1878 gruben Arbeiter in der kleinen Moselgemeinde Neumagen die Fundamente einer spätrömischen Festungsmauer aus. Eigentlich wollten die lokalen Behörden nur den baulichen Zustand der Anlage prüfen. Doch was die Männer freilegten, veränderte das Bild von der eigenen Heimatgeschichte für immer. Die Mauer, errichtet zur Zeit Kaiser Konstantins im frühen vierten Jahrhundert, bestand nicht aus gewöhnlichen Steinblöcken.

Man hatte sie aus wiederverwendeten Grabdenkmälern gebaut, kunstvoll gemeißelten Reliefs aus früheren Jahrhunderten, die einfach als billiges, massives Baumaterial in die Verteidigungsmauer eingemauert worden waren. Unter den geborgenen Fragmenten fanden sich Teile von drei verschiedenen Steinreliefs, die alle dasselbe Motiv zeigten: ein Ruderschiff, beladen mit gewaltigen Weinfässern, gerudert von sechs kräftigen Männern unter dem Kommando zweier Steuerleute. Das am besten erhaltene dieser Reliefs, heute weltberühmt als das Neumagener Weinschiff, gehörte zum Grabmal eines wohlhabenden römischen Weinhändlers. Er lebte um das Jahr 220 nach Christus und ließ sich für die Ewigkeit ausgerechnet bei der Ausübung seines Berufs verewigen.
Der Fund machte Neumagen bis heute zum ältesten Weinort Deutschlands. Doch die eigentliche Geschichte hinter diesem Steinrelief reicht weit über einen archäologischen Zufallsfund hinaus. Sie erzählt davon, warum Wein über Jahrtausende hinweg eine sicherere Wahl war als Wasser – und wie diese praktische Wahrheit die Weinlandschaften entlang von Mosel und Rhein bis heute geprägt hat. In der antiken Welt war Wasser, besonders in dicht besiedelten Städten und Militärlagern, alles andere als eine sichere Wahl.
Brunnen und Flüsse nahe menschlicher Siedlungen verunreinigten sich leicht mit Abfällen, besonders wenn der Grundwasserspiegel in Trockenperioden sank. Ohne jede Kenntnis von Mikroorganismen konnte niemand verstehen, warum nach dem Trinken aus einem bestimmten Brunnen plötzlich das halbe Dorf an Ruhr oder Typhus erkrankte. Wein bot dank seines Alkoholgehalts und seiner natürlichen Säure ein weitaus feindlicheres Umfeld für Bakterien. Eine Erkenntnis, die Generationen rein empirisch gewannen, lange bevor irgendjemand sie wissenschaftlich erklären konnte.
Ägyptische Pharaonen, griechische Ärzte und mittelalterliche Mönche kamen unabhängig voneinander zu denselben Schlussfolgerungen. Für die römischen Legionen an Rhein und Mosel war Wein deshalb kein Luxusgut, sondern fester Bestandteil der militärischen Grundversorgung. Selbst einfache Soldaten erhielten eine tägliche Weinration, meist in einfacher, saurer Qualität, vergleichbar mit der später in Rom üblichen Posca, jenem verdünnten Essig-Wasser-Gemisch zur Desinfektion des Trinkwassers. Der edle, gealterte Wein blieb höheren Offizieren und wohlhabenden Kaufleuten vorbehalten.
In den frühen Jahren der Besatzung musste der Wein für die Rheingarnisonen mühsam aus dem Mittelmeerraum herangeschafft werden. Über die Rhône und die Saône quer durch Gallien bis in die Moselregion. Ein logistischer Kraftakt, der enorme Kosten verursachte, Wochen an Reisezeit verschlang und die Versorgung ständig gefährdete. Gegen Ende des dritten Jahrhunderts hob Kaiser Probus das Weinbauverbot in den Provinzen auf.
Ob das Verbot tatsächlich auch für den nordalpinen Raum galt, ist unter Historikern bis heute umstritten. Fest steht jedoch, dass in genau dieser Zeit große Rebflächen an den steilen Südhängen der Mosel entstanden. Die bedeutende Residenzstadt Trier entwickelte sich zu einer der wichtigsten Städte des Weströmischen Reiches, zeitweise sogar zu einer der vier kaiserlichen Residenzstädte. Bemerkenswert ist eine technische Besonderheit: Anders als im Mittelmeerraum, wo Wein in tönernen Amphoren transportiert wurde, übernahmen die Römer an der Mosel die keltische Tradition der Holzfässer.
Sie fassten deutlich mehr Wein und widerstanden den raueren klimatischen Bedingungen nördlich der Alpen besser, besonders den winterlichen Frostperioden, unter denen spröde Tonamphoren leicht zersprangen. Das Neumagener Weinschiff selbst, fast 18 Meter lang, zeigt genau diese charakteristischen großen Holzfässer, vier an der Zahl, fest verzurrt auf dem offenen Deck. Die Ruderer sitzen mit dem Rücken zum Heck – typisch für antike Rudertechnik, da sie so mit voller Kraft nach hinten ziehen konnten. Der Bug ist als Rammsporn gestaltet, die Vorschiffe sind mit Drachenköpfen verziert.
Details, die eher an ein Kriegsschiff erinnern als an ein gewöhnliches Frachtschiff. Der Weinhändler, dessen Grabmal dieses Relief einst schmückte, wollte offensichtlich Reichtum und Berufsstolz über den Tod hinaus zeigen. In der römischen Oberschicht dienten Grabmonumente weniger der stillen Trauer als der öffentlichen Selbstdarstellung. Anders als viele andere Reliefs jener Zeit wählte dieser namenlose Händler eine dokumentarische Darstellung seines beruflichen Alltags.
Eine Entscheidung, die uns heute einen seltenen Einblick in die Logistik des antiken Weinhandels an der Mosel gewährt. Die Archäologen fanden insgesamt Fragmente von über 40 verschiedenen Grabdenkmälern aus dem zweiten Jahrhundert. Die wertvollen Kunstwerke waren nur deshalb als Baumaterial gelandet, weil der Aufstieg des Christentums die Bestattungskultur verändert hatte. Mit der Erdbestattung statt der Verbrennung verloren die alten heidnischen Grabmonumente ihre Bedeutung.
Die Bautrupps Kaiser Konstantins nutzten sie kurzerhand als fertig behauene Steine für die dringend benötigte Festungsmauer, in einer Zeit wachsenden Drucks durch germanische Stämme jenseits des Rheins. Das Original des Weinschiffs befindet sich heute im Rheinischen Landesmuseum in Trier. Im Hafen von Neumagen liegt seit 2007 ein originalgetreuer, tatsächlich schwimmfähiger Nachbau namens Stella Noviomagi, komplett aus einheimischen Hölzern gefertigt. Mit fast 18 Metern Länge und rund 14 Tonnen Leergewicht zählt er zu den größten jemals im deutschen Sprachraum rekonstruierten Römerschiffen.
Bis zu 32 Personen können den Nachbau rudernd in Bewegung setzen. Während an der Mosel die Grundsteine für eine Jahrtausende alte Weinkultur gelegt wurden, entwickelte sich weiter östlich im heutigen Franken eine eigene Weinbautradition. Am 7. Januar 777 schenkte Kaiser Karl der Große dem Kloster Fulda seinen Besitz rund um die Ortschaft Hammelburg, und in der bis heute erhaltenen Schenkungsurkunde werden ausdrücklich auch die dortigen Weinberge erwähnt.
Das älteste eindeutig datierbare schriftliche Zeugnis für Weinbau auf fränkischem Boden. Zwei Jahre zuvor war bereits für das Kloster Holzkirchen Weinbau urkundlich erwähnt worden, doch von jenem Dokument existiert nur eine spätere Abschrift. Deshalb gilt die Hammelburger Schenkung als die tatsächlich älteste zweifelsfrei belegte Nennung. Über die folgenden Jahrhunderte entwickelte sich Franken zum größten zusammenhängenden Weinanbaugebiet des Heiligen Römischen Reiches, zeitweise mit über 40.
000 Hektar Rebfläche. Der Weinbau prägte die mittelalterliche Grundherrschaft: Adlige und kirchliche Institutionen verfügten über Land und Bauern, die einen festgelegten Anteil ihrer Ernte abliefern mussten. Etwa zur gleichen Zeit gründete der heilige Bernhard von Clairvaux gemeinsam mit dem späteren Abt Ruthard und zwei weiteren Zisterziensermönchen im abgelegenen Kisselbachtal des Rheingaus ein neues Kloster. Es sollte als Kloster Eberbach in die Weingeschichte eingehen.
Unterstützt wurde das Vorhaben vom Mainzer Erzbischof Adalbert durch großzügige Landschenkungen und Privilegien. Der Gründungslegende nach soll ein wilder Eber aus dem Wald gebrochen sein und mit seinem Rüssel den Boden aufgewühlt haben, um symbolisch die Grenzen des künftigen Klosterbezirks zu markieren. Die strengen Armutsideale der Zisterzienser gerieten allerdings schon bald in Konflikt mit der ökonomischen Realität: Der Weinbau erwies sich als derart profitabel, dass das Kloster im 13. und 14.
Jahrhundert enormen Wohlstand aufbaute. Im Hochmittelalter betrieb Kloster Eberbach, wie zeitgenössische Beschreibungen formulieren, das florierendste Weinhandelsunternehmen der damals bekannten Welt. Mit Handelsniederlassungen entlang des Rheins, Wirtschaftshöfen und Transportwegen bis nach England und in den Ostseeraum. Bis heute zeugen zwölf historische Weinpressen im sogenannten Laiensaal des Klosters von den gewaltigen Erträgen.
Über 700 Jahre lang, von der Gründung bis zur Säkularisierung 1803, kultivierten die Mönche dort ununterbrochen Wein. Nach der Säkularisierung ging das Kloster an den Herzog von Nassau, später an das Königreich Preußen. Seit 1945 gehört das Weingut dem Land Hessen und wird bis heute als eines der größten deutschen Weingüter mit rund 200 Hektar Anbaufläche geführt. Weltweite Bekanntheit erlangte die Anlage 1986, als Regisseur Jean-Jacques Annaud die Innenräume als Kulisse für die Verfilmung von Umberto Echos Roman „Der Name der Rose“ mit Sean Connery nutzte.
Die dritte Station unserer Reise führt ins 19. Jahrhundert. 1830 wurde im rheinhessischen Dromersheim bei Bingen erstmals gut dokumentiert Wein aus gefrorenen Trauben gekeltert. Ein Ereignis, das die Fachliteratur bis heute als früheste zuverlässig belegte Herstellung von Eiswein in Deutschland führt.
Die dortigen Winzer hatten die Traubenlese aus welchem Grund auch immer verzögert, bis ein plötzlicher früher Wintereinbruch die noch am Rebstock hängenden Trauben gefrieren ließ. Unter normalen Umständen hätte das als vollständiger Ernteverlust gegolten. Doch aus Verzweiflung oder bäuerlichem Pragmatismus pressten sie die gefrorenen Trauben trotzdem. Beim Pressen trat nur das hochkonzentrierte, zuckerreiche Fruchtfleisch als dickflüssiger goldener Most aus, während das gefrorene Wasser als Eisrückstand in der Presse zurückblieb.
Das Ergebnis war ein außergewöhnlich süßer, konzentrierter Wein, den man auf herkömmlichem Wege nicht erzeugen konnte. 28 Jahre später wagte sich das berühmte Weingut Schloss Johannisberg an die Eiswein-Herstellung. Dessen frühere Erfindung der Spätlese verdankte sich ähnlich purem Zufall: Ein reitender Bote musste im Auftrag des Fürstbischofs von Fulda die offizielle Erlaubnis zum Beginn der Weinlese einholen. Als der Bote unterwegs aufgehalten wurde, hingen die Trauben wochenlang am Stock, begannen zu schrumpfen und wurden von Edelfäule befallen.
Am Ende entstand ein ungewöhnlich süßer, konzentrierter Wein, der zum Vorbild für eine ganz neue Qualitätsstufe wurde. Diese wiederkehrende Struktur in der deutschen Weingeschichte – einige der bedeutendsten Innovationen entstanden nicht aus geplanter Forschung, sondern aus Verzögerung, Verzweiflung oder Zufall – zieht sich wie ein roter Faden von der Spätlese über den Eiswein bis in die Gegenwart. Diese ursprünglichen Notlösungen entwickelten sich zu einigen der angesehensten und teuersten deutschen Weinspezialitäten. Und so schließt sich der Kreis an genau der Stelle, an der wir begonnen haben: bei den Bauarbeitern von 1878, die im Fundament einer Festungsmauer das Grabmal eines Weinhändlers fanden, der 1700 Jahre zuvor gelebt hatte.
Der namenlose Händler, der sich mit seinem Ruderschiff voller Weinfässer verewigen ließ, konnte nicht ahnen, dass sein Grab als Baumaterial landen und erst nach weiteren 1500 Jahren wieder ans Tageslicht kommen würde – um schließlich sogar als hölzerner Nachbau erneut über dieselbe Mosel zu fahren. Die Zisterziensermönche im Kisselbachtal, überzeugt von strengen Armutsidealen, konnten nicht ahnen, dass ihr Kloster zu einem der größten Weinhandelsimperien des Mittelalters werden und Jahrhunderte später als Filmkulisse dienen würde. Und die Winzer von Dromersheim, die 1830 aus purer Verzweiflung gefrorene Trauben in die Presse warfen, konnten unmöglich vorhersehen, dass ihre improvisierte Notlösung einmal zu einer der teuersten Weinspezialitäten der Welt werden würde – verkauft in kleinen edlen Fläschchen zu Preisen, von denen jene frostgeplagten Winzer nicht einmal zu träumen gewagt hätten.
Nicht schlecht für ein Getränk, das ursprünglich schlicht eine praktische Antwort auf eine viel simplere Frage war: wie man an einer Militärgrenze, in einem abgelegenen Klostertal oder auf einem plötzlich vom Frost überraschten Weinberg einfach überlebt.


