Ich stand auf einem leeren Bahnhofsvorplatz um ein Uhr nachts, minus zwei Grad, und wartete mit einer Frau, die sich die Haare rasiert hatte, auf den Mann, der ihre Vorgängerin in den Selbstmord…

Ich stand auf einem leeren Bahnhofsvorplatz um ein Uhr nachts, minus zwei Grad, und wartete mit einer Frau, die sich die Haare rasiert hatte, auf den Mann, der ihre Vorgängerin in den Selbstmord...

Es ist ein kalter Dienstagnachmittag, als Polizisten in der Nähe von Bremen eine junge Frau in ihrer Wohnung auffinden. Sie hängt mit einem Gürtel um den Hals an der Wohnzimmertür. Stranguliert. Die 23-jährige Altenpflegerin Katharina ist tot.

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Für die Kriminalpolizei in Bremen sieht alles nach Selbstmord aus. Doch Katharinas Eltern glauben das nicht. Sie sind überzeugt: Jemand hat über einen Chat auf ihre Tochter eingewirkt. In ihrer Verzweiflung wenden sie sich an die Medien.

Vor zwei Jahren ist Katharinas leiblicher Vater gestorben. Für die damals Zwanzigjährige brach eine Welt zusammen. Sie zog sich zurück, trotz psychischer Behandlung. Wenn sie allein war, suchte sie im Internet nach anderen Betroffenen, mit denen sie ihr Leid teilen konnte.

Es schien zu helfen. Als die Staatsanwaltschaft Bremen das Todesermittlungsverfahren einstellt, suchen sich Katharinas Eltern juristische Hilfe. Sie finden sie bei der Strafrechtsanwältin Daniela Post. Die Eltern kamen in mein Büro und legten mir einen Einstellungsbescheid vor.

Darin stand, dass ihre Tochter sich suizidiert hat. Damit wollte sich die Familie nicht abfinden. Sie sagten: Wir haben Anhaltspunkte, dass das nicht freiwillig war. Katharina hatte eine Arbeitsstelle, sie hatte mit Depressionen zu kämpfen.

Doch ihre Mutter sagte: Sie hat viel für sich getan, sie war voller Hoffnung, es ging ihr gut, sie hat Pläne gemacht. Dann fand die Mutter ein geöffnetes Handy mit einem Chat. Auf diesen Chats war nachvollziehbar, dass jemand darauf hingewirkt hat, dass Katharina sich erhängt. Seit Wochen schrieb Katharina fast täglich mit einem Unbekannten.

Er war online dabei, als sie sich das Leben nahm. Katharinas Mutter geht an die Öffentlichkeit. Sie will, dass der Anstifter gefunden wird. Die Anwältin besorgt sich Katharinas Akte.

Wir hatten in den Ermittlungsunterlagen noch nicht mal Tatortfotos. Selbst ein Suizid wird dokumentiert – wir hatten gar nichts. Es wurde nicht mal das Handy sichergestellt. Ich dachte, das kann nicht sein, und habe Beschwerde eingelegt.

Die Staatsanwaltschaft Bremen wird angewiesen, Ermittlungen aufzunehmen. Was ins Rollen kam, war zu dem Zeitpunkt noch nicht absehbar. Katharina war im Internet-Selbsthilfeforum „Hoffnungsschimmer“ aktiv. Die Betreiber des Forums sind alarmiert.

Wir haben regelmäßig Situationen, in denen User von ihren Plänen schreiben, sich das Leben zu nehmen. Aber dass jemand einen Ort, den wir als sicheren Ort zur Verfügung stellen, dafür nutzt, jemanden in den Suizid zu manipulieren – darauf kommen wir nicht. Als sich herauskristallisiert, dass es jemand mit dem Nicknamen „Heimu“ sein könnte, sehen sie: Er ist systematisch vorgegangen. Erst hat er viele Frauen angeschrieben.

Er hat direkt gefragt, wie suizidal jemand ist. Eine seltsame Frage in einem Forum, das der Unterstützung dient. Wir haben die Polizei informiert, haben aber keine Rückmeldung bekommen. Wir waren hilflos.

In dieser Ratlosigkeit meldet sich ein Journalist von RTL, Wolfram Kuhnigk. Er nimmt sich des Falles an. Er will den Unbekannten stellen. Katharinas Eltern schicken ihm Katharinas Handy.

In den Chat-Protokollen nannte sich „Heimu“ auch „IschSeifert“. Zwei Namen, die einer Person zugeordnet werden konnten. Ein erster Hinweis. Für mich war klar: Der macht weiter.

Nachdem er einmal erfolgreich war, wird er auf kranke Art nach weiteren Opfern suchen. Ich dachte: Wenn du es schaffst, Kontakt zu ihm zu kriegen und ihn in eine Falle zu locken, kannst du ihn vielleicht stoppen. Kuhnigk kontaktiert die Kriminalpsychologin Lydia Benecke. Sie findet die Anfrage außergewöhnlich.

Doch nachdem sie die Kommunikation zwischen Katharina und dem Mann gesehen hat, ist ihr klar: Das ist eine super gefährliche Situation. Wenn das so abgelaufen ist, wird dieser Mann nicht aufhören. Warum sollte er, wenn er mitbekommen hat, dass gar nicht ermittelt wird? Benecke beschließt, sich in das Forum einzuschleusen.

Sie analysiert die Chats. Mein Eindruck war: Er will gezielt eine bestimmte Tötungsart von dieser Frau. Er hat sie sehr bewusst manipuliert, immer mehr destabilisiert, damit sie am Ende genau auf diese Art stirbt. Sehr wahrscheinlich kann das ein sexuelles Motiv sein.

Wenn das ein gefährlich sexuell sadistischer Mann ist, wird er nicht aufhören. Die Forenbetreiber stimmen der Zusammenarbeit zu. Das Team beobachtet rund um die Uhr Heimus Aktivität im Forum. Niemand traut sich, das Forum auch nur eine Stunde unbeaufsichtigt zu lassen.

Wir wussten: Es kann jederzeit passieren, dass er sich ein neues Opfer sucht. Lydia Benecke schlüpft in die Rolle des Lockvogels. Nach relativ kurzer Zeit sagt sie: Ich habe Kontakt zu ihm. Alle sind elektrisiert.

Es werden Mobilnummern ausgetauscht. Heimu will vom Forum weg auf einen Messengerdienst. In den Chats versucht er dieselbe Strategie wie bei Katharina. Erst Vertrauen aufbauen, positive Dinge schreiben.

Dann immer deutlicher die Person destabilisieren. Er äußert, dass das für ihn kein Fantasiespiel ist. Er würde in der Realität entsprechend handeln, auch gegen den Willen der anderen Person. In einem Protokoll tituliert er Benecke als „nutzlose Schlampe“, als „nutzloses Stück, das es verdient, bestraft zu werden“.

Sie geht in ihrer Rolle darauf ein. Aber wenn man liest, was für ein kranker und gefährlicher Mensch dahintersteckt – ich kriege heute noch Gänsehaut. Kuhnigk will Heimu in eine mit Kameras ausgestattete Wohnung in Köln locken. Er soll gestellt und der Polizei übergeben werden.

Doch der Plan geht nicht auf. Vier Wochen nach Katharinas Tod meldet sich im Forum eine neue Userin an: die 23-jährige Birgit aus Leipzig. Auch sie hat viel erlebt, ist belastet, sucht Trost im Internet. Am 19.

März schreibt sie den Forenbetreibern: Heimu schreibt auch mit ihr und versucht sie zu überreden, Suizid zu begehen. Wir haben sie ausdrücklich gebeten, den Kontakt einzustellen. Aber wir wussten sicher: Wir haben einen Menschen, der aktiv weiter versucht, Frauen zu überreden, Suizid zu begehen. Birgit recherchiert im Netz und findet Artikel über den Fall Katharina.

Sie liest die veröffentlichten Chats. Sie erkennt Parallelen: Der Mann, mit dem sie schreibt, macht dieselben Rechtschreibfehler wie der Täter bei Katharina. Sie denkt: Ich chatte vielleicht mit demselben. Sie nimmt Kontakt zu Katharinas Eltern auf.

Sie weiß, dass dieser Mann nicht gestellt werden konnte. Und sie hat den Wunsch, dass ihr Tod, den sie sicher will, etwas Gutes bewirkt: Diesen Mann zu stoppen, damit er keine weiteren Opfer produziert. Die Forenbetreiber machen sich große Sorgen um Birgit. Sie hinterlässt einen Eintrag, aus dem deutlich wird, dass sie lebensüberdrüssig ist.

Dann schreibt sie, dass sie vorhat, sich mit ihm zu treffen und sich vor seinen Augen zu suizidieren – gleichzeitig die Polizei zu informieren, damit er gestellt wird. In dem Moment war uns klar, wie ernst es um sie steht. Währenddessen sucht das RTL-Team nach weiteren potenziellen Opfern. Birgit meldet sich mit den Kontaktdaten bei Kuhnigk.

Bevor er mit ihr ein Interview führen kann, wird Birgit in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen. Ihr Zustand ist schlecht. Das Handy wird ihr abgenommen. Dennoch gelingt es ihr, mit Heimu in Kontakt zu bleiben.

Zwei Wochen später bittet Birgit ihre Ärzte um eine Stunde Ausgang. Dann bekommt Kuhnigk einen Anruf von einem Vertrauten Birgits. Er sagt: Birgit hat sich selbst aus der Psychiatrie entlassen, unter einem Vorwand. Das Gegenteil ist der Fall: Sie ist auf dem Weg zu Heimu und möchte sich von ihm suizidieren lassen.

Das war für mich der absolute Supergau. Ich hatte die große Befürchtung, dass noch ein Mensch sterben würde. Kuhnigk fährt sofort nach Frankfurt. Er ruft Birgit an.

Sie ist erstaunlich klar und stabiler, als er befürchtet hat. Sie treffen sich am Hauptbahnhof. Sie hat sich die Haare komplett abrasiert. Er hat das Gefühl: In diesem Moment wusste sie, wo sie steht.

Sie war bereit, mit ihm Absprachen zu treffen, mit dem gemeinsamen Ziel, Heimu an diesem Abend zu stoppen. Birgit erzählt: Er will mit dem Auto in ein Waldstück fahren. Dort will er reden. Und dann alles Weitere.

Sie fragen: „Er will Sie dann erhängen? “ – „Genau. Er würde dann den Galgen vorbereiten. “

Birgit berichtet, dass Heimu mit persönlichen Details versucht hat, ihr Vertrauen zu gewinnen.

Er hat ein Kind, 19 Jahre, eine Tochter. Er ist verheiratet, zwischen 35 und 45 Jahre alt. Mitten im Interview klingelt ihr Telefon. Sie sagt: „Scheiße, das ist er.

“ Sie geht ran und stellt auf laut. Zum ersten Mal hören sie seine Stimme. Es war nichts Liebevolles. Der Plan: Der Kameramann begleitet Birgit zum Zug.

Sie fährt nach Gießen. Kuhnigk fährt parallel mit dem Auto dorthin und will die Polizei informieren. Bis zu diesem Zeitpunkt sind die Beamten nicht eingeweiht. An der Pforte der Polizei in Gießen sagt Kuhnigk: Mein Name ist Wolfram Kuhnigk, ich bin Journalist und muss Sie um Hilfe bitten, einen Menschen zu retten.

Die Beamten sind ratlos. Aber es gelingt ihm, sie zu überzeugen. Gemeinsam fahren sie zum Bahnhof. Die Polizisten positionieren sich im Hintergrund.

Um 00:04 Uhr kommt Birgit mit dem Regionalexpress an. Sie setzt sich etwa 100 Meter entfernt auf den Boden, an ein Plakat. Sie wartet auf ihn. Es sind minus zwei Grad.

Es ist 00:45 Uhr. Seit fast einer Stunde regt sich nichts. Keine Spur von Heimu. Der Einsatzführer fragt, ob sie abbrechen sollen, das Handy sei aus.

Als sie aufstehen wollen, ruft Birgit an: „Er hat sein Handy an. Er kommt. “

Um 01:09 Uhr erscheint Heimu auf dem Bahnhofsvorplatz. Ab jetzt filmen Kuhnigk und sein Kameramann jeden Schritt.

Die Beamten trennen die beiden sofort, führen Birgit weg. Heimu weiß zunächst nicht, was passiert. Er hält es für eine Personenkontrolle, weil er sich in Sicherheit wähnt. Er wird durchsucht, seine Personalien werden festgestellt.

Der anonyme Mann aus dem Internet heißt bürgerlich Brunhold S. und ist 57 Jahre alt. Er wohnt in einem kleinen Ort bei Limburg-Weilburg. Als keine Abwehrbewegung kommt, tritt Kuhnigk auf ihn zu und stellt ihm die wichtigen Fragen.

Dann die entscheidende Frage: „Sind Sie Heimu? “ Und: „Was sagen Sie den Eltern von Katharina, die Sie in den Selbstmord getrieben haben? Die ist aber tot, weil Sie mit ihr gechattet haben und geskyped haben und danach tot war. “

Kuhnigk später: „Es war abstoßend.

Ein sehr abstoßender Moment. Wenn man im Hinterkopf hat, was der vorher geschrieben hat, war es ekelhaft. “

Die Aussagen von Birgit und Kuhnigk reichen den Polizisten. Brunhold S.

wird in Gewahrsam genommen und ins Polizeipräsidium Gießen gebracht. Die juristische Lage ist schwierig. Denn noch ist objektiv nichts passiert. Zwei Menschen mit einem Vorhaben haben sich am Bahnhof getroffen.

Der Staatsanwalt, der mit dem Fall betraut wird, steht vor der Frage: Wie ist das rechtlich einzuordnen? Das Strafgesetzbuch sanktioniert Vorbereitungshandlungen nur in einem sehr engen Bereich. Untersuchungshaft erfordert einen dringenden Tatverdacht. Heimu ist in der Vergangenheit häufig mit ähnlich gelagerten Sachverhalten aufgefallen.

Aber das hatte keine Konsequenzen, weil man davon ausging, dass das, was dort passiert, in diesem Vorbereitungsstadium noch nicht strafbar ist. Der Staatsanwalt sieht das anders.