Ich dachte, ich kenne die Frau, die ich heiraten wollte. Sie war nett zu mir, versprach mir alles, und ich glaubte ihr. Doch dann hat sie mich betrogen, wie die andere vor ihr. Als ich das Geld…

Ich dachte, ich kenne die Frau, die ich heiraten wollte. Sie war nett zu mir, versprach mir alles, und ich glaubte ihr. Doch dann hat sie mich betrogen, wie die andere vor ihr. Als ich das Geld...

Der 23. Januar 1985 begann für die 15-jährige Ulla Lilienthal wie ein ganz normaler Tag. Gemeinsam mit ihrer Mutter verließ sie das Haus in Isernhagen bei Hannover und ging zur Bushaltestelle. Sie wollte zu einer Freundin nach Großburgwedel fahren.

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Beim Abschied sagte sie, dass sie am Abend wieder zu Hause sein werde. Es war das letzte Mal, dass Ulla und ihre Mutter sich sahen. Ulla war das sechste von acht Kindern und besuchte eine Berufsschule. Ihre ältere Schwester Bärbel, die damals 21 Jahre alt war und nicht mehr zu Hause wohnte, verstand sich besonders gut mit der Teenagerin.

„Ulla war sehr eigenwillig. Sie hatte ihren eigenen Kopf. Sie war manchmal sehr dickköpfig und stur, aber sie konnte auch liebevoll sein. Sie wollte halt ihren eigenen Weg gehen“, erinnert sich Bärbel.

Mit dem Bus fuhr Ulla in den Nachbarort. Dort besuchte sie eine Freundin, die in einer Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe wohnte. Die Mädchen gingen aufs Zimmer, hörten Musik, probierten Kleidung an und aßen zusammen Abendbrot. Danach zog Ulla weiter.

Wohin, erzählte sie nicht. Ein Freund meinte später, er habe sie in der Fußgängerzone von Großburgwedel gesehen, aber nur aus der Entfernung, von der gegenüberliegenden Straßenseite. Der letzte gesicherte Aufenthaltsort blieb die Einrichtung. Danach verlor sich ihre Spur.

Dass Ulla für ein paar Tage durch die Gegend zog, war nicht ungewöhnlich. Deshalb suchte Bärbel ihre Schwester zunächst auf eigene Faust. Doch Ulla blieb verschwunden. Erst am 2.

Februar wandte sich die Familie an die Polizei. Am selben Tag machten Spaziergänger in einem Waldstück nahe Großburgwedel eine seltsame Entdeckung. Im Gebüsch lagen verstreut Kleidungsstücke: eine Hose, ein Pullover. Nichts war versteckt, alles lag relativ offen da.

Man dokumentierte den Fund, konnte ihn aber niemandem zuordnen und ließ die Sachen liegen. Acht Tage später fanden Spaziergängerinnen die Leiche eines jungen Mädchens. Es war Ulla Lilienthal. „Man kann nicht sagen, dass da irgendwer nicht geweint hat.

Man hat es nicht wirklich geglaubt. Mein Vater hat sich ins Schlafzimmer zurückgezogen. Der war total fertig“, erzählt Bärbel. Die Polizei begann sofort mit der Spurensicherung.

Das Waldstück, das sogenannte Spritzegehege, war ein beliebtes Ausflugsziel. Die Leiche lag in der Nähe eines Parkplatzes, abseits vom Weg in einem Graben. Ulla war unbekleidet. Schnell stand fest: Sie war erdrosselt worden.

Die Tatwaffe war ein roter Netzstrumpf. Weil das Mädchen entkleidet war, konnte ein Sexualdelikt nicht ausgeschlossen werden, doch konkrete Spuren gab es nicht. 1985 gab es in Deutschland noch keine Analyseverfahren, mit denen man DNA-Spuren hätte nachweisen können. Die Obduktion brachte dennoch wichtige Erkenntnisse.

Ulla war noch am Abend ihres Verschwindens gestorben. Der Zeitrahmen war also eng. Kurz nach dem Besuch bei ihrer Freundin musste sie auf den Täter getroffen sein. Auch die Kleidung, die im Wald gefunden worden war, gehörte zweifelsfrei Ulla.

Am Abend ihres Verschwindens trug sie ein rotes Sweatshirt. Genau dieses Sweatshirt brachte knapp einen Monat später einen möglichen Tatverdächtigen ins Spiel. Es handelte sich um einen 16-Jährigen, der ebenfalls in der Einrichtung in Großburgwedel lebte, in der sich Ulla oft aufgehalten hatte. Zeugen gaben an, den Jugendlichen mit Ullas rotem Pullover gesehen zu haben, obwohl Ulla zu diesem Zeitpunkt bereits als vermisst galt und wahrscheinlich schon tot war.

Der Ermittlungsdruck war hoch. Die Polizei nahm den Jugendlichen vorläufig fest. Bei den Vernehmungen nannte er verschiedene Versionen, wie er an den Pullover gekommen sein könnte. Mal stritt er ab, den Pullover überhaupt besessen zu haben, dann verstrickte er sich in Widersprüche.

Für die Ermittler war es schwer zu sagen, welche Version der Wahrheit entsprach. Die Zeugenaussagen allein reichten nicht aus. Der Teenager wurde freigelassen. Aus heutiger Sicht bewertet die Polizei ihn nur noch als Zeugen.

Der Pullover allerdings gab weiter Rätsel auf. Es gab verschiedene Zeugenaussagen darüber, wo und wann das Oberteil nach Ullas Verschwinden gesehen worden war. Schließlich wurde es unweit des Leichenfundortes entdeckt. Das erschwerte die Ermittlungen, weil niemand sagen konnte, wann der Pullover wo gewesen war.

Die Medien berichteten ausführlich über den Fall. Nicht alles, was gedruckt wurde, entsprach der Wahrheit. Doch ein Zeitungsartikel führte zu einem neuen Ermittlungsansatz. Ein Zeuge meldete sich und sagte aus, er habe vor dem Mord einen Jugendlichen mit einem roten Netzstrumpf gesehen.

Der Netzstrumpf war die Tatwaffe. Auch dieser Teenager lebte in der Wohneinrichtung in Großburgwedel. Die Polizei vernahm ihn ohne Ergebnis. Es gab nur diese eine Zeugenaussage.

Ob es wirklich der Tatstrumpf war, konnte nicht belegt werden. Ob der Jugendliche mit der Tat zu tun hatte, ließ sich nicht klären. Viele Fragen blieben offen. Eine Vermutung zum Tatablauf gab es aber.

Da das Waldstück etwas außerhalb lag, war es wahrscheinlich, dass der Täter ein Auto besaß. Ob Ulla per Anhalter gefahren war und in ein fremdes Auto gestiegen war oder ob es jemand aus ihrem Umfeld mit Fahrzeug war, blieb unklar. Der Täter hätte sich auch ein Auto leihen oder ohne Führerschein fahren können. Doch alle Ermittlungsansätze waren ausgeschöpft.

Der Fall blieb 35 Jahre lang ungeklärt. Doch Mord verjährt nicht. Im Jahr 2020 rollte die Cold-Case-Einheit der Polizei Hannover den Fall wieder auf. Seit 2022 gehörte auch Polizeikommissarin Annabell Vater zum Team.

Der wichtigste Anhaltspunkt waren die Asservate von damals. Mit neuen Analysetechniken wurden Ullas Kleidung und die Tatwaffe erneut auf DNA-Spuren untersucht. An den Asservaten konnten tatsächlich noch DNA-Spuren nachgewiesen werden. Ob sie mit der Tat in Verbindung zu bringen waren, blieb zunächst unklar.

Es gab neue Ansätze, die überprüft wurden, doch die Kommissarin wollte sich dazu noch nicht äußern. Auf der Suche nach Zeugen wandte sich die Polizei an die Öffentlichkeit. Im Dezember 2023 wurden Plakate in Großburgwedel aufgehängt und Flyer an mehr als elftausend Haushalte verteilt. Für Hinweise war eine Belohnung von fünftausend Euro ausgeschrieben.

„Auch wenn es noch so unwichtig erscheint, kann es für uns dieses eine Puzzleteil sein. Jede Straftat außer Mord ist verjährt. Man braucht keine Sorgen zu haben, dass auf einen zukommt“, appellierte Annabell Vater. Für Ullas Familie war es nur schwer zu ertragen, dass nach 39 Jahren so viele Fragen unbeantwortet blieben.

Der Wunsch, dass die Ermittlungen endlich Licht ins Dunkel bringen, war groß. „Ich hoffe, dass sie den kriegen. Es bringt unsere Ulla natürlich nicht wieder, aber man hätte die Gewissheit, dass nach so vielen Jahren Gerechtigkeit geschieht“, sagte Bärbel. Auch für Annabell Vater war der Fall eine Herzensangelegenheit.

Ulla war sehr jung gewesen und hatte ihr ganzes Leben noch vor sich. Die Kommissarin stand in engem Austausch mit der Familie und sah, was so ein Fall mit einer Familie anrichten kann. Es war ihr ein großes Anliegen, den Fall noch zu klären. Ein anderer Fall ließ Reiner Brenner von der Mordkommission Cuxhaven und Arne Wieben von der Staatsanwaltschaft nicht los.

Am 23. August 1981 wurde die 21-jährige Swanhild S. in Neuenkirchen im Landkreis Cuxhaven Opfer eines brutalen Verbrechens. Ihre Leiche wurde in einem Wassergraben nahe einer Landstraße entdeckt.

Die junge Frau war erstochen worden. Die Ermittlungen der Polizei liefen damals ins Leere. Das Verbrechen wurde zum Cold Case. Doch Mord verjährt nicht.

27 Jahre später nahmen Brenner und Wieben den Fall wieder vor. Brenner erinnerte sich: „Ich war selber noch ein junger Ermittler. Das war mein erster größerer Fall, der mit der Tötung eines Menschen zu tun hatte. Beim Aktenstudium ist mir aufgefallen, wie grausam die Tat abgelaufen war.

Eine junge Frau, 21 Jahre alt, ging morgens normal zur Arbeit, arbeitete in einem Blumenladen bis 17 Uhr. Sie kam nach Hause, duschte, traf sich mit einem Freund, ging mit ihm spazieren und entschied sich gegen 23:15 Uhr noch einmal alleine loszugehen. Das war üblich. An diesem Abend traf sie offensichtlich auf den Täter.

Am nächsten Morgen stellte die Mutter fest, dass Swanhild nicht in ihrem Zimmer war. Das war ungewöhnlich. Es begann eine fast dreitägige Suchaktion, bei der auch ein Hubschrauber eingesetzt wurde. Am Morgen des 26.

August fand ein Zeuge die Leiche. Swanhild war komplett entkleidet, bis auf transparente Kniestrümpfe. Sie lag etwa 18 Meter von einer Kreisstraße entfernt in einem Wassergraben. Sie wies massive Stichverletzungen auf.

Es waren 63 Messerstiche, 44 davon in den Rücken. Eine Blutspur im Graben ließ darauf schließen, dass Swanhild noch zu einem nahegelegenen Bauernhof flüchten wollte. Offenbar war es ihr gelungen, selbstständig aus dem Graben zu kriechen. Dann muss sie aufgrund ihrer schweren Verletzungen zurück ins Wasser gerutscht sein.

Am Tatort wurden neben der Kleidung des Opfers ein Kälberstrick und ein weißer Kinderschal gefunden. Gegenstände, mit denen der Täter sein Opfer gefesselt hatte und die er zurückgelassen hatte. Die Tatwaffe, das Messer, fehlte. Die Polizei startete eine Öffentlichkeitsfahndung, doch niemand konnte zur Aufklärung beitragen.

Auch die Ermittlungen im Umfeld der Toten brachten nichts. Zahlreiche Männer wurden überprüft, doch einen Tatverdächtigen gab es nicht. 27 Jahre später starteten Brenner und Wieben einen neuen Versuch. Sie setzten auf DNA-Analyse.

Sie ließen die Asservate, die noch in den Kellern der Staatsanwaltschaft lagerten, untersuchen. „Wir haben schnell festgestellt, dass viele Asservate noch vorhanden waren, insbesondere die Opferbekleidung. Die haben wir dem Landeskriminalamt Niedersachsens zugesandt. Später bekamen wir die Mitteilung, dass am T-Shirt der Ermordeten eine vollständige DNA festgestellt worden war.

“ Endlich gab es eine erste Spur. Wieben und Brenner baten alle Männer, die 1981 im Fokus der Ermittler gestanden hatten, zur Speichelprobe. Doch es gab keinen Treffer. Dann stieß Brenner in den Akten auf eine alte Tonbandkassette.

„Ich bin auf eine Tonbandkassette gestoßen, eine TDK 90, wie wir sie früher kannten. Ich musste erstmal ein Gerät finden, um sie abzuspielen. Dann habe ich festgestellt, dass auf der Kassette ein Notruf verzeichnet war, der bei der Polizei eingegangen war. Eine anonyme Hinweisgeberin teilte der Polizei mit, dass sie glaubt zu wissen, wer für die Tat verantwortlich ist.

Die Frau brachte einen gewissen Ferdinand H. ins Spiel. Ein damals 21-jähriger Straßenarbeiter, der wie das Opfer in Neuenkirchen lebte. Bei den Ermittlungen hatte er bis dahin keine Rolle gespielt.

Die Ermittler wollten mit ihm reden. „Wir haben uns nicht besonders viel von dieser Vernehmung versprochen, aber wir mussten ja irgendwo anfangen. Dann passierte etwas ganz Interessantes. “

Die Polizei legte Ferdinand ein normales Passfoto von Swanhild vor.

Kein Leichenbild, kein Tatortbild, ein unverfängliches Foto. Das führte bei Ferdinand zu einer starken körperlichen Reaktion. Er musste würgen. Man hielt ihm den Papierkorb hin, damit er sich erbrechen konnte.

Dazu kam es nicht, aber die Reaktion war offensichtlich. „Wenn sowas passiert, ist das für mich ein Indiz, da stimmt irgendwas nicht. “ Sie fragten ihn, ob er freiwillig eine Speichelprobe abgebe. Das tat er.

In seiner Vernehmung behauptete Ferdinand, Swanhild gar nicht zu kennen. Auch am Tatort sei er nie gewesen. Doch das Ergebnis der DNA-Analyse sprach eine andere Sprache. Die DNA am T-Shirt von Swanhild stammte tatsächlich von dem Straßenarbeiter.

Er musste am Tatort gewesen sein. Jetzt war Ferdinand kein Zeuge mehr, sondern Beschuldigter. Die Ermittler nahmen ihn fest. „Er hat kaum mit uns gesprochen, hat den Kopf gesenkt, auf den Boden geschaut.

Das war ein ungewöhnliches Verhalten für jemanden, dem man einen Mord vorwirft. “ In der Vernehmung versuchte Ferdinand zu erklären, wie seine DNA an den Tatort kam. Er sagte, er sei in einer der Nächte, in denen Swanhild vermisst worden war, mit dem Auto vorbeigefahren. Er habe einen Mantel über einem Leitpfosten hängen sehen.

Das habe seine Neugier geweckt. Er habe angehalten, sei einen Feldweg entlanggegangen und habe den Tatort entdeckt. Das Opfer habe im Wassergraben gelegen. Da könnte er etwas angefasst haben.

Die Ermittler überlegten, was sie tun sollten. In diesem Stadium reichte es nicht für eine Anklage. Sie beschlossen, von der Annahme auszugehen, dass das stimmte, was Ferdinand erzählte. Sie wollten die Nacht rekonstruieren.

Der Staatsanwalt kontaktierte den Deutschen Wetterdienst, um herauszufinden, welche Wetterverhältnisse damals geherrscht hatten. Gemeinsam suchten die Ermittler nach einer ähnlichen Nacht. Der Tatort war nicht beleuchtet. Es gab keine Straßenlampen, kein urbanes Gelände in der Nähe.

Ohne Mondlicht oder Sternenlicht war es extrem dunkel. Die Polizei richtete den Tatort genau so her, wie er damals ausgesehen hatte. Eine Schaufensterpuppe wurde als Leiche in den Wassergraben gelegt. Anhand der alten Tatortfotos verteilten sie Kleidungsstücke.

Über einen Leitpfosten hängten sie einen Mantel. Dann warteten sie auf die Nacht. „Wir sind mit hochmodernen Autos gefahren, die viel moderner waren als das Auto von Ferdinand 1981. Wir haben den Mantel überhaupt nicht gesehen.

Wir sind drüber hinausgefahren, bis jemand sagte, wir müssen schon längst drüber sein. Hat jemand einen Mantel gesehen? Nein. Dann haben wir das Auto abgestellt und uns in Ferdinand hineinversetzt.

Er hat den Mantel gesehen, hat das Auto abgestellt, ist ausgestiegen. Wir standen im Dunkeln, komplett dunkel. Dann sagte er, er sei in den Feldweg hineingegangen. Es war bei Nacht nicht zu erkennen, dass da ein Weg war.

Wir sind hineingegangen. Wir wussten, nach ungefähr 18 Metern kommt der Tatort. Wir haben nichts gesehen. Es war unheimlich.

Wie das Laufen in einem komplett dunklen Raum. Irgendwann sagte ich: Jetzt ist gut, machen Sie das Licht an. Die Polizei hatte Scheinwerfer vorbereitet. Wir hatten den Tatort vorher bewusst nicht bei Helligkeit gesehen.

Dann gingen die Flutlichter an. Wir standen mitten in einem Tatort. Ich weiß noch wie heute, wie ich Herrn Brenner angeschaut habe und er mich. Uns beiden war in dem Moment klar: Der lügt.

Wieben und Brenner waren sicher. Ferdinand war der Mörder von Swanhild S. Immer wieder verstrickte er sich in Lügen und Widersprüche. Dann berichtete seine Lebensgefährtin, dass sich sein Verhalten seit den Ermittlungen stark verändert habe.

„Wir haben festgestellt, dass Ferdinand eine intime Beziehung zu einer Prostituierten aus Bremerhaven geführt hatte. Bemerkenswert war ihre Aussage, dass er, nachdem wir ihn vorgeladen und die Speichelprobe entnommen hatten, zu ihr gesagt hatte, dass er vielleicht länger eingesperrt werden muss. Er hat gefragt, wie lange eine DNA-Untersuchung dauert. Das war schon bemerkenswert.

Letztendlich wollte er wohl signalisieren: Die Frau habe ich umgebracht. “

Eine Frage trieb die Ermittler um: Warum gab es keine Abwehrverletzungen? Warum hatte sich die junge Frau nicht gewehrt? Eine Antwort fanden sie in einem Brief, der in den alten Akten lag.

Swanhild hatte ihn drei Jahre vor dem Mord aus Amerika an eine Freundin geschrieben. „Als wir in Kanada auf Urlaub waren, ging ich eines Abends harmlos und vertrauensvoll, wie ich bin, allein an einem See spazieren und wurde vergewaltigt. Er hat mich nicht verletzt. Ich wehrte mich nicht, weil ich weiß, dass viele Mädchen, die sich wehren und schreien, getötet werden.

Für die Ermittler war das ein Aha-Moment. Plötzlich konnten sie sich Swanhild als eine ruhige, bedachte, kluge Frau vorstellen, die überlegte, wie sie heil aus dieser Situation herauskommt. Sie ließ es geschehen und wurde trotzdem getötet. Neben den Widersprüchen gab es aus Sicht der Ermittler handfeste Beweise: seine DNA am T-Shirt des Opfers, ein Haar an Kälberstrick und Kinderschal, ein DNA-Fragment, das ihm mit hoher Wahrscheinlichkeit zugeordnet werden konnte.

Und die Aussage der Lebensgefährtin, der er den Mord offenbar gestehen wollte. Wieben wollte anklagen. Doch dann kam etwas völlig Unerwartetes. „Dann lief es erstmal gar nicht gut für uns.

Die zweite große Strafkammer des Landgerichts Stade hat meine Anklage geprüft und den Haftbefehl aufgehoben. Das Gericht sagte, wenn das alles ist, was die Staatsanwaltschaft hat, reicht das nicht mal für den Haftbefehl. Im nächsten Schritt erließen sie einen Nichteröffnungsbeschluss. Sie lehnten das Hauptverfahren ab.

Man könnte sagen: Klatsche. Für die Staatsanwaltschaft war es auch ein Stück weit. Wir wurden von dieser Lawine überrollt. Aber ich habe bei Herrn Brenner sofort festgestellt, dass er dagegen Wind machen wird.

Das beruhigte mich. Da hing eine Menge Arbeit dran, und wir waren sicher, dass wir den Richtigen hatten. Und dann entscheidet ein Gericht wie aus der Pistole geschossen in eine ganz andere Richtung. “

Das Oberlandesgericht Celle korrigierte den Beschluss jedoch.

Es hob die Entscheidung des Landgerichts auf und eröffnete das Verfahren vor derselben Kammer. Es kam zur Hauptverhandlung. Wieben und Brenner legten alle Indizien auf den Tisch. Sie organisierten sogar eine Tatortbegehung gemeinsam mit den Richtern und dem Angeklagten.

„Wir haben das Prozedere mit dem Ortstermin noch einmal durchgeführt. Diesmal hatten wir VW-Busse von der Polizei dabei. Die Kammer, die Staatsanwaltschaft, die Verteidigung, der Angeklagte – alle saßen in ihren VW-Bussen und fuhren die Straße entlang. Sie machten sich einen eigenen Eindruck, ob man den Mantel hätte sehen können, ob man wegen des Mantels angehalten hätte, ob man in den Feldweg gegangen wäre und ob man dort etwas gesehen hätte.

Für mich war es ein ähnlicher Aha-Moment. Und offensichtlich für die Kammer auch, denn wenige Wochen später wurde er zu lebenslanger Haft verurteilt. Der Ortstermin war natürlich nur ein Teil der Indizienkette. “

Am Ende war auch die Kammer von der Schuld des Angeklagten überzeugt.

Ferdinand H. traf in der Tatnacht zufällig auf Swanhild S. Er zwang sie in den Feldweg und bedrängte sie sexuell. Als er Angst bekam, erkannt zu werden, würgte er sie und stach 63 Mal auf die 21-Jährige ein.

Er wollte sich ganz sicher sein, dass sie tot war. Die Richter verurteilten ihn wegen Mordes zu lebenslanger Haft. Ein dritter Fall führte nach Südtirol. Am 23.

Oktober 1995 verabschiedete sich die 32-jährige Heidi Niederbacher in Bozen in der Nähe des Bahnhofs von ihren Kolleginnen. Sie habe noch eine Verabredung mit einem Erich. Danach war die Prostituierte spurlos verschwunden. Besorgt wandten sich zwei Kolleginnen an die Bereitschaftspolizei.

Die diensthabende Inspektorin hatte ein ungutes Gefühl. Sie informierte den Kripochef von Bozen, Dr. Alexander Zelger. „Ich muss vorwegschicken, dass Anzeigen zu vermissten Personen nicht direkt zu mir kommen.

Die werden von einer anderen Abteilung bearbeitet. Aber diese Inspektorin, zierlich in der Figur, aber hart und zäh im Wesen, gab nicht auf. Sie sagte zu mir: Herr Zelger, ich bin mir sicher, da ist was passiert. “

Die Ermittlungen konzentrierten sich zunächst auf den letzten Freier.

Doch die Kolleginnen hatten sich verhört. Erich hieß in Wirklichkeit Ernst. Ernst Schrott, ein 51-jähriger Landarbeiter. Hatte er etwas mit Heidis Verschwinden zu tun?

„Wir haben Recherchen durchgeführt. Sie war in den letzten Tagen, Wochen und Monaten bereits mit ihm öfters unterwegs. Ein komischer Typ, sehr komisch. Er wohnt in einer Baracke an den Toren von Bozen, Richtung Brenner bei Aßling.

Wir vermuten stark, dass da was passiert ist. “

Die Ermittler wollten Ernst Schrott auf den Zahn fühlen. Er war eine sehr bescheidene Person, kaum schulgebildet, ein Tagelöhner, der hin und wieder bei Bauern Arbeit suchte. Er bekam gerade so viel, dass er zu essen und zu trinken hatte.

Schrott lebte im Eisacktal in einem abgelegenen Holzstadl. In der Hütte gab es weder Strom noch fließend Wasser. Die Ermittler trafen den Einzelgänger vor Ort an. Bereitwillig ließ er sie ein.

Was sie sahen, verschlug ihnen die Sprache. „Wir konnten gar nicht glauben, dass ein Mensch so leben konnte. Es sah aus wie eine Müllhalde, eine Mülldeponie. Essensreste überall, Dreck, Plastik, und dann diese verschmutzte Matratze.

“ Als die Ermittler Schrott auf die verschwundene Heidi ansprachen, gab er bereitwillig Auskunft. Ja, er kenne die Heidi. Das sei seine Freundin gewesen. Er wollte sie heiraten.

Aber sie sei plötzlich verschwunden. Er wisse nicht, wo sie sei. Unauffällig sahen sich die Ermittler in der Hütte um. Sie entdeckten ein zierliches Lederstück.

Während Schrott seine Aussagen machte, hob ein zweiter Beamter es auf. Er glaubte, eine Spur zu Heidi zu finden. Doch auf dem Zettel stand ein anderer Name: Petra Lunardi. Über Funk erfuhren die Ermittler, dass auch Petra Lunardi vermisst wurde.

Die 29-jährige Prostituierte war seit Februar 1993 spurlos verschwunden, zwei Jahre vor Heidi. Zelger bat den zuständigen Staatsanwalt um eine Hausdurchsuchung. „Ich erklärte ihm, das ist nicht nur komisch, ich glaube wirklich, er hat diesen zwei Damen etwas angetan. Sie sind verschwunden.

Wir wissen nicht, ob sie tot sind, ob er sie irgendwo versteckt hat. Da war keine Zeit zu verlieren. “

Am Tag darauf stellten Beamte der italienischen Staatspolizei die Hütte auf den Kopf. Sie fanden weitere Gegenstände von Heidi Niederbacher und sogar die alte, kaputte Brille von Petra Lunardi.

Ohne diese dicke Sehbrille konnte Petra keinen Schritt machen. Das war ein Zeichen, dass etwas passiert war. Noch reichte die Beweislage nicht für eine Festnahme. Zelger bestellte Schrott trotzdem auf die Questura.

Er wollte ihn zunächst als Zeugen befragen. „Da stand vor mir eine kleinere Person. Von der Struktur her sah ich sofort einen Arbeiter. Wie eine alte Eiche, nicht gepflegt, schüchtern.

“ Zur gleichen Zeit lief im Eisacktal eine groß angelegte Suche nach den Leichen der beiden Frauen an. Zelger wusste: Wenn die Beamten bis zum Abend nichts fanden, musste er Schrott laufen lassen. „Ich ließ ihn niedersitzen, begrüßte ihn, bedankte mich, dass er Zeit hatte, zu mir zu kommen. Ich bat ihn zu erzählen, was mit den zwei Damen passiert sein könnte.

Er entschuldigte sich gleich und sagte, er habe mit ihrem Verschwinden nichts zu tun. Dabei hatte ich diese Frage gar nicht gestellt. “ Die Vernehmung zog sich über Stunden hin. Zelger und Schrott drehten sich im Kreis.

„Egal welche Frage ich stellte, er sagte immer, er hat nichts mit dem Verschwinden zu tun. Und logischerweise, je öfter er mir das sagte, desto sicherer war ich, dass er dahintersteckt. “

Zelger wusste, dass die Suche bei Einbruch der Dämmerung abgebrochen werden musste. Er wechselte die Strategie.

„Ich fragte ihn: Ernst, kann es sein, dass die Heidi und die Petra nicht nett mit dir waren? Er schaute auf den Boden, dann wieder hoch. Ich wollte ihm vermitteln: Sag die Wahrheit. Dann sagte er: Ja, die waren gemein mit mir.

Sie haben alles versprochen. Geh mit mir aus. Ja, sie wollen heiraten. Und sobald sie bezahlt hatten, waren sie weg.

Zelger setzte alles auf eine Karte. „Ernst, schau mir in die Augen. Ich verspreche dir, dass du heute nicht ins Gefängnis kommst, wenn du mir sagst, wo wir sie finden können. Während ich dieses Versprechen machte, dachte ich: Spinn ich?

Was sage ich da? Wenn er sagt, er hat sie umgebracht, muss ich ihn doch festnehmen. Aber ich dachte gleichzeitig: Mir wird schon etwas einfallen. “

Zelgers Kalkül ging auf.

Ernst Schrott begann auszupacken. Der Einzelgänger besaß einen Kleintransporter, eine Ape, eine Biene, wie das Gefährt in Italien genannt wird. In dem winzigen Fahrerhaus kam es im Februar 1993 zum Streit mit Petra Lunardi. „Ich habe das Geld gegeben, und sobald ich das Geld gegeben hatte, wollte sie schon abhauen.

Das war für mich zu viel. Ich bin einfach ausgerastet. Dann ist die Petra ohnmächtig geworden. Die Brille ist auf den Boden gefallen, und sie hat nicht mehr geantwortet.

Ernst Schrott gestand, den leblosen Körper von Petra Lunardi zu einer Brücke geschleift zu haben, die über den Tiesener Bach führte. Der Bach führte wegen anhaltender Regenfälle Hochwasser. „Hast du kontrolliert, ob sie noch atmet? “ – „Nein.

“ – „Was hast du getan? “ – „Wie einen Sack Kartoffeln über die Brücke in den Bach geschmissen. “ Der Tiesener Bach mündete kurz darauf in den Fluss Eisack. Zelger wusste: Die Leiche würde nie wieder auftauchen.

Dann erzählte Schrott, was mit Heidi passiert war. „Mit der Heidi ist das Gleiche passiert. Auch sie habe ich geschlagen. Und ich meinte, das war wohl zu fest, und sie war gleich tot.

“ Die Leiche von Heidi habe er im Flussbett des Finsterbachs bei Aßling mit schweren Steinen abgedeckt. Zelger ließ Schrott zum Finsterbach bringen. Tatsächlich gelang es, die Leiche der Frau zu bergen. Doch Zelger war noch nicht am Ziel.

„Ich hatte nicht vergessen, dass er ein Verbrecher war, aber ich wollte mein Versprechen nicht brechen. Das gibt es bei mir nicht. “ Nachdem Schrott in die Questura zurückgekehrt war, griff der Kommissar zu einer List. „Dann ist mir etwas eingefallen.

Ich dachte: Jetzt musst du Theater spielen. Als Kripochef musst du Theater spielen. Ich fragte ihn: Ernst? Wie geht es dir?

Angst war logisch. Ich sagte: Ich habe verstanden, was dir passiert ist. Wie geht es dir? Nicht gut.

Ich habe gemerkt: Er versteht, dass ich ihm helfen will. Dann sagte ich zu ihm: Ernst, du bist vielleicht schwindelig. Dreht dir der Kopf? Musst du vielleicht umfallen?

Und schon legte er sich auf den Boden, bewusstlos. So. Das war der Grund. Jetzt konnte ich ihn zwar festnehmen, aber er kam nicht ins Gefängnis, sondern ins Krankenhaus.

Ernst Schrott wurde 1996 im Fall Heidi Niederbacher wegen Totschlags zu einer Freiheitsstrafe verurteilt. Im Fall von Petra Lunardi reichte es ohne Leiche nicht zu einer Verurteilung. Obwohl Zelger und seine Leute alles gegeben hatten, blieb ihr Tod ungesühnt.

Ernst Schrott ist mittlerweile nicht mehr am Leben.