Köln, Sonntag, 14. Februar 1988. Eine Frau geht mit ihrem Hund durch die Albertusstraße, als sie hinter einem Imbisswagen die Leiche einer jungen Frau entdeckt. Unter ihrem Mantel trägt die Tote ein langes T-Shirt und schwarze Netzstrümpfe – sie kommt vom Karneval.

Es ist die 24-jährige Petra Noll, getrennt lebend, Mutter einer 18 Monate alten Tochter. Schon bald wird klar, wie brutal der Täter vorgegangen ist. Bei der Obduktion zeigt sich: massive Gewalt gegen Kopf und Hals, Petra ist verblutet. Der Rechtsmediziner wird später eindringlich davon berichten, wie selten er eine derartige Gewalteinwirkung gesehen hat.
Ihr Mörder bleibt unentdeckt. Die Ermittler stehen vor einem besonderen Problem: Am Tatort führt der Karnevalszug vorbei. Es ist zu spät, ihn umzuleiten, der Zug startet um 11:11 Uhr. Die Spurensicherung arbeitet, während die Teilnehmer vorbeiziehen.
Sie erhalten die Anweisung, in der Albertusstraße keine Musik zu spielen. Erst hundert Meter weiter setzt die Musik wieder ein. Die Polizei sucht zunächst im Umfeld von Petra. Sie lebte in geordneten Verhältnissen, hatte ihre Eltern, eine kleine Tochter, war getrennt von ihrem Mann.
Doch die Überprüfung von Familie und Freundeskreis bringt nichts. Am Morgen des 14. Februar hatte Petra mit zwei Freundinnen Karneval gefeiert, gegen vier Uhr wollte sie allein in eine andere Diskothek. Das war das letzte Mal, dass sie jemand lebend gesehen hat.
Immerhin sichern die Ermittler Faserspuren: Der Täter trug Jeans, eine schwarze Lederjacke und cognacfarbene Wildlederstiefel. Doch auch dieser Ansatz führt ins Leere. Nach etwa einem halben Jahr wird die Akte geschlossen. Petras Tochter wächst bei den Großeltern auf.
Erinnerungen hat sie nicht, aber das Gefühl, keine Mutter zu haben, ist immer da. Ein Babybuch, das ihre Mutter akribisch geführt hat, endet nach 18 Monaten. Es bleiben Seiten leer. „Ich hatte keine Mutter, ich hatte nie eine Mutter, und er konnte irgendwo ein normales Leben führen“, sagt sie später.
„Das hat sich so ungerecht angefühlt, weil ich konnte auch kein normales Leben führen. Immer diese Angst. “
2018 kommt Bewegung in den Fall. In Nordrhein-Westfalen werden ungeklärte Kapitaldelikte neu bewertet, in Köln wird eine Ermittlungsgruppe gegründet.
Kriminalhauptkommissar Markus Weber übernimmt die Leitung. Im Großraum Köln gibt es seit 1970 insgesamt 195 ungeklärte Todesfälle. Im Fall Petra Noll sehen die Ermittler nur noch eine Möglichkeit: Öffentlichkeitsarbeit. Sie wollen den Fall bei „Aktenzeichen XY ungelöst“ vorstellen.
Im Oktober 2022 ruft Weber Petras Tochter an. Sie ist im Urlaub in Holland. „Das war wie ein Schock“, erinnert sie sich. „Warum jetzt?
Mein Vater war gerade verstorben, er hatte immer gehofft, dass der Fall neu aufgerollt wird. Ich konnte es erst gar nicht glauben. Und dann fragt man sich: Bringt das was nach so vielen Jahren? “
Am 7.
Dezember 2022 wird der Fall ausgestrahlt. Ein Anrufer meldet sich noch während der Sendung. Er sagt, er sei damals mit einem Kumpel unterwegs gewesen. Man habe sich getrennt, er sei nach Hause gegangen, sein Kumpel sei in die gleiche Richtung gegangen, in die Petra vorher gegangen war.
Am nächsten Tag habe sich sein Kumpel auffällig verhalten. Doch aus Angst vor Rache will er den Namen nicht nennen. Erst nach langem Überreden nennt er ihn: Norbert K. , damals 55 Jahre alt, in Köln lebend, verheiratet, zwei Kinder.
Unauffällig. Die Ermittler suchen ihn auf und konfrontieren ihn mit der Aussage. Norbert K. bestreitet alles.
Doch die Beamten nehmen eine Speichelprobe. An die Rechtsmedizin der Uniklinik Köln werden die alten Fasersicherungsfolien geschickt – schmale Klebebandstreifen, die 1988 auf der Leiche angebracht wurden, um Spuren des Täters zu sichern. Professor Cornelius Kurz hat eine neue Idee: Mit feinen Pinzetten werden hunderte winzige Hautschuppen von den Folien gelöst und molekularbiologisch untersucht. Monatelang arbeiten die Assistenten an den Folien.
Am Ende gibt es ein vollständiges DNA-Profil – es passt zu Norbert K. „Dass auf uralten Fasersicherungsfolien nach Jahrzehnten noch so viele Hautschuppen vorhanden waren, hat mich selbst beeindruckt“, sagt Professor Kurz. „Eine klare Besonderheit an diesem Fall. “
Am 14.
Februar 2023 wird Norbert K. festgenommen. Es ist der Tag, an dem Petra vor genau 35 Jahren starb. „Das hat sich so ein bisschen gerecht angefühlt“, sagt ihre Tochter.
„Der wird nach 35 Jahren nie damit gerechnet haben, dass man ihn noch findet. Er wird sich total in Sicherheit gewogen haben. Ich bin nie davon ausgegangen, dass so etwas passiert. “
Im September 2023 beginnt der Prozess.
Norbert K. leugnet die Tat bis zum Schluss. Seine Tochter tritt als Nebenklägerin auf und sitzt bei jedem Verhandlungstag im Saal. „Es hat sich total schrecklich angefühlt, ihm gegenüberzusitzen.
Obwohl mehrere Tischreihen dazwischen waren, war der Raum für mich viel zu eng. Ich habe mir die ganze Zeit vorgestellt, dass meine Mutter ihn als Letzten gesehen hat. “
Am 1. März 2024 fällt das Urteil: lebenslange Haft wegen Mordes.
„Ich war fix und fertig, und dann kam das Urteil. Er wurde verurteilt, und ich bin in Tränen ausgebrochen. Ich war glücklich. Ich habe innerlich zu meinen Eltern gesprochen und gesagt: Gott sei Dank.
“ Auch Kommissar Weber ist an diesem Tag im Gerichtssaal. Sie umarmt ihn. „Ich habe geweint, er auch. Es hat ihn persönlich getroffen, das Ganze.
“
Mehr als 35 Jahre ist Weber im Dienst, der Fall Petra Noll ist einer der wichtigsten seiner Laufbahn. „Es ist ein gutes Gefühl, wenn man erlebt, wie die Angehörigen mit dem Fall abschließen können“, sagt er. „Wir machen es für sie – und um den Tätern klarzumachen: Sie kommen nicht davon, auch nicht nach 35 Jahren. “
Eine andere Geschichte beginnt am 21.
November 2016 in Berlin. Ein Mann meldet sich bei der Polizei: Er habe seine Schwiegermutter tot in ihrem Haus in Müggelheim gefunden, höchstwahrscheinlich von einem Einbrecher umgebracht. Kommissar Ingo Käxel von der Berliner Mordkommission übernimmt den Fall. Doch beim Anblick des durchwühlten Hauses hat er sofort ein ungutes Gefühl.
Ein echter Einbrecher arbeitet zielorientiert, erklärt Käxel. Er macht nur das, was nötig ist, um Wertgegenstände zu finden. Im Haus der 67-jährigen Marita K. sind Schubladen gleich weit aufgezogen, wie in einer Galerie, ein Löffel liegt daneben.
„Das war malerisch, aber nicht geeignet, etwas zu finden, das man mitnehmen will. “ Die Frau liegt mit unzähligen Stich- und Schnittverletzungen in der Küche. „Wir hatten einen Overkill. Der Täter hat weitaus mehr Verletzungen zugefügt, als nötig gewesen wären.
Bei so einer Vielzahl geht es in der Regel um ein persönliches Motiv. “
Die Ermittler befragen den Schwiegersohn Dennis M. , den Entdecker der Leiche. Doch der steht unter Schock.
Die Tochter von Marita K. macht eine merkwürdige Beobachtung: Ihr Lebensgefährte trägt plötzlich andere Schuhe als sonst. Auf ihre Frage sagt er: „Die haben mir die Polizeibeamten abgenommen, um sie mit Spuren am Tatort zu vergleichen. “
Nach und nach zeichnet sich ein Bild von Dennis M.
ab: Er gibt sich als weltgewandter Lebemann aus, erfindet Titel, führt gefälschte Urkunden mit sich. Doch in Wirklichkeit plagen ihn Geldsorgen, er pumpt sich ständig Geld bei der Familie seiner Lebensgefährtin. Marita K. wurde misstrauisch und war der Beziehung zunehmend abgeneigt.
Die Spurensicherung findet Dennis M. s Blut am Tatort. In der Waschmaschine der Schwiegermutter entdecken die Beamten blutbefleckte Kleidung. Er hat seine Kleidung gewaschen.
Zwei Tage nach dem Mord wird er festgenommen. Er gesteht, behauptet aber Notwehr. Spuren zeigen: Er war im Haus, als Marita überraschend zurückkam. Ursprünglich wollte er stehlen.
Dennis M. wird wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch dann meldet sich die Tochter von Dennis M. bei der Polizei.
Sie hat Zweifel am Tod ihrer Mutter, die Jahre zuvor gestorben war – angeblich durch Selbstmord. Auch damals war Dennis M. derjenige, der die Leiche fand. Seine Frau Ina soll sich 2013 in der Wohnung erhängt haben.
Es gab sogar einen Abschiedsbrief. Die Beamten rollen den Fall neu auf. Die Leichenbilder zeigen: Die Frau hat nie gehangen. Das Blut verteilte sich in den tieferliegenden Körperpartien – das passiert nur, wenn man liegt.
Die Konstruktion im Flur, die wie ein Erhängen aussehen sollte, war „kompliziert und komplett ungeeignet“. Eine Nachstellung mit gleichem Material und gleichem Gewicht zeigt: Das Seil reißt, wenn man sich hineinhängt. Damals fand niemand die Wahrheit, sagt Kommissar Käxel. „Die Alarmglocken sind nicht angegangen, weil er alle davon überzeugt hat, dass er der leidende Tatentdecker ist.
Er wurde betreut, bemutterspielt, keiner hatte Verdacht. “ Dennis M. leugnet bis heute. Das Gericht sieht es anders: Totschlag an seiner Frau.
Er ist ein „Monster im Schafspelz“, sagt Käxel. „Wenn er auch beim zweiten Mal davongekommen wäre, hätte er wieder denselben Lösungsweg gewählt – die Tötung. “
Ein Morgen im Mai 2012, Berlin. Kommissar Andreas Voges von der vierten Mordkommission wird zu einem Einsatz gerufen, der kein Routinefall ist.
In einem Dark Room im Szenebezirk Friedrichshain liegt ein toter junger Mann. Das Lokal „Große Freiheit 114“ ist ein Treffpunkt homosexueller Männer. Der Tote ist der 37-jährige Stammgast Nicky M. Er wurde erst gefunden, als der Barmann beim Aufräumen war – anfangs bis auf die Umrisse im Dunkeln nicht zu erkennen.
Ob überhaupt ein Verbrechen vorliegt, ist zunächst unklar: keine offenkundigen Verletzungen. Auch die Obduktion liefert keine Erklärung. Aber Kommissar Voges hat ein Bauchgefühl: „Vielleicht 60 zu 40, dass hier etwas nicht passt. Dass sich ein Serienmörder daraus entwickelt, weiß man am Anfang nicht.
“
Eine Spur führt zum Berliner Ostbahnhof: Mit der Kreditkarte von Nicky M. wurde direkt nach dem Tod versucht, eine Fahrkarte nach Saarbrücken zu kaufen. Der Kauf scheitert, die Karte ist nicht gedeckt. Am selben Morgen erlebt ein anderer junger Mann beinahe dasselbe Schicksal: Miroslav wartet an der Warschauer Straße auf die S-Bahn, als ihn ein freundlicher Fremder anspricht.
Sie kommen ins Gespräch, fahren gemeinsam, der Fremde bietet ihm einen Likör an. Miroslav trinkt. „Im Kopf war wie eine Explosion“, erinnert er sich. „Der letzte Moment, den ich aktiv erinnere, war ein flaues Gefühl im Magen.
“ Danach fällt er ins Koma, sein Herz steht still. Eine Frau namens Denise entdeckt ihn an der Bushaltestelle und ruft den Notarzt. „Ohne diesen Anruf wäre ich nur eine Leiche mehr gewesen. “ Im Krankenhaus findet man Liquid Ecstasy in seinem Blut – KO-Tropfen.
„Woher kommt das Liquid Ecstasy in Ihrem Blut? “, fragt der Arzt. Miroslavs Geld und Kreditkarte sind verschwunden. Er erstattet Anzeige und wird mit dem Dark-Room-Fall zusammengebracht: Auch Nicky M.
starb an KO-Tropfen im toxischen Bereich. Eine ältere Dame meldet sich bei Kommissar Voges. Ihr Enkelsohn Alexander M. war im April 2012 zuhause gestorben, ohne greifbare Todesursache.
Sie wollte nur sicherstellen, dass die Polizei weiß, er war homosexuell. Die Obduktion zeigt: Auch er wurde mit KO-Tropfen getötet. Die Ermittler untersuchen seine Telefonverbindungen – einer der letzten Kontakte: Dirk P. Am Abend seines Todes hatten sich die beiden getroffen.
Dirk P. räumt ein, der letzte Kontakt zu Alexander gewesen zu sein. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung finden die Ermittler eine Flasche „Kleiner Feigling“, auffällig platziert. „Es hat ausgesehen, als wäre sie für uns bestimmt, als hätte er es vielleicht sogar gewollt, dass er überführt wird.
“ Es gibt noch mehr Opfer, auch unter den Dark-Room-Gästen. Dirk P. , ein 37-jähriger Lehramtsstudent, führt die Polizisten zu den Schauplätzen. Er erklärt, wie er vorging.
Warum, erklärt er nicht. Gutachter sehen einen Psychopathen ohne Empathie, der die Macht über Leben und Tod seiner Opfer genoss. Er wird zu lebenslanger Haft verurteilt und nimmt sich kurz darauf in der Haft das Leben.


