Es gibt nur wenige Worte, über die sich Historiker so uneinig sind wie über das Wort Nougat. Drei Länder behaupten, es erfunden zu haben, vier Sprachen beanspruchen seinen Ursprung für sich. Das lateinische Nux für Nuss, das italienische Nocciola, das arabische Nativ, das Persische. Niemand ist sich einig.

Und das Produkt selbst macht es nicht einfacher: In Frankreich ist Nougat weiß und luftig, in Italien fest und elfenbeinfarben, in Deutschland dicht und dunkelbraun wie Schokolade. Drei verschiedene Süßigkeiten, ein einziger Name. Die Frage, welches davon das echte Nougat ist, führt in die Irre. Die richtige Frage ist eine andere: Wie kommt es, dass eine Süßigkeit, die so tief in der deutschen Weihnachtskultur verwurzelt ist, in Lebkuchen, Pralinen, Adventskalendern, eine Erfindung ist, die Jahrtausende zurückreicht und aus einer Welt stammt, die mit Deutschland nichts zu tun hatte?
Millionen Menschen halten Nougat für genuin deutsch. Dabei beginnt seine Geschichte nicht in Montélimar, nicht in Cremona und nicht in Nürnberg. Sie beginnt in Persien. Vor mehr als zweitausend Jahren entstand in den Küchen des persischen Reiches eine Praxis, die die Süßwarengeschichte der Welt verändern sollte.
Köche der persischen Aristokratie vermengten gemahlene Nüsse mit Honig – Mandeln, Pistazien, Walnüsse. Das Ergebnis war eine süße, nussige Paste, die sich formen, trocknen und aufbewahren ließ. Kein verderbliches Produkt, sondern eine Süßigkeit, die Wochen überdauerte, die auf Reisen mitgenommen und als Geschenk verwendet werden konnte. Honig war damals das einzige Süßungsmittel, Zuckerrohr kannte man in Persien noch nicht.
Dafür gab es Nüsse in Hülle und Fülle. Die Region um das heutige Iran und Afghanistan war berühmt für Pistazien, Mandeln kamen aus Zentralasien, Walnüsse wuchsen entlang der Handelsrouten, die das Persische Reich mit China und Indien verbanden. Ein persischer Koch, der diese Zutaten im Mörser zu einer Paste verarbeitete, hatte Zugang zur nussreichsten Küche der damaligen Welt. Die Araber übernahmen diese Praxis und verfeinerten sie im neunten und zehnten Jahrhundert.
Während des islamischen Goldenen Zeitalters entwickelten arabische Zuckerbäcker die Kunst der Konfektherstellung zu einer Wissenschaft. Sie experimentierten mit Zuckerrohr, das aus Indien in die arabische Welt gelangt war, entdeckten, wie man Eiweiß aufschlug, um Süßigkeiten Luft zu verleihen, und beschrieben ihre Rezepte in medizinischen und kulinarischen Schriften mit erstaunlicher Präzision. Ein Produkt aus arabischen Quellen des neunten Jahrhunderts trug den Namen Natef: eine geschlagene Süßware aus Honig, Seifenkraut und Nüssen, die durch aufgeschlagenes Eiweiß Volumen und Leichtigkeit erhielt. Wer dieses Natef heute neben ein modernes Nougat aus Montélimar legt und beide probiert, wird erschrecken, wie ähnlich sie sich sind.
Tausend Jahre liegen dazwischen, die Grundtechnik ist dieselbe. Das Natef verbreitete sich mit dem Vordringen des Islam nach Nordafrika und Spanien, das über sieben Jahrhunderte unter arabischem Einfluss stand. Von dort gelangte es durch Händler und Reisende in den Rest Europas. In Sizilien, ebenfalls jahrhundertelang arabisch geprägt, entstanden Süßigkeiten aus Mandeln und Honig, die direkte Abkömmlinge der arabischen Konfektradition sind.
Auch in Portugal, Südfrankreich und Norditalien, wohin venezianische Händler Zutaten und Techniken brachten, schlug die Tradition Wurzeln. Europa des Mittelalters war süßwarentechnisch ein Entwicklungsland: Zucker war teuer, Mandeln waren Importware, die Techniken des Aufschlagens und Formierens kamen aus dem arabischen Raum. Was Europa hatte, waren Öfen, handwerkliche Tradition und in bestimmten Regionen einheimische Nüsse. Darunter die Haselnuss.
Um zu verstehen, warum Deutschland einen anderen Weg ging als der Rest Europas, muss man diese eine Nuss verstehen. Mandeln, das bevorzugte Nougatmaterial in Spanien, Italien und Frankreich, brauchen mediterranes Klima. Die Haselnuss dagegen wächst in gemäßigten Breiten, in deutschen Wäldern, an Bachufern, an den Hängen der Mittelgebirge. Haselnusssträucher sind in Deutschland seit Jahrtausenden heimisch.
Die Römer erwähnten sie in ihren Feldberichten, mittelalterliche Kräuterbücher beschrieben ihre Heilwirkung, und ihre Nüsse waren Teil der deutschen Alltagsernährung, lange bevor Mandeln durch den Fernhandel erschwinglich wurden. Verkohlte Haselnussschalen in Fundstätten, die über zehntausend Jahre alt sind, belegen eine der ältesten Mensch-Pflanzen-Beziehungen Nordeuropas. Als im Spätmittelalter die arabisch-spanischen Süßwarenpraktiken über die Alpen nach Norden drangen, stießen sie auf ein Problem. Mandeln waren teuer.
Sie mussten über die Alpen importiert werden, durch Händlernetzwerke, die den Preis in die Höhe trieben. Wer in Deutschland Nougat herstellen wollte, brauchte entweder Geld oder eine Alternative. Die Alternative wuchs am Wegrand. Deutsche Zuckerbäcker, insbesondere in Nürnberg, dem damaligen Zentrum des deutschen Süßwarenhandwerks, der Stadt der Gewürzhändler und Lebküchner, begannen die arabisch-mediterrane Technik mit der heimischen Zutat zu kreuzen: Mandeln raus, Haselnüsse rein.
Das Ergebnis war kein weißes, luftiges Konfekt mehr, sondern eine dichte, dunkle, intensiv nussige Masse. Die Grundlage dessen, was heute als deutsches Nougat bekannt ist und in der deutschen Lebensmittelnorm eine eigene Definition hat: eine Süßwarenmasse aus mindestens fünfundzwanzig Prozent Haselnüssen, vermischt mit Kakaomasse oder Schokolade, mit einem charakteristisch erdigen, bittersüßen Geschmack. Dieses deutsche Nougat ist keine Imitation des französischen oder italienischen Originals. Es ist eine eigenständige Erfindung, entstanden aus der Begegnung einer fremden Idee mit einem lokalen Rohstoff.
Bevor wir dorthinkommen, müssen wir nach Cremona. Im Jahr 1441 heiratete Francesco Sforza, der Herzog von Mailand, Bianca Maria Visconti. Die Hochzeit war eines der bedeutendsten politischen Ereignisse Norditaliens, gefeiert mit einem Aufwand, der Generationen beschäftigen würde. Die Zuckerbäcker der Stadt Cremona, die das Fest ausrichteten, beschlossen, ein Konfekt zu kreieren, das die Hochzeit in die Geschichte eingehen ließ.
Sie schufen das Torrone: eine weiße, feste Masse aus Honig, Zucker, Eiweiß und Mandeln, geformt in einem langen Rechteck, das der Überlieferung nach dem Torrazzo nachempfunden war, dem Glockenturm des Cremoneser Doms, einem der höchsten mittelalterlichen Türme Italiens. Ob die Geschichte wahr ist, wissen wir nicht. Was Historiker jedoch belegen können: Die Technik der Cremoneser Zuckerbäcker – das Kochen von Honig und Zucker auf exakt definierte Temperaturen, das Einarbeiten von aufgeschlagenem Eiweiß, das Unterheben von gerösteten Mandeln – entsprach präzise den arabischen Techniken, die über Jahrhunderte nach Norditalien gelangt waren. Die Hochzeitslegende ist vielleicht ausgeschmückt.
Die arabischen Wurzeln sind es nicht. Das Cremoneser Torrone existiert bis heute, ist durch eine geschützte Ursprungsbezeichnung der Europäischen Union anerkannt und gilt als eines der ätesten schriftlich belegten Süßwarenrezepte Europas. Zur gleichen Zeit entstand an einem anderen Ort das, was die Franzosen später als ihren Nationalbeitrag zur Nougatgeschichte beanspruchen würden. In Montélimar, einer kleinen Stadt in der Drôme im Süden Frankreichs, begannen im siebzehnten Jahrhundert Mandelbäume zu blühen.
Olivier de Serres, ein Landwirtschaftsreformer unter König Heinrich dem Vierten, hatte den Anbau von Mandelbäumen in der Region gefördert. Mit den Mandeln kam die Möglichkeit, das Nougat zu machen, das die Region berühmt machen sollte. Das Nougat de Montélimar – weiß, leicht, mit ganzen Mandeln und Pistazien durchsetzt, in rechteckige Stücke geschnitten und in dünne Oblaten gewickelt – wurde im achtzehnten Jahrhundert zum Reisemitbringsel schlechthin. Die Route National 7 führte durch Montélimar.
Jeder, der von Paris in den Süden reiste oder umgekehrt, passierte die Stadt, und jeder kaufte Nougat. Postkutschen hielten, Reisende stiegen aus, Händler packten Schachteln in ihre Koffer. Napoleon soll das Nougat de Montélimar geliebt haben, wobei bei Napoleon sehr viele Speisen als seine Lieblingsmahlzeit überliefert sind, was mit Vorsicht zu genießen ist. Stendhal erwähnte Montélimar in seinen Reisenotizen.
Im zwanzigsten Jahrhundert, als das Automobil die Route National 7 zum Urlaubsweg der Franzosen machte, wurde die Stadt zur berühmtesten Süßwarenstation des Landes. Familien, die im Sommer an die Côte d’Azur fuhren, kauften auf dem Hin- und Rückweg Nougat. Es gab Jahre, in denen die Autos auf der Route National 7 Schlange standen, nicht wegen eines Unfalls, sondern wegen der Nougatstände. Heute ist das Nougat de Montélimar durch eine geschützte geografische Angabe der Europäischen Union gesichert: mindestens achtundzwanzig Prozent Mandeln und zwei Prozent Pistazien, keine anderen Nüsse, Herstellung in der Region.
Wer in Montélimar eine Fabrik für Nougat mit weniger Mandelanteil betreiben würde, dürfte sein Produkt nicht mehr Nougat de Montélimar nennen. Drei Kontinente, drei Kulturen, drei verschiedene Interpretationen desselben Grundgedankens: Nüsse, Zucker, Zeit. Und doch wurde keines dieser drei Nougats in Deutschland erfunden. Wie kommt es dann, dass das deutsche Nougat so tief in der deutschen Seele steckt?
Die Antwort liegt in einer Institution, die älter ist als der Nationalstaat, älter als das Kaiserreich: der Weihnachtsmarkt. Der erste urkundlich belegte deutsche Weihnachtsmarkt findet sich in den Akten der Stadt München aus dem Jahr 1390. Nürnberg, das heute den berühmtesten Weihnachtsmarkt der Welt beherbergt, den Christkindlesmarkt, führt seine Tradition bis ins sechzehnte Jahrhundert zurück. Diese Märkte waren keine reinen Vergnügungsveranstaltungen.
Sie waren Wirtschaftsereignisse von erheblicher Bedeutung. Händler aus ganz Europa trafen sich, tauschten Waren und brachten Produkte mit, die in der Region sonst nicht zu haben waren: Gewürze aus dem Orient, Safran aus dem Nahen Osten, Ingwer aus Südasien, Mandeln aus dem Mittelmeerraum, Zucker, der langsam billiger wurde. Und mit diesen Zutaten kamen die Techniken. Nürnberger Lebküchner, hochspezialisierte Bäcker, die das exklusive Recht hatten, Lebkuchen zu produzieren und in einer eigenen Zunft organisiert waren, experimentierten seit dem fünfzehnten Jahrhundert mit Nuss-Zucker-Massen.
In ihren Werkstätten entstanden Produkte, die wir heute als Vorläufer des deutschen Nougats erkennen würden: Nussmassen, Nusspralinen, mit Gewürzen verfeinerte Mandelpasten und Haselnussgebäck, das sich von den Mandelspezialitäten des Südens durch den intensiveren, etwas bittereren Geschmack der einheimischen Nuss unterschied. Nürnberg lag an der Kreuzung wichtiger Handelsrouten, der Verbindung zwischen Venedig und dem Norden, zwischen dem Rheinland und dem Osten. Was in den Häfen des Mittelmeers ankam, gelangte über Nürnberg in den deutschen Markt. Die Lebküchner, die mit Zutaten aus der ganzen Welt arbeiteten, entwickelten ein Sortiment, das bis heute Bestand hat: das Elisenlebkuchen, der Honigkuchen, die Nürnberger Schokolade und die Nussmassen, die im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts, als die Schokolade die europäische Süßwarenwelt revolutionierte, zur Grundlage des deutschen Nougats wurden.
Das entscheidende Jahrhundert war das neunzehnte. Aber bevor die Industrie kam, gab es noch einen Mann, den man nicht übergehen kann. Seinen Namen kennt kaum jemand außerhalb der Süßwarenfachkreise, aber seine Arbeit hat die Art, wie Deutschland Nougat versteht, für immer definiert. Friedrich Hacker war kein Revolutionär, obwohl er in denselben Jahrzehnten lebte wie jene, die auf den Barrikaden von 1848 kämpften.
Er war Konditor in Hamburg, der in den ersten Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts mit Haselnussmassen experimentierte und dabei etwas entdeckte, das heute selbstverständlich klingt, damals aber eine handwerkliche Erkenntnis war: Geröstete Haselnüsse, zu einer feinen Paste gemahlen und mit Kakaomasse und Zucker verbunden, ergaben eine Masse, die sich wie Schokolade verarbeitete, aber nach Haselnuss schmeckte – tiefer, komplexer, länger anhaltend. Diese Erkenntnis verbreitete sich über Wandergesellen, Rezeptbücher und die Kontakte zwischen Konditoren auf Messen, und sie erreichte Nürnberg, wo sie auf die bereits bestehende Tradition der Nusssüßigkeiten traf. Als im neunzehnten Jahrhundert die Kakaoverarbeitung industrialisiert wurde, als Schokoladenfabriken in der Schweiz, in Deutschland und in Frankreich begannen, Kakao in großen Mengen zu verarbeiten und Kakaobutter von der Kakaomasse zu trennen, entstand ein neues Spielfeld. Kakaobutter, Kakaomasse, gemahlene Haselnüsse: Wenn man diese drei Zutaten in bestimmten Proportionen mischt und Zucker hinzufügt, entsteht eine cremige, streichfähige Masse, die bei Raumtemperatur fest wird und beim Erwärmen schmilzt.
Eine Masse, die sich gießen lässt, Formen annimmt, Schichten bildet. Deutsche Konfektionäre entdeckten, dass sich diese Masse hervorragend als Füllung eignet: für Pralinen, bei denen ein Mantel aus Schokolade eine zarte Nougatseele umschließt, für Schokoladentafeln, bei denen die Nougatschicht im Kontrast zur Bitterschokolade steht, für Marzipankugeln mit Nougatfüllung, für die unendliche Vielfalt der deutschen Weihnachtskonditorei. Und so verankerte sich das deutsche Nougat in genau dem Kontext, in dem deutsche Geschmackserinnerungen am stärksten ausgebildet werden: in der Vorweihnachtszeit, in der Küche der Großmutter, im Duft von Zimt und Schokolade und Haselnüssen, der aus dem Backofen steigt, wenn draußen der erste Schnee fällt. In den Momenten, die sich in die Erinnerung einbrennen, weil sie mit Wärme, Familie und Erwartung verbunden sind.
Ernährungswissenschaftler nennen das Geschmacksidentität: die Verbindung zwischen einem Aroma, einem Moment und einer Emotion, die sich in früher Kindheit herstellt und ein Leben lang anhält. Wer als Kind im Dezember Nougat aß, wird Nougat für immer mit Geborgenheit verbinden. Diese Verbindung ist stärker als jede Werbung. Sie ist neurobiologisch verankert.
Es gibt eine deutsche Industrienorm für Nougat. Die DIN-Norm schreibt vor: mindestens fünfundzwanzig Prozent Haselnüsse, verarbeitet mit Zucker und Kakaoprodukten. Diese Norm ist kein Zufall. Sie ist die codifizierte Form einer Tradition, die über Jahrhunderte gewachsen ist und die einen Rohstoff ins Zentrum stellt, der in Deutschland heimisch ist: die Haselnuss.
Wobei, und das ist die nächste Wendung der Geschichte, heimisch heute eine sehr relative Kategorie ist. Heute stammen rund siebzig bis fünfundsiebzig Prozent der weltweit gehandelten Haselnüsse aus der Türkei, genauer aus den Regionen am Schwarzen Meer, wo Haselnusssträucher in den hügeligen, regenreichen Küstenlandschaften in Massen wachsen und zehntausende Kleinbauern ihren Lebensunterhalt mit der Ernte bestreiten. Die Ernte findet im August statt, von Hand, in steilem Gelände, ohne Mechanisierung. Frauen und Männer sammeln die Nüsse, die auf den Boden gefallen sind, in Körbe.
Für die deutsche Süßwarenindustrie ist diese türkische Haselnuss ein unverzichtbarer Rohstoff. Wenn die Ernte durch Frost, Dürre oder Schädlingsbefall schlecht ausfällt, steigen die Preise für Nougat in deutschen Supermärkten. Die deutschen Verbraucher spüren eine Dürre am Schwarzen Meer in ihrem Adventskalender. Das ist das verborgene Paradox des deutschen Nougats.
Es gilt als zutiefst deutsches Produkt. Seine Geschichte ist in deutschen Weihnachtsmärkten, Familienrezepten und Konditoreien verankert. Aber sein Hauptrohstoff kommt aus der Türkei, seine Grundtechnik aus dem arabischen Raum, seine Zuckerkomponente gelangte über spanisch-arabische Vermittler nach Europa. Die Kakaomasse kommt aus Ghana, der Elfenbeinküste, Ecuador.
Niemand denkt daran, wenn er eine Praline mit Nougatfüllung aus dem Adventskalender nimmt. Kulinarische Traditionen entstehen nicht im Vakuum. Sie entstehen im Kontakt, in der Begegnung von Zutaten, Techniken und Menschen aus verschiedenen Teilen der Welt, die sich an einem Ort treffen und dort zu etwas Neuem werden. Es gibt noch eine weitere Wendung in dieser Geschichte.
Eine, die zeigt, wie weit das deutsche Nougat die Welt verändert hat, ohne dass irgendjemand seinen Namen kennt. Im Jahr 1965 stellte Pietro Ferrero, ein Konditor aus der piemontesischen Stadt Alba, ein neues Produkt vor: eine cremige braune Masse aus Haselnüssen, Kakao, Milch und Zucker. Streichfähig, süß, mit einem intensiven Haselnussgeschmack. Er nannte es Nutella.
Ferreros Weg war nicht direkt. Sein Vater Michele hatte bereits in den frühen Nachkriegsjahren mit Haselnuss-Kakao-Massen gearbeitet, in einem Italien, das unter Mangel an Lebensmitteln litt. Kakao war teuer, Haselnüsse wuchsen im Piemont in Hülle und Fülle. Ein piemontesisches Konfekt namens Gianduia kombinierte seit dem neunzehnten Jahrhundert Schokolade mit piemontesischer Haselnussmasse.
Ferrero verfeinerte dieses Prinzip: mehr Haselnuss, weniger Schokolade, Milch für die Cremigkeit, streichfähig statt fest. Die Verbindungslinie zwischen dem deutschen Nougat und Nutella ist keine direkte genealogische Linie, sondern eine strukturelle Verwandtschaft: dieselbe Grundidee, die sich in zwei Ländern zu zwei verschiedenen Produkten entwickelt hat. Beide stehen auf demselben Fundament: Haselnüsse, Kakao, Zucker, Wärme, Zeit. Heute ist Nutella das meistverkaufte Brotaufstrichprodukt der Welt.
Ferrero verarbeitet jährlich rund einhundertfünfundzwanzigtausend Tonnen Haselnüsse, etwa ein Viertel der gesamten Welternte. In mehr als einhundertsiebzig Ländern ist Nutella erhältlich. Das deutsche Nougat hat über diesen Umweg die Welt erobert. Nur nennt niemand es so.
Es gibt in Deutschland eine Debatte, die in Fachkreisen seit Jahren geführt wird: die Frage, ob das deutsche Nougat eine eigene geografische Herkunftsbezeichnung verdient, ähnlich wie das Nougat de Montélimar oder das Torrone de Cremona. Bisher gibt es keine solche Bezeichnung. Das deutsche Nougat ist durch die DIN-Norm definiert, aber nicht geografisch geschützt. Es kann überall hergestellt werden, und es wird überall hergestellt: von deutschen Familienunternehmen, die seit Generationen dieselbe Rezeptur pflegen, ebenso wie von multinationalen Konzernen, die ihre Produktion längst in Länder mit niedrigeren Lohnkosten verlagert haben.
Was verloren geht, wenn ein Kind in Deutschland in der Vorweihnachtszeit eine Nougatpraline isst, diesen kleinen dunklen, nach Haselnuss duftenden Würfel, der in Goldfolie gewickelt aus der Schachtel kommt, dann ist es zweitausend Jahre Handelsgeschichte. Es sind die persischen Köche, die Honig und Pistazien zusammenrührten. Es sind die arabischen Zuckerbäcker des Goldenen Zeitalters, die Eiweiß und Nüsse zu einer Kunst machten. Es sind die mittelalterlichen Händler, die Gewürze und Techniken über die Alpen brachten.
Es sind die Nürnberger Lebküchner, die aus fremden Zutaten und heimischen Haselnüssen etwas Eigenes machten. Es sind die türkischen Bauern am Schwarzen Meer, die im August auf steilen Hängen Nüsse sammeln. Es sind die Kakaobauern in Ghana und der Elfenbeinküste. Das ist keine Sentimentalität, das ist Tatsache.
Lebensmittel sind Archive. Sie speichern Handelsrouten, Migrationen, Begegnungen zwischen Kulturen in einer Form, die unverderblicher ist als Pergament. Das Nougat ist dreitausend Jahre alt. Das Persische Reich, in dem es erdacht wurde, existiert nicht mehr als politische Entität.
Das arabische Goldene Zeitalter, das es verfeinerte, ist Geschichte. Das Osmanische Reich, das die Haselnusswirtschaft am Schwarzen Meer formte, ist seit über hundert Jahren aufgelöst. Das Heilige Römische Reich, in dessen Städten das deutsche Nougat seine heutige Form annahm, gibt es seit zweihundert Jahren nicht mehr. Das Nougat ist noch da, und es hat sich in seinem Kern nicht verändert: Haselnuss, Kakao, Zucker.
Dieselbe Kombination, die im neunzehnten Jahrhundert in Nürnberger Konditoreien entstanden ist, steckt heute in den Tafeln, Pralinen, Lebkuchen und Weihnachtsgebäcken. Manchmal mit Zusätzen, manchmal mit Variationen: Vollmilch statt Zartbitter, Mandeln beigemischt, Vanille als Note. Aber das Grundprinzip ist unverändert. In deutschen Supermärkten, an Weihnachtsmarktständen, wo der Duft von gebrannten Mandeln und Nougat sich mit Glühwein und Zimt mischt und sich in den Winterabend hebt.
In den goldenen Schächtelchen von Kindern, die nicht wissen und nicht wissen müssen, dass das, was sie da naschen, eine dreitausendjährige Geschichte trägt. Das Wissen ändert nichts am Geschmack, aber es verändert, was man versteht, wenn man isst. Das nächste Mal, wenn jemand sagt, er esse etwas typisch Deutsches, etwas, das so deutsch sei wie Weihnachten selbst, und meint damit Nougat, dann hat er nicht unrecht. Nougat ist heute typisch deutsch.
Es gehört zur deutschen Weihnachtskultur wie der Christbaum und der Glühwein. Aber es gehört genauso zu Persien, zu den arabischen Zuckerbäckern des neunten Jahrhunderts, zu den venezianischen Händlern, die Mandeln über die Alpen brachten, zu den Nürnberger Meistern, die Haselnüsse günstiger fanden als Mandeln und daraus eine neue Tradition machten, zu den türkischen Bauern, ohne die heute keine einzige Nougatpraline in Deutschland existieren würde, zur Kakaopflanze, die wild in den Regenwäldern Mesoamerikas wuchs, bevor die Europäer sie entdeckten und in die globale Süßwarenökonomie einspannten. Kultur ist nie allein. Sie ist immer Konversation, manchmal über Jahrtausende, manchmal ohne dass irgendjemand es bemerkt, manchmal in der Form einer kleinen, in Goldfolie verpackten Praline, die ein Kind aus einem Adventskalender zieht, ohne zu wissen, dass es gerade Persien, das arabische Goldene Zeitalter, die Nürnberger Lebküchner und die türkischen Haselnussbauern in einem einzigen Bissen vereint.
Das Nougat ist der süßeste Beweis dafür.


