Die Polizei fand Nicole U. zwischen zwei Ausstellungshäuschen auf dem Parkplatz eines Baumarkts. Würgemale am Hals, die Kleidung teilweise abgestreift, ihre persönlichen Sachen verstreut in der Nähe einer Gartenhütte. Die 32-Jährige, Mutter einer sechsjährigen Tochter, war in der Nacht zuvor am Militärring in Köln in einen Lkw gestiegen.

Ihre Kollegin hatte zugesehen, wie sie mit einem Freier davonfuhr. Die Obduktion ergab: Sie wurde erdrosselt. Und dann, erst nach dem Tod, vergewaltigt. Eine Reihenfolge, die bei Sexualdelikten selten vorkommt.
Normalerweise ist es umgekehrt – erst die Tat, dann das Töten, um die Tat zu verdecken. Hier nicht. An einer Socke des Opfers fanden die Kriminaltechniker eine DNA-Spur. Aber es war eine Mischspur, vermischt mit dem Material von Nicole U.
Den männlichen Anteil herauszurechnen, war damals nicht möglich. Das Profil war für die bundesweite Datenbank ungeeignet. Man wusste nur eines: Der Täter war Lkw-Fahrer. Mehr nicht.
Rund eine halbe Million Lkw-Fahrer gibt es allein in Deutschland. Ohne Nummernschild, ohne Modell, ohne Gesicht. Die Ermittler hatten nichts. Die Sonderkommission wurde aufgelöst, der Fall landete im Aktenordner.
Ein ungeklärter Fall. Fast ein Jahr später, an einem Herbstabend, stand die 25-jährige Asta J. am selben Straßenstrich. Sie wusste, was Nicole passiert war.
Trotzdem brauchte sie das Geld. Plötzlich hielt ein Lkw in ihrer Nähe. Der Fahrer stieg aus, sprach sie an. Sie ging zu dem Lkw.
In dem Moment, als sie einstieg, griff er sie an. Asta wehrte sich. Mit den Füßen trat sie die Beifahrertür auf und sprang aus dem Wagen. Er holte sie ein, würgte sie, bis sie ohnmächtig wurde.
In diesem Moment fuhr ein Streifenwagen vorbei – aber niemand erkannte, was geschah. Der Fahrer wartete, bis der Wagen weg war, dann lud er sein bewusstloses Opfer zurück in den Lkw und fuhr los. Als Asta wieder zu sich kam, versuchte sie zu reden. Er schwieg.
Über die A57 fuhr er bis nach Moers, in ein Industriegebiet, in einen Wendehammer. Dort vergewaltigte er sie mehrfach. Aus Angst ließ sie es über sich ergehen. Danach redete sie weiter auf ihn ein.
Er ließ sich sogar auf Gespräche ein. Sie dachte, vielleicht lässt er mich laufen. Er lockte sie unter einem Vorwand aus dem Lkw. Dann stach er ihr mit einem Messer in die Brust.
Durch den Brustkorb, in die Herzkammer. Er zog die Klinge heraus, stieg in den Lkw und fuhr davon. Asta schleppte sich mit letzter Kraft durch ein Maisfeld bis zur Autobahn. Sie brach zusammen.
Eine Autofahrerin entdeckte sie, dachte zuerst, es sei ein Kind, und wollte weiterfahren. Dann wendete sie verbotenerweise und fuhr zurück. Sie lud die blutende, verschmutzte Frau in ihr Auto und brachte sie zum nächsten Rastplatz. Dort alarmierte sie die Rettungskräfte.
Im Krankenhaus klingelte das Telefon. Der diensthabende Chirurg, der am Abend zuvor noch operiert hatte, wurde aus dem Bett gerissen. Eine Patientin mit Herzverletzung und dem Verdacht auf eine Bauchverletzung. Wenig Zeit.
Halb angezogen, mit Hilfe seiner Frau ins Auto gestürzt. Im OP angekommen, war es kritisch. Die Klinge war haarscharf an der Milz vorbeigegangen und durch das Zwerchfell in die rechte Herzkammer gedrungen. Beim Öffnen der Bauchhöhle rief der Anästhesist: „Wir werden sie jetzt verlieren!
“ Der Chirurg nähte die Verletzung, die bei jeder Kontraktion Blut austrieb. Dann sagte der Anästhesist: „Jetzt habe ich sie wieder. “
Asta überlebte. Zwei Stunden später war sie ansprechbar, wach.
Am nächsten Morgen standen schon Staatsanwalt, Dolmetscher und Vernehmer an ihrem Krankenbett. Sie schilderte, was der Mann ihr angetan hatte. „Er hat nur gesagt, zieh dich aus. Er war sehr grob“, sagte sie.
Er zog an ihren Haaren, an ihren Händen, behandelte sie „wie eine Puppe, die du nicht mehr lieb hast und in die Ecke schmeißt“. Sie hatte Todesangst. Gegen Ende habe sie alles versucht, um ihr Leben zu retten. Sie habe ihn angesprochen: „Denk dran, was würde deine Mutter sagen, was für einen Sohn sie hat, wenn du so was machst mit mir.
“ Er wollte noch einmal zustechen, riss ihr stattdessen das Messer aus der Hand und schnitt ihr dabei die Finger. Dann stach er nicht mehr zu. Er sagte nur: „Geh! “
Die Psychologin, die später den Fall analysierte, sah darin einen entscheidenden Moment: Asta habe an sein Gewissen appelliert, an die Mutter, an die Scham.
Es hatte offenbar gewirkt. Er hatte ihr das Leben gelassen. Asta beschrieb den Täter erstaunlich genau: südländischer Typ, Raucher. Und sie erinnerte sich an markante Narben im Bauchbereich.
Anhand ihrer Angaben entstand ein detailgetreues Phantombild. Die Polizei verteilte es, setzte eine Belohnung aus – ohne Erfolg. Der Täter hielt sich nicht in Köln auf. Die Ermittler überwachten die Zufahrtsstraßen, filmten stundenlang Autobahnen, befragten Speditionen, werteten Tachoscheiben aus, überprüften über 5000 Fernfahrer.
Nichts. Asta hatte auch das Führerhaus beschrieben: im Country-Stil eingerichtet, mit einem auffälligen London-Wimpel in der Windschutzscheibe. Die Beamten suchten nach diesem Wimpel auf den Überwachungsvideos. Leider erfolglos.
Dann kam ein Durchbruch. Die Kleidung, die Asta bei ihrer Einlieferung getragen hatte, wurde sichergestellt. An den Sachen fanden die Kriminaltechniker DNA-Spuren – dieses Mal ein brauchbares Profil. Es wurde in die landesweite Datenbank eingestellt.
Als die Beamten beim Landeskriminalamt in Düsseldorf die Profile verglichen, stellten sie fest: Die DNA aus dem Fall Asta J. stimmte mit den Spurenfragmenten aus dem Fall Nicole U. überein. Der winzige, unvollständige DNA-Rest aus dem ersten Fall reichte gerade aus, um den Zusammenhang zu bestätigen.
Es war derselbe Täter. Ein Serientäter. Zwei Opfer, ein Muster, aber ein völlig konträres Täterverhalten. Die Ermittler hofften auf einen Treffer in der bundesweiten Datenbank.
Es gab keinen. Ohne Namen, ohne Treffer war der Fall für die Ermittler tot. Ein Cold Case. Der Lkw-Fahrer, das Phantom aus Köln, blieb verschwunden.
Aber die Ermittler wussten: Er würde vermutlich weitermachen.


