Ich habe zwei Frauen gesehen, die in einem von Männern dominierten Gewaltmilieu über Leichen gingen. Die eine sagte über sich selbst: „Vor mir muss man Angst haben.“ Sie legte sich einen…

Ich habe zwei Frauen gesehen, die in einem von Männern dominierten Gewaltmilieu über Leichen gingen. Die eine sagte über sich selbst: „Vor mir muss man Angst haben.“ Sie legte sich einen...

Zwei Männer sterben in den neunziger Jahren in den brutalen Strukturen des Drückermilieus. Die Täterinnen sind keine Typen aus dem Rotlichtmilieu, sondern zwei Frauen, die sich in dieser von Männern dominierten Welt durchsetzen wollen – und dafür über Leichen gehen. Ich habe mir die ARD-Primetime-Doku zu diesem Fall angesehen und möchte euch erklären, was mich daran psychologisch besonders fasziniert hat. Im Siegerland, einer Nachbarregion des Westerwalds, wächst Petra Falb in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf.

Thumbnail

Ihre Kindheit wirkt auf den ersten Blick behütet, ohne klassische Risikofaktoren. Aber genau das überrascht mich nicht. Wenn ich mit Gewalt- und Sexualstraftätern arbeite, stelle ich immer wieder fest, dass die Familienstruktur nach außen hin intakt wirkt und in Wirklichkeit doch zutiefst dysfunktional ist. Fragt man jemanden, ob er als Kind geschlagen wurde, kann er klar mit Ja oder Nein antworten.

Fragt man aber nach emotionaler Vernachlässigung, wissen die meisten gar nicht, was das sein soll. Wer in einer solchen Familie aufwächst, hält das für normal – weil man Zuhause als den Maßstab für Normalität erlebt. Ob es in Petra Falbs Familie solche Faktoren gab, geht aus dem Urteil nicht hervor, aber ich gehe davon aus, dass einiges dazu beigetragen hat, dass sie später leichter schlechte Entscheidungen traf. Wichtig ist mir dabei: Egal, was jemand in der Kindheit erlebt hat, es kann niemals eine Entschuldigung für spätere Straftaten sein.

Mit sechzehn wurde Petra schwanger, mit siebzehn heiratete sie einen Zeitsoldaten, der im Rockermilieu verkehrte. Er nahm Drogen, hatte großen Geldbedarf, und sie bekam in kurzer Zeit drei Kinder von ihm. Dann begann er mit Bankraub. Ende der achtziger Jahre eskalierte die Lage: Gemeinsam überfielen sie einen Supermarkt im Westerwald und wurden gefasst.

Ihr Mann kam ins Gefängnis. Petra veränderte sich und tauschte ihr altes Leben gegen ein Leben auf der Flucht. Wir können nicht sicher sein, ob sie sich wirklich so stark als Person veränderte oder ob sie schon vorher Eigenschaften entwickelt hatte, die diese Entscheidungen wahrscheinlicher machten – nur eben im Elternhaus nicht auffielen. Mir fällt auf, dass sie mit siebzehn gegen den Willen ihrer Eltern einen fünf Jahre älteren Mann heiratete, der offensichtlich kriminell aktiv war.

In dem Alter ist die Persönlichkeitsentwicklung noch nicht abgeschlossen; Jugendliche lassen sich eher von starken Gefühlen leiten. Aber die Männer in diesem Milieu kokettieren mit ihrer Hypermaskulinität, treten dominant und gewaltaffin auf und werten Frauen ab. Die Frage ist: Warum fühlte sich eine Siebzehnjährige, die diese Einblicke hatte, von so einem Mann und so einem Milieu angezogen, wo andere abgeschreckt gewesen wären? Wenn ich ihre gesamte Biografie betrachte, gewinne ich den Eindruck, dass sie Eigenschaften hatte, die dafür sorgten, dass der Überfall für sie kein unangenehmer Akt war, wie er es für viele Menschen wäre, die nur aus Abhängigkeit handeln.

Es waren Handlungen, die sich für sie gut anfühlten. Das führt ich auf zwei Motive zurück, die sich durch ihr Leben ziehen: die Suche nach Kicks und das Erleben von Macht. Ihr Ehemann trennte sich von ihr, noch bevor das dritte Kind geboren wurde. Er betrog sie mehrfach.

Kurz darauf starben ihre Eltern. Wegen ihrer Mittäterschaft bei den Raubüberfällen wurde sie zu einer Haftstrafe auf Bewährung verurteilt, und die Kinder wurden ihr weggenommen. In kürzester Zeit stand ihr gesamtes Leben Kopf. Sehr unterschiedliche Menschen würden an diesem Punkt sehr unterschiedlich reagieren.

Manche entwickeln funktionale Strategien, die ihr Leben langfristig verbessern. Petra Falb aber baute immer mehr dysfunktionale Bewältigungsstrategien auf. Ihre Reaktion auf negative Erlebnisse war fast immer, sich für Verhaltensweisen zu entscheiden, die ihre Lage objektiv verschlimmerten. Sie verstieß gegen eine Auflage, kam ins Gefängnis und wurde wieder freigelassen.

Und dann geschah etwas mit ihr: Sie nahm ihr Leben in die Hand und sagte sich: Jetzt ist Schluss. Ich erschaffe mich neu. Ich werde härter als die Männer. Vor mir soll man Angst haben.

Ich will Macht. Sie legte sich eine dramatische Frisur zu, kaufte sich Accessoires – eine kleine Damenpistole, mit der man durchaus morden konnte, und einen Baseballschläger, weiß mit rosa Sternchen beklebt, mit dem sie Menschen fast den Schädel einschlug. Dazu kam ein riesiger, scharfer Hund namens Moses. Es kommt äußerst selten vor, dass Frauen in solchen Milieus versuchen, eine Machtposition zu erreichen, weil diese Welten von Hypermaskulinität geprägt sind und Frauen abwerten.

Doch als ein späterer Partner von ihr starb, der ein kriminelles Geschäft betrieben hatte, suchte sie sich keinen neuen Partner aus dem Milieu. Stattdessen entschied sie, selbst die Macht zu übernehmen. Diese Entscheidung ist ungewöhnlich und zeigt, dass sie davon überzeugt war, Menschen manipulieren und dadurch Macht ausüben zu können. Sie baute ihre Fähigkeiten aus und verschaffte sich durch Aggressivität, Dominanz und Gewalt genau die Macht, die vorher ihre Partner gehabt hatten.

Der Baseballschläger mit den rosa Sternchen ist dabei beinahe ironisch. Er zeigt, dass sie keine Scheu hatte, ihre Weiblichkeit darzustellen – und gleichzeitig klar machte, dass sie auch Gewalt und Macht nicht scheute. Dazu die Waffe, der einschüchternde Hund. Sie trat auf wie ein Komet.

Diane Alt lernte Petra Falb in dieser Zeit kennen. Petra verkörperte alles, wonach Diane gesucht hatte und ihr Leben lang wohl nicht finden konnte. Petra war elf Jahre älter und eine Frau, wie Diane sie noch nie gesehen hatte: unendlich selbstbewusst, wahnsinnig sexy, wahnsinnig schön, völlig selbstbestimmt. Sie strahlte eine Macht aus, die auch vor Männern nicht Halt machte.

Auf einmal bekam Dianes Leben Richtung – denn auf einmal wollte sie so sein und so leben wie Petra Falb. Diane bewunderte diese dominante, scheinbar mächtige Frau. Sie versuchte, sich immer stärker mit Petra zu assoziieren, in der Hoffnung, dass ein paar dieser Eigenschaften auf sie abfärben. In der Sozialpsychologie nennt man das „Basking in Reflected Glory“ – man sonnt sich im Glanz einer anderen Person, die man als besonders positiv wahrnimmt.

Interessant ist, dass Petra Falb Jahre zuvor etwas Ähnliches getan hatte, als sie die Beziehung zu diesem hypermaskulinen, Macht ausstrahlenden Mann einging. Auch sie versuchte offenbar, diese Eigenschaften zu übernehmen. Und genau das versuchte Diane nun bei ihr. Diese Dynamik schaukelte sich im weiteren Verlauf immer weiter auf.

Diane begann sich Schritt für Schritt zu verändern. Sie färbte sich die Haare schwarz, wie ihr Idol Lady Kalaschnikow, trug schwarze Kleidung und änderte ihren Umgang mit den anderen Drückern. Bald übte sie selbst Macht über sie aus. Thorsten Mumm verkaufte nichts, konnte nichts sagen.

Nachts musste er Strafarbeiten erledigen. Anfangs waren sie harmlos: hundert Mal seinen Spruch abschreiben. Doch er verkaufte weiterhin nichts. Die disziplinarischen Maßnahmen wurden immer schlimmer.

Er brachte nicht genug Scheine, war lästig und kostete nur Geld. Statt ihn nach Hause zu schicken, reagierte die Ältere der beiden mit Grausamkeit – so, wie es in der Drückerszene nicht selten war. Es entwickelte sich eine Eigendynamik, und niemand sagte mehr Stopp. Das ist ein typischer Aufschaukelungsprozess, wie ich ihn aus dyssozialen, gewalttätigen Paar- oder Gruppenkonstellationen kenne.

Eine Person tritt dominant und selbstbewusst auf und kommt schnell in Kontakt mit Personen, die eher selbstunsicher sind, diese Eigenschaften aber bewundern. Diese Personen sind bereit, sich immer mehr wie die Dominante zu verhalten und zu tun, was sie sagt. Am Ende besteht das Wertesystem darin, dass nur die Menschen wertvoll sind, die zum engen Kreis gehören. Alle anderen werden abgewertet – und das legitimiert Gewalt, weil die anderen doch nichts wert sind.

Es geht nur um uns und unsere Bedürfnisse. Der Aufschaukelungsprozess verstärkt sich gegenseitig: Diejenigen, die sich der dominanten Person angeschlossen haben, übernehmen deren Werte und Verhalten, was wiederum die Dominante bestärkt, noch einen Schritt weiter zu gehen. So können Beteiligte immer extremere Dinge tun. Eine einzelne Person, die die anderen nie getroffen hätte, wäre möglicherweise niemals allein so weit gegangen.

Wenn euch die ganze Geschichte interessiert, schaut euch gerne die komplette Staffel der ARD Crime Time an – sie ist hier neben mir verlinkt.