Der Schuss fiel an einem warmen Sommerabend im August 2018. Als die Polizei am Haus in Griffin, Georgia eintraf, stand Mary Catherine Hickson weinend und sichtlich hysterisch vor den Beamten. Sie habe ihren Freund Steven Freeman versehentlich erschossen, sagte sie. Doch als die Ermittler das Wohnzimmer betraten, fanden sie nicht nur den schwer verletzten Steven, sondern auch eine verwüstete Küche mit Essensresten an den Wänden, dazu eine leere Whiskyflasche im Spülbecken.

Mary roch deutlich nach Alkohol. Steven war zu diesem Zeitpunkt noch am Leben und wurde sofort ins Krankenhaus gebracht. Doch die Fragen der Polizei blieben. Warum die Küche in diesem Zustand?
Warum hatte Mary Alkohol getrunken? Und vor allem: Wie konnte ein Schuss abgefeuert werden, wenn die Waffe, wie sie behauptete, nicht geladen gewesen sein sollte? Sie erzählte, sie habe Steven die Waffe reichen wollen, damit er sie zur Seite lege. Dabei habe sich ein Schuss gelöst.
Sie habe nicht gewusst, dass die Waffe geladen war. Steven erlag wenig später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Er wurde nur 23 Jahre alt. Mary wurde zur weiteren Befragung aufs Revier gebracht.
Anfangs wiederholte sie ihre Geschichte. Doch im Laufe des Verhörs geriet sie ins Wanken. Mal sagte sie, sie habe die Waffe geworfen, mal behauptete sie, den Schuss tatsächlich selbst ausgelöst zu haben. Am Ende – so behaupteten die vernehmenden Beamten – habe sie gestanden, absichtlich geschossen zu haben, aus Wut über einen Streit.
Doch dann kam der entscheidende Fehler: Die Tonaufnahme des Verhörs war beschädigt. Rund vierzig Minuten bestanden nur aus Rauschen. Damit war das Geständnis offiziell wertlos. Mary bestritt die Tat nun wieder.
Die Beamten sagten zwar, sie habe es zugegeben, aber es war ihre Aussage gegen ihre Aussage. Der Fall ging trotzdem vor Gericht. Im Juni 2019 begann der Prozess. Die Staatsanwältin legte dar, dass die forensischen Spuren eine klare Sprache sprachen.
Die Tatwaffe wurde erst am Tattag selbst geladen. Auf dem Magazin fanden sich Rückstände von Speiseöl und Gewürzen. Mary hatte zuvor für Steven gekocht. Also, so die Anklage, muss sie die Waffe am Tattag nach dem Kochen geladen haben.
Die Theorie vom versehentlichen Schuss beim Weiterreichen hielt die Staatsanwaltschaft für unglaubwürdig. Schwerer wog jedoch die Aussage von Stevens bestem Freund Thomas. Er berichtete davon, dass Mary Steven in letzter Zeit immer aggressiver behandelt habe. Sie habe ihn angeschrien, kontrolliert und in der Öffentlichkeit geschlagen.
Steven habe sich hilflos gefühlt und Angst vor ihr gehabt. In einer SMS schrieb er an Thomas: „Sie hat mich wieder mit einer Waffe bedroht. “ Steven wollte die Beziehung beenden und hatte geplant, nur zwei Tage nach dem Schusstag auszuziehen. Er hatte es Mary nicht gesagt – aus Angst vor ihrer Reaktion.
Die Verteidigung hingegen präsentierte eine völlig andere Version. Sie behaupteten, Mary habe in Notwehr gehandelt. Steven habe sie misshandelt, sie gedemütigt und bedroht. Juristisch legten sie mehr als sechzig Seiten Textnachrichten vor.
Darin fanden sich Beleidigungen und Drohungen von Steven gegenüber Mary. In einer Nachricht posierte er mit einem toten Fisch und schrieb: „Das bist du. “ In einer anderen schrieb er: „Ich werde dich zerstören. “
Mary selbst trat emotional vor Gericht auf.
Sie weinte, als sie erzählte, dass Steven sie über Jahre misshandelt habe. Sie habe sich geschämt und sich selbst die Schuld gegeben, weshalb sie nie Anzeige erstattet habe. Am Abend des Schusses wollte sie die Beziehung beenden. Steven sei daraufhin ausgerastet, habe sie angeschrien und sich bedrohlich genähert.
Aus Angst habe sie zur Waffe gegriffen, sie geladen und ihn aufgefordert, Abstand zu halten. Als er weiter auf sie zuging, habe sie geschossen. Doch die Staatsanwaltschaft hielt dagegen: Warum kochte Mary für einen Mann, den sie so sehr fürchtete, noch am selben Abend? Warum rief sie ihn in der Nacht zuvor unentwegt an, kontaktiert seine Mutter und verfolgte ihn sogar bis zu Thomas’ Haus, um ihn zurückzuholen?
Sie habe gedroht, ihm nachzufahren, bis er einwilligte, mit ihr nach Hause zu kommen. Nur anderthalb Stunden später war er tot. Zudem passte die Notwehrgeschichte nicht zur Lage des Körpers. Steven saß beim Schuss auf einer Matratze.
Er war nicht auf Mary zugegangen, wie sie behauptete. Und sie hatte ihre Aussage im Laufe der Ermittlung mindestens zehnmal geändert. Die einzige Zeugin für angebliche Misshandlungen war Marys Schwester, die gelegentlich blaue Flecken gesehen haben wollte. Weitere Hinweise auf häusliche Gewalt gab es nicht.
Keine Nachrichten an Freundinnen, keine Vertrauenspersonen, keine früheren Anzeigen. Nach einer Woche Beratung kam die Jury zu einem Urteil. Sie sprachen Mary Catherine Hickson frei. Später wurde bekannt, dass zunächst fast alle Geschworenen für schuldig gestimmt hatten – mit Ausnahme von zwei Männern.
Diese beiden hatten die Gruppe davon überzeugt, dass die Möglichkeit eines Notwehrfalls nicht ausgeschlossen werden könne. Und genau diese Möglichkeit reichte aus, um einen Freispruch herbeizuführen. Stevens Familie war fassungslos. Für sie war der Freispruch eine Katastrophe.
Ihr Sohn war tot, und die Frau, die ihn erschoss, war frei. Bis heute können sie nicht verstehen, wie die richtige Entscheidung verhindern konnte. Der Fall spaltete die kleine Gemeinde und lässt bis heute viele Fragen offen.

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