Sie warf ihm vor, sie betrogen zu haben. Fünfzig Jahre lang hatte er es mit sich herumgetragen, aber an diesem Abend, während im Fernsehen „Aktenzeichen XY ungelöst“ lief, brach es aus ihm heraus. Die Nachbarn hörten die Stimmen durch die Wände – eine dominante Männerstimme, ein lauter Streit. Kurz nach Mitternacht rief die Tochter die Polizei: Ihre Mutter, die 76-jährige Brigitte P.

, sei verschwunden. Das Dorf Nabolia im Herzen Sardiniens, nur wenige Kilometer von der Westküste entfernt, war in Aufruhr. Die deutsch-italienische Rentnerin, die mit ihrem zwei Jahre älteren Mann Giuseppe in seinem Heimatort einen ruhigen Lebensabend verbringen wollte, galt als freundlich, aber zurückgezogen. Meistens besuchte sie ihre Tochter, die nur wenige hundert Meter entfernt wohnte.
Dass sie allein in einer stürmischen Nacht das Haus verlassen haben soll – ohne Schuhe, im Nachthemd, ohne Brille und ohne Hörgerät –, das passte für niemanden zusammen. Die Beamten machten sich sofort auf die Suche. Sie durchsuchten Gräben, Felder, Kanäle, das Meer. Gehbehindert, desorientiert – so stellten sie sich die Vermisste vor, in geistiger Verwirrtheit irgendwo in der Nähe.
Doch dann meldete sich eine Nachbarin. Sie hatte in der Nacht beobachtet, wie das Auto von Brigittes Ehemann die Einfahrt verließ. Nach etwa vierzig Minuten kam es zurück. Sie konnte den Zeitraum genau benennen, denn an diesem Abend hatte die italienische Fußballnationalelf gespielt.
Giuseppe P. stritt alles ab. Er behauptete, die beiden hätten gemeinsam ferngesehen – ausgerechnet die Sendung „Aktenzeichen XY ungelöst“. Die Ermittler kontrollierten das und staunten: In der Sendung ging es um eine vermisste Frau, die ebenfalls Brigitte hieß, vier Kinder hatte, deren Ehemann Busfahrer war – wie bei diesem Paar – und die ihren Mann betrogen hatte.
Auch Brigitte P. hatte in jungen Jahren eine Affäre, mit dem Bruder ihres Mannes, während Giuseppe im Krankenhaus lag. Zwei Tage nach dem Verschwinden dann die Wende: Fischer meldeten eine Leiche, etwa fünfzehn Kilometer entfernt am felsigen Strand von Cupalosu, draußen im Meer. Brigitte P.
wurde identifiziert. Die Obduktion ergab: Sie war ertrunken, ohne Spuren von Gewalt. Aber sie trug nicht ihr Nachthemd, sondern Hose und T-Shirt, nicht barfuß, sondern mit Schuhen. Und sie hatte Alkohol im Blut – sie, die nach Aussage aller nie trank.
Die Ermittler fanden Sandkörner an ihren Socken. Die Experten konnten sie eindeutig zuordnen: Es war Sand vom Strand Torre del Pozo, nur dreizehn Kilometer von ihrer Wohnung entfernt. Wie sollte die behinderte Frau dorthin gekommen sein? Die Antwort war klar: mit dem Auto – mit dem Auto ihres Mannes.
Die Dashcam in seinem Wagen war in der Tatnacht ausgeschaltet, aber die letzte Aufnahme passte nicht zur Position des Autos. Das Fahrtenbuch hatte eine Lücke. Und der Tank war voll gewesen – der Verbrauch entsprach exakt der Strecke zum Strand und zurück. Drei Monate nach ihrem Tod wurde Giuseppe P.
festgenommen. Er wirkte gelassen, fast so, als hätte er auf die Beamten gewartet. Er habe seiner Frau an dem Abend zum wiederholten Mal vorgeworfen, ihn betrogen zu haben – vor fünfzig Jahren, mit seinem Bruder. Aus dieser Beziehung sei sogar eine weitere Tochter hervorgegangen, sagte er.
Vor Gericht sprachen die Richter ihn wegen Mordes schuldig: 24 Jahre Haft. Doch ein Jahr später kam die Überraschung: Ein zweiter Prozess revidierte das Urteil. Giuseppe P. wurde wegen Anstiftung zum Selbstmord verurteilt, zu sieben Jahren Haft.
Ob er die hilflose Frau tatsächlich ins Wasser gestoßen oder sie nur unter Druck gesetzt hatte, freiwillig zu gehen, konnte nicht mit letzter Sicherheit bewiesen werden. Der Hauptkommissar, der den Fall von Anfang an begleitet hatte, akzeptierte das Urteil, aber er war nicht einverstanden: „Eine alte Frau, die nichts hört, nicht gut sieht, allein gelassen wird an einem Strand in einer Regennacht im völligen Dunkeln. Wie hätte sie überleben können? Das war Mord.
“ Giuseppe P. aber schweigt bis heute über das, was wirklich am Strand geschah. Ein ganz anderer Fall führte ins hessische Königstein. Am 11.
Juni 1989 wurde die 74-jährige Margarete Buckwitz tot in ihrer Wohnung gefunden. Sie lag zugedeckt im Bett, ein Leukoplaststreifen klebte um ihren Hals. Ihr wurde der Mund mit Klebeband verschlossen, vermutlich bis sie erstickte. Eine Fingerspitze eines Einweghandschuhs steckte in dem Klebestreifen.
Aus der Kommode im Wohnzimmer fehlte Schmuck im Wert von mindestens 100. 000 Mark. Die Kripo vermutete Raubmord. Der Täter hatte kaum Spuren hinterlassen.
Wochen später versuchte er, mit der gestohlenen Scheckkarte am Bahnhof in Fulda Geld abzuheben – die Karte wurde eingezogen, aber eine Kamera zeichnete ihn auf. Das Foto lief bei „Aktenzeichen XY ungelöst“. Viele Anrufe gingen ein, doch kein Hinweis führte zum Täter. Jahre vergingen, der Fall wurde zu den Akten gelegt.
Bis der DNA-Experte Harald Schneider vom hessischen Landeskriminalamt den Fall 2002 wieder aufnahm. Er hatte in seiner Laufbahn hunderte Morde aufgeklärt und sah in dem abgerissenen Handschuh eine Chance. Doch die Spurensuche in den 1990er Jahren – die Suche nach Fingerabdrücken – hatte das Material weitgehend zerstört. Die damalige Technologie reichte nicht.
Er stoppte die Untersuchung und wartete. Fünf Jahre später war die Wissenschaft weiter. Die Spezialisten konnten Mikrospuren von der Handschuhfingerspitze, von der Leichenfolie und von einem abgebrochenen Fingernagel des Opfers sichern – und sie erhielten ein DNA-Profil. Die Spur traf in der Datenbank auf einen Namen: Horst K.
, einen vorbestraften Sexualstraftäter aus Schmitten im Taunus, nur wenige Kilometer vom Tatort entfernt. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung fanden die Ermittler Schmuckstücke der Ermordeten. Ein Foto zeigte ihn im Urlaub mit einer Sonnenbrille, wie sie der Mann am Geldautomaten in Fulda getragen hatte. Horst K.
lebte damals in Luxus, machte Weltreisen, baute sein Haus aus – weit mehr, als ein Busfahrer sich leisten konnte. Er wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Im Nachhinein stellte sich heraus: Viele im Ort hatten ihn nach der Fernsehsendung erkannt – aber niemand wollte glauben, dass der nette Nachbar so etwas getan haben konnte. Sie rationalisierten es weg.
Genau das hatte ihm die letzten Jahre der Freiheit geschenkt. Ein dritter Fall: Die 26-jährige Sandra R. wurde am 23. Oktober 2012 in ihrer Wohnung in Auberg bei Linz tot aufgefunden – erhängt mit dem Kabel eines Glätteisens.
Eine Arbeitskollegin hatte sie entdeckt, weil Sandra nicht zur Arbeit erschienen war. Die diensthabende Ärztin ging von Selbstmord aus, der Leichnam wurde freigegeben. Doch die Angehörigen zweifelten. Sandra war kontaktfreudig, hatte Pläne, verliebte sich gerade neu – es gab keinen Grund für einen Suizid.
Bei der Obduktion sechs Tage später stellte sich heraus: Die erste Ärztin hatte den Todeszeitpunkt falsch bestimmt – und es gab Verletzungen, die nicht zu einem Erhängen passten. Der Gerichtsmediziner sprach von „Burking“: Der Täter hatte mit dem Knie auf dem Brustkorb des Opfers gesessen und gleichzeitig die Atemwege verschlossen. Erst danach hatte er den Selbstmord inszeniert. Auch Haare des Opfers waren im Knoten des Kabels eingeklemmt – unmöglich bei einem freiwilligen Sprung.
Die Ermittler stießen auf den Ex-Freund Josef G. Die Beziehung war seit Jahren beendet, aber er hatte das Ende nicht akzeptiert, die Frau kontrolliert, ihre Telefonnummer zwangsweise geändert. Seine DNA fand sich an achtzehn Stellen am Tatort und am Tatwerkzeug. Sein Anwalt, einer der bekanntesten Strafverteidiger Österreichs, sah zunächst gute Chancen: Für die ursprünglich angenommene Tatzeit hatte G.
ein wasserdichtes Alibi – er war nachweislich auf der Arbeit. Doch das neue Gutachten verlegte den Todeszeitpunkt auf Mitternacht – und da hatte G. nur sein Handy zu Hause eingeloggt, aber kein sicheres Alibi. 2013 wurde er wegen Mordes zu zwanzig Jahren Haft verurteilt, in zweiter Instanz auf achtzehn Jahre reduziert.
Ein weiterer Fall blieb ungelöst: Romerie Reyes Rodriguez, eine 33-jährige Prostituierte aus der Dominikanischen Republik, arbeitete als Reisende im Norden Deutschlands. Sie hielt sich jeweils nur eine Woche an einem Ort auf, schickte das verdiente Geld nach Hause, um ihre drei Kinder zu versorgen. Anfang November 2016 arbeitete sie in einem Bungalow in Wolfsburg-Vorsfelde. Sie hatte bereits Flugtickets für die Rückkehr in die Heimat gebucht.
Am 11. November fand der Vermieter sie, nachdem sich ihre Schwägerin Sorgen gemacht hatte – schwer verletzt, mit einem stumpfen Gegenstand erschlagen, gefesselt. Sie starb noch im Beisein der Retter. Das Problem war nicht zu wenige Spuren, sondern zu viele: In dem Bungalow hatte eine Vielzahl von Freiern ihre DNA hinterlassen.
Die Ermittler fanden einen Kunden, der telefonisch angekündigt war, aber niemand öffnete. Zwei Zeugen sahen einen auffällig dunkel gekleideten Mann mit Kapuzenjacke, der Richtung Bungalow lief. Eine Dashcam eines parkenden Autos bestätigte den Zeitpunkt – er muss den angemeldeten Kunden um Sekunden verpasst haben. Ein Phantombild wurde erstellt, bei „Aktenzeichen XY ungelöst“ gezeigt, doch keine Spur führte zum Täter.
Auch eine Handynummer, die in der Tatnacht mehrfach ins Netz eingeloggt war und mehrfachen Kontakt mit dem Opfer hatte, konnte nie einer Person zugeordnet werden – die Registrierungsdaten waren falsch. Die Staatsanwaltschaft prüfte sogar eine Verbindung zu einem anderen Mord an einer Prostituierten, der eine Woche zuvor in der Nähe von Peine passiert war. Ein anonymer Brief nannte einen Namen, die DNA unter den Fingernägeln des Opfers bestätigte den Hinweis – aber der Mann kam für den Mord an Romerie nicht in Frage. Der Fall wurde zum Cold Case – und blieb es.
Die Ermittler hoffen bis heute auf Zeugen, die sich melden. Und dann war da noch ein Fall in der Lüneburger Heide. Am 10. April 1989 gegen 19 Uhr fanden zwei Jogger auf einem Waldweg eine tote Frau – verletzt durch einen Stich in den Hals.
Die obduzierten den Körper und sahen weitere Verletzungen: Das Opfer hatte sich offensichtlich gewehrt, in einem Kampf. Es war Gitta Schneider, eine frühpensionierte Lehrerin aus der Nähe von Buchholz, die mit ihrem Mann, ihrem Adoptivsohn und einem Hund lebte. Sie war täglich mit dem Hund an dem späteren Tatort unterwegs. An dem Tag wollte sie einkaufen – allein, was ungewöhnlich war, denn meistens fuhr sie mit den Hausfreund aus Polen, der seit einigen Wochen bei der Familie wohnte.
Sie hob an diesem Abend noch 400 D-Mark ab, ihr letztes Lebenszeichen. Ihr Auto stand auf einem nahegelegenen Parkplatz. Die Geldbörse in der Handtasche war leer – geraubt, so die Ermittler, aber ob es Raubmord oder eine Beziehungstat war, blieb unklar. Der Hund war zur Tatzeit nicht bei ihr – vielleicht folgte er einer Wildspur, vielleicht aber auch dem Täter.
Über drei Jahrzehnte vergingen ohne Durchbruch. 2022 übernahm die Cold-Case-Einheit den Fall. Die Ermittler liefen mit GPS-Sendern die beschriebenen Fluchtwege ab, grenzten die Möglichkeiten ein, und 2023 organisierten sie eine großflächige Suche entlang des vermuteten Fluchtwegs – ein Gebiet von der Größe von vierzehn Fußballfeldern wurde mit Sondengängern durchsucht. Über hundert Gegenstände wurden gesichert, darunter sechs Stichwaffen.
Die Ermittler lassen sie molekulargenetisch untersuchen. Sie suchen weiter nach Zeugen – und hoffen, dass der Täter irgendwann Fehler macht. Der Fall ist nach 36 Jahren noch nicht abgeschlossen.


