Ich saß in einer Berliner Kneipe, als der Barkeeper mir ein Glas Gin hinstellte und sagte: „Das ist aus dem Schwarzwald. Mit Fichtenspitzen und Preiselbeeren.“ Ich lachte – Gin war für mich immer…

Ich saß in einer Berliner Kneipe, als der Barkeeper mir ein Glas Gin hinstellte und sagte: „Das ist aus dem Schwarzwald. Mit Fichtenspitzen und Preiselbeeren.“ Ich lachte – Gin war für mich immer...

„Du willst wissen, was ich wirklich trinke? “, fragte mich ein Barkeeper in einer kleinen Kneipe in Berlin und stellte ein Glas vor mich hin, das ich zunächst für ein gewöhnliches Tonic Water hielt. Erst beim zweiten Schluck begriff ich: Der Geschmack war anders. Frischer, würziger, irgendwie wilder.

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„Das ist Gin aus dem Schwarzwald“, sagte er. „Fichtenspitzen, Preiselbeeren, Löwenzahn. Und Wacholder, natürlich. “

Ich musste lachen.

Gin aus dem Schwarzwald? Für mich war Gin immer britisch. London, rote Telefonzellen, ein distinguierter Herr mit einem Glas Gin Tonic in der Hand. Das war das Klischee, das ich kannte.

Und wie die meisten Klischees war es völlig falsch. Die wahre Geschichte dieses Getränks begann nicht in einem Londoner Pub. Sie begann in einem mittelalterlichen Klostergarten, mit einer Pflanze, die heute kaum noch jemand beachtet: dem Wacholder. Wacholder ist einer der am weitesten verbreiteten Nadelbäume der nördlichen Hemisphäre.

Er wächst in Europa, in Asien, in Nordamerika, auf Berggipfeln und an Küstenfelsen. Seine sogenannten Beeren – die eigentlich gar keine Beeren sind, sondern zapfenartige Samenstände – reifen über zwei Jahre. Sie entwickeln dabei eine blauschwarze Farbe und ein intensives, harziges, leicht bittersüßes Aroma. Im Mittelalter war der Wacholder ein Allheilmittel der europäischen Medizin.

Hildegard von Bingen, die berühmte Benediktinerin des zwölften Jahrhunderts, beschrieb ihn als Mittel gegen Lungenleiden, Magenschmerzen und Hautkrankheiten. Klosterärzte destillierten Wacholderöl und stellten Wundsalben und Atemwegsmittel her. Während der Pest im vierzehnten Jahrhundert verbrannte man Wacholderzweige, um die Luft zu reinigen. Die Apotheken des fünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts führten Wacholderprodukte in ihrem Sortiment, wie man heute Aspirin verkauft.

Das ätherische Öl des Wacholders enthält tatsächlich Verbindungen mit schwach antibakterieller Wirkung: Alphapinen, Betapinen, Sabinen, Myrcen, Limonen. Die mittelalterlichen Apotheker kannten diese chemischen Begriffe nicht, aber sie hatten durch Beobachtung erkannt, dass Wacholder half. Es war nur eine Frage der Zeit, bis jemand auf die Idee kam, diese Heilpflanze mit Alkohol zu verbinden. Der erste, der diesen Schritt dokumentiert unternahm, war ein niederländischer Arzt – je nach historischer Quelle Franziskus Silvius oder sein Vorgänger Johannes Silvius, möglicherweise schon im frühen siebzehnten Jahrhundert.

Er destillierte Getreidealkohol mit Wacholderbeeren und anderen Kräutern. Das Ergebnis nannte er Genever, abgeleitet vom Wort für Wacholder. Genever war ursprünglich Medizin. Er wurde in Apotheken verkauft, mit Dosierungsanweisungen gegen Magenprobleme, Nierenleiden und Gicht.

Es ist dieselbe Geschichte wie bei vielen anderen Getränken: erst der medizinische Zweck, dann die Entdeckung des Genusses. In den Niederlanden des siebzehnten Jahrhunderts entwickelte sich Genever schnell vom Apothekenmittel zum Volksgetränk. Die niederländischen Soldaten im Unabhängigkeitskrieg gegen Spanien tranken Genever vor dem Kampf. Die aufmunternde, wärmende Wirkung des Alkohols bekam in der englischen Militärsprache einen eigenen Namen: Dutch Courage, niederländischer Mut.

Die englischen Soldaten brachten den Begriff mit nach Hause, aber noch kein Rezept und keine Destillationstechnik. Sie ahnten nicht, was dieses Getränk in den nächsten Jahrzehnten mit ihrem Land anstellen würde. Die zweite Begegnung war historisch folgenreicher. Im Jahr 1688 landete Wilhelm von Oranien, Statthalter der Niederlande, mit einer Flotte an der englischen Küste und übernahm den englischen Thron.

Das Parlament hatte ihn gerufen, weil es den katholischen König loswerden wollte. Wilhelm brachte seine niederländischen Gewohnheiten mit – und unter denen war auch der Genever. Der neue König trank ihn, sein Hof trank ihn. Und die englische Regierung, immer auf der Suche nach Steuereinnahmen, sah darin eine Gelegenheit.

England befand sich im Handelskrieg mit Frankreich. Französischer Brandy war das bevorzugte Getränk der englischen Oberschicht – und finanzierte damit indirekt den Feind. Die Regierung entschied, das musste aufhören. Sie erhob massive Zölle auf französische Spirituosen und vereinfachte gleichzeitig die Lizenzbestimmungen für die Herstellung von einheimischem Getreidebrandwein.

Jeder Bürger durfte destillieren. Jeder Haushalt konnte Gin produzieren und verkaufen – denn der englische Begriff Gin war inzwischen als Verkürzung von Genever entstanden. Die Folgen dieser Entscheidung waren katastrophal. London in den ersten Jahrzehnten des achtzehnten Jahrhunderts war eine Stadt im Chaos.

Die Bevölkerung wuchs schnell, getrieben von Zuzug vom Land und wirtschaftlichem Aufschwung. Aber die Infrastruktur hielt nicht Schritt. Die Armenviertel waren überbevölkert, unhygienisch, ohne sauberes Trinkwasser. In diesem Umfeld wurde billiger Gin zur einzigen verlässlichen Droge, die sich Arme leisten konnten.

Und er war unvorstellbar billig. Ein Penny für eine Portion, die einen Erwachsenen für Stunden betäubte. Zwei Pence für eine Menge, die bewusstlos machte. Das Sprichwort der Zeit war ohne Ironie gemeint: Betrunken für einen Penny, tot betrunken für zwei, und das Stroh zum Draufliegen gab es umsonst.

Die Gin Shops – kleine, oft illegale Verkaufsstellen in Kellern und Hinterzimmern – boten ihren Kunden buchstäblich einen Platz zum Zusammenbrechen an. Die Zahlen dieser Periode sind schwer zu fassen. Im Jahr 1725 wurden in England schätzungsweise sieben Millionen Gallonen Gin produziert. Fünf Jahre später waren es neun Millionen – bei einer Gesamtbevölkerung von etwa sechs Millionen Menschen.

Das entspricht einem Durchschnittskonsum von mehr als anderthalb Gallonen reinen Alkohols pro Person und Jahr, Säuglinge eingerechnet. In London allein gab es nach Schätzungen des Parlaments siebentausend Gin-Verkaufsstellen. Das Ginviertel von St. Giles war berüchtigt.

Man konnte dort durch ganze Straßen gehen, in denen jedes dritte Haus Gin verkaufte. Die Wirkung auf die Bevölkerung war messbar und verheerend. Die Sterblichkeitsrate stieg, die Geburtenrate sank. Kinder wurden vernachlässigt oder ausgesetzt.

Frauen, die dem Gin besonders stark verfallen waren – teilweise, weil er als Mittel gegen Unterleibsschmerzen galt – gaben ihren Kindern Gin, um sie ruhig zu halten. Das Getränk bekam deshalb einen zweiten Namen, der bis heute in der englischen Sprache gebräuchlich ist: Mother’s Ruin, der Ruin der Mutter. Der englische Satiriker William Hogarth schuf im Jahr 1751 zwei Drucke, die zusammen eines der eindrücklichsten sozialkritischen Bildpaare der Kunstgeschichte bilden. „Beer Street“ zeigt eine florierende, arbeitsame Gesellschaft.

„Gin Lane“ zeigt das Gegenteil: Eine Frau, berauscht vom Gin, lässt ihr Kind fallen. Im Hintergrund bricht eine Leiche aus einem Gebäude. Ein Mann versetzt sein Handwerkszeug für die nächste Ration. Kinder mit aufgedunsenen Gesichtern trinken aus kleinen Flaschen.

Hogarths „Gin Lane“ war keine Übertreibung für dramatische Wirkung. Es war Dokumentation. Das englische Parlament reagierte mit einer Reihe von Gesetzen, die in ihrer Inkompetenz fast komisch wären, wenn die Folgen nicht so ernst gewesen wären. Der Gin Act von 1729 erhob erstmals eine Steuer auf Gin.

Die Händler ignorierten sie. Der Gin Act von 1733 versuchte, den Kleinhandel zu regulieren. Die Händler benannten ihre Produkte einfach um. Gin hieß nun „Sangaree“, „Parliamentary Brandy“ oder „Tow Row“ – und verkaufte weiter.

Der Gin Act von 1736 war das ambitionierteste Gesetz. Es verdoppelte die Steuer und verlangte von jedem Händler eine Lizenz, die fünfzig Pfund kostete – eine für die meisten unerschwingliche Summe. Die Reaktion der Londoner Bevölkerung war unmittelbar und gewaltsam. Es gab Aufstände.

Händler, die die neue Regelung einhielten, wurden von Mobs angegriffen. Informanten wurden verprügelt, geteert, gefedert, manchmal getötet. Innerhalb von zwei Jahren wurden zweitausend Händler verurteilt, und der Ginkonsum sank kaum. Was schließlich wirkte, war ein Zusammenspiel von Maßnahmen.

Der Gin Act von 1751 kombinierte moderate Steuern mit strengen Vorschriften über Lizenzen und Ausschankorte. Gleichzeitig stiegen die Getreidepreise, was den Rohstoff für die Destillation teurer machte. Der Konsum sank nicht auf null, aber auf ein Niveau, das die schlimmsten sozialen Verwerfungen beendete. Und aus den Trümmern der Gin-Katastrophe entstand fast wie ein Wunder das Gegenteil: die Gin Palaces, die Gin-Paläste.

Die Besitzer der neuen, größeren und respektableren Verkaufsstellen investierten in Glas, Messing, Mahagoni, Gasbeleuchtung und vergoldete Spiegel. Sie machten den Akt des Gintrinkens zu einem Erlebnis, das mit dem Elend der Gingassen nichts mehr zu tun hatte. Der Ginpalast war die Erfindung der modernen Bar. In dieser respektableren Umgebung begann auch der Gin selbst, sich zu verfeinern.

Die Einführung der Kofferdestillationsblase im Jahr 1820 ermöglichte die Herstellung eines reineren, neutraleren Grundalkohols, über den dann Wacholder und andere Botanicals gezogen werden konnten. Das Ergebnis war ein leichteres, trockeneres Produkt: der London Dry Gin. Und dann fand der London Dry Gin seinen unwahrscheinlichsten Verbündeten – in Indien. Die tropischen Krankheiten des Subkontinents, vor allem Malaria, töteten britische Soldaten in großer Zahl.

Das einzig bekannte wirksame Mittel war Chinin, ein Alkaloid aus der Rinde des peruanischen Chinarindenbaums. Die Kolonialverwaltung ließ es in großen Mengen nach Indien verschiffen. Das Problem war der Geschmack. Chinin ist extrem bitter.

Die tägliche Dosis zur Prophylaxe war kaum zu schlucken. Die Lösung war pragmatisch: Man löste das Chinin in Wasser auf, fügte Zucker und Kohlensäure hinzu – und das Tonic Water war geboren. Und dann versetzte man dieses Tonic Water mit Gin. Der Gin Tonic war Medizin.

Er wurde von Ärzten empfohlen und war in den Rationen der britischen Armee in Indien enthalten. Mit dem Ende des Empires wanderte er zurück nach Europa, wo er seine medizinische Funktion verloren hatte, aber seinen Geschmack behalten hatte – und mit dem Geschmack auch das Prestige. Einen Gin Tonic zu trinken bedeutete, Teil einer bestimmten Welt zu sein: weltgewandt, imperial, britisch. Dieses Image trug den Gin ins zwanzigste Jahrhundert und direkt in die goldene Ära des Cocktails.

New York in den zwanziger Jahren war die Cocktailhauptstadt der Welt – trotz oder vielleicht wegen der Prohibition. In den Speakeasys, den illegalen Bars hinter falschen Buchhandlungen und Friseursalons, mischten Barkeeper schlecht destillierte Schnäpse mit Säften und Sirups, um den rauen Geschmack zu überdecken. Gin war dafür besonders geeignet. Er ließ sich primitiv herstellen – selbst gemachter Gin aus der Badewanne war kein Mythos – und funktionierte trotzdem in Kombination mit anderen Zutaten.

Der Martini – Gin, trockener Wermut, Olive oder Zitronenzeste – wurde in dieser Zeit zum Archetyp des Cocktails. Ernest Hemingway trank Martinis, F. Scott Fitzgerald schrieb über sie. Winston Churchill, der legendär trockene Martinis bevorzugte, neigte das Glas Genossenschaftlich in Richtung Frankreich, woher der Wermut kam, und nannte das seinen Beitrag zur Würze des Getränks.

Der Negroni mit Gin, Campari und rotem Wermut soll auf den Grafen Camillo Negroni zurückgehen, der 1920 in Florenz seinen Barkeeper bat, seinen Americano zu verstärken. Der Singapore Sling brachte den Gin in die Tropen. Gin war das Getränk der Zwischenkriegszeit, das Getränk einer Vergnügungs- und Verzweiflungskultur. Und dann kam der Wodka.

In den fünfziger und sechziger Jahren begann Wodka, den Gin systematisch vom Markt zu verdrängen. Er war neutral, geruchlos, vielseitiger. Der Wodka Martini – das Schüttelgetränk des fiktiven Geheimdienstlers James Bond – war eine kulturelle Kriegserklärung, die in den sechziger Jahren ihre Wirkung entfaltete. Wer in den siebziger Jahren Gin trank, galt als altmodisch.

Wer Wodka trank, galt als modern. Der Ginmarkt kollabierte. Die großen englischen Destillerien schrieben rote Zahlen. Tanqueray und Gordon’s kämpften ums Überleben.

Und dann kam die Rettung von einem unwahrscheinlichen Ort: aus dem Schwarzwald. Im kleinen Ort Lossburg in Baden-Württemberg begann im Jahr 2008 ein ehemaliger Filmproduzent namens Alexander Stein, einen Gin zu entwickeln, der nichts mit dem zu tun hatte, was die Welt bisher kannte. Er nannte ihn Monkey 47 – wegen der 47 Botanicals und des Alkoholgehalts von 47 Prozent. Die Botanicals kamen aus der Region: Schwarzkümmel, Preiselbeere, Fichtenspitzen, Heidelbeere, Löwenzahn – neben den klassischen Zutaten wie Wacholder, Koriandersamen, Angelikawurzel und Zitrusschale.

Monkey 47 wurde zunächst nur in kleinen Mengen produziert und in wenigen Bars angeboten. Dann gewann er internationale Preise. Dann schrieb die internationale Fachpresse über ihn. Und dann entdeckte die globale Gin-Community, dass aus dem deutschen Schwarzwald etwas kam, das keinen Vergleich scheute.

Das war das Signal, das die deutschen Handwerksdestillateure brauchten. Was in den folgenden Jahren passierte, lässt sich nur als Explosion beschreiben. In Berlin entstanden Gin-Destillerien in Altbaufabriken und Hinterhöfen. In Hamburg wurden historische Hafengewölbe zu Brennereien umgebaut.

In Bayern entwickelten Obstbrennereien Gin als Zweitprodukt – und entdeckten, dass der Gin oft das Hauptprodukt werden wollte. In der Pfalz, in Franken, in der Eifel, im Sauerland, in Sachsen und in Brandenburg entstanden Mikrobrennereien, die Gin in kleinen Batches von wenigen hundert Flaschen produzierten. Bis 2025 hatte Deutschland mehr als dreitausend registrierte Gin-Destillerien. Großbritannien, das Mutterland des Gins, hatte im selben Zeitraum knapp halb so viele.

Das Land, das den Gin einst mit Steuergesetzen zu zähmen versucht hatte, war in der globalen Gin-Renaissance nicht mehr die führende Kraft. Das Paradox war vollständig. Warum Deutschland? Die Antworten sind naheliegend.

Deutschland hat eine starke Tradition der Obstbrennerei und der handwerklichen Destillation. Die Infrastruktur, das Wissen, die Geräte waren vorhanden. Deutschland hat ein außerordentlich reiches botanisches Repertoire: Alpen, Schwarzwald, norddeutsche Heiden, thüringische Wälder bieten eine Vielfalt an wilden Kräutern und Beeren, die es in Großbritannien nicht gibt. Und Deutschland hatte das Glück, zu Beginn des Craft-Spirits-Booms keine etablierte dominante Gin-Tradition zu haben.

Es gab keine Kategorie zu verteidigen, keine Erwartungen zu erfüllen. Man konnte neu denken. Das Ergebnis ist eine Vielfalt, die ihresgleichen sucht. Es gibt Gins aus Fichtenspitzen, die nach Weihnachtsmarkt riechen.

Gins aus Sanddorn, die wie flüssige Nordseeküste schmecken. Gins, die mit Rieslingtrauben destilliert werden, mit fränkischem Hopfen, mit alpenländischem Enzian. Gins, die in Whiskyfässern gereift sind. Gins, die in kleinen Serien von wenigen Dutzend Flaschen erscheinen.

Gins, die exklusiv für einzelne Restaurants produziert werden. Die Chemie dahinter ist so alt wie die Pflanzenheilkunde selbst – nur jetzt mit modernen Methoden verstanden. Das Aroma des Wacholders, der aromatische Kern jedes Gins, entsteht durch eine Gruppe von Verbindungen, die Terpene heißen. Alphapinen und Betapinen geben den waldigen Grundton.

Limonen sorgt für die Zitrusnote. Sabinen trägt zum würzigen Charakter bei. Terpinen-4-ol, dasselbe Molekül, das auch im Teebaumöl vorkommt, gibt die leicht medizinische, saubere Note. Myrcen bindet diese Elemente zu einer Einheit, die auf der Zunge als Wacholder erkennbar ist.

Die anderen Botanicals fügen eigene Terpene, Phenole und Ester hinzu. Koriandersamen bringen Linalool, das blumige Element vieler Gins. Angelikawurzel liefert Phthalide und Lactone, die erdig und komplex sind. Zitrusschalen fügen Limonen und Zitral hinzu.

Pfeffer, Kardamom, Ingwer, Lavendel, Rosmarin, Thymian – jede Zutat hat ihr eigenes molekulares Profil, das mit dem Wacholdergrundton in Dialog tritt. Das Destillationsverfahren entscheidet, welche dieser Verbindungen sich im Endprodukt finden. Beim klassischen London Dry Gin werden alle Botanicals zusammen mit dem Neutralalkohol in die Brennblase gegeben und einmalig destilliert. Beim Compound Gin werden Aromen nachträglich hinzugefügt.

Bei der Vakuumdestillation wird bei niedrigen Temperaturen destilliert, was hitzeempfindliche Aromastoffe erhält. So können auch Schwarzwälder Bergkräuter, die bei siebzig Grad Celsius ihre flüchtigen Aromen verlieren würden, in den Gin gebracht werden. Der gesetzliche Rahmen ist europaweit geregelt. Ein Gin muss Wacholder als dominante Aromasubstanz aufweisen.

Er muss mindestens 37,5 Volumenprozent Alkohol enthalten. Er darf keine künstlichen Aromen enthalten. Das klingt einfach – und es ist derselbe Rahmen, der schon den mittelalterlichen Apotheker antrieb: eine Pflanze, ein Extrakt, ein Träger. Die Technik hat sich verändert, das Prinzip nicht.

Die Geschichte des Gins ist, wenn man einen Schritt zurücktritt, eine Geschichte der Identitäten und ihrer Unbeständigkeit. Ein niederländisches Medikament wurde zum englischen Volksgetränk. Das Volksgetränk wurde zur sozialen Katastrophe. Die Katastrophe wurde zum Prestige-Luxusgut.

Das Luxusgut wurde zum kolonialen Werkzeug. Das Werkzeug wurde zum Cocktailsymbol. Das Symbol wurde verdrängt und vergessen – und das Vergessene wurde in einem deutschen Schwarzwald neu erfunden. Kein anderes Getränk hat in seiner Geschichte so viele Identitäten getragen: Medizin und Massendroge, Elendsymbol und Eleganzaccessoire, imperialistisches Werkzeug und demokratisches Kulturgut, Soldatenration und Cocktailkunst, Apothekerpräparat und Schwarzwälder Handwerksprodukt.

Jede Epoche hat sich ihren eigenen Gin erschaffen – und jede hat dabei geglaubt, den echten, den ursprünglichen zu trinken. Der Wacholder blieb in all diesen Verwandlungen derselbe. Die kleine, blauschwarz glänzende Beere, die in Klostergärten, auf Heidelandschaften und in deutschen Wäldern wächst, blieb das Zentrum. Alles andere – die Nationen, die Klassen, die Bedeutungen – veränderte sich um sie herum.

Was sagt das über den Gin? Oder was sagt es über uns? Vielleicht, dass wir Getränken dieselbe Funktion geben wie Flaggen. Sie sollen etwas bezeichnen, etwas repräsentieren, etwas zusammenhalten.

Die britische Identität des Gins war nie botanisch. Sie war kulturell konstruiert, über Jahrhunderte, mit dem Beitrag von Hogarth, Churchill, James Bond und dem Raffles Hotel in Singapur. Die deutsche Identität des Gins, die sich gerade bildet, ist genauso konstruiert – und genauso echt. Der nächste Gin wird vielleicht aus Japan kommen oder aus Namibia oder aus Island.

Er wird anders schmecken als der Schwarzwälder, anders als der Londoner, anders als der Amsterdamer Genever des siebzehnten Jahrhunderts. Er wird lokal sein und gleichzeitig global. Er wird ein neues Kapitel in einer Geschichte aufschlagen, die noch nicht zu Ende ist. In dem Glas, das man abends in die Hand nimmt – Gin Tonic, Negroni, Martini, was auch immer – sitzen dann fünftausend Jahre Botanik, dreihundert Jahre Geschichte, eine gescheiterte Prohibition, ein verlorenes Empire, ein wiederentdecktes Handwerk und ein Wacholder.

Immer der Wacholder.