Ich kann die Bilder einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommen: Wie die Kamera zeigt, wie meine Tochter Page mit einem Lächeln in diesen Laden geht – und nie wieder herauskommt. Es war ein ganz…

Ich kann die Bilder einfach nicht mehr aus dem Kopf bekommen: Wie die Kamera zeigt, wie meine Tochter Page mit einem Lächeln in diesen Laden geht – und nie wieder herauskommt. Es war ein ganz...

Es ist ein ganz normaler Samstagmorgen in Clydebank, Schottland. Die 15-jährige Page Dority macht sich auf den Weg zu ihrem Nebenjob. Sie wirkt aufgeräumt, hat Pläne für den Tag. Kurz nach acht Uhr verschwindet sie spurlos, ohne eine Spur zu hinterlassen.

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Ihr Handy bleibt aus, ihre Nachrichten werden nicht mehr beantwortet. Für ihre Familie beginnt ein Albtraum, der das ganze Land erschüttern wird. Am 19. April 2000 wird Page Dority geboren.

Sie wächst mit ihrer Mutter Pamela, ihrem Stiefvater Andy und drei jüngeren Geschwistern in Clydebank auf. Die Familie gilt als eng verbunden und liebevoll. Page ist ein hübsches, zierliches Mädchen, gerade einmal 150 Zentimeter groß, mit langen, dunkel gefärbten Haaren. Sie liebt Make-up und Mode und träumt davon, später in der Beauty-Branche zu arbeiten.

Um sich diesen Traum zu erfüllen, jobbt sie neben der Schule jeden Samstag in einem Friseursalon. Ihre Kollegen beschreiben sie als zuverlässig und verantwortungsbewusst. Sie hat einen festen Freund namens Dylan und ist viel auf Instagram und Snapchat unterwegs, wie viele Mädchen in ihrem Alter. Am Freitagabend, den 18.

März 2016, übernachtet Page bei einer Freundin. Am nächsten Morgen will sie zur Bushaltestelle, um zu ihrer Arbeit im etwa 19 Kilometer entfernten Kirkintilloch zu fahren. Ihr Weg führt sie an mehreren Geschäften vorbei, unter anderem an “John’s Deli” in der Fleming Avenue. Der Laden gehört dem 31-jährigen John Letham, einem verheirateten Mann mit einem kleinen Kind.

In der Nachbarschaft ist er bekannt für günstige Sandwiches und ein freundliches Lächeln. Ein Nachbar sieht Page gegen 8:15 Uhr, wie sie vorbeigeht und den Laden betritt. Es ist das letzte Mal, dass jemand sie lebend sieht. Als Page sich den ganzen Tag nicht meldet, wird ihr Freund Dylan nervös.

Er ruft sie immer wieder an, bekommt aber keine Antwort. Auch ihr Snapchat-Status bleibt unverändert, was für Page völlig untypisch ist. Also ruft Dylan im Friseursalon an. Kurze Zeit später steht fest: Page ist dort nie angekommen.

Auch ihre Mutter Pamela bekommt ein schlechtes Gefühl. Anfangs versucht sie sich einzureden, dass ihre Tochter einfach mit Freunden unterwegs ist und ihr Handy leer sein könnte. Doch als die Stunden vergehen, wächst die Sorge. Am selben Abend meldet die Familie Page als vermisst.

Schnell wird eine Facebook-Gruppe gegründet. Die Familie startet eine große Suchaktion. Helfer kleben Plakate und verteilen Flugblätter rund um Clydebank. Innerhalb kürzester Zeit berichten auch die lokalen Medien über den Fall.

Die Polizei befragt Ladenbesitzer und Anwohner. Viele Geschäfte haben Überwachungskameras, die jedoch meist nur den Innenraum zeigen. Eine Kamera erfasst den Platz vor den Läden. Während die Polizei die Aufnahmen sichtet, meldet sich ein Spaziergänger.

Er war mit seinem Hund unterwegs und hat etwas Schreckliches entdeckt. Aus einem Gebüsch an der Great Western Road ragen die Beine eines Menschen. Die Polizei sperrt den Bereich weiträumig ab und informiert Pamela Monroe. Die gefundene Leiche wird auf etwa 20 Jahre geschätzt.

Pamela ist sich sofort sicher, dass es ihre Tochter ist. Nur wenig später wird ihre grausame Vermutung bestätigt. Page Dority ist tot. Die Obduktion bringt entsetzliche Details ans Licht.

Page ist verblutet. Ärzte finden 61 Stichwunden an ihrem Körper. Dazu kommen über 85 weitere Schnitt- und Abwehrverletzungen. Insgesamt werden mehr als 140 Wunden gezählt.

Ihre Mutter Pamela sagt später, die tatsächliche Zahl der Verletzungen habe bei über 500 gelegen. Es sei viel schlimmer gewesen, als jemals in den Medien berichtet wurde. Die Gerichtsmediziner gehen davon aus, dass mehrere Tatwerkzeuge benutzt wurden, möglicherweise ein Messer, eine Schere und ein Schraubenzieher. Keines der Werkzeuge wird je gefunden.

Kurz nach der Obduktion meldet sich ein Jugendlicher bei der Polizei. Er behauptet, sein Freund habe ihm die Tat gestanden und ihm per FaceTime ein blutiges Messer gezeigt. Doch die Geschichte stellt sich schnell als Lüge heraus. Die falsche Spur verzögert die Ermittlungen.

Erst als alle Überwachungskameras ausgewertet sind, ergibt sich ein klares Bild. Die Polizei sieht, wie Page am Morgen “John’s Deli” betritt. Doch sie verlässt den Laden nie wieder. Die Ermittler richten den Verdacht gegen den Ladenbesitzer John Letham.

Er wird befragt, bestreitet aber, Page gesehen zu haben. Als man ihm die Videoaufnahmen vorlegt, ändert er seine Aussage. Page sei hereingekommen, habe ein Sandwich gekauft und den Laden kurz darauf wieder verlassen. Die Ermittler sind skeptisch.

Sie fordern die Aufnahmen aus dem Inneren des Ladens an. John gibt die Videos zunächst freiwillig heraus. Doch als die Beamten sie sichten, fällt auf: Einige Zeitabschnitte fehlen. Sie wurden herausgeschnitten.

Die Polizei beschlagnahmt auch die Aufnahmen der umliegenden Geschäfte, um den Tagesablauf zu rekonstruieren. Das Videomaterial zeichnet ein grausames Bild. Gegen 10 Uhr schließt John Letham seinen Laden für einige Minuten. Er geht in ein benachbartes Geschäft und kauft Reinigungsmittel, Bleichmittel, Desinfektionstücher und antibakterielles Spray.

Danach steht er an seinem Auto, räumt den Kofferraum um und schafft Platz. Kurz darauf ist er mit einem großen Müllsack zu sehen, den er in den Kofferraum legt. Die Ermittler gehen davon aus, dass sich darin Pages Leiche befindet. Um 11:59 Uhr verlässt John Letham den Laden endgültig.

Am nächsten Tag unternimmt er mit seiner Frau und seinem Kind einen entspannten Familienausflug. Am 24. März 2016, nur fünf Tage nach Pages Verschwinden, wird John Letham festgenommen. Sechs Monate später, unter dem Druck der Beweise, gesteht er die Tat.

In seiner Darstellung behauptet er, Page sei an diesem Morgen zu ihm gekommen und habe nach einem Job gefragt. Er habe sie ins Hinterzimmer geführt, wo sie angeblich ein Bewerbungsformular ausgefüllt habe. Als er ihr erklärte, dass er sie nicht ohne Zustimmung ihrer Mutter einstellen könne, habe Page damit gedroht, ihn zu beschuldigen. “Dann sage ich eben, dass du mich angefasst hast.

” John Letham gibt an, in diesem Moment an seinen Bruder gedacht zu haben, der wegen Sexualdelikten verurteilt wurde. Aus Panik habe er die Kontrolle verloren. Die Polizei schenkt dieser Aussage keinen Glauben. Es gibt keinerlei Belege für eine Bewerbung.

Page hatte bereits einen Job im Friseursalon und wäre für eine weitere Stelle gar nicht verfügbar gewesen. Ihre Familie hält es außerdem für völlig unmöglich, dass Page eine solche Drohung ausgesprochen hätte. Am 12. Oktober 2016 beginnt der Prozess gegen John Letham.

Die Anklage lautet auf Mord. Die Verteidigung beschreibt die Tat als eine spontane, schreckliche Überreaktion eines ansonsten unauffälligen Mannes. Doch die Richterin, Lady Rae, zeigt keine Gnade. In ihrer Urteilsbegründung sagt sie: “Es war ein wilder, rasender Angriff auf ein Kind.

Es ist unbegreiflich, wie ein scheinbar glücklich verheirateter Mann mit kleinem Kind und erfolgreichem Geschäft zu solch einem entsetzlichen Gewaltakt fähig ist. ” Sie stellt klar, dass selbst die behauptete Drohung die Tat in keiner Weise entschuldigen würde. John Letham wird zu lebenslanger Haft verurteilt, mit einer Mindeststrafe von 27 Jahren. Ohne sein Geständnis hätte die Strafe 30 Jahre betragen.

Im Februar 2017 legt er Berufung ein. Die Mindeststrafe wird auf 23 Jahre herabgesetzt. Pamela Monroe sagt nach dem Urteil: “Heute sehen wir ein Monster hinter Gittern für das undenkbar brutale Verbrechen, das es an unserer Tochter begangen hat. Es gibt keine Strafe, die hoch genug wäre, das wieder gut zu machen.

Aber es gibt nun einen bösen Menschen weniger auf dieser Welt. ” In einer weiteren Stellungnahme sagt sie: “Ich bin dankbar für die 15 Jahre, die wir mit Page hatten, vom großzügigen kleinen Mädchen bis zur jungen Frau, zu der sie wurde. Sie wird durch ihre Geschwister und unsere Erinnerung weiterleben. ” Für die Familie beginnt die Aufgabe, mit dem Verlust zu leben.

Im Mai 2017, mehr als ein Jahr nach dem Mord, bekommt die Familie ein weiteres Kind. Das Mädchen erhält den Namen Penny May Page, benannt nach ihrer verstorbenen Schwester. Doch die Familie will mehr tun als nur trauern. Pamela gründet die Stiftung “Page’s Promise”, die Kinder in Selbstverteidigung schult und Familien unterstützen soll, die ähnliche Schicksale erleiden mussten.

Auch Pages Bucketlist wird abgearbeitet. Eine Liste der Dinge, die das Mädchen noch erleben wollte: nach New York reisen, den Führerschein machen, sich piercen und tätowieren lassen. Zu Weihnachten, Ostern und Geburtstagen kauft die Familie weiterhin Geschenke für Page, die anschließend gespendet werden. So bleibt ihr Geist lebendig und bereitet gleichzeitig anderen Kindern Freude.

Die Familie ruft außerdem die Kampagne #Page ins Leben, die von Prominenten und Politikern unterstützt wird. Sie sollen an Page erinnern, aber auch vor Gewalt warnen und andere Familien dazu ermutigen, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Ein junges Mädchen wurde am helllichten Tag in einem belebten Viertel aus dem Leben gerissen.

Vielleicht ist es genau diese Ungerechtigkeit, die auch Jahre später noch so weh tut.