Am 14. Februar 2018 benutzte ein Mann die Bankkarte einer verschwundenen Frau in einem Supermarkt in Glasgow. Der Mann hieß Andrew Wallace und er war der Untermieter von Julie Riley. Nur acht Tage zuvor hatte Julie zum letzten Mal gelebt.

Julie Riley war 47 Jahre alt und hatte ein schweres Schicksal hinter sich. 2016 erlitt sie einen hypoxischen Hirnschaden, vermutlich wegen ihrer jahrelangen Drogenvergangenheit. Fünf Monate verbrachte sie im Krankenhaus. Seitdem war ihr Gedächtnis schlecht, sie brauchte länger für alles, und das Sprechen fiel ihr schwerer.
Trotzdem lebte sie weiterhin selbstständig in ihrer kleinen Wohnung in Glasgow. Sie wollte unabhängig bleiben. Vor ihrer Krankheit hatte Julie viel durchgemacht. Ihre erste Tochter war als Kleinkind gestorben.
Das hatte sie nicht verkraftet, und sie war in die Drogensucht abgerutscht. Das Verhältnis zu ihrer zweiten Tochter litt darunter. Das Mädchen wuchs größtenteils bei Julies Mutter auf, und auch als Erwachsene blieb die Beziehung schwierig. Doch nach dem Hirnschaden wollte Julie es besser machen.
Sie versuchte, für ihre Tochter und ihren kleinen Enkel da zu sein. Es klappte einigermaßen. Auch zu ihrer Mutter und ihrer Schwester fand sie langsam wieder Anschluss. Ende 2017 erzählte Julie ihrer Mutter am Telefon etwas, das ihr Unbehagen bereitete.
Sie hatte einen Untermieter aufgenommen. Ein Kumpel namens Andrew Wallace, ein gelernter Metzger, hatte sich von seiner Freundin getrennt und eine neue Wohnung gesucht. Solange sollte er bei Julie wohnen und ihr im Alltag helfen. Beim Haushalt, bei Arztterminen und der Medikamenteneinnahme.
Julies Mutter fand das von Anfang an keine gute Idee. Sie sah das Gute in den Menschen, sagte sie am Telefon. Andrew sei vertrauenswürdig, erwiderte Julie. Aber ihre Mutter hatte ein schlechtes Bauchgefühl.
Kurz nach diesem Telefonat verlor sich Julies Spur. Am 6. Februar 2018 stieg Julie ein letztes Mal in einen Bus. Überwachungskameras zeigten sie kurz darauf in einer Aldi-Filiale, etwa zwei Kilometer von ihrer Wohnung entfernt.
Sie kaufte dort ein, nicht allein. An ihrer Seite war Andrew Wallace. Als Julie einen Arzttermin verpasste, wurde die Praxis misstrauisch und rief ihre Mutter an. Die hatte seit dem Streit im Dezember nichts mehr von ihrer Tochter gehört.
Daraufhin meldete die Familie Julie als vermisst. Die Polizei nahm den Fall ernst. Wegen ihres Gesundheitszustands galt Julie als besonders verletzlich. Man vermutete zunächst, sie sei verwirrt und finde nicht mehr nach Hause.
Suchhunde, Helikopter und Einsatzkräfte durchkämmten Glasgow. Doch es gab keine Spur. Die Familie machte sich Hoffnung. Keine Spur draußen zu finden, könnte ja bedeuten, dass Julie irgendwo drinnen in Sicherheit war.
Doch dann fanden die Ermittler in Julies Wohnung ihr kleines schwarzes Tagebuch. Für Julie war dieses Buch überlebenswichtig. Sie konnte sich Termine nicht mehr merken und notierte alles darin. Dass sie es zurückließ, war ein schlechtes Zeichen.
Bei der ersten Durchsuchung sah die Wohnung normal aus. Typisches Alltagschaos, hübsch hergerichtet. Aber die Forensiker entdeckten winzige Blutflecken, verteilt in der ganzen Wohnung. Auch in der Trommel von Julies Waschmaschine.
Die Ermittler sahen sich die Überwachungsaufnahmen genauer an. Am 14. Februar wurde mit Julies Bankkarte in einem Supermarkt bezahlt. Wenig später geschah dasselbe in der Aldi-Filiale, in der Julie zuletzt gesehen wurde.
Andrew Wallace war damit der Hauptverdächtige. Die Polizei nahm ihn fest und steckte ihn in Untersuchungshaft. Das verschaffte den Ermittlern Zeit, die Wohnung ein zweites Mal zu durchsuchen. Diesmal wurden sie fündig.
Unter einem Teppich kam ein großer Blutfleck zum Vorschein. Er war weggewischt worden, aber so viel Blut war in den Holzboden gesickert, dass man ihn sichtbar machen konnte. Mit Luminol wurden sogar ganze Fußabdrücke sichtbar. Die Menge des Blutes war gewaltig.
Inzwischen meldete sich ein Zeuge bei der Polizei. Er war ein Kumpel von Andrew. Bei einem Besuch hatte Andrew einen großen Koffer dabei. Auf Nachfrage sagte er, darin sei ein totes Reh, das er mit dem Auto überfahren habe.
Er plane, das Fleisch bei einer Schlachterei zu verkaufen. Doch eine Woche zuvor hatte Andrew zu demselben Kumpel gesagt: „Ich habe eine Frau ermordet, ich muss ihre Leiche loswerden. “
Andrews Handy schien das zu bestätigen. Er hatte gegoogelt: „Schnelle und fatale Messerstiche“ und „Wie bringt man jemanden mit einem Messer um?
“ Er hatte im App-Store nach einer Anti-Tracker-App gesucht. Auf seiner Festplatte fanden sich Fotos von Jagdmessern, einige mit Blut darauf, und ein Bild von durchtrennten Knochen. Die Polizei startete eine große Suche nach herrenlosen Koffern in ganz Glasgow. Über zwanzig Tipps gingen ein.
Beamte rückten aus, sperrten Fundstellen ab und öffneten Koffer, immer mit der Angst, Julies Überreste zu finden. Doch in keinem Koffer steckte etwas. Andrew Wallace wurde verhört. Die Polizei konfrontierte ihn offensiv damit, dass sie ihn für den Mörder hielt.
Doch auf jede Frage antwortete er nur mit denselben zwei Worten: „No comment. “
Am 19. April 2018, mehr als zwei Monate nach Julies Verschwinden, machte ein Anwohner in Glasgow seinen Garten für den Frühling fit. Dabei stieß er nicht auf Unkraut, sondern auf einen Knochen.
Einen menschlichen Oberschenkelknochen, mit Fleischresten dran. Die forensische Untersuchung bestätigte ohne jeden Zweifel: Es war ein Teil von Julie Riley. In einem anderen Garten fand man ein weiteres Stück ihres Beins. Der Rest blieb verschwunden.
Nun wurde Andrew Wallace offiziell wegen Mordes angeklagt. Dabei kam heraus, dass er kein Unbekannter vor Gericht war. Bereits 1992, als 15-Jähriger, war er wegen Mordes verurteilt worden. Er hatte eine Frau namens Caroline Paker getötet, wegen seines jungen Alters aber nur eine milde Strafe bekommen.
Mit Mitte zwanzig war er wieder ein freier Mann. Am 4. Februar 2019, fast auf den Tag genau ein Jahr nach Julies Verschwinden, stand Andrew Wallace erneut vor Gericht. Julies Familie war verzweifelt.
Andrew hatte nie gesagt, wo die restlichen Überreste waren. Sie fürchteten, die Indizienkette könnte zu dünn sein und er würde freigesprochen. Doch es kam anders. Andrew Wallace gestand den Mord an Julie Riley vor Gericht.
Ein Motiv nannte er nicht. Julies Familie sah in ihm einfach eine böse Person, die keinen Grund brauchte, um dieses furchtbare Verbrechen zu begehen. Sie kannten Julie als jemanden, der alles für jeden getan hätte. Ein Mordmotiv konnte es aus ihrer Sicht gar nicht geben.
Das Gericht verurteilte den 41-Jährigen zu einer Freiheitsstrafe von mindestens 28 Jahren. Nach dem Urteil flehte die Familie ihn an, zu verraten, wo die restlichen Überreste von Julie waren. Sie wollten ihr einen würdigen Abschied ermöglichen. Im März 2019, nach mehreren Wochen des Wartens, sprach Andrew Wallace endlich.
Er verriet den Ermittlern, wo der gesuchte Koffer war. Er hatte die ganze Zeit nur eine Straße außerhalb des Suchrasters gelegen, das die Polizei 2018 abgearbeitet hatte. Ein Jahr lang hatte niemand den Koffer bewegt. Am 6.
März 2019 öffneten die Ermittler den Koffer an einer verwilderten Hausecke in Kessnock. Sie fanden Julies Kopf und ihren Torso. Vom Fundort fuhren die Ermittler direkt zu Julies Mutter und Schwester, um ihnen die Nachricht zu überbringen. Als der leitende Ermittler sagte, dass die Überreste nun beisammen seien, fiel Julies Schwester ihm weinend um den Hals und wiederholte immer wieder: „Sie ist wieder zu Hause.
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