Es war kurz vor Mitternacht, als die Tür zu Tizianas Zimmer mit einem Ruck aufgerissen wurde. Sie lag allein auf der neurologischen Station des Bielefelder Klinikums Bethel, hatte Angst vor der Diagnose, die auf sie wartete – möglicherweise Schlaganfall, Hirntumor, Epilepsie. Sie brauchte nach einer Hirnwasser-Entnahme absolute Bettruhe. Der junge Assistenzarzt Philipp G.

stand plötzlich in ihrem Zimmer, nervös, kramte herum und erklärte, er müsse ihr einen Zugang legen. Es klappte nicht. Erst beim dritten Versuch traf er die Vene. Und ab diesem Zeitpunkt erinnerte sich Tiziana an nichts mehr.
Sie wachte erst zwischen drei und vier Uhr morgens auf, schweißgebadet, mit Schüttelfrost, Fieber und Gliederschmerzen. Sie dachte, sie sterbe. Ihr Zugang lag blutverschmiert auf dem Boden. Am nächsten Morgen fand ihr Vater ein kleines Fläschchen in ihrem Bett: Propofol, ein starkes Narkosemittel.
Er machte ein Foto. Tiziana wusste damals nicht, was das für ein Medikament war. Sie gab es einer Schwester, die skeptisch guckte, aber nichts sagte. Tiziana vertraute dem Klinikpersonal und wurde entlassen.
Sechs Wochen später kehrte sie zur Kontrolle in die Klinik zurück. Auf dem Flur traf sie Philipp G. wieder. „Ah, du wieder hier?
“, fragte er. Tiziana wunderte sich, dass er sich an sie erinnerte, dachte aber nicht weiter darüber nach. In der Nacht nach ihrer erneuten Aufnahme hatte sie eine Bettnachbarin, die zufällig Apothekerin war. Am nächsten Morgen hatten beide dieselben Beschwerden: Kopfschmerzen, Erinnerungslücken.
Die Bettnachbarin hatte nur noch das Bild von Philipp G. im Kopf, der ihnen Zugänge gelegt hatte. Und dann erklärte sie Tiziana, was Propofol ist. Tizianas Alarmglocken schrillten.
Sie konfrontierte den Oberarzt. Der wollte den Chefarzt informieren, kam aber stattdessen mit Philipp G. zurück. Tiziana sah ihm direkt in die Augen: „Du warst gestern Nacht in meinem Zimmer.
Du hast mir etwas verabreicht, und ich habe das Bewusstsein verloren. Beim letzten Mal lag Propofol in meinem Bett. Sag mir, was hier passiert ist. “
Philipp G.
stotterte. Seine erste Antwort: „Du bist doch gar nicht bewusstlos gewesen. Wir haben uns doch noch unterhalten. “ Da mischte sich die Bettnachbarin ein: Sie habe ihn gefragt, warum die Patientin bewusstlos sei.
Seine Antwort sei gewesen, sie reagiere eben so auf Nadeln. Tiziana wusste: Das hatte sie noch nie. Der Oberarzt blieb bei seiner Linie. Nichts sei passiert.
Tiziana stand auf: „Sie werden sich an diesen Tag erinnern. “ Sie entließ sich selbst aus der Klinik und erstattete Anzeige wegen Körperverletzung gegen Philipp G. Für die Anwältin Stefanie Höke, die Tiziana bald vertrat, war das Verhalten des Oberarztes eine bodenlose Unverschämtheit. Ihr Eindruck: Vermutungen gegen den Assistenzarzt waren in der Klinik offenbar nicht neu.
Lena P. kam im Dezember 2019 nachts in die Notaufnahme von Bethel. Sie war schwer krank, ihr Gesicht teilweise gelähmt, sie war völlig erschöpft. Philipp G.
nahm sie auf. Er schaute ihr kein einziges Mal in die Augen, wirkte übermüdet und ungepflegt. Später in ihrem Zimmer kam er zurück, streichelte ihren Arm und sah ihr dabei intensiv in die Augen. Lena fand das unheimlich: Erst so abweisend, jetzt dieser besitzergreifende Blick.
Er sagte, er wolle ihr nur noch etwas spritzen, damit sie gut schlafe. Danach wusste sie nichts mehr. Am nächsten Morgen hatte sie Schüttelfrost, Übelkeit und Gliederschmerzen – ähnlich wie Tiziana. Die Schwestern beruhigten sie.
Lena fühlte sich dreckig, fand Flüssigkeit in ihrer Unterhose, die sie sich nicht erklären konnte. Sie traute sich nicht, jemandem davon zu erzählen. In der dritten Nacht kam Philipp G. wieder.
Gleiches Prozedere: Er streichelte ihren Arm, fasste sie an. Lena war zu erschöpft, um zu protestieren. Sie schlief ein und merkte wieder nichts. In derselben Nacht teilte sie sich das Zimmer mit Hanna M.
, einer Mutter von drei Kindern, die starke Schmerzen und Taubheitsgefühle in Rücken und Beinen hatte. Hanna war am selben Tag aufgenommen worden. Die beiden Frauen verstanden sich sofort. Mitten in der Nacht kam Philipp G.
ins Zimmer: „Ich muss nur noch Kochsalzlösung nachspritzen. “ Beide Frauen verloren sofort das Bewusstsein. Doch Lena wachte bald wieder auf. Sie sah, wie sich eine Gestalt im weißen Kittel über ihre Bettnachbarin beugte.
Sie erkannte, was geschah. Sie wollte etwas sagen, Hanna beim Namen rufen, aber ihr Mund war wie gelähmt. Sie hatte keine Kraft. Dann bemerkte der Mann, dass Lena wach war, kam zu ihr und spritzte ihr erneut etwas.
Lena verlor wieder das Bewusstsein. Am Morgen hatten die Schwestern große Mühe, Lena zu wecken. Sie traute sich nicht, im Krankenhaus über das Erlebte zu sprechen. Erst später, als auch sie sich an die Anwältin Stefanie Höke wandte, erzählte sie, was sie in jener Nacht gesehen hatte: den Assistenzarzt, der ihre Bettnachbarin vergewaltigte.
Hanna M. selbst erinnert sich an nichts. Sie wurde entlassen, fühlte sich aber körperlich und psychisch am Boden. Bei der Abschlussvisite sagte sie, wie schlecht es ihr gehe.
Die Antwort: Sie habe eine Krankenhausdepression entwickelt, solle öfter rausgehen. Hanna hatte das Gefühl, man wolle sie möglichst schnell loswerden. Im Klinikum hatte es bereits ein Krisengespräch gegeben. Das Protokoll, das ARD Crime Time vorliegt, hält fest: Philipp G.
sagte zu, nachts nur noch in Begleitung von Pflegepersonal Patientenzimmer zu betreten. Propofol wurde ihm untersagt. Das Protokoll blieb unter Verschluss im Chefarztsekretariat. Am 22.
April 2020 durchsuchte die Polizei die Wohnung von Philipp G. Die Beamten fanden Marihuana, andere Drogen, verschreibungspflichtige Medikamente – darunter zehn Fläschchen Propofol. Vor allem aber: Speichermedien mit einer Kapazität von 15 Terabyte. Monate später gelang es den Ermittlern, eine Festplatte zu entschlüsseln.
Sie fanden Videos, die Philipp G. im Klinikum aufgenommen hatte. Der Assistenzarzt wurde verhaftet. Er saß in Untersuchungshaft.
Öffentlich wurde bekannt, dass er eine Liste mit 80 Frauennamen geführt haben soll. Wie viele Frauen er tatsächlich missbraucht hat, ist bis heute nicht geklärt. Tiziana C. sagt heute: „Mich kriegt man nicht mehr ins Krankenhaus.
Ich habe Angst, weil ich sehe, dass alles unter den Teppich gekehrt werden soll. “


