Der Saal im Grand Palais in Paris war bis auf den letzten Platz gefüllt, als Christie’s die Sammlung von Yves Saint Laurent und Pierre Bergé versteigerte. Unter den Meisterwerken befanden sich zwei Bronzeköpfe aus dem 18. Jahrhundert – ein Rattenkopf und ein Hasenkopf, die einst den Kaiserpalast in Peking geschmückt hatten. In China löste die Ankündigung der Auktion einen Sturm der Entrüstung aus.

„Diese beiden Objekte wurden uns gestohlen. Das ist Diebesgut“, hieß es aus Peking. Pierre Bergé sah das völlig anders. „Diese beiden Tierköpfe aus dem Sommerpalast habe ich bei einem großen Händler gekauft, bei dem Saint Laurent und ich regelmäßige Kunden waren.
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Doch die Köpfe stammten aus einem Kunstraub, der sich 1860 am Ende des Zweiten Opiumkrieges ereignet hatte, als britisch-französische Truppen den Sommerpalast plünderten und zerstörten. Für die Chinesen war diese Demütigung bis heute eine offene Wunde. Über ihren ästhetischen Wert hinaus hatten die Bronzeköpfe für das chinesische Volk einen unschätzbaren Wert als nationales Kulturerbe. Pierre Bergé weigerte sich, sie zurückzugeben.
„Ich sah keinen Grund, dem chinesischen Staat ein Geschenk zu machen. Ich habe immer gesagt: Sobald Sie sich bemühen, die Menschenrechte zu achten, schenke ich Ihnen die Köpfe. Das war mein Ernst – aber das Risiko war überschaubar. “
Die Auktion brachte 31 Millionen Euro für die beiden Köpfe.
Den Zuschlag erhielt ein chinesischer Geschäftsmann, der anonym bleiben wollte. Fünf Tage später sorgte er für eine Sensation: Bei einer Pressekonferenz in Peking gab er seine Identität preis und verkündete, dass er sich weigere, Objekte zu bezahlen, die seinem Land gestohlen worden seien. Der Kauf wurde annulliert, die Köpfe blieben bei Pierre Bergé. Der Fall wurde zum Politikum.
Peking wollte nicht nur eine alte Wunde heilen, sondern auch seine neue Stärke demonstrieren. Für China wurden die beiden Bronzeköpfe zum Sinnbild der Plünderung durch den Westen. Christie’s, das der Hehlerei beschuldigt wurde, wollte die Wogen glätten. François Pinault, der Eigentümer des Auktionshauses, schickte einen Unterhändler zu Pierre Bergé, um die Bronzen zu kaufen.
„Mir war klar: Wenn jemand wie François Pinault die chinesischen Köpfe kauft, dann um sie der Volksrepublik zurückzugeben. So etwas nennt man ein Geschäft“, sagte Bergé. Offiziell machte Pinault das Geschenk aus Freundschaft zum chinesischen Volk. Aber das war nur die halbe Wahrheit.
Wenige Wochen nach der Rückgabe erhielt sein Auktionshaus erstmals die offizielle Arbeitserlaubnis für China. Ein Gewinn für beide Seiten. Dieser Streit war kein Einzelfall. Immer mehr Herkunftsländer forderten die Rückgabe ihrer gestohlenen Kulturgüter aus den großen Museen der westlichen Welt.
Das wichtigste Instrument gegen den illegalen Antikenhandel war die UNESCO-Konvention von 1970. Sie verpflichtete die Vertragsstaaten zur Rückgabe unrechtmäßig angeeigneter Artefakte. Ab sofort galt: Ein Objekt mit ungeklärter Herkunft konnte nicht Gegenstand einer legalen Transaktion sein. Doch viele Jahre wurde diese Konvention ignoriert.
Dann ging Italien in die Offensive. 2005 verhaftete die italienische Polizei die Leiterin der Antikenabteilung des Getty Museums in Los Angeles, Marion True. Sie wurde in Rom wegen Hehlerei und Kunstschmuggels angeklagt. Der Prozess stand am Ende einer zehnjährigen Untersuchung des römischen Staatsanwalts Paolo Ferri.
1995 hatte Ferri von einem groß angelegten Handel mit archäologischen Funden erfahren. Tausende hochwertige Objekte sollten auf dem Schwarzmarkt verkauft worden sein. Im Mittelpunkt stand der italienische Kunsthändler Giacomo Medici. Die Durchsuchung seiner Lagerräume löste einen Erdrutsch aus.
„Die Sammlung von Medici war wirklich beeindruckend. Wir trafen auf wunderschöne Objekte. Hinter dem Verkaufsraum gab es noch mehrere Räume mit zahlreichen Objekten, eingewickelt in Zeitungspapier und verpackt in Obstkisten. Es gab ein Netzwerk von Grabräubern und regionalen Zwischenhändlern, das weltweit operierte.
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Laut Schätzungen einer amerikanischen Universität wurden in 40 Jahren rund eine Million Fundstücke italienischen Ursprungs in der ganzen Welt vermarktet – so viel wie der Bestand mehrerer großer italienischer Museen zusammen. Medici wurde zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Klage gegen Marion True wurde schließlich fallen gelassen, weil die Taten verjährt waren. Doch das Getty Museum und viele andere Häuser gerieten zunehmend unter Druck.
„Viele Museen bildeten sich ein, sie könnten aus illegalen Quellen ankaufen und es dann so aussehen lassen, als handle es sich um einen fast legalen Markt“, sagte der Staatsanwalt. Italien erhöhte den Druck. „Ich sagte zu den großen Museen: Liebe Freunde, wenn ihr nicht mitspielt, stellen wir jegliche Kooperation ein. Ab morgen werden die italienischen Museen keines ihrer Meisterwerke mehr verleihen.
Am nächsten Tag hatten sie ihren Widerstand aufgegeben. “
Über 300 widerrechtlich erworbene Werke gaben die großen Museen der Welt zurück. Das Getty, das Fine Arts Museum in Boston und das Metropolitan Museum in New York mussten ihre Fehler öffentlich eingestehen. Der Fall Medici hatte das Kräfteverhältnis zwischen Herkunftsländern und Museen umgekehrt.
Auch andere Staaten begannen, die Herkunft westlicher Sammlungen in Zweifel zu ziehen. Eine offizielle Delegation aus dem Irak reiste nach Berlin, um zu klären, warum sich das berühmte Ischtar-Tor aus Babylon im Pergamonmuseum befand. Das Tor war Ende des 19. Jahrhunderts nach Deutschland gelangt.
Die irakischen Gesandten verlangten einen rechtlichen Nachweis. Die Museumsleitung konnte belegen, dass die Ausfuhr vom Osmanischen Reich genehmigt worden war. Die Delegation akzeptierte, dass es sich um eine wissenschaftliche Rekonstruktion handelte. „Solche Herkunftsprüfungen müssen wir für die gesamte Sammlung anstellen.
Bei 500. 000 Objekten ist das eine gewaltige Aufgabe, die uns Jahrzehnte beschäftigen wird“, sagte der Museumsdirektor. Das Pergamonmuseum hatte den Erwerb neuer Objekte bereits in den 1930er Jahren eingestellt, lange vor der UNESCO-Konvention, die nicht rückwirkend gilt. Damit war die Sammlung grundsätzlich vor Restitutionsforderungen sicher.
Die Türkei sah das anders. „In Gaziantep wurden 20 Werke von unschätzbarem Wert gestohlen, und wir wissen genau, in welchen Museen sie sich befinden. Wir haben eine Liste mit sämtlichen geraubten Objekten, die sich in den großen Museen im Ausland befinden. Wir werden sie ihnen aushändigen.
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Diese Liste enthielt auch Exponate des Berliner Pergamonmuseums. Obwohl die Objekte vor 1970 ausgeführt wurden, bestand die Türkei auf ihrer Rückgabe. Die Forderung ging von der Regierung aus. Man wollte die koloniale Haltung gegenüber dem eigenen kulturellen Erbe überwinden.
Rund 4. 000 Objekte kehrten daraufhin in die Türkei zurück. Einer der größten Erfolge war die Rückgabe des Orpheus-Mosaiks, das in den 1950er Jahren gestohlen und später vom Kunstmuseum in Dallas erworben worden war. Während die Herkunftsländer über den gesetzlichen Rahmen verfügten, folgte der private Kunsthandel den Gesetzen des Marktes.
Wie viele Objekte in den Schaufenstern der Antikenhändler eine tadellose Herkunft hatten, ließ sich meist nicht überprüfen. Arthur Brand, Europas bekanntester Kunstdetektiv, half Sammlern und Staaten, keine falschen oder illegalen Artefakte zu kaufen. Er spürte Objekte von zweifelhafter Herkunft auf und bediente sich dabei unorthodoxer Methoden. „Manchmal muss ich Leuten Informationen entlocken, die sie mir normalerweise nie geben würden.
Hier drin stecken eine Kamera und ein Mikro. Ich habe keine Angst, selbst wenn jemand genau hinschaut. Ich bin noch nie aufgeflogen. “
In einem Fall befragte er einen Händler, der Objekte aus Kambodscha anbot, wo in den 1970er Jahren Bürgerkrieg herrschte.
„Ich frage ihn gezielt, ob die Objekte vor dem Krieg nach Europa kamen oder danach. Und er sagt: Ich bin mir nicht sicher. Also wurden diese Stücke vermutlich während des Krieges gestohlen. Ansonsten gäbe es Papiere.
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Der Händler nannte eine Quelle namens Koutoulakis aus der Schweiz. „Man denkt, wunderbar, dabei ist es die schlimmste Herkunft überhaupt. Wenn jemand, der das Geschäft kennt, den Namen Koutoulakis hört, läuten bei ihm die Alarmglocken. Gerade musste ein amerikanisches Museum ein Objekt zurückgeben, weil es von diesem Händler erworben worden war.
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Die wenigsten Kunden fragten nach. Reichen Sammlern war das oft egal. „Sie wissen, dass die meisten angebotenen Antiken illegal ausgeführt wurden, aber sie sehen das Stück und schlagen zu. Die Händler sagen nichts, die Sammler wollen nichts wissen, und die Polizei hat keine Zeit.
Es ist ein geschlossener Kreislauf. Jeder schaut weg. “
So funktionierte der illegale Handel: An der Basis standen die Grabräuber, die in Gruppen von etwa zehn Personen arbeiteten. Sie verkauften ihre Beute an regionale Zwischenhändler, die den Transport ins Ausland übernahmen.
Dort trat der internationale Zwischenhändler auf – das letzte Glied der illegalen und das erste Glied der legalen Kette. Er hatte falsche Herkunftsbescheinigungen, mit denen die Ware gewaschen wurde. Ein Objekt, das ursprünglich für einen geringen Betrag gekauft wurde, konnte am Ende das Hundert- oder Tausendfache wert sein. Der illegale Antikenhandel verlief überall nach demselben Muster und umspannte den gesamten Erdball.
Die UNESCO versuchte, die Konvention von 1970 auf Privatgeschäfte auszuweiten. Anfang der 1980er Jahre gab sie UNIDROIT den Auftrag, eine neue Konvention mit internationalen Regeln für den privaten Antikenmarkt zu erarbeiten. Die Initiative stieß auf massiven Widerstand. „Wir haben den Staaten erklärt: Ihr habt eure Gesetze, aber wenn Kulturgüter, die eurem Land gestohlen wurden, woanders wieder auftauchen, gilt jedes Mal das nationale Recht dieses Landes.
Das ist entscheidend dafür, ob ihr euer Eigentum zurückbekommt oder nicht. Das ist nicht hinnehmbar. “
Einigen Regierungen ging die Konvention zu weit. „Diese Maßnahme hat einen negativen Beigeschmack.
Sie erfordert erhebliche Gesetzesänderungen und berührt die Interessen des Kunstmarkts. “ Fast wäre das Projekt gescheitert. 1995 wurde die UNIDROIT-Konvention schließlich verabschiedet. Es war die erste Vereinbarung zur Regelung des privaten Handels von Kulturgut.
Doch als sie 2002 in Frankreich ratifiziert werden sollte, leistete der Verband der Antiquitätenhändler erbitterten Widerstand. In der Nationalversammlung wurde heftig debattiert. „Nein, die UNIDROIT-Konvention war ein Fehler“, hieß es. Die Händler protestierten gegen die Regelung, dass illegal ausgeführtes Kulturgut als Raubgut galt und vom Herkunftsland reklamiert werden konnte – selbst wenn es vor 50 Jahren geraubt worden war.
„Sie hätten es wissen müssen“, argumentierten die Befürworter. Trotz des Widerstands wurde die Konvention im Januar 2002 von der Nationalversammlung verabschiedet. Doch nur fünf Monate später begrub die neue konservative Regierung das Gesetz wieder. Bis heute wurde die Konvention weder in Frankreich noch in Deutschland ratifiziert.
Die UNESCO-Konvention von 1970 zählte inzwischen 128 Vertragsstaaten. Die UNIDROIT-Konvention dagegen wurde nur von 37 Ländern ratifiziert – kein einziger Kunstmarktstaat hatte sie verankert. Der Antikenhandel freute sich. Begünstigt wurde das Geschäft durch das System der Freihäfen, eine der größten Grauzonen des Kunstmarkts.
Ursprünglich dienten sie der zollfreien Zwischenlagerung von Transitwaren. Doch bald lagerten Kunsthändler dort Kunst und Kulturgüter – fernab der Öffentlichkeit, ohne Kontrolle. Schätzungen zufolge lagerten im Genfer Freihafen über eine Million Kunstwerke – doppelt so viele wie im Louvre. Die Betreiber garantierten absolute Diskretion.
Solange die Werke im Freihafen blieben, konnten sie beliebig oft verkauft werden, ohne dass Steuern anfielen. Doch die vielen Skandale zwangen die Schweiz, ihre Gesetze zu ändern. Heute mussten die Mieter zumindest offiziell eine genaue Inventarliste führen. Ein spektakulärer Fall zeigte, wie der Freihafen genutzt wurde: 2010 beschlagnahmte der Zoll im Lager des Händlers Ali Abu Tamam einen römischen Sarkophag aus dem zweiten Jahrhundert.
Abu Tamam, einer der größten Antikenhändler der Welt, behauptete, der Sarkophag sei seit 25 Jahren im Besitz seiner Familie. Er wollte ihn an die Stiftung Gandur verkaufen, die ihn dem Genfer Kunstmuseum schenken wollte. Jean-Claude Gandur, Genfs größter Kunstsammler, ließ die Herkunft prüfen. „Der Händler hatte Belege, dass sich das Objekt seit 2002 in seinem Inventar befand, aber nichts aus der Zeit davor.
Für einen Sarkophag von solcher Qualität keine älteren Dokumente zu haben, gab uns zu denken. “
Der Verkauf wurde annulliert. Da der Sarkophag vermutlich aus der heutigen Türkei stammte, informierten die Schweizer Behörden Ankara. Die Türkei leitete rechtliche Schritte ein.
2015 ordnete das Genfer Kantonsgericht die Rückführung des Sarkophags in die Türkei an. Doch Abu Tamam bestand auf seinem Anspruch und berief sich auf ein Zertifikat des Art Loss Register. Diese private Organisation führte die weltweit größte Datenbank verlorener und gestohlener Kunstwerke. Mehr als 400.
000 Objekte waren dort erfasst. „Ein Art-Loss-Zertifikat macht vielleicht Sinn bei klassischen Kunstdiebstählen. Aber in diesem Fall wusste der Eigentümer, der türkische Staat, gar nicht, dass er bestohlen wurde, weil der Sarkophag illegal ausgegraben wurde“, sagte der Anwalt der Türkei. Die Datenbank war unvollständig, denn Objekte aus Raubgrabungen wurden naturgemäß nirgendwo erfasst.
„Ich würde niemandem trauen, der sagt: Ich habe im Art Loss Register nachgefragt, mehr muss ich nicht tun“, räumte ein Mitarbeiter ein. Dennoch galt das Zertifikat im Handel als wichtiger Beweis, der den Kaufpreis vervielfachen konnte. Die mangelnde Harmonisierung der Gesetze blieb eines der größten Hindernisse im Kampf gegen die Antikenhehlerei. Erst 2014 beschäftigte sich Brüssel mit dem Thema.
Käufer sollten verpflichtet werden, einen Herkunftsnachweis einzuholen. Die neue Richtlinie wurde verabschiedet, doch ihr Geltungsbereich war äußerst begrenzt: Sie galt nur für Objekte aus EU-Ländern, die als nationales Kulturgut klassifiziert waren – ein Bruchteil aller gestohlenen Kunstschätze. Der illegale Handel hatte inzwischen industrielle Ausmaße angenommen. Die italienischen Carabinieri verfügten über die weltweit erfahrenste Spezialeinheit.
In den letzten 40 Jahren hatten sie an der Wiederbeschaffung von mehr als 800. 000 Objekten mitgewirkt. Heute ermittelten sie vor allem am Computer. „Das Internet ist zum wichtigsten Schaufenster des Antiken-Schwarzmarkts geworden.
Es gibt Online-Versteigerungen und Auktionshäuser, die ihre Kataloge online veröffentlichen. Im Jahr 2014 konnten wir auf diesem Weg etwa 1. 100 kulturelle Güter ausfindig machen. “
Obwohl der Antikenhandel als drittgrößter Schwarzmarkt der Welt galt, kümmerte sich lange Zeit kaum jemand darum.
Dann kamen die Bilder des IS, der Kulturstätten im Irak und in Syrien plünderte und zerstörte. „Ein Museum wird zerstört, weil es ein Museum ist. Diese Bilder der Zerstörung im Museum von Mossul sind unerträglich. “
Hinter den inszenierten Bildern verbarg sich ein weiteres Verbrechen: Plünderungen im großen Stil.
Experten vermuteten, dass sich der IS unter anderem über den Verkauf antiker Fundstücke finanzierte. „Überspitzt formuliert: Der An- und Verkauf geraubter Antiken finanziert die Enthauptung von Muslimen im Nahen Osten. Nichts verkaufen, nichts kaufen – die einzige Lösung“, sagte ein Vertreter des US-Außenministeriums. Doch woher wusste man, was vor Ort geschah?
Eine Organisation dokumentierte sämtliche Raubgrabungen in Syrien. Die Vereinigung zum Schutz des syrischen Kulturerbes wurde 2011 gegründet. Ihr Vorsitzender war der syrische Archäologe Cheikhmous Ali. Sein Büro war die Computerfestplatte, die Arbeit lief über das Internet.
„Ich kontaktiere die Leute in Syrien, die die Berichte schreiben und an uns weiterleiten. Wenn es um eine Plünderung geht, ziehen wir andere Experten hinzu. Erst dann informieren wir Interpol oder die UNESCO. “
Nach Informationen der Organisation war der IS nicht die einzige bewaffnete Gruppe, die Raubgrabungen vornahm.
„Alle Parteien, die in Syrien kämpfen, plündern. Aber die Rede ist nur vom IS, weil er seine Taten Hollywood-reif inszeniert. Das Problem beschränkt sich nicht auf die Terroristen. “
Cheikhmous Ali reiste regelmäßig in die Türkei, um sich mit seinen Kollegen zu treffen.
Doch die Türkei hatte die Grenze dicht gemacht. Früher waren die Übergänge offen gewesen. „Jetzt ist alles komplett abgeriegelt. Die Soldaten haben einen Schießbefehl.
Da kommt niemand lebend durch. Ich will nicht, dass jemand sein Leben aufs Spiel setzt, nur für ein Treffen. “
Einem Mitglied der Organisation war es trotzdem gelungen, Syrien zu verlassen. Khaled al-Asaad, der Neffe des ermordeten Palmyra-Direktors, hatte Informationen über den Antikenhandel aus der Region.
Ihm waren zwar viele Objekte angeboten worden, „aber das waren größtenteils gewöhnliche Sachen, Münzen und dergleichen. Berühmte Statuen oder große Stücke aus Palmyra habe ich noch nicht gesehen. “
Der Verdacht, dass sich der IS durch den Verkauf von Antiken finanzierte, erhärtete sich, auch wenn die Beweise fehlten. Kulturgüter konnten nun wie jede andere Schmuggelware eingestuft werden.
Der Druck auf die Sammler wuchs. Der Zoll führte verstärkt Hausdurchsuchungen durch. In einem kleinen Dorf in Frankreich trafen Ermittler auf einen Sammler, der verdächtigt wurde, zahlreiche Objekte ungeklärter Herkunft zu besitzen. Nach acht Stunden wurden 123 Objekte im Gesamtwert von 95.
000 Euro beschlagnahmt. Dem Sammler drohten bis zu drei Jahre Gefängnis. „Das erste Gefühl ist: Was habe ich falsch gemacht? Und dann denkt man: Ich habe doch alle Belege aufbewahrt.
Aber das reicht nicht aus, weil manche Objekte im Ausland gekauft wurden, andere online. Was man da bekommt, zählt nicht als rechtskräftiger Kaufnachweis. “
Er kritisierte die fehlenden einheitlichen Handelsgesetze in Europa: „Dass es nach so vielen Jahren keine einheitlichen Regeln gibt, ist eine Schande. Das Schlimmste ist, wenn ein Land dadurch die eigenen Bürger kriminalisiert.
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Die europäischen Sammler bildeten nur eine kleine Käufergruppe. Eine sehr viel größere war die chinesische. Dort war eine neue Kategorie von Sammlern entstanden, die jedes Jahr nach Europa kam, bereit, ein Vermögen auszugeben, um sich das eigene Kulturerbe zurückzuholen. „Wir haben in den letzten 20 Jahren enorme Preissteigerungen erlebt, teilweise um das Fünfhundertfache.
Objekte, die vor 20 Jahren etwa 15. 000 Euro gekostet haben, verkaufen wir heute für anderthalb oder sogar zwei Millionen“, sagte ein Auktionator. Die neuen chinesischen Superreichen investierten gern in symbolträchtige Güter – auch in geraubte Kulturgüter. Eine patriotisch verbramte Kauflust, die von der Regierung in Peking unterstützt wurde.
„Viele Unternehmer sind durch eine einzige Gelegenheit reich geworden, aber meistens nicht gebildet. In China sagt man: Erst wenn das Lager voll ist, wird man kultiviert. Wer etwas auf sich hält, muss in die Rettung des Kulturerbes investieren“, erklärte eine Sammlerin. Ein Auktionator wandte sich an ihren Verein, um die Rückkehr eines chinesischen Siegels aus weißer Jade zu ermöglichen.
Der Verein handelte schnell und pragmatisch. „Wenn es um kulturelle Relikte geht, sprechen die Chinesen mit einer Stimme. Sie sagen: Gebt uns unser Eigentum zurück. Es gehört unserer Nation.
Alle sind sich einig, ganz anders als im Westen. “
Ein Kunsthändler, der einst chinesische Goldornamente erworben und an das Pariser Musée Guimet geschenkt hatte, musste erfahren, wie weit Peking ging. Jahre später stellte sich heraus, dass die Goldplatten aus einer Raubgrabung stammten. China verlangte ihre Rückgabe.
Das französische Kulturministerium wandte sich an den Spender: „Die Ministerin sagte, die Objekte stammen aus einer Plünderung. Ich habe beschlossen, sie zurückzugeben. Nach französischem Recht waren Schenkungen an Museen unveräußerlich. Allein die Nationalversammlung konnte sie unter bestimmten Bedingungen rückgängig machen.
Doch die Ministerien fanden ein Schlupfloch: „Sie sagten: Hätten wir gewusst, dass die Objekte aus einer Plünderung stammen, hätten wir sie nie genommen. Deshalb können wir die Schenkung annullieren. Wir brauchen nur die Unterschrift des Schenkers. Anschließend haben sie mich unter Druck gesetzt und an mein Nationalgefühl appelliert.
Ich wollte mich nicht mit der Regierung anlegen. “
Der andere Spender, François Pinault, übergab die Goldplatten persönlich an den chinesischen Botschafter in Paris – einen Monat vor einem Besuch des französischen Außenministers in Peking. Kulturbestimmte Diplomatie. „Die Chinesen sind eine Wirtschaftsmacht.
Gegen ein Land wie China ist Frankreich ein Leichtgewicht. Vielleicht haben sie sich gesagt: Besser, wir schauen nicht so genau hin. Die Gesetze bilden nur die Grundlage, dann kommen die Ausnahmen, und am Ende ist alles ein Geschäft. “
Das kulturelle Erbe stand im Zentrum eines Kampfes zwischen mächtigen Gegnern.
Antike Kunstwerke wurden von terroristischen Gruppen geplündert und von Staaten für nationalistische, politische und wirtschaftliche Zwecke instrumentalisiert. Es war höchste Zeit, wirksamere Regeln einzuführen – und auch die Käufer waren gefragt. Antike Kunst durfte nicht länger nur Geldanlage oder exklusives Liebhaberstück für wenige private Sammler sein.


