Die Tür meines Autos wurde aufgerissen, bevor ich überhaupt losfahren konnte. Ein Schraubenzieher bohrte sich in meinen Hals, und eine Stimme zischte: „Los, fahr los. “ Ich saß da, völlig erstarrt, und dachte nur: Das kann nicht mir passieren. Doch der Schmerz im Nacken wurde stärker, und ich trat aufs Gas.

Es war der 4. Januar 1988, kurz nach zwei Uhr nachts. Ich war mit meiner Freundin im Nachtcafé in Aschaffenburg gewesen, hatte getanzt und gelacht – ein schöner Abend wie immer. Dann wollten wir nach Hause.
Sie verabschiedete sich noch von ihrem Freund, ich ging zu meinem weißen Mitsubishi Colt. Ich saß hinter dem Steuer, als die Tür aufging. Der Mann befahl mir, Richtung Haibach zu fahren, aber nicht über die Hauptstraße, sondern hintenrum. Ich gehorchte, weil ich immer noch hoffte, irgendwie aus dieser Nummer herauszukommen.
Er dirigierte mich in einen Waldweg am Hasenkopf, ließ mich den Motor ausmachen. Dann zündete er sich eine Zigarette an. Und dann begann die Hölle. Er schlug mich, fesselte mich, verband mir die Augen.
Drei Stunden lang hielt er mich in seiner Gewalt. Ich flehte innerlich nur noch: Lass es vorbeigehen, lass mich überleben. Als er schließlich von mir abließ, zog er mich aus dem Auto, befahl mir zu urinieren, damit alle Spuren verschwinden. Dann stach er mit dem Schraubenzieher so oft auf mich ein, dass ich dachte: Jetzt stehst du nicht mehr auf.
Er bedeckte mich mit Erde und Laub und lief davon. Ich hielt die Luft an, um nicht zu verraten, dass ich noch lebte. Er kam zurück, trat mich, stupste mich an, um zu prüfen, ob ich mich bewegte. Dann hörte ich, wie sein Auto davonfuhr.
Und plötzlich war alles leicht. Es tat nichts mehr weh, mir war nicht kalt, obwohl es eisig war. Ich sah ein Licht, ich sah mich selbst am Boden liegen – und ich war bereit zu gehen. Doch dann dachte ich an meine Mutter und meine kleine Schwester.
Die halten das nicht aus. Dieser Gedanke rettete mir das Leben. Irgendwie kämpfte ich mich auf die Straße, nackt und blutend. Die Autos fuhren vorbei, bis ein Mann anhielt – ein Direktor des Frankfurter Flughafens, der auf dem Weg zur Arbeit war.
Er brachte mich ins Krankenhaus. Ich wurde sofort operiert. Die Ärzte entdeckten nur durch Zufall, dass meine Arterie durchtrennt war, als sie keinen Puls mehr fühlten. Die Polizei wurde informiert: 16 Messerstiche, Vergewaltigung, versuchter Mord.
Eine Sonderkommission wurde aufgestellt, 20 Beamte ermittelten. Sie fanden mein Auto auf einem Parkplatz, sicherten Blutspuren, Faserspuren, aber keine Fingerabdrücke. 1988 gab es noch keine DNA-Analyse. Über 3000 Fahndungsplakate mit einem Phantombild wurden verteilt, über 1000 Hinweise gingen ein – doch keiner führte zum Täter.
Nach zwei Monaten wurde die Soko aufgelöst. Ich verließ das Krankenhaus Anfang Februar. Meine Eltern erfuhren es erst später. Ich hasste es, als Opfer zu gelten.
Also zwang ich mich, wieder in den Wald zu gehen, zunächst nur ein paar Schritte, immer mit Angst. Mit der Zeit lief ich immer weiter, um mir meine Freiheit zurückzuholen. Ich wollte einfach normal sein, kein Opfer mehr. Jahre vergingen.
Der Fall blieb ungelöst. 2009 übernahm Kriminaldirektor Markus Schlemmer die Kripo Aschaffenburg und ließ alle ungeklärten Tötungsdelikte der letzten 50 Jahre prüfen – es waren 17 Fälle. Der Fall Ursula B war zunächst nicht dabei, weil es nur ein versuchter Mord war. Doch dann stießen die Ermittler Jörg Albert und Thomas Bütner im Keller auf meine Akte.
Sie lasen die Vernehmung – und ließen sie nicht mehr los. Sie fuhren zum Tatort, werteten alte Akten aus, verfolgten jede Spur. Ihre letzte Hoffnung waren die Klebebänder, mit denen 1988 Fasern von den Autositzen gesichert worden waren. Sie wurden nie untersucht.
2015 schickten sie sie zum LKA nach München. Im Labor arbeitete sich Angelika Fürst Monat für Monat durch rund 500 Spuren – ohne Erfolg. Bis zum September 2017, beim letzten Klebeband, fand sie plötzlich männliche DNA. Der Abgleich mit der DNA-Analysedatei des BKA führte zu einem Treffer: Jürgen R.
, 55 Jahre alt, aus Haibach. Er war 2004 wegen Vergewaltigung seiner Ehefrau verurteilt worden, seine DNA war gespeichert. Am 13. September 2017 erhielt ich den Anruf: „Wir haben einen Treffer.
“ Ich fragte mehrfach nach, konnte es nicht fassen. Nach fast 30 Jahren. Die Ermittler überwachten Jürgen R. sechs Wochen lang, bis sie ihn am 22.
Oktober 2017 festnahmen. Er gestand die Vergewaltigung – aber nicht den Mordversuch. Vor Gericht musste darüber entschieden werden. Ich ließ es mir nicht nehmen, persönlich bei der Verhandlung zu erscheinen.
Als ich ihn zum ersten Mal wiedersah, erkannte ich ihn nicht wieder. Die Zeit hatte ihn gezeichnet. Er schaute nie zu mir herüber, saß nur da mit gesenktem Kopf. Am 25.
Mai 2018 wurde das Urteil gesprochen: lebenslange Haft wegen versuchten Mordes. In diesem Moment fiel eine Last von mir ab. Zum ersten Mal seit 30 Jahren schämte ich mich nicht mehr. Er musste sich schämen – nicht ich.
Die Gerechtigkeit hatte ihn eingeholt. Heute ist alles leichter. Ich muss nicht mehr ständig aufpassen, mich nicht mehr umdrehen.
Dieser Fall war für mich ein Neubeginn – ein drittes Leben.


