Ich wachte jahrelang schweißgebadet auf: Ein Mann klopfte an meine Tür, ich öffnete – und dann passierte etwas Schreckliches. Diese Träume verfolgten mich ein ganzes Jahr lang, und ich erzählte…

Ich wachte jahrelang schweißgebadet auf: Ein Mann klopfte an meine Tür, ich öffnete – und dann passierte etwas Schreckliches. Diese Träume verfolgten mich ein ganzes Jahr lang, und ich erzählte...

James Rabbit betrat die Kanzlei am 4. August 1981 gegen Mittag und merkte sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Lichter brannten, das Radio lief, die Klimaanlage summte – aber Cyndi saß nicht an ihrem Schreibtisch. Ihr Auto stand draußen, ihre Tasche war weg, und auf ihrem Tisch lag ein aufgeschlagener Liebesroman.

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Genau auf der Seite, in der die Heldin gewaltsam entführt wird. Er suchte nach einer Notiz. Cyndi hinterließ immer eine Notiz, wenn sie kurz wegging. Diesmal war keine da.

Auch die Telefonumleitung war nicht geschaltet. Als kurz darauf die ersten Klienten anriefen und niemand abhob, wusste James: Hier stimmt etwas ganz und gar nicht. Die Polizei wurde gerufen und stand vor einem Rätsel. Die zwanzigjährige Cynthia Anderson arbeitete als Sekretärin in einer Anwaltskanzlei in Toledo, Ohio.

Sie wohnte noch bei ihren Eltern, um Geld zu sparen, denn im Herbst wollte sie aufs College wechseln – ein christliches Bible College, passend zu ihrer streng religiösen Erziehung. Sie hatte einen Freund, der dort ebenfalls angenommen war. Alles schien perfekt. Ihr Vater Michael beschrieb sie später als ein ruhiges, gehorsames Mädchen, das ihm nie Ärger gemacht habe.

„Sie war die Art von Tochter, die man einfach nur genießen kann“, sagte er. Doch Cynthia hatte seit etwa einem Jahr Albträume. Immer wieder träumte sie von einem Mann, der an ihre Tür klopfte. Sie erkannte ihn im Traum und machte auf.

Dann tat er ihr etwas an. In anderen Träumen verfolgte er sie, fand sie in jedem Versteck und brachte sie um. Ihrer Mutter erzählte sie davon. Die versuchte sie zu beruhigen, aber die Träume ließen sie nicht los.

Am Morgen ihres Verschwindens ließ Cynthia das Frühstück aus. Ihr Vater bemerkte das später mit Unmut und meinte, sie habe in letzter Zeit mehr Zeit mit ihrem Gesicht als mit ihrem Magen verbracht – was immer das genau heißen sollte. Sie zog sich ein weiß-rotes Sommerkleid an, Sandalen, ihre goldene Uhr und ihren Saphirring, nahm ihre braune Handtasche und fuhr wie jeden Morgen in die Kanzlei. Passanten sahen sie um 9:45 Uhr durch die Glasfront an ihrem Schreibtisch sitzen.

Der Hausmeister gab an, sie gegen 9:30 Uhr gesehen zu haben. Um 10 Uhr riefen die ersten Mandanten an – niemand hob ab. Irgendwo in diesem Viertelstunden-Fenster, an einer stark befahrenen Straße am helllichten Vormittag, war Cynthia Anderson verschwunden. Keine Schreie, kein Kampf, keine Zeugen.

Die Polizei stieß schnell auf ein unheimliches Detail. Zehn Monate zuvor war auf der Fassade gegenüber der Kanzlei ein Graffiti aufgetaucht: „I love you Cindy“ – signiert mit „GW“. Das Graffiti hatte genau so angebracht worden, dass Cynthia es von ihrem Schreibtisch aus sehen konnte. Es wurde übermalt, tauchte aber nach ein paar Tagen an derselben Stelle wieder auf.

Die Polizei vermutete einen stalkenden Verehrer und prüfte alle Personen mit den Initialen G. W. , die Cynthia kannte. Der einzige Kandidat war der Hausmeister der Kanzlei – er hatte Schlüssel zu allen Türen.

Aber es gab keinerlei Beweise gegen ihn. Dann meldete sich ein Klient der Kanzlei. Er war am Tag vor Cynthias Verschwinden dort gewesen, um eine Rechnung zu bezahlen. Während Cynthia und er den Papierkram erledigten, klingelte das Telefon.

Cynthia hob ab, legte aber sofort wieder auf – so, als hätte jemand etwas Gruseliges gesagt. Kurz darauf klingelte es erneut, und wieder legte sie schnell auf. Sie hatte richtig Angst, sagte der Klient. Auf seine Frage, ob alles in Ordnung sei, winkte sie ab und meinte nur, es sei schon okay.

Solche Anrufe kämen in letzter Zeit öfter vor. Der Klient rief anschließend bei der Polizei an und bat darum, dass man bei der Sekretärin vorbeischaue. Es passierte nichts. Cynthia hatte niemandem sonst von den Anrufen erzählt.

Einen Monat nach dem Verschwinden ging bei der Polizeidirektion ein anonymer Anruf ein. Eine nervöse Frauenstimme flüsterte, sie habe Angst. Man habe ihr erzählt, Cynthia werde im Keller eines weißen Hauses festgehalten. Zwei nebeneinanderstehende Häuser gehörten derselben Familie, die gerade nicht in der Stadt sei, nur der Sohn sei da und halte Cynthia gefangen.

Dann legte sie auf. Beim zweiten Anruf derselben Frau versuchte ein Polizist, einen Kollegen zuzuschalten – sofort legte sie auf. Die Hinweise führten nirgendwohin. Die Polizei verfolgte zwei Theorien: freiwilliges Verschwinden oder Verbrechen.

Ein mögliches Motiv entdeckten die Ermittler bei einem der Anwälte der Kanzlei, Richard Neller. Er hatte einen Mandanten namens José Rodriguez vertreten, der wegen Drogenhandels verurteilt worden war. Jahre später, im Zuge eines erneuten Verfahrens gegen Rodriguez, meldete sich ein Zeuge: Rodriguez habe ihm gestanden, zusammen mit Neller und weiteren Personen die Sekretärin Cynthia Anderson entführt und ermordet zu haben. Der Grund: Cynthia habe als Sekretärin mitgehört, wie Neller und Rodriguez über einen bevorstehenden Drogendeal sprachen, und hätte eine Gefahr werden können.

Die Theorie klang schlüssig. Neller wurde 1996 selbst wegen Verschwörung zum Vertrieb von Kokain, Marihuana und Heroin verurteilt – er steckte also tatsächlich mit seinem eigenen Klienten unter einer Decke. Doch vor Gericht wurde die Glaubwürdigkeit des Zeugen angezweifelt. Es gab keine weiteren Beweise.

Weder Neller noch Rodriguez wurden jemals wegen Entführung oder Mord an Cynthia angeklagt. Beide saßen wegen der Drogengeschäfte im Gefängnis. Mehr nicht. Bis heute wurde kein Leichnam gefunden.

Richard Neller starb 2024 im Alter von 80 Jahren. Wenn er etwas über sein ehemaliges Geheimnis gewusst hatte, nahm er es mit ins Grab. Und dann ist da die Möglichkeit, dass Cynthia gar nicht entführt wurde, sondern selbst verschwunden ist. Ihre Familie und Freunde beschrieben sie als unauffällig und ohne Feinde.

Aber ihr Leben war streng: fundamentalistisch-christliches Umfeld, strenge Eltern, ein bevorstehender Wechsel ans christliche College. Für eine zwanzigjährige Frau konnte das einengend wirken. Vielleicht war der Zeitpunkt kurz vor dem College die letzte Chance für einen Neuanfang. Vielleicht war der aufgeschlagene Liebesroman mit der Entführungsszene sogar eine bewusste falsche Spur, um alle in die Irre zu führen.

Auch die anonymen Anrufe der Frauenstimme mit ihren vagen Hinweisen hätten ein Versuch sein können, die Ermittlungen fehlzuleiten. Doch es gibt Argumente dagegen. Cynthia hatte auf ihrem Bankkonto ordentlich Geld gespart – für einen Neuanfang hätte sie es gebraucht. Doch sie hob nie etwas ab.

Auch ihre Sozialversicherungsnummer wurde nach ihrem Verschwinden nie wieder verwendet. Allerdings war es 1981 deutlich einfacher, unterzutauchen als heute: keine Überwachungskameras, keine GPS-Signale, keine lückenlosen Behördenvorgänge. Wer weiß, ob Cynthia Anderson nicht irgendwo da draußen ein völlig anderes Leben lebt. Cynthias Mutter starb zwei Jahre nach dem Verschwinden ihrer Tochter an Krebs.

Ihr Vater Michael wartete 28 Jahre lang auf eine Antwort. Er weigerte sich, umzuziehen oder seine Telefonnummer zu ändern. Er blieb in dem Haus, in dem Cynthia ihre Kindheit und Jugend verbracht hatte – für den Fall, dass sie eines Tages anrief oder vor der Tür stünde und ihm erzählte, sie habe eine lange Amnesie gehabt. Er starb 2008, ohne je zu erfahren, was aus seiner Tochter geworden war.

Bis heute ist Cynthia Anderson spurlos verschwunden.