Ich arbeite seit über zehn Jahren in der Gastronomie und habe noch nie ein Dessert erlebt, für das sich zwei Regionen und sogar die Europäische Union so heftig bekämpfen. Es geht um Tiramisu – und…

Ich arbeite seit über zehn Jahren in der Gastronomie und habe noch nie ein Dessert erlebt, für das sich zwei Regionen und sogar die Europäische Union so heftig bekämpfen. Es geht um Tiramisu – und...

Ein Dessert, das auf jeder Speisekarte steht. In Italien, Deutschland, Japan, Amerika. In Plastikbechern, aus Großküchen, für 2,90 Euro im Supermarkt. Das international bekannteste Dessert Italiens – und niemand weiß genau, wer es erfunden hat.

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Tiramisu ist keine uralte Speise aus versunkenen Kulturen. Es entstand irgendwann in den 60er oder 70er Jahren des 20. Jahrhunderts – vor weniger als sieben Jahrzehnten, in einer Zeit mit Zeitungen, Fotos und Steuererklärungen. Trotzdem streiten sich eine italienische Region, mindestens fünf Restaurants, mehrere Familien und zwei Regierungsbehörden darum, wer sich Erfinder nennen darf.

Der Streit wurde so heftig, dass die Europäische Union 2017 eingreifen musste. Ein Dessert, für das Menschen vor Gericht zogen. Die Zutaten sind einfach: Savoiardi, die länglichen Löffelbiskuits, Mascarpone, Eigelb, Zucker, Espresso, Marsala und Kakaopulver. Keine exotischen Zutaten, keine komplizierte Technik.

Die Zubereitung dauert 20 Minuten plus Kühlzeit. Und doch ist dieses schlichte Dessert der Mittelpunkt einer der kuriosesten Herkunftsdebatten der europäischen Kulinarikgeschichte. Um zu verstehen, warum, muss man die Zutaten verstehen – denn jede hat ihre eigene Geschichte. Und die Kombination, die Tiramisu definiert, war erst ab einem bestimmten historischen Moment möglich.

Dieser Moment ist überraschend spät. Beginnen wir mit dem Mascarpone. Er wird nicht aus Milch hergestellt, sondern aus Rahm, dem Fettanteil der Milch, der abgeschöpft wurde. Der Rahm wird auf etwa 90 Grad erhitzt und mit Säure versetzt – traditionell Zitronensäure oder Weinsäure.

Die Säure bringt die Fettmoleküle dazu, zu koagulieren und eine cremige Masse zu bilden. Diese wird durch ein Tuch abgetropft, aber nicht lange genug, um feste Strukturen zu entwickeln. Das Ergebnis: weiß, seidig, fast geschmacksneutral, mit einem Fettgehalt von 40 bis 45 Prozent. Mascarpone stammt aus der Lombardei, aus der Region um Mailand, Lodi und Abbiategrasso.

Die frühesten Erwähnungen stammen aus dem 16. oder 17. Jahrhundert. Der Name ist umstritten: Eine Theorie leitet ihn vom spanischen „más que bueno“ ab, mehr als gut, was auf die spanische Herrschaft hinweisen würde.

Eine andere sieht den Ursprung im lombardischen Dialektwort „mascherpa“ für Ricotta. Eine dritte verweist auf ein Verb, das „cremig machen“ bedeutete. Gesichert ist: Mascarpone wurde über Jahrhunderte in der Lombardei produziert und blieb lange regional. Er war außerhalb Norditaliens kaum bekannt, weil er extrem empfindlich ist und sich schlecht transportieren lässt.

Dann die Savoiardi. Die Legende besagt, sie seien im 15. Jahrhundert am Hof des Herzogs Amadeus VIII. von Savoyen erfunden worden, anlässlich eines Besuchs des französischen Königs.

Der Hofkonditor schuf ein Gebäck, das leicht herzustellen, lang haltbar und elegant genug für königliche Tafeln war. Ob das stimmt, ist nicht belegbar. Gesichert ist, dass Savoiardi bereits in Kochbüchern des 17. und 18.

Jahrhunderts auftauchen und mit dem Haus Savoyen verbunden waren. Savoiardi sind technisch gesehen Biskuitmasse, in Fingerform aufgespritzt und gebacken. Sie enthalten Ei, Zucker und Mehl, aber kein Fett. Das Aufschlagen der Eier, getrennt nach Eigelb und Eiweiß, schafft die Luftigkeit.

Das Ergebnis ist ein leichtes, poröses Gebäck, das Flüssigkeiten aufnehmen kann, ohne sofort zu zerfallen. Genau die Eigenschaft, die es für Tiramisu unverzichtbar macht. Und dann der Espresso. Hier liegt der entscheidende historische Schlüssel.

Kaffee als Getränk existiert seit dem 15. Jahrhundert. Aber Espresso – Kaffee, der unter hohem Druck durch feines Kaffeemehl gepresst wird – ist eine Erfindung des frühen 20. Jahrhunderts.

1901 meldete Luigi Bezzera, ein Mailänder Erfinder, ein Patent auf eine Maschine an, die Dampfdruck nutzte. Die Maschine war laut, unpraktisch und gefährlich. Aber das Prinzip war richtig. Desiderio Pavoni kaufte das Patent und begann die Maschinen zu produzieren.

1915 wurde auf der Weltausstellung in Mailand eine verbesserte Version vorgestellt. 1928 entwickelte Achille Gaggia die Kolbenmaschine weiter, die es ermöglichte, Druck durch einen manuellen Hebel zu erzeugen – und die die charakteristische Crema auf dem Espresso hervorbrachte, jene goldbraune Schaumschicht. Espresso im modernen Sinne ist also eine Erfindung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und wurde erst nach dem Zweiten Weltkrieg zum Massenprodukt.

Das bedeutet: Ein Tiramisu, wie wir es kennen, war vor dem 20. Jahrhundert schlicht nicht möglich. Man hätte Mascarpone und Savoiardi gehabt, aber ohne Espresso, in den die Biskuits getaucht werden, ist Tiramisu kein Tiramisu. Das Dessert ist ein Kind des 20.

Jahrhunderts. Es ist jung – und weil es so jung ist, sollte seine Herkunft eigentlich einfach zu klären sein. Sollte. Es gibt mindestens zwei ernsthafte Kandidaten für die Erfindung, und beide beanspruchen die frühen 70er Jahre für sich.

Die bekannteste Geschichte führt nach Treviso, eine Stadt in Venetien, nordöstlich von Venedig. Dort, in einem Restaurant namens Le Beccherie, soll das Tiramisu entstanden sein. Der Name bedeutet im venezianischen Dialekt „Metzger“ und weist auf die Lage nahe dem alten Fleischmarkt hin. Die Familie Campeol betrieb das Lokal.

Alba Campeol und ihr Mann führten es. In der Küche arbeitete Roberto Linguanotto, ein erfahrener Konditor, der in Deutschland und der Schweiz gelernt hatte und nach Treviso zurückgekehrt war. Die Geschichte der Familie Campeol: Irgendwann um 1969 oder 1973 – die Jahreszahl variiert – experimentierte Linguanotto mit einer Creme aus Mascarpone und Eigelb. Alba Campeol sah zu, probierte und schlug vor, die Creme auf in Kaffee getauchte Savoiardi zu legen und mit Kakao zu bestäuben.

Das Dessert kam auf die Karte und wurde Tiramisu genannt. Die früheste schriftliche Erwähnung findet sich in einem venetischen Kochbuch aus dem Jahr 1981, verfasst von Giuseppe Maffioli. Er beschreibt Tiramisu als ein Dessert, das in Treviso kreiert wurde – ohne Le Beccherie oder Linguanotto namentlich zu erwähnen. Ein Hinweis, aber kein Beweis.

Dann die Konkurrenzversion aus Friaul. Friaul-Julisch Venetien ist die Region im äußersten Nordosten Italiens. Die Geschichte der Region ist komplex: über Jahrhunderte habsburgisch, nach dem Ersten Weltkrieg italienisch, im Zweiten Weltkrieg umkämpft. In einem kleinen Ort namens Pieris, nahe Görz, soll das Tiramisu ebenfalls entstanden sein – und zwar früher als in Treviso.

Die Inhaberin des Restaurants Al Vetturino, Mario Cosolo, und seine Familie behaupten, das Dessert bereits in den 60er Jahren serviert zu haben. Sie berufen sich auf Zeugenaussagen, auf Erinnerungen von Gästen und Mitarbeitern. Welche Geschichte stimmt? Beide könnten wahr sein.

Aus der Kulinarikgeschichte ist bekannt, dass ähnliche Rezepte an verschiedenen Orten zur selben Zeit entstehen können, ohne voneinander zu wissen. Die Zutaten waren überall in Norditalien verfügbar. Die Kombination ist keine komplizierte Erfindung. Sie könnte in Treviso und in Pieris unabhängig voneinander entstanden sein.

Aber die Europäische Union entschied anders. 2017 beantragte Friaul-Julisch Venetien bei der Europäischen Kommission die Aufnahme von Tiramisu als „garantiert traditionelle Spezialität“. Die Kommission gab dem Antrag statt. Venetien protestierte heftig.

Der Streit wurde öffentlich, politisch und mitunter absurd verbittert. Bürgermeister schrieben Briefe, Zeitungen berichteten auf den Titelseiten, Politiker hielten Pressekonferenzen – über ein Dessert. Der Streit ist nicht wirklich über das Tiramisu. Er ist über regionale Identität, über wirtschaftliche Interessen – eine Herkunftsbezeichnung kann den Wert eines Produkts erheblich steigern – und über italienischen Stolz auf das, was die eigene Küche hervorgebracht hat.

In einem Land, in dem Identität sehr stark über Lebensmittel definiert wird, ist die Frage, wer das Tiramisu erfunden hat, keine Trivialität. Es geht um Prestige, um Geld, um Zugehörigkeit. Der Name selbst ist eine Geschichte für sich. Tiramisu – „zieh mich hoch“, „heb mich auf“, „gib mir Auftrieb“.

Im Venezianischen gibt es diesen Ausdruck wörtlich, aber auch im übertragenen Sinne: aufmuntern, stärken, Energie geben. Diese Bedeutung ist nicht zufällig. Tiramisu enthält tatsächlich mehrere Substanzen, die das Zentralnervensystem stimulieren. Der Espresso bringt Koffein.

Das Kakaopulver enthält Theobromin, das ebenfalls leicht stimulierend wirkt. Die Eier liefern Proteine, der Mascarpone Fett, der Zucker einen schnellen Energieschub. Aus biochemischer Sicht ist Tiramisu ein kleines Kraftpaket. Manche Quellen behaupten, Tiramisu sei ursprünglich in venezianischen Bordellen als Stärkungsmittel für die Kunden serviert worden.

Diese Geschichte ist nicht belegbar und klingt nach einer kulinarischen Legende, die sich hält, weil sie eine gute Geschichte ist. Aber sie verweist auf etwas Reales: Tiramisu wurde in seiner frühen Phase als Stärkungsmittel wahrgenommen, nicht als Luxusdessert. Ein Dessert mit medizinischer Rhetorik. Was geschah wirklich zwischen der Entstehung in den frühen 70ern und der globalen Verbreitung?

Das ist die eigentlich interessante Geschichte. In den 70ern war Tiramisu ein lokales Dessert im Nordosten Italiens, bekannt in Treviso und Umgebung, außerhalb kaum präsent. Dann begann in den frühen 80ern eine langsame Ausbreitung. Mailänder und römische Restaurants mit venetischen Gerichten führten es ein.

Es kam gut an. Es war schnell zuzubereiten, brauchte keinen Backofen, ließ sich vorbereiten und hatte einen unbestreitbaren Geschmack: süß, cremig, bitter vom Kaffee, mit der unverwechselbaren Textur der aufgeweichten Savoiardi. In der zweiten Hälfte der 80er war Tiramisu in ganz Italien verbreitet. Dann begann die internationale Expansion.

Deutschland spielte dabei eine besondere Rolle. In den späten 80ern und frühen 90ern erlebte die Begeisterung für mediterrane Küche ihren Höhepunkt. Zunehmende Reisen nach Südeuropa und das Wohlstandsgefühl führten zu einer Italianisierung des deutschen Gastronomiegeschmacks. Pasta war nicht mehr Nudeln, Espresso nicht mehr Kaffee – und Tiramisu war das Dessert, das man am Ende eines guten Abendessens bestellte.

In einer Umfrage des deutschen Gaststättenverbandes von 1993 war Tiramisu bereits das meistbestellte Dessert in der mittleren und gehobenen Gastronomie. Es verdrängte Schwarzwälder Kirschtorte, Crème brûlée und Apfelstrudel. Ein italienisches Dessert wurde das deutsche Dessert. Deutsche Gäste aßen es im Urlaub, liebten es und wollten es zu Hause wiederfinden.

Deutsche Köche lernten es von italienischen Kollegen oder aus Kochbüchern. Mascarpone, bis dahin kaum bekannt, wurde zum Standardprodukt im Supermarkt. Und dann kam das Kino. 1993 erschien „Schlaflos in Seattle“ mit Tom Hanks und Meg Ryan.

Der Film enthält eine Szene, in der Tiramisu erwähnt wird, etwas satirisch gemeint, als Modewort. Aber der Effekt war das Gegenteil. Millionen von Zuschauern hörten den Namen. Tiramisu war kulturell sanktioniert.

Der internationale Siegeszug war nach der Mitte der 90er komplett. In Japan wurde Tiramisu zum Trenddessert – ein regelrechter „Tiramisu-Boom“. Japanische Patisserie und Cafés servierten es, Lebensmittelhersteller produzierten Tiramisu im Becher für den Supermarkt, Kochbücher widmeten ihm ganze Kapitel. In den USA verbreitete es sich über die italienisch-amerikanische Küche in gehobenen Restaurants, in Großbritannien durch die Welle der italienischen Trattorias.

In Australien, Kanada, Brasilien – überall dieselbe Geschichte. Ein regionales Dessert aus dem Nordosten Italiens wurde in weniger als zwei Jahrzehnten zum globalen Standard. Aber Erfolg hat Konsequenzen. Mit der globalen Verbreitung kam die globale Verwässerung.

Der Marsala verschwand aus vielen Versionen, teils wegen der Kinder, teils wegen Alkoholproblemen, teils aus Vergessen. Die rohen Eigelb wurden durch pasteurisierte Eier, Sahne oder Frischkäse ersetzt – aus hygienischen Gründen, aber auch wegen Bequemlichkeit und Haltbarkeit. Das Tiramisu aus dem Supermarkt im Plastikbecher hat mit dem Original wenig gemein, außer dem Namen und der ungefähren Schichtenstruktur. Es ist ein Schatten des Originals.

Was ist das Original, und wie sollte es wirklich schmecken? Die Chemie eines gut gemachten Tiramisu ist ein Argument dafür, sich die Zeit zu nehmen. Eigelb enthält Lecithin, einen natürlichen Emulgator, der Wasser und Fett verbindet. Wenn man Eigelb mit Zucker aufschlägt, wird die Masse heller, luftiger, stabiler.

Diese Masse ist die Emulsion, in die der Mascarpone eingearbeitet wird. Der Mascarpone mit seinem hohen Fettgehalt wäre allein zu schwer. Das aufgeschlagene Eigelb lockert ihn, und die Lecithinmoleküle sorgen dafür, dass Fett und Feuchtigkeit verbunden bleiben. Wenn man dann noch steif geschlagenes Eiweiß unterhebt, entsteht eine noch luftigere Creme, die trotzdem Stabilität hat.

Die Proteine im Eiweiß werden durch das Schlagen zu einem Schaumnetzwerk, das Luftblasen umschließt. Die Savoiardi, in starken Espresso getaucht – im Idealfall abgekühlt, damit sie nicht zu sehr durchweichen –, nehmen den Kaffee auf wie ein Schwamm. Zu lang eingetaucht werden sie matschig, zu kurz bleiben sie trocken und hart. Das richtige Timing, drei bis vier Sekunden pro Seite, ist eine handwerkliche Entscheidung, die mit Erfahrung kommt.

Der Espresso tränkt die Biskuits mit Koffein, mit über 300 flüchtigen Aromaverbindungen, mit seiner Bitterkeit. Und diese Bitterkeit ist entscheidend. Tiramisu lebt vom Kontrast: die Süße der Creme und der Biskuits gegen die Bitterkeit des Espressos und des Kakaos. Ohne die Bitterkeit ist das Dessert eindimensional.

Ohne die Süße ist es zu hart. Das Gleichgewicht ist alles. Das Kakaopulver oben ist keine Dekoration. Es ist ein aromatischer Akzent.

Kakao enthält Theobromin, Tannine und Pyrazine, die dem Dessert eine dritte Geschmacksebene geben. Und es ist eine Textur: Das trockene, leicht raue Pulver kontrastiert mit der Cremigkeit darunter. Der erste Löffel, in dem sich das Kakaopulver mit dem Speichel verbindet und die Creme freigibt, ist der Moment, den man im Gedächtnis behält. Es gibt heute Varianten, die kaum noch etwas mit dem Original gemein haben: Tiramisu mit Erdbeeren statt Espresso, mit Matcha, mit Limoncello, mit Nutella, mit Pistazie, mit Salzkaramell.

Tiramisu-Eis, Tiramisu-Cake-Pop, Tiramisu-Muffin. In deutschen Bäckereien gibt es Tiramisutorte, mit Gelatine stabilisiert, mit Sahnecreme statt Mascarpone. All diese Varianten sind nicht prinzipiell falsch. Küche entwickelt sich.

Tiramisu selbst ist ja eine Interpretation von Elementen, die es schon gab: der venezianische Brauch, Biskuits in Kaffee zu tauchen, die norditalienische Tradition, Mascarpone süß zu servieren, die universelle Freude an Schichtdesserts. Aber die Verwässerung hat eine Kehrseite. Wenn das Tiramisu, das die meisten Menschen kennen, das aus dem Supermarktbecher ist, kennen sie das Original nicht. Sie kennen eine Version, die stabiler, süßer, weniger komplex und weniger lebendig ist.

Das Original muss frisch sein. Die rohe-Eigelb-Mascarponecreme sollte nicht tagelang stehen. Das Original lebt von der Qualität des Espressos, der Frische der Eier, der Qualität des Mascarpone. Es ist ein Dessert, das am besten ist, wenn es konsumiert wird – oder am nächsten Tag, nach einer Nacht im Kühlschrank, wenn sich die Schichten verbunden haben, die Creme aber noch frisch ist.

Zurück zur Frage der Herkunft. Das Tiramisu wurde wahrscheinlich in den frühen 70ern, in Norditalien, wahrscheinlich in Venetien oder Friaul, von einem Koch oder einer Köchin auf die Karte gesetzt. Dieser Moment der Erstservierung war real. Aber war er der Moment der Erfindung?

Aus der Kulinarikgeschichte wissen wir: Die Schrittkette, die zu einem neuen Gericht führt, ist selten so einfach. Jemand hat vorher schon Mascarpone mit Zucker und Eigelb gegessen. Jemand hat schon Savoiardi in Kaffee getaucht. Die Idee, diese Elemente zusammenzufügen, lag in der Luft.

Die Zutaten waren lokal, die Techniken bekannt, die Kombination logisch. Der Koch oder die Köchin, der oder die als erste das Tiramisu auf eine Karte schrieb, war vielleicht der erste, der diesen Schritt dokumentierte – nicht notwendigerweise der erste, der ihn machte. Das gilt für viele Gerichte. Pasta Carbonara, angeblich in den 40ern in Rom erfunden, war wahrscheinlich eine Kombination, die mehrere Köche gleichzeitig machten.

Pesto aus Genua existierte ähnlich in ligurischen Haushalten, bevor es standardisiert wurde. Die Kulinarikgeschichte ist weniger die Geschichte von Erfindern als die Geschichte von Menschen, die eine Kombination so konstant zubereiten, dass sie einen Namen bekommt. Das Tiramisu wurde in Le Beccherie in Treviso zu dem, was es heute ist, weil es dort einen Namen bekam: Tiramisu. Ein Dessert ohne Namen bleibt ein anonymes Experiment.

Ein Dessert mit einem solchen Namen – so lebendig, so direkt – wird ein Konzept. „Tiramisu“ ist ein Befehl: Zieh mich hoch. Und es ist interessant, wie sich dieser Imperativ in der Geschichte des Desserts spiegelt. Tiramisu hat Restaurants gerettet, die auf ein zuverlässiges, beliebtes Dessert angewiesen waren.

Es hat Italienreisen für Millionen von Deutschen zum kulinarischen Höhepunkt gemacht. Es hat die Karrieren von Konditoren begründet, die das Dessert zur Perfektion brachten. Und es hat zwei Regionen in einen Rechtsstreit getrieben, der im Grunde ein Kulturkampf ist. Wer hat das Recht, sich die Identität dieses Desserts anzueignen?

Wer ist der legitime Erbe? Die Europäische Union sagt Friaul. Die Geschichte, so wie sie dokumentiert ist, deutet auf Treviso. Und die Küchen in Deutschland, Japan, den USA, Australien und Brasilien kochen das Dessert ohne Rücksicht auf den Gebietsstreit – manchmal gut, manchmal schlecht, manchmal so weit vom Original entfernt, dass selbst Roberto Linguanotto es nicht erkennen würde.

Vielleicht ist das die eigentliche Antwort auf die Frage nach dem Ursprung. Das Tiramisu gehört keiner Region und keiner Familie. Es gehört dem Moment, in dem die Kombination aus kaltem Espresso, schwerer Creme, leichtem Biskuit und bitterem Kakao auf jemandes Zunge trifft und dieser Person für einen Augenblick das gibt, was der Name verspricht. Nicht die geografische Herkunft macht ein Dessert zu dem, was es ist, sondern der Moment des Geschmacks, in dem jemand die Augen schließt und denkt: Das ist genau das, was ich gebraucht habe.

Irgendwann in den frühen 70ern, in einer Küche, die wir nicht genau kennen, in einem Moment, den niemand fotografiert hat, für Gäste, deren Namen niemand erinnert, wurde dieser Moment erschaffen. Und er wird jeden Abend überall auf der Welt wiederholt, in tausenden Küchen und Restaurants, von Berlin bis Tokio, von Köchen, die das Rezept aus Kochbüchern kennen, von Müttern, die es von ihren Müttern gelernt haben, von Restaurantbesitzern, die es auf die Karte setzen, weil sie wissen, dass es bestellt wird. Das ist am Ende, was Tiramisu bedeutet. Nicht „zieh mich hoch“ im Sinne von Energie und Koffein.

Nicht im Sinne des Aphrodisiakums der Legenden. Auch nicht im Sinne eines schnellen Zuckeranstiegs. Sondern: Zieh mich hoch aus dem Gewöhnlichen. Gib mir für einen Moment das Gefühl, dass Essen mehr ist als Nahrung, dass es Erinnerung, Verbindung, Genuss ist.

Dass Bitterkeit und Süße keine Gegensätze sind, sondern Partner. Das hat ein namenloser Koch in Norditalien vor 50 Jahren verstanden. Und wir verstehen es noch immer, jedes Mal, wenn wir den Löffel in die Creme tauchen, auf den Widerstand der aufgeweichten Savoiardi stoßen und den ersten Bissen nehmen.