Ich stand an der Tür zu unserem Hausflur und hörte, wie eine Nachbarin laut zu meiner Mutter sagte: „So viel hat er gemacht und darf jetzt schon wieder draußen rumlaufen? Wie kommt das?“ Meine…

Ich stand an der Tür zu unserem Hausflur und hörte, wie eine Nachbarin laut zu meiner Mutter sagte: „So viel hat er gemacht und darf jetzt schon wieder draußen rumlaufen? Wie kommt das?“ Meine...

„Acht Monate, ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre – im geschlossenen Vollzug wird man ganz lethargisch, und man kann fast zu hundert Prozent davon ausgehen, dass man rückfällig wird. “ Diese Worte stammen von einem Häftling, der seine Strafe nicht hinter hohen Mauern verbüßt, sondern in einer offenen Anstalt. „Jetzt dagegen kann ich einen neuen Beruf lernen und mich wieder im Leben zurechtfinden. Ich lerne, wie ich mich verhalten muss, was ich tun kann, um die Kontrolle zu behalten.

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Jetzt habe ich gute Chancen, es zu schaffen. “

Frankreich, Deutschland, Finnland, die Schweiz – überall stellt sich die gleiche Frage: Welches Strafvollzugssystem wollen wir? In den meisten europäischen Ländern sieht das Gefängnis klassisch aus: hohe Mauern, Wachtürme, vergitterte Fenster, ständige Überwachung. Doch überfüllte Anstalten und hohe Rückfallquoten zwingen zum Umdenken.

Die elektronische Fußfessel, gemeinnützige Arbeit – und vor allem: der offene Vollzug. Die Idee dahinter: Ein Gefangener wird eines Tages in die Freiheit zurückkehren. Also ist es besser, ihn darauf vorzubereiten. Das Gefängnis soll ein Übergangsort sein, keine Endstation.

Robert Badinter, der damalige französische Justizminister, hatte diese Vision schon 1982. Er träumte von einem Gefängnis ohne Gitter und ständige Überwachung. „Ich mache das Dach ab, denn das Wichtigste ist die Anordnung im Innern des Gebäudes. Schauen Sie, wie gut das alles durchdacht war – und vergessen Sie nicht, das war 1982, 83, also vor über 30 Jahren.

“ Es waren Einzelzimmer vorgesehen, mit abgetrennter Dusche und Toilette. Und an jeder Tür sollte ein Schloss sein, damit der Häftling selbst von innen abschließen kann. „Das war mir wichtig, damit der Gefangene eine Privatsphäre haben kann. “ Im Erdgeschoss sollten Gemeinschaftsräume sein, wo man sich trifft und gemeinsam etwas unternimmt.

Diese Idee erschien damals revolutionär. Doch Frankreich schlug diesen Weg nicht ein. Frankreich hält seit über 30 Jahren am geschlossenen Vollzug fest – und ist damit nicht allein. Von 700.

000 Häftlingen in der Europäischen Union verbüßen nur knapp sechs Prozent ihre Strafe im offenen Vollzug. In Finnland, der Schweiz und Deutschland ist das anders. Dort sitzt in bestimmten Regionen bis zu ein Viertel der Häftlinge im offenen Vollzug. Eine politische Entscheidung, die nicht allen gefällt, zu der diese Länder aber stehen.

Die Verfechter sind überzeugt: Eine vorbereitete Entlassung erhöht die Chancen der Resozialisierung, im Gegensatz zum abrupten Übergang in die Freiheit aus dem geschlossenen Vollzug. Robert Badinters Wunschtraum ist in Finnland wahr geworden. In den 1960er-Jahren hatte Finnland das strengste Strafvollzugssystem Europas. Auf 1000 Einwohner kamen zwei Gefangene.

Der Gesetzesvollzug war damals die Regel. Heute ist das anders. Finnland hat 26 Gefängnisse, elf davon sind offen. Eines liegt nur einen Steinwurf von Helsinki entfernt auf der Inselgruppe Suomenlinna.

Tag für Tag strömen Touristen zur Festung aus dem 18. Jahrhundert, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Was die Besucher nicht wissen: Die Arbeiter, die die Festung instand halten, sind Freigänger – Häftlinge im offenen Vollzug. „Die meisten Männer, mit denen ich hier arbeite, sind sehr motiviert.

Einige werden später vielleicht zurückkommen. Dann können sie ihrem Sohn sagen: ‚Schau, das hier habe ich gemacht. ‘ Ich betrachte die Männer als meine Arbeitskollegen. “ Sie tragen zur Instandhaltung eines der schönsten Denkmäler Finnlands bei.

Das gibt ihrer Arbeit einen Sinn. „Das Wichtigste aber ist das Vertrauen, das wir den Häftlingen entgegenbringen. Das ist hilfreich für sie, denn bald werden sie wieder frei in der Gesellschaft leben und sich mit anderen Menschen auseinandersetzen müssen. Das können sie lernen.

Mikinen ist wegen Drogenhandels verurteilt. Er ist für die Sicherheitszäune der Festung verantwortlich. Das offene Gefängnis liegt mitten im Dorf. Es gibt keine hohen Mauern, nur einen einfachen Zaun, der eher Touristen fernhalten soll.

70 Häftlinge leben hier zwischen sechs Monaten und zwei Jahren, in kleinen Holzhäusern mit Küche, Sauna und Dusche. In jedem Haus wohnen etwa zehn Häftlinge. Außer ihren festen Arbeitsstunden haben sie keine Vorgaben. Die elektronische Fußfessel scheint überflüssig – keiner denkt ernsthaft an Flucht, denn das würde die Rückkehr in den geschlossenen Vollzug bedeuten.

„Es ist etwas ganz anderes, ob du alleine in einer Zelle sitzt oder hier mit deinen Kumpels zusammen bist. Hier können wir viel unternehmen. Wir machen Sport, grillen zusammen, gehen schwimmen und sind immer in Gesellschaft. Unser offenes Gefängnis ist eine Art Kokon.

Wir haben hier die besten Bedingungen. Ich fürchte mich fast ein bisschen davor, hier wegzugehen, denn ich weiß, dass das Leben draußen sehr viel schwerer sein wird. Wenn jetzt noch meine Frau und mein Hund hier sein könnten, würde ich mein Leben lang hier bleiben. “

Die Häftlinge bauen hier sogar die Häuser, in denen später andere Häftlinge leben werden.

„Es ist jedes Mal etwas ganz Besonderes, wenn ein Haus fertig wird. Wir beginnen immer bei null. Manchmal brauchen wir Jahre, aber es ist jedes Mal eine Freude. “ Das finnische System setzt auf Vertrauen.

Die Überwachung ist gering – ein paar Kameras, wenige Aufseher. Die Betriebskosten sind dreimal niedriger als in klassischen Gefängnissen. In Frankreich kostet ein Häftling im geschlossenen Vollzug den Steuerzahler etwa 85 Euro pro Tag, im erleichterten Strafvollzug nur 27 Euro. Dazu kommt: Die Freigänger erbringen eine produktive Leistung.

Miko Salinen verlässt jeden Morgen das Gefängnis und nimmt die Fähre nach Helsinki. „Man wird hier zum Arbeiten gezwungen. Man kann nicht tagsüber rumliegen und schlafen wie im geschlossenen Vollzug. “ Wenn er auf der Baustelle ist, ist er nicht mehr der Häftling.

„Ich trenne das ganz klar für mich. Auf der Baustelle bin ich ein normaler Arbeiter, und im Gefängnis halte ich mich an die Regeln. “ Abends dürfen die Häftlinge mit ihren Familien telefonieren. Am Wochenende kommen die Familien zu Besuch – oder die Häftlinge bekommen Ausgang.

Sie stellen einen Antrag und dürfen dann für einen Tag mit ihrer Familie zusammen sein. Finnland gewährt seinen Häftlingen das Recht, als normale Bürger zu leben. Parallel dazu wurde das Bildungssystem reformiert. Die Rückfallquote ist rückläufig, die Kriminalitätsrate stabil.

28 Prozent der finnischen Häftlinge sind heute im offenen Vollzug, das Ziel liegt bei 40 Prozent. Im geschlossenen Vollzug werden über 40 Prozent innerhalb von drei Jahren nach der Entlassung rückfällig, im offenen nur ein Viertel. Auch in Deutschland werden die Kandidaten für den offenen Vollzug streng ausgewählt. Von den 56.

000 Häftlingen verbüßen über 9000 ihre Strafe im offenen Vollzug. In Bayern sind es sieben Prozent, in Nordrhein-Westfalen 27 Prozent. Uwe Cornelsen leitet die Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne, eine Anstalt des offenen Vollzugs. Sie wurde 1907 gegründet und betreut 1600 Häftlinge.

Der Anstaltsleiter entscheidet selbst, wer aufgenommen wird. Ein wichtiges Kriterium ist ein geringes Rückfallrisiko – auch bei langen Haftstrafen. „Es gibt nicht nur ein Kriterium, sondern es ist eine Mischung. Man muss erstmal gucken, welchen Gefangenen ich vor mir habe, mit welchen Bedürfnissen, mit welchen Problemen.

Wenn ich einen Gefangenen habe, der im Wesentlichen sozial desintegriert ist, dann ist der Schwerpunkt Integration in den Arbeitsmarkt. Heimatnähe ist immer ein wichtiges Kriterium. Und wenn es Gefangene sind, die besondere Anforderungen haben, wie beispielsweise Gewalttäter, dann müssen wir eine Außenstelle suchen, wo speziell Gewalttäterprogramme angeboten werden. “ Man sieht das an den Zahlen: In den Ausgängen und im Urlaub versagen weniger als ein Prozent der Gefangenen.

In der Schweiz sieht es ähnlich aus. Das Gefängnis Witzwil gibt es schon seit über 100 Jahren. Es ist gleichzeitig der größte Landwirtschaftsbetrieb der Schweiz. 180 Häftlinge aus dem Kanton Bern beenden hier ihre Haftstrafe.

Franzis erinnert sich an seine Ankunft: „Als ich hierherkam, war ich sehr überrascht, denn ich konnte mich vom ersten Tag an frei bewegen. Ich bekam eine Karte mit einem Guthaben, mit der ich Getränke kaufen konnte. Am Anfang war ich richtig überfordert. Ich bekam einen Zimmerschlüssel, und um 9:30 Uhr abends wurden die Zimmer von außen abgeschlossen.

Das war alles neu für mich. “ Es gibt einen Einstufungstest im Ausbildungszentrum. Jeder Häftling muss ein Haus aus Draht bauen. „Hier sehen wir zum Beispiel, dass der Betroffene Schwierigkeiten hatte, die Drähte zusammenzuschweißen, aber er hat andere Lösungen gesucht.

Diese Informationen sind wertvoll für uns. Uns geht es darum, dass die Männer lernen, so selbstständig wie möglich zu arbeiten. “

Für einige Häftlinge ist der offene Vollzug jedoch schwieriger als der geschlossene. „Schon jeden Morgen aufstehen zu müssen, bedeutet für sie eine große Herausforderung.

Einige suchen immer wieder nach Ausflüchten. “ Der Anstaltsarzt sagt: „Die psychosomatischen Beschwerden nehmen zu. Wirklich beschäftigen uns vor allem Männer mit Persönlichkeitsstörungen. “ André Steli ist seit 35 Jahren Arbeitsmeister in Witzwil.

Für viele Gefangene war er so etwas wie ein Ersatzvater. „Als dieser junge Mann zu uns kam, war er sehr unruhig. Er stand neben sich, wie man sagt, aber er war guten Willens. Da spiele ich die Rolle eines Vaters.

Der lobt, aber er sagt auch, wenn etwas nicht gut ist. Manchmal muss er dabei etwas lauter werden, aber ich denke, in seinem Fall hat es sich gelohnt. “ Die Arbeit mit Tieren hat eine heilende Wirkung. „Straftäter, die verlernt haben zu kommunizieren, mit denen wir keinen Kontakt mehr aufnehmen können, kommen über das Mittel von Pferden oder Kühen wieder in Kontakt.

Das Pferd gibt den Gefangenen ein Feedback. Es merkt sofort, ob jemand gute Laune hat oder depressiv gestimmt ist. “

Pascal Sieber hat sich entschieden, Traktor zu fahren. Die Traktoren sind neu und hochmodern – die Gefängnisleitung übergibt den Häftlingen die volle Verantwortung.

„Die ersten zwei Tage war ich auf dem Feld mit einem Vorarbeiter. Dann habe ich alleine weitergearbeitet. Am dritten oder vierten Tag sagten sie zu mir, ich soll eine Lieferung Kartoffeln nach Bern bringen, das sind etwa 70 oder 80 Kilometer. Diese Leute kannten mich nicht und trauten mir das zu.

Ich habe gedacht, das ist wahrscheinlich ein Test, aber alles ist gut gelaufen. Das war schon verrückt. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so viele Freiheiten haben würde. “ Vorher saß er Monate in Untersuchungshaft, 23 von 24 Stunden eingeschlossen.

„Hier habe ich gelernt, diese großen Traktoren zu fahren. Das hat mir Bestätigung gegeben. Ich habe gesehen, dass ich die gleiche Arbeit machen kann wie andere. “ Hatte er nie den Gedanken, den Traktor stehen zu lassen und abzuhauen?

„Noch nie. Man hat mir von Anfang an klar gemacht, wie ich mich hier zu verhalten habe und welche Konsequenzen ein Fehlverhalten hat. Und irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem man vernünftig wird. Man möchte sein Leben ändern.

Und hier gibt man uns eine Chance. “

Der Direktor sagt über ihn: „Er hat sich am Arbeitsplatz hundertprozentig bewährt. Er begegnet seinen Vorgesetzten mit Respekt. Er hat ein Unrechtsbewusstsein entwickelt und eine Verhaltensänderung durchgemacht.

Dass er eine landwirtschaftliche Lehre antritt, obwohl er 20 Jahre älter ist als die anderen Lehrlinge, zeigt, dass er einen Neuanfang will. “

In Metz müssen sich die Häftlinge in der Anstalt für erleichterten Strafvollzug vor der Entlassung selbst um einen Arbeitsplatz kümmern. Die Zimmer sind keine Zellen, die Türen bleiben offen. Jeder hat einen eigenen Schlüssel.

„Hier gibt es kein Kartentelefon, von dem aus wir unsere Familien anrufen können. Die Aufseher sind nicht ständig hinter uns her. Wir haben hier mehr Freiheiten, obwohl wir im Gefängnis sind. “ Die Leiterin erklärt die Regeln: „Sie sind alle freiwillig hier.

Sie haben eine Entlassung beantragt, aber das bedeutet nicht eine endgültige Entlassung. Sie möchten ihre Entlassung vorbereiten, um in den Beruf zurückzukehren oder eine Ausbildung zu machen. Sie müssen sich dem Personal gegenüber korrekt verhalten. Sollte das nicht passieren, kommen Sie sofort in den geschlossenen Vollzug zurück.

Jeder, der Drogen mit ins Haus bringt, wird sofort beim Staatsanwalt gemeldet. “ Ein Häftling sagt: „Ich habe die Chance bekommen, wieder einiges gut zu machen, und diese Chance möchte ich nutzen. Wenn ich im klassischen Gefängnis geblieben wäre, wäre ich vielleicht mit einer Fußfessel rausgekommen. Aber vielleicht wäre ich jetzt schon wieder drin mit einer höheren Strafe, weil ich ohne Führerschein Auto gefahren wäre.

Hier verstehe ich, worum es geht. Gefängnisse sollen die Menschen nicht kaputt machen. Deswegen müssen sie offen sein. “

Die JVA Bielefeld vermittelt Arbeitskräfte an 70 Unternehmen der Gegend.

Ulrich Moka wurde zu zehn Jahren Gefängnis wegen 15 Banküberfällen verurteilt. Sechs Jahre saß er im geschlossenen Vollzug, dann wurde er Freigänger. „Vorher durfte man nicht alleine zur Arbeit fahren, man musste erst Freigänger werden. Im Namen hört man das schon – freier Gang.

Das Vertrauen der Justiz hat sich gesteigert, und heute kann ich alleine zur Arbeit fahren. Arbeit ist für einen Strafgefangenen sehr wichtig, denn man wird akzeptiert – von den Kollegen, von der Familie. Durch die Arbeit wird man wieder akzeptiert für das, was man leisten möchte, nicht für das, was man gemacht hat. “ Sein Arbeitgeber sagt über ihn: „Er will arbeiten, er kann arbeiten, er macht mehr, als er müsste.

Er ist hochmotiviert, ein feiner Kerl. Wir sind froh, dass wir ihn hier im Team haben. “ In der Schweiz übernimmt der Betrieb 50 Prozent der Verwaltungskosten durch eigene Produktion. Ein Gefangener kostet den Steuerzahler dort 220 Euro pro Tag statt 700 Euro im geschlossenen Vollzug.

Doch es gibt auch Widerstände. Der Direktor von Bielefeld organisiert jedes Jahr ein öffentliches Konzert im Gefängnis, damit die Anwohner Kontakt zu den Häftlingen bekommen. „Es gibt natürlich Ängste. Man stellt sich ja vor, wie Gefängnis und Straftäter mystifiziert sind.

So ein Konzept ist nur ein Schritt. Man geht rein, ist erstaunt. Das Bild wird erstmal zerstört. Aber die Leute gehen nach Hause und erzählen: ‚Wir waren im Gefängnis, und es war ganz normal.

‘ Das muss man über die Jahre in der Öffentlichkeit etablieren. “ Der Justizminister von Nordrhein-Westfalen sagt: „Wir haben uns entschieden, unseren Justizvollzug nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten auszurichten. Wir wissen, dass das bei breiten Teilen der Bevölkerung unpopulär ist, aber wir halten es für einen Skandal, wenn wir unseren Justizvollzug nach populistischen Gesichtspunkten ausrichten würden. Es ist nicht schwierig, den offenen Vollzug zu befürworten, denn aus internationalen Studien wissen wir: Die Länder mit dem liberalsten Justizvollzugssystem haben die niedrigsten Rückfallquoten.

Nicht alle Häftlinge in Metz sind sofort in der Lage zu arbeiten. Manche müssen erst Selbstvertrauen gewinnen. „Ich will, dass mich die anderen respektieren. Ich will nicht an den Rand gedrängt werden.

Aber dabei vergessen sie meistens, dass man, um sich Respekt zu verschaffen, sich erst selbst anerkennen und lieben muss. “ Viele Häftlinge sind gering qualifiziert, einige können kaum lesen oder schreiben. „Sie müssen erst lernen, mit Drogen- und Alkoholproblemen umzugehen, bevor man den beruflichen Weg vorbereiten kann. “ Die Aufseher in Metz sind nicht die strengen Wärter aus dem Klischee.

„Hier mache ich die Arbeit, die ich mir vorgestellt habe. Ich kann den Häftlingen helfen, ins normale Leben zurückzufinden. Unsere Arbeit beinhaltet Kontrolle und Begleitung. Wir müssen daran glauben, dass der Mensch, den wir vor uns haben, sich weiterentwickeln kann.

Wenn wir das nicht tun würden, müssten wir diese Leute in Strafkolonien stecken. “

Um 20:45 Uhr müssen die Häftlinge auf ihre Zimmer. Die Tür wird geschlossen, doch sie können sie von innen öffnen. Sie ist nur ein Symbol für den Freiheitsentzug.

„Wenn die Tür geschlossen wird, ist man von der Außenwelt getrennt. Man ist auf sich alleine gestellt. Das ist der Moment, in dem man anfängt nachzudenken. Tagsüber unterhält man sich und denkt nicht wirklich nach.

Aber wenn abends die Tür zugeht, beginnt man schon nachzudenken. Daran werde ich mich nie gewöhnen. “

Bei ihren ersten Ausgängen werden die Häftlinge von einem Aufseher begleitet, zum Beispiel ins Centre Pompidou in Metz. Für viele ist es der erste Museumsbesuch überhaupt.

„Für viele war ein Museum bisher nur etwas für Reiche und Intelligente. Wir möchten zeigen, welche Möglichkeiten es gibt und dass Ihnen alles offensteht. Es kommt immer wieder vor, dass ehemalige Häftlinge nach ihrer Entlassung mit ihrer Familie hierher zurückkehren – darüber freuen wir uns sehr. “ Einer der Häftlinge sagt nach dem Besuch: „Die Frau hat es gut erklärt.

Es war etwas ganz Neues für mich. “ Er lächelt: „Das hat mein Leben verändert. “ – natürlich im Scherz. Die Museumsführerin freut sich: „Ihm hat es gut gefallen.

Er wird wiederkommen. “

Ulrich Moka hat jetzt vier Tage Urlaub pro Monat, die er bei seinen Eltern verbringt. Banküberfälle gehören der Vergangenheit an. Heute holt er sein Geld am Automaten.

Bei seinen Eltern baut er einen Schrank auf. Seine Mutter sagt: „Es war schlimm, aber es ist unser Kind und bleibt unser Kind. Das Schlimmste war, wenn man einkaufen ging. Die Leute guckten einen an, drehten sich weg.

Die sagten: ‚So viel hat er gemacht und darf jetzt schon draußen rumlaufen. ‘“ Ulrich sagt: „Es war extrem schwierig, weil ich nicht wusste, wie die Leute reagieren. ‚Aha, da kommt er wieder zurück. So früh.

‘ Aber die Leute sind eher auf mich zugegangen, haben interessiert gefragt. Ich war positiv überrascht, dass Menschen, vor denen ich Angst hatte, mir als erstes eine Chance gegeben haben. “ Er sagt: „Sicherheit und Resozialisierung sind kein Widerspruch. Sie hängen voneinander ab.

Es gibt keinen einzigen nennenswerten Kriminologen, der sagt, dass hartes Wegsperren die Menschen verbessert oder die Sicherheit erhöht. “

Zwei Monate später treffen wir Pascal Sieber als freien Mann wieder. Im Schweizer Jura hat er einen Landwirtschaftsbetrieb gefunden, wo er seine Ausbildung fortsetzen kann. Der Betriebsleiter sagt: „Dass er im Gefängnis war, hat keine Bedeutung für mich.

Er hat sich gut eingelebt, er verhält sich vorbildlich. “ Pascal sagt: „Als ich hierherkam, war ich erst ein bisschen schockiert, denn es kam mir hier wie im Gefängnis vor. Der Hof liegt ganz abgeschieden. Ich konnte nicht zu meiner Familie, obwohl ich ein freier Mann bin.

Aber jetzt habe ich mich an das Leben hier gewöhnt, und es läuft sehr gut. “ Doch er ist vorsichtig: „Früher bekam ich nach der Entlassung keinerlei Unterstützung. Ich war völlig auf mich allein gestellt, und damit begann eine andere Art Gefängnis. Bei der Arbeitssuche wird man überall abgewiesen, da kommt vieles zusammen.

Dann besteht die Gefahr, rückfällig zu werden. Aber in Witzwil habe ich diesmal viel Unterstützung bekommen. Sie haben meine Entlassung mit mir vorbereitet. Ich fühle mich wohl, aber ich muss aufpassen, dass die alten Geister nicht so schnell wieder zurückkommen.

“ Pascal Sieber wird noch ein weiteres Jahr unter juristischer Aufsicht stehen – eine weitere Unterstützung vor dem endgültigen Schritt in die Freiheit. Frankreich kostet sein Gefängnissystem zwei Milliarden Euro pro Jahr – vor allem der geschlossene Vollzug. Trotzdem wird Frankreich regelmäßig vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt wegen des schlechten Zustands seiner Gefängnisse, mit hunderten Selbstmorden pro Jahr. Nur ein Prozent der Häftlinge in Frankreich bekommt Straferleichterung.

In der Schweiz, in Deutschland und Finnland sind durchschnittlich 25 Prozent im offenen Vollzug. Das Konzept des offenen Gefängnisses ist heute Bestandteil der europäischen Strafvollzugsgrundsätze. Nur so kann es den Häftlingen gelingen, sicher in Freiheit zu leben und dem Teufelskreis von Gefängnis, Entlassung und Rückfälligkeit endlich zu entkommen.