Provinz. Als das Römische Reich schließlich zerfiel, blieb die Zwiebel. Im europäischen Mittelalter war sie so fest im Alltag verankert, dass sie eine eigene wirtschaftliche Rolle übernahm.

Zwiebeln waren so wertvoll, dass sie als Zahlungsmittel dienten. Menschen bezahlten ihre Miete mit Zwiebeln. Paare schenkten einander Zwiebeln zur Hochzeit. Das mag heute merkwürdig klingen, fast lächerlich.

Aber in einer Zeit, in der frisches Gemüse im Winter Mangelware war und eine einzelne Knolle monatelang haltbar blieb, war die Zwiebel eine echte Währung – zuverlässiger als manche Münze. Die europäischen Siedler, die später nach Amerika aufbrachen, nahmen auch einen mittelalterlichen Aberglauben mit: Eine Zwiebel über der Haustür aufgehängt, sollte vorüberziehende Krankheiten absorbieren und die Bewohner des Hauses schützen. Der Glaube war weit verbreitet und hielt sich in ländlichen Gegenden noch jahrhundertelang. Die mittelalterliche Medizin setzte die Tradition der Antike fort und erweiterte sie deutlich.

Ärzte verschrieben Zwiebeln gegen Kopfschmerzen, gegen Haarausfall und im 16. Jahrhundert sogar gegen Unfruchtbarkeit bei Frauen und Tieren. Im Kochbuch The Form of Cury, geschrieben vom Koch des englischen Königs Richard II. im 14.

Jahrhundert, tauchen Zwiebeln als Zutat in zahlreichen Rezepten auf. Die Zwiebel war also nicht nur Essen der Armen, sondern auch der Könige. Und dann kam die Pest. Als der Schwarze Tod im 14.

Jahrhundert über Europa hereinbrach und ganze Landstriche entvölkerte, griffen die Menschen nach allem, was Rettung versprach. Aufgeschnittene rohe Zwiebeln wurden auf den Körper gerieben, weil man überzeugt war, sie könnten die Infektion aus der verseuchten Luft herausziehen. In England erschien 1594 eine Schrift mit dem Titel Present Remedies Against the Plague, in der behauptet wurde, Zwiebeln könnten jede Ansteckung aus verdorbener Luft absorbieren. Im London des 17.

Jahrhunderts gab es sogar den Vorschlag, ein Schiff voll geschälter Zwiebeln die Themse hinabtreiben zu lassen, um die verpestete Stadtluft zu reinigen. Geholfen hat das natürlich nicht. Gegen die Pest war die Zwiebel machtlos. Aber das Vertrauen, das die Menschen in sie setzten, selbst angesichts des Todes, zeigt, wie tief die Bindung zwischen Mensch und Zwiebel reichte.

Während Europa mit Krankheiten und Aberglauben kämpfte, gelangte die Zwiebel auf die andere Seite des Atlantiks. Christoph Kolumbus fand auf seiner ersten Entdeckungsreise in die Karibik keine Zwiebeln vor – also brachte er auf seiner zweiten Fahrt 1494 Zwiebelsamen mit. Zusammen mit Pferden, Rindern und Schafen pflanzte seine Mannschaft Zwiebeln auf der Insel Hispaniola, dem heutigen Gebiet der Dominikanischen Republik und Haitis. Von dort verbreitete sich der Anbau langsam über die Karibik.

Die Pilgerväter, die 1620 mit der Mayflower in Nordamerika ankamen, brachten ebenfalls Zwiebeln mit über den Ozean. Laut ihren Tagebüchern gehörten Zwiebeln zu den ersten Gemüsesorten, die sie anpflanzten, sobald sie das Land gerodet hatten. In Massachusetts standen 1629 bereits Zwiebelfelder, in Virginia wurden sie 1648 gepflanzt. Was die europäischen Siedler allerdings schnell herausfanden, überraschte sie: Die Ureinwohner Nordamerikas kannten wilde Zwiebeln schon seit Generationen.

Wilde Zwiebelsorten wuchsen über den gesamten Kontinent verteilt, von den Großen Seen bis zu den Ebenen des Mittleren Westens. Die Ureinwohner aßen sie roh und gekocht, verwendeten sie für Sirupe gegen Erkältungen, als Zutat in Umschlägen gegen Ohrenschmerzen, zur Herstellung von Farbstoffen und sogar als Spielzeug für Kinder. In manchen Stämmen legte man rohe Zwiebeln in die Krankenzimmer, weil man glaubte, sie könnten Krankheitserreger aus der Luft aufnehmen. Der französische Entdecker und Missionar Père Marquette und sein Team wurden 1674 auf einer Reise von Green Bay in Wisconsin nach Chicago angeblich nur durch wilde Zwiebeln vor dem Verhungern gerettet.

Die Zwiebel wartete also auf beiden Seiten des Ozeans. Innerhalb weniger Jahrhunderte hatte sie praktisch jeden bewohnten Kontinent erreicht. Sie wuchs in den Gärten von Pharaonen und Pilgern, auf den Feldern chinesischer Bauern und indischer Händler, auf den Landgütern von George Washington – der übrigens ein begeisterter Zwiebelfan war und den Anbau auf seinem Anwesen Mount Vernon anordnete – und auf den Feldern von Thomas Jefferson in Monticello, wo Zwiebeln vor, während und nach dem Unabhängigkeitskrieg eine Standardkultur waren. Selbst im amerikanischen Bürgerkrieg spielte die Zwiebel eine Rolle.

Feldlazarette beider Seiten verwendeten Zwiebelsaft zur Behandlung von Wunden und zur Vorbeugung gegen Wundbrand. General Ulysses S. Grant soll die Zwiebel sogar als so wichtig für die Versorgung seiner Truppen angesehen haben, dass er ihren Nachschub zur Priorität machte. Aber eine Frage haben wir noch nicht beantwortet – die Frage, die sich jeder stellt, der schon einmal eine Zwiebel geschnitten hat: Warum bringt dieses Gemüse einen zum Weinen?

Die Antwort führt in die Biochemie. Wenn man ein Messer durch eine Zwiebel zieht, zerstört man Tausende ihrer Zellen. In einer intakten Zwiebel sind bestimmte chemische Stoffe sorgfältig voneinander getrennt, in verschiedenen Bereichen der Zelle gelagert. Das Messer bricht diese Trennung auf.

Plötzlich treffen Enzyme auf schwefelhaltige Verbindungen, die vorher keinen Kontakt hatten. Ein Enzym namens Alliinase verwandelt die Schwefelverbindungen in sogenannte Sulfensäure, eine instabile Zwischenverbindung, die am Anfang einer chemischen Kettenreaktion steht. Und dann passiert etwas, das die Wissenschaft erst im Jahr 2002 vollständig verstanden hat. Bis dahin hatten Chemiker angenommen, die Alliinase sei allein für die Tränen verantwortlich.

Aber ein japanisches Forscherteam unter der Leitung von Shinsuke Imai entdeckte ein zweites, bis dahin völlig unbekanntes Enzym: die sogenannte Tränenfaktor-Synthase, auf Englisch Lachrymatory Factor Synthase. Dieses Enzym fängt einen Teil der Sulfensäure ab und verwandelt ihn in eine flüchtige Schwefelverbindung mit dem komplizierten Namen syn-Propanethial-S-oxid. Das ist der eigentliche Übeltäter. Diese Verbindung ist gasförmig und steigt sofort in die Luft auf.

Sie erreicht die feuchte Oberfläche der Augen und reagiert dort mit dem Wasser des Tränenfilms. Dabei entsteht eine verdünnte Schwefelsäure, die die Nervenenden in der Hornhaut reizt. Diese Nerven gehören zum Trigeminusnerv, dem fünften Hirnnerv, der für Berührungs-, Temperatur- und Schmerzempfindungen im Gesicht zuständig ist. Das Gehirn interpretiert das Signal als Bedrohung und gibt den Befehl an die Tränendrüsen: sofort spülen.

Genau deshalb weint man. Es ist ein Schutzreflex – genauso automatisch wie Blinzeln, wenn Staub ins Auge fliegt. Das Ganze ist keine Laune der Natur. Es ist eine Verteidigungsstrategie, die die Zwiebel über Millionen von Jahren perfektioniert hat.

Wenn ein Tier in die Knolle beißt, bekommt es denselben Reizstoff ab. Die meisten Tiere lernen schnell, dass Zwiebeln besser in Ruhe gelassen werden. Der Mensch hat allerdings beschlossen, die Tränen einfach zu ignorieren und die Zwiebel trotzdem zu essen. Jeden Tag, in jedem Land, seit Tausenden von Jahren.

Chemisch betrachtet führen wir jedes Mal, wenn wir in der Küche stehen und uns die Augen tränen, einen Kampf, den diese Pflanze seit der Urzeit führt. Sie will nicht gefressen werden. Wir tun es trotzdem. Übrigens gibt es seit einigen Jahren Versuche, das Tränenproblem zu lösen.

Ein neuseeländisches Unternehmen für Lebensmitteltechnologie hat eine gentechnisch veränderte Zwiebel entwickelt, bei der das Tränenfaktor-Enzym abgeschaltet ist. Die Ergebnisse wurden 2008 im Fachjournal Plant Physiology veröffentlicht. Diese Zwiebel bringt einen also nicht zum Weinen. Ob sie sich jemals am Markt durchsetzen wird, ist offen.

Manche Köche argumentieren, dass der scharfe Biss einer normalen Zwiebel genau das ist, was ein Gericht braucht – und eine zahmere Version dem Geschmack schadet. Wer sich lieber auf bewährte Methoden verlassen möchte, hat ein paar einfache Optionen: Die Zwiebel 30 Minuten vor dem Schneiden in den Kühlschrank legen – das verlangsamt die Enzymreaktionen. Unter fließendem kaltem Wasser schneiden hilft ebenfalls, weil das Gas wasserlöslich ist. Und ein wirklich scharfes Messer zerstört weniger Zellen als ein stumpfes – also wird auch weniger Reizstoff freigesetzt.

Jetzt könnte man denken, die Zwiebel sei ein nettes Kapitel in der Kulturgeschichte – ein Gemüse, das eben schon lange dabei ist. Aber wenn man sich die Zahlen der modernen Welt anschaut, wird schnell klar, dass die Zwiebel weit mehr ist als eine Beilage. Die weltweite Zwiebelproduktion lag im Jahr 2024 bei rund 116 Millionen Tonnen. 116 Millionen Tonnen eines einzigen Gemüses in einem einzigen Jahr.

Damit ist die Zwiebel nach der Kartoffel das meist angebaute und meist konsumierte Gemüse der Erde. Weltweit werden jährlich rund 100 Milliarden Pfund produziert; im Durchschnitt isst jeder Mensch auf der Erde knapp sechs Kilogramm pro Jahr. In Ländern wie Tadschikistan, Niger und Usbekistan liegt der Pro-Kopf-Verbrauch noch deutlich höher. Zwei Länder dominieren die globale Produktion wie keine anderen.

Indien steht an der Spitze mit rund 31 Millionen Tonnen im Jahr 2024. China folgt mit etwa 26 Millionen Tonnen. Zusammen stellen diese beiden Länder über die Hälfte der gesamten Welternte. Dahinter kommen Ägypten mit rund 4 Millionen Tonnen und die Vereinigten Staaten mit gut 3 Millionen Tonnen.

China setzt dabei auf eine Anbaufläche von über 9 Millionen Morgen Land, und die Erträge pro Hektar liegen knapp 70 Prozent über dem Weltdurchschnitt. Der wirtschaftliche Wert des globalen Zwiebelmarkts lag 2024 bei rund 56 Milliarden US-Dollar. Bis 2030 soll er auf fast 72 Milliarden Dollar anwachsen. Das ist eine Industrie, die größer ist als die Wirtschaftsleistung vieler Länder – und sie basiert auf einer einzigen Knolle.

Gelb, Rot und Weiß sind die drei Hauptfarben. Gelbe Zwiebeln machen rund 75 Prozent der weltweiten Produktion aus. Sie sind die Allrounder der Küche, die Basis für Saucen, Suppen und Schmorgerichte überall auf der Welt. Rote Zwiebeln dominieren in Südasien und werden dort vor allem roh gegessen, in Salaten serviert oder in Currys verwendet.

Weiße Zwiebeln sind in Mittelamerika und in Teilen der USA verbreitet. Bei Ausgrabungen im antiken Pompeji, das 79 nach Christus von der Lava des Vesuvs begraben wurde, fand man verkohlte Zwiebelreste in Privathäusern und Gasthäusern. Die Zwiebel war also schon in der Antike buchstäblich überall, wo Menschen aßen. Wer denkt, bei einem so alltäglichen Produkt gehe es in der Politik ruhig zu, der kennt Indien nicht.

In Indien ist die Zwiebel weit mehr als ein Lebensmittel. Sie ist eine politische Waffe – und zwar eine unberechenbare. Im Dezember 2023 verhängte die indische Regierung ein Exportverbot für Zwiebeln, um die steigenden Einzelhandelspreise vor der Parlamentswahl zu senken. Im November hatte die Anlieferung auf den Großmärkten stark nachgelassen, und die Preise in Mumbai waren auf über 60 Rupien pro Kilogramm gestiegen.

Das Exportverbot zeigte sofortige Wirkung. Innerhalb weniger Monate fiel der Preis um rund 40 Prozent. Klingt nach einem Erfolg. Nur hatten die Zwiebelbauern nichts davon.

Die Landwirte, die von ihren Ernten leben, standen plötzlich vor dem finanziellen Ruin. In den Anbauregionen Maharashtras, besonders rund um die Stadt Nashik, sank der Großhandelspreis teilweise auf wenige Rupien pro Kilogramm. Die Bauern protestierten auf den Straßen, blockierten nationale Fernstraßen an mehreren Stellen und störten die Versteigerungen auf den Großmärkten. Im Bezirk Deola in Nashik errichteten die Bewohner Schilder, die jedem Wahlkampfkandidaten den Eintritt in die gesamte Region untersagten.

Kein Politiker durfte mehr kommen und um Stimmen werben. Ende März 2024 verlängerte die Regierung das Exportverbot unbefristet – nur Wochen vor dem Beginn der Parlamentswahl. Länder wie Bangladesch, Malaysia, Nepal und die Vereinigten Arabischen Emirate, die auf indische Zwiebelimporte angewiesen waren, kämpften daraufhin mit explodierenden Preisen auf ihren eigenen Märkten. Die Opposition griff das Thema auf.

Der Oppositionspolitiker Sharad Pawar sagte bei einer Pressekonferenz in Nashik: „Die Bauern sind unzufrieden mit den aktuellen Herrschern, und die Regierungspartei wird dafür einen Preis zahlen. “

Ende April, als die Kritik nicht mehr abnahm und die Abstimmung bereits lief, hob die Regierung das Verbot schließlich auf – kombiniert mit einem Mindestexportpreis und einem Exportzoll von 40 Prozent. Innerhalb kurzer Zeit wurden über 45. 000 Tonnen Zwiebeln exportiert, hauptsächlich in den Nahen Osten und nach Bangladesch.

Die Zwiebel hatte also wieder einmal bewiesen, was sie kann: In der größten Demokratie der Welt, in einem Land mit über einer Milliarde Menschen, kann eine einzelne Knolle ganze Regierungen unter Druck setzen. In der indischen Politik haben Zwiebeln schon wiederholt Wahlergebnisse beeinflusst. Steigen die Preise zu hoch, sind die Verbraucher wütend. Fallen sie zu tief, sind die Bauern wütend.

Es gibt keinen Preis, bei dem alle zufrieden sind. Und weil sowohl Verbraucher als auch Bauern riesige Wählergruppen darstellen, ist die Zwiebel in Indien ein permanentes politisches Risiko. Kein anderes Gemüse hat diese Macht. Wenn man einen Schritt zurücktritt und die gesamte Geschichte betrachtet – von den Bergen Zentralasiens über die Gräber der Pharaonen, die Arenen Roms und die Pestgassen des Mittelalters bis zu den Wahlkämpfen Indiens –, dann wird etwas sichtbar, das man bei einem so gewöhnlichen Lebensmittel nicht erwartet hätte.

Die Zwiebel ist keine gewöhnliche Zutat. Sie ist ein Kulturphänomen, das älter ist als die meisten Zivilisationen, die sie genutzt haben. Sie wurde angebetet in Ägypten, als Dopingmittel eingesetzt in Griechenland, als Medizin verschrieben in Rom, als Währung gehandelt im Mittelalter, über den Atlantik getragen von Kolumbus und den Pilgervätern – und sie schiebt noch heute die Innenpolitik ganzer Nationen vor sich her. Und nebenbei bringt sie jeden einzelnen Menschen, der ein Messer ansetzt, zum Weinen – nicht aus Trauer, sondern weil sie sich wehrt.

Mit einem chemischen Mechanismus, der Millionen Jahre älter ist als jede menschliche Küche. Von allen Gemüsen, die die Menschheit hätte wählen können, hat sie sich für das entschieden, das zurückschlägt. Und sie hat es zum festen Bestandteil jeder Kochtradition auf diesem Planeten gemacht. In der französischen Zwiebelsuppe, im indischen Curry, in der mexikanischen Salsa, im japanischen Gyudon, in der türkischen Pide, im äthiopischen Doro Wat – überall auf der Welt, und das seit über 5000 Jahren.

Die ältesten Kulturen der Menschheit haben die Zwiebel verehrt. Die moderne Welt kann ohne sie nicht kochen. Und wenn eine einzelne Knolle in der Lage ist, die Wirtschaftspolitik des bevölkerungsreichsten Landes der Erde zu erzwingen, dann ist die Zwiebel vielleicht das wichtigste Gemüse, das es gibt.

Nicht weil sie scharf ist, sondern weil niemand auf sie verzichten kann.