Ich stand vor der Terrassentür und starrte auf die blutigen Schleifspuren – hinter mir lag eine zweite Leiche, die niemand gesucht hatte. Erst am Tag zuvor hatte ich das 13-jährige Mädchen in…

Ich stand vor der Terrassentür und starrte auf die blutigen Schleifspuren – hinter mir lag eine zweite Leiche, die niemand gesucht hatte. Erst am Tag zuvor hatte ich das 13-jährige Mädchen in...

„Ich habe das Gefühl, wir müssen zur Terrasse“, sagte der pensionierte Polizist zu Dinesh, dem Bruder von Rajesh Talwar. Niemand ahnte an diesem Morgen des 17. Mai 2008, dass diese Worte einen der rätselhaftesten Doppelmorde Indiens endgültig aus den Fugen heben würden. Erst am Tag zuvor hatte die Polizei die 13-jährige Aarushi in ihrem Schlafzimmer gefunden – die Kehle mit chirurgischer Präzision durchtrennt.

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Ihr Gesicht war mit ihrer Schultasche bedeckt, darüber eine Wolldecke. Der Haushälter Hemraj, der bei der Familie lebte, war spurlos verschwunden. Alles deutete auf ihn als Täter hin. Doch dann fanden sie Hemraj.

Auf genau dieser Terrasse. Seine Leiche lag in einer großen Blutlache, teilweise bereits verwest, etwa sechs Meter von der Tür entfernt, als hätte jemand sie dorthin geschleift. Er war mit derselben Waffe getötet worden wie Aarushi – in derselben Nacht, zwischen Mitternacht und ein Uhr. Innerhalb weniger Stunden hatte sich der vermeintlich klare Fall in ein undurchdringliches Labyrinth verwandelt.

Die Polizei wurde am 16. Mai in den noblen Apartmentkomplex Lalbang in Noida gerufen, einer Stadt bei Neu-Delhi. Eigentlich war man solche Verbrechen in dieser Gegend nicht gewohnt. Doch als die Ermittler eintrafen, fanden sie keine ordentliche Spur vor.

Rund zwanzig Nachbarn und Verwandte hatten sich bereits in der Wohnung der Familie Talwar versammelt, während vor dem Gebäude ein Presseaufgebot wartete. Der Tatort war komplett verunreinigt. Die Wohnung selbst: ein großzügiges Apartment mit drei Schlafzimmern – eines für das Ehepaar Rajesh und Nupur, eines für die 13-jährige Aarushi und eines für den Haushälter Hemraj. In Aarushis Zimmer lag das Mädchen auf ihrem Bett.

Überall Blut – an Wänden, auf dem Boden, auf dem Kopfkissen. Nur die Schultasche auf ihrem Kopf und das Kissen dahinter waren sauber. Beides musste der Täter nach der Tat aus einem anderen Teil des Zimmers geholt haben. Die Ermittler hatten schnell eine Theorie: Hemraj.

Er stammte aus Nepal, er fehlte. Vielleicht hatte er das Mädchen getötet und war geflohen. Am Vorabend hatte Rajesh eine fast leere Whiskyflasche auf dem Esstisch entdeckt, die weder er noch seine Frau sich erklären konnten. Alkohol, ein betrunkener Haushälter, ein versuchter Übergriff – so lautete die vorläufige Version.

Doch dann entdeckte der pensionierte Polizist mit Dinesh die Leiche auf der Terrasse. Und plötzlich passte nichts mehr zusammen. Der Tag vor dem Mord war unspektakulär verlaufen. Aarushi war von der Schule abgeholt worden, hatte mit ihrer Mutter und einer Verwandten zu Mittag gegessen und den Nachmittag allein zu Hause verbracht.

Am Abend kam ihr Vater Rajesh nach Hause, die Familie aß gemeinsam das von Hemraj zubereitete Abendessen. Gegen 21:45 Uhr verließ der Fahrer der Familie die Wohnung – er war die letzte Person von außen, die Aarushi und Hemraj lebend sah. Aarushi hatte an diesem Abend ein verfrühtes Geburtstagsgeschenk bekommen: eine Digitalkamera. Sie probierte sie aus, machte Fotos von sich und ihren Eltern.

Das letzte Bild entstand um 22:10 Uhr. Kurz danach zogen sich die Eltern in ihr Schlafzimmer zurück. Gegen 23 Uhr bat Rajesh seine Frau, den WLAN-Router einzuschalten, der in Aarushis Zimmer stand. Nupur ging hinein, ihre Tochter las noch in einem Buch.

Nupur schaltete den Router ein, ging zurück ins Schlafzimmer. Was in den folgenden Stunden geschah, konnte nie eindeutig geklärt werden. Aarushis Freund Anmol versuchte um Mitternacht vergeblich, sie anzurufen – auf ihrem Handy und auf dem Festnetz. Eine SMS um 0:30 Uhr wurde nie zugestellt.

Am nächsten Morgen um 6 Uhr klingelte die Reinigungskraft Barati wie üblich an der Tür. Niemand öffnete. Schließlich erschien Nupur an einem Nebeneingang und rief durch die Gittertür, sie könne nicht öffnen – die Tür sei von außen abgeschlossen. Wo Hemraj sei, wisse sie nicht.

Barati blieb misstrauisch, bekam aber schließlich den Schlüssel zugeworfen. Kurios: Als Barati wenig später durch die Tür trat, war die Gittertür nur verriegelt, nicht abgeschlossen. Auch das Tor ließ sich plötzlich von allein öffnen. Rajesh und Nupur zeigten der Reinigungskraft die Leiche ihrer Tochter.

Beide weinten, beide verdächtigten sofort Hemraj. Barati verließ die Wohnung, um Nachbarn zu alarmieren – doch weder sie noch die Eltern riefen selbst die Polizei. Erst ein Nachbar verständigte den Sicherheitsdienst, der die Beamten alarmierte. Die Ermittlungen verliefen von Anfang an chaotisch.

Aarushis Leiche wurde noch am selben Tag zur Obduktion gebracht. Am Mittag gab die Gerichtsmedizin den Körper für die Einäscherung frei – am Tag nach dem Mord, ohne dass die Ermittlungen abgeschlossen waren. Auch die Wohnung wurde am selben Nachmittag freigegeben. Die Matratze, auf der das Mädchen gestorben war, landete auf der Terrasse der Nachbarn – ausgerechnet auf der anderen Seite einer Gittertür, hinter der Hemrajs Leiche lag.

Fünf Männer halfen beim Abladen und bemerkten nichts. Die Polizei hatte die Terrasse gar nicht erst abgesucht – Rajesh habe angeblich den Schlüssel dafür nicht finden können. Ein Fehler in einer Kette von Pannen. Schon früh wurde ein erster Verdächtiger präsentiert: Vishnu Sharma, ein früherer Haushälter der Talwars, ebenfalls aus Nepal.

Er war durch Hemraj ersetzt worden, als er nach Nepal gereist war, und konnte ein Alibi vorweisen – er hielt sich am Tag der Morde in Nepal auf. Von Rache konnte keine Rede sein. Doch dann richtete sich der Verdacht gegen die Eltern selbst. Die Polizei spekulierte über ein mögliches Motiv: ein Ehrenmord.

Aarushis Vater Rajesh war nicht nur Zahnarzt und Dozent, sondern passte in das erstellte Täterprofil – er arbeitete mit feinen Klingen und Schnitten. Am 23. Mai 2008, genau eine Woche nach dem Fund von Aarushis Leiche, wurde Rajesh Talwar verhaftet und des Doppelmordes beschuldigt. Die Vorwürfe: Er habe eine Affäre mit einer Kollegin gehabt, Aarushi und Hemraj hätten davon gewusst, und er habe beide getötet, um das Geheimnis zu bewahren.

Zudem sollte er Hemrajs Leiche auf der Terrasse versteckt haben, um sie später zu entsorgen. Der ständige Besucherstrom und das Medieninteresse hätten ihn daran gehindert. Rajesh bestritt alles. Er behauptete, die Polizei habe ihn unter Druck gesetzt, ein Geständnis zu unterschreiben, ihn bedroht und misshandelt.

Doch die Anklage stützte sich auf Indizien: das ungewöhnliche Verhalten der Eltern nach dem Fund, die schnelle Einäscherung, die Reinigung der Wohnung. Einige Besucher berichteten, die Eltern hätten weder Schock noch Trauer gezeigt. Doch es gab auch Widersprüche. Auf Rajeshs Kleidung fanden sich Blutspuren von Aarushi – was erklärbar war, da er ihre Leiche gefunden hatte.

Aber es fanden sich keine Spuren von Hemrajs Blut auf seiner Kleidung. Die Kleidung, die er am Abend des Mordes trug, trug er auch am nächsten Morgen noch – logisch, dass sich dort ebenfalls Blut hätte finden müssen, wenn er Hemraj getötet hätte. In den folgenden Monaten nahmen die Ermittlungen eine bizarre Wendung. Neue Namen tauchten auf: Krishna, ein Angestellter in der Zahnarztpraxis der Talwars.

Er hatte wenige Tage vor dem Mord Ärger mit seinem Chef gehabt. Sein Freund Rajkumar, der als Haushälter bei den befreundeten Praxispartnern Duranis arbeitete. Und Vijay, ein Haushälter der direkten Nachbarn. Alle drei stammten aus Nepal, alle drei waren von Vishnu Sharma rekrutiert worden – dem ersten Verdächtigen.

Die Polizei setzte bei den Verhören sogenannte Narkoanalysen ein. Dabei wurde den Verdächtigen ein Medikament verabreicht, um sie in einen hypnotischen Zustand zu versetzen und so verborgene Erinnerungen ans Tageslicht zu bringen. Krishna, Rajkumar und Vijay machten dabei Aussagen zum Doppelmord – doch die widersprachen sich gegenseitig und änderten sich von Befragung zu Befragung. Mal sollte Krishna Aarushi aus Wut auf ihren Vater getötet haben, mal soll Rajkumar sie angegriffen haben, mal sollen beide es getan haben.

Hemraj sei als Zeuge getötet worden. Doch die Narkoanalysen waren vor Gericht nicht zulässig. Zudem hatten die drei Alibis: Krishna war nach Aussagen seiner Familie und seines Vermieters die ganze Nacht zu Hause gewesen. Rajkumars Arbeitgeberin Anita Durani – ausgerechnet die Frau, mit der Rajesh eine Affäre gehabt haben sollte – sagte aus, sie habe bis spät in die Nacht mit ihm zusammengesessen.

Der Wachmann des Apartmentkomplexes bestätigte, Rajkumar habe das Haus nie verlassen. Und in der Wohnung der Talwars fanden sich keine DNA-Spuren der drei Männer. Im September 2008 wurden sie aus Mangel an Beweisen freigelassen. Der Fall kehrte zurück zu den Talwars.

Doch es fehlte an Beweisen für eine Anklage. Erst 2012, vier Jahre nach dem Doppelmord, wurden Rajesh und Nupur schließlich wegen Mordes, Zerstörung von Beweismitteln und Täuschung der Ermittler angeklagt. Die Anklage präsentierte neue Thesen: Die Tatwaffe sei angeblich einer von Rajeshs Golfschlägern gewesen. Die Wundenform passte – eine U- oder V-Form, die bei beiden Opfern festgestellt wurde.

Doch auf den Schlägern fanden sich keine DNA-Rückstände. Bis heute ist unklar, mit welcher Waffe die beiden tatsächlich getötet wurden. Im Prozess berichteten die Gerichtsmediziner Details, die im ersten Autopsiebericht gefehlt hatten. Aarushis Körper wies keine Spuren sexueller Gewalt auf, doch auf ihrer Matratze fand sich ein feuchter, runder Fleck unter ihrem Körper – und ihre Pyjamahose und Unterhose waren trocken.

Ihr Gesäß lag offen, die Hose war teilweise heruntergezogen. Der Gerichtsmediziner, der Aarushi 2008 obduziert hatte, erklärte damals, er habe damals einige Beobachtungen absichtlich weggelassen, weil sie ihm zu subjektiv erschienen waren. Erst 2012, im Prozess, erzählte er mehr. Er hielt es für möglich, dass der Täter Aarushis Intimbereich nach ihrem Tod gesäubert hatte.

Auch bei Hemraj gab es Unstimmigkeiten. Sein Geschlechtsteil war zum Zeitpunkt des Todes geschwollen, was auf sexuelle Erregung hindeuten könne – oder aber eine natürliche postmortale Erscheinung sei, wie die Verteidigung einwandte. Dazu kamen die Aussagen des pensionierten Polizisten, der Hemrajs Leiche entdeckt hatte, und eines befreundeten Arztes von Dinesh Talwar. Sie berichteten von einem Anruf, in dem Dinesh gebeten haben soll, alle Hinweise auf einen sexuellen Übergriff aus dem Obduktionsbericht zu entfernen.

Diese Information sei jedoch aus den Ermittlungsakten gestrichen worden. Hemrajs Ehefrau in Nepal hatte ihre eigene Theorie. Ihr Mann habe sich in den Wochen vor seinem Tod bedroht gefühlt. Er habe ihr erzählt, die Familie Talwar habe ihn beschuldigt, Geheimnisse weiterzuerzählen, und sowohl Rajesh, Nupur als auch Dinesh hätten ihm gedroht, ihn umzubringen.

Zudem habe Rajesh ihm seit Dezember 2007 kein Gehalt mehr gezahlt. Das letzte Telefonat der Eheleute lag zwei Wochen vor dem Mord zurück – und Hemraj soll gesagt haben, er wolle sich nach einem neuen Job umsehen. Doch all das blieb Spekulation. 2013 wurden Rajesh und Nupur Talwar wegen Mordes, Zerstörung von Beweismitteln und Täuschung der Ermittler schuldig gesprochen.

Das oberste Gericht hob das Urteil jedoch auf – die Beweise seien lediglich Indizien, ohne schlüssige Kette. 2017, mehr als neun Jahre nach dem Doppelmord, wurden die Talwars endgültig freigesprochen. Doch der Makel blieb. Noch immer glauben viele, dass nur die Eltern die Täter gewesen sein können.

Andere vermuten ein Komplott, eine Verschwörung innerhalb der Familie, ähnlich wie im Film. Wieder andere halten die drei nepalesischen Männer für die Täter, die nie überführt wurden. Und bis heute weiß niemand, warum Aarushi und Hemraj in jener Nacht zwischen dem 15. und 16.

Mai 2008 sterben mussten. Niemand weiß, wer den WLAN-Router um 3:43 Uhr ausschaltete, obwohl Aarushi da schon drei Stunden tot war und niemand sonst im Haus gewesen sein soll. Niemand weiß, warum Aarushis Handy verkauft und von allen Daten gelöscht wurde, noch wer Hemrajs Handy aus dem Haus entfernte. Niemand weiß, warum drei benutzte Gläser und zwei Flaschen Alkohol in Hemrajs Zimmer standen, obwohl er abstinent lebte.

Und niemand weiß, wem die Haare im Mund des Toten gehörten. Der Doppelmord von Noida gilt bis heute als ungelöst.