Die Nachmittagshitze klebt an der schmalen Straße, am Ende der ein einzelnes Haus steht. Hier, in diesem ruhigen Vorort von Darlington, liegt Ann Haren im Garten und genießt die Sonne. Es ist der 3. August 1990, und ganz England stöhnt unter einer beispiellosen Hitzewelle.

Ann, eine 44-jährige Schottin, die der Liebe wegen in den Nordosten Englands gezogen ist, freut sich auf einen freien Tag. Sie hat Shoppen in der Stadt gemacht, mit ihrer Freundin Sheila telefoniert und sich mit ihr für eine Geburtstagsparty am Abend verabredet. Ihr Mann Peter, Geschäftsführer einer Spedition, ist in der Mittagspause wie immer nach Hause gekommen, um mit ihr zu essen. Gegen 13:45 Uhr ist er zurück ins Büro gefahren.
Ann wollte sich danach in den Garten legen, in ihrem Bikini, auf ihrer Sonnenliege. Die Liege stellt sie kurzerhand vor das Haus, denn ein Landwirt auf dem Feld hinter dem Grundstück wirbelt trotz der Hitze Staub auf. So ist sie von der Straße aus zu sehen, aber das kümmert sie nicht. Mehrere Bekannte sehen sie am Nachmittag noch dort liegen, friedlich und lebendig.
Eine von Peters Töchtern fährt wenig später am Haus vorbei. Die Liege ist nun leer, die Haustür steht offen. Sie hält nicht an. Eine Entscheidung, die sie für den Rest ihres Lebens verfluchen wird.
Um 18 Uhr kommt Peter von der Arbeit nach Hause. Das Radio läuft, der Hund ist entspannt im Garten. Bücher, eine Packung Zigaretten liegen herum. Alles wirkt normal.
Bis ins Wohnzimmer. Dort liegt Ann in einer riesigen Blutlache, immer noch im Bikinioberteil. Peter ruft den Rettungswagen, dann seinen Vorgesetzten und Freund Paul, der schneller da ist als Polizei und Sanitäter. Die Beamten suchen vergeblich nach der Tatwaffe.
Nichts aus der Küche fehlt, nichts liegt auf dem Grundstück. Die Polizei vermutet eine Rasierklinge oder ein Skalpell. Die Mordwaffe wurde mitgebracht und wieder mitgenommen. Das spricht für Planung.
Ann hatte keine Feinde, keine dunklen Geheimnisse. Sie war freundlich zu jedem. Es gibt keine Abwehrverletzungen, keine Spuren eines Sexualverbrechens, obwohl ihre Bikinihose heruntergezogen wurde. Der einzige Zeuge ist der Hund.
Eigentlich ist er Fremden gegenüber aufbrausend, aber an diesem Tag bleibt er seltsam ruhig. Die Ermittler glauben: Der Täter wusste mit dem Hund umzugehen, er war den Harens nicht fremd. Ein Ermittler erklärt Peter früh: „Wenn wir den Fall nicht innerhalb von zwei Wochen lösen, wird das ein sehr langwieriger Job. ” Er behält recht.
Die Spuren führen zuerst nur ins Leere. Nachbarn haben ein blaues Auto gesehen, einen Opel Astra, der mit hoher Geschwindigkeit die Auffahrt zu den Harens herunterfuhr. Um 17:05 Uhr, fast eine Stunde bevor Peter seine Frau findet. Zeugenaussagen sind vage und widersprüchlich, 3500 Halter blauer Autos werden kontaktiert, ohne Erfolg.
Die öffentliche Meinung wendet sich gegen Peter, als eine Woche nach dem Mord bekannt wird, dass er sich in einem Wellnesshotel mit einer 20 Jahre jüngeren Barkeeperin tröstet, einer Frau, mit der er bereits vor dem Mord eine Affäre hatte. Doch sein Alibi scheint zu halten: Kollegen bestätigen, dass er am Nachmittag im Büro und bei einem Meeting war, in unauffälliger, blutfreier Kleidung. Er nimmt an dem Tag eine lange Umwegroute zurück zum Büro, angeblich um die Geliebte spontan zu treffen. Zwei Jahre nach dem Mord wird das Haus verkauft.
Peter zieht nach Schottland und heiratet erneut. Doch 1994 erhält er Post. Der Absender nennt sich „der Killer”. Auch eine Regionalzeitung und die Polizei bekommen Briefe von jemandem, der behauptet, Ann ermordet zu haben.
Der Stempel stammt aus Darlington. Die Briefe sind grausig und geschwätziger als jede Realität. Der Absender wird nie gefunden. Peter sagt 1995 in einem Interview: „Ich glaube nicht, dass der Mörder von Ann jemand ist, der andauernd solche schrecklichen Taten begeht.
Ich glaube, es war ein ganz normaler Mensch, der Ann aus irgendeinem Grund töten musste. ”
Der Fall bleibt kalt, auch eine ausgesetzte Belohnung von 10. 000 Pfund bringt keinen entscheidenden Hinweis. Doch hinter den Kulissen ermitteln die Behörden weiter.
Und 15 Jahre später, im November 2005, wird Peter Haren, mittlerweile 70, verhaftet. Der Vorwurf: Mord an seiner eigenen Frau. Er wird zehn Stunden lang verhört, verzichtet auf einen Anwalt. Die Polizei stört sich an seinem Alibi.
Zeugen wollen ihn mit hoher Geschwindigkeit in Richtung seines Hauses fahren sehen, bevor er es behauptet. Außerdem hat sich auf Anns Körper eine winzige DNA-Spur gefunden – in ihrem Rachen. Sie gehört zu Peter. Doch die DNA könnte auch auf einvernehmlichen Kontakt zurückgehen, denn die beiden waren verheiratet.
Peters Arbeitskollegen bestätigen, dass er an diesem Tag keine andere Kleidung trug, an der man einen Blutfleck hätte bemerken müssen. Nach acht Tagen Untersuchungshaft wird er freigelassen. Im Februar 2006 wird die Anklage fallen gelassen, die Ermittlungen werden eingestellt. Die Beweise reichen nicht für einen begründeten Tatverdacht.
Jahre später bringt sich eine Privatdetektivin in den Fall ein. Jen Jivy glaubt, eine entscheidende Spur gefunden zu haben: einen Mann namens Michael Benson, der wegen versuchten Mordes eine lebenslange Haftstrafe verbüßte. Ein Jahr vor Anns Tod war er aus dem Gefängnis ausgebrochen und auf der Flucht. Zwei Wochen vor dem Mord überfällt ein Mann mit einem Messer zwei Frauen in Durham, ein Phantombild ähnelt Benson stark.
Die Privatermittlerin ist überzeugt, dass er der Fahrer des blauen Autos war. Ein Mithäftling von Benson berichtet, dieser habe gestanden, in Darlington eine Frau „kalt gemacht” und ein Haus ausgeraubt zu haben. Die Polizei sieht keine Anhaltspunkte. Benson verstarb bereits 2011.
Peter Haren bleibt der einzige offizielle Verdächtige, doch nie wird genug Beweise gegen ihn gefunden. Die Frage, warum jemand Ann töten wollte, bleibt unbeantwortet. Selbst wenn Peter die Scheidung im Sinn gehabt hätte – Ann wäre traurig gewesen, aber sie hätte zu ihren Kindern nach Schottland zurückkehren können. Es gibt keine Beweise für einen Auftragsmord, keine verdächtigen Kontakte, keine auffälligen Geldbewegungen.
Der Mord an Ann Haren ist bis heute ungeklärt, ein Fall, der nur gelöst werden kann, wenn ein Beteiligter sein Gewissen erleichtern will. Alle anderen Theorien bleiben Spekulation.


