Es war kurz nach zwei Uhr nachts, als in Duisburg die Hölle losbrach. Vor einem italienischen Restaurant, unweit des Hauptbahnhofs, wurden sechs Männer regelrecht hingerichtet. Über neunzig Schüsse wurden abgefeuert, die Opfer saßen in ihren Autos oder standen daneben – sie hatten keine Chance. Selbst erfahrene Ermittler waren geschockt, als sie das Blutbad sahen.

Das war kein Raubüberfall und kein Streit, das war eine Hinrichtung. Unter den Toten war ein junger Mann, der an diesem Abend seinen achtzehnten Geburtstag gefeiert hatte. Alle Opfer stammten aus Kalabrien und arbeiteten in dem Restaurant. Schnell wurde klar: Das war ein Auftragsmord, und alle Spuren deuteten auf die Mafia hin.
Die Ermittler standen vor einem Rätsel, denn so etwas hatte Deutschland noch nie erlebt. Eine Zeugin hatte gesehen, wie die sechs Männer das Restaurant verließen und zu ihren Autos gingen. Kurz darauf hörte sie Schüsse und beobachtete zwei Männer, die vom Tatort wegliefen. Die Überwachungskamera des Restaurants bestätigte die Angaben.
Die Polizei ging von vier Tätern aus: Zwei wurden mit einem Auto abgesetzt, zwei weitere kamen mit einem schwarzen BMW. Als die Opfer das Restaurant verließen, wurde das Feuer eröffnet. Am Tag nach der Tat nahmen die deutschen Ermittler Kontakt zu den italienischen Kollegen auf. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer: Es war der größte Mafiamord außerhalb Italiens, den es je gegeben hatte.
Die Menschen in Duisburg waren entsetzt, viele legten Blumen vor dem Restaurant nieder. Angehörige weinten, verstanden nicht, warum ihre Lieben sterben mussten. Bei einem der Toten, dem jungen Geburtstagskind, fand die Polizei ein verbranntes Bild einer Heiligenfigur. Das war ein Zeichen der ’Ndrangheta, der kalabrischen Mafia.
Bei ihrem Aufnahmeritual schwören die Mitglieder, niemals zu verraten, und verbrennen ein solches Bild auf ihrer Handfläche. Für diese jungen Männer bedeutete das den Wendepunkt ihres Lebens. Die deutsche Polizei bildete eine Sonderkommission und arbeitete eng mit den italienischen Behörden zusammen. Alle sechs Toten gehörten offenbar zu einer Gruppierung innerhalb der ’Ndrangheta, dem Clan Pelle-Vottari.
Die Ermittler wussten, dass es in Kalabrien eine blutige Fehde zwischen diesem Clan und der Familie Strangio-Nirta gab. Seit Jahrzehnten folgte auf eine Aktion eine Reaktion, auf einen Mord ein Mord. Der letzte Tote dieser Fehde war eine Frau: Maria Strangio, die Ehefrau eines Mafiapaten, wurde am ersten Weihnachtsfeiertag 2006 erschossen. Es war eine Regel gebrochen worden, eine goldene Regel der Mafia, die Frauen verschont.
Die Ermittler vermuteten, dass die Morde von Duisburg die Antwort auf diesen Tod waren. Es war ein Racheakt, eine Vendetta, die bis nach Deutschland getragen wurde. Die Polizei fand in Italien heraus, dass sich die Familien seit Jahren bekämpften. Alles begann 1991 mit einem harmlosen Streit an Karneval, als Kinder Eier auf einen Laden warfen.
Die Auseinandersetzung eskalierte, es gab Tote, und seitdem schaukelte sich die Gewalt hoch. Die Ehre spielte eine große Rolle, und Blut konnte nur mit Blut gewaschen werden. In Deutschland führte die Spur der Ermittler zu einem Renault Clio, der fünf Tage vor dem Mord in Düsseldorf gemietet worden war. Der Mieter war ein Italiener, der in einer Pizzeria in Kerpen arbeitete.
Sein Chef hieß Giovanni Strangio, ein Verwandter der ermordeten Maria. Er hatte ein klares Motiv und ein verdächtiges Telefongespräch mit seinem Bruder, in dem er sagte, er müsse nach Deutschland reisen und etwas erledigen, das so geheim sei, dass er nicht darüber sprechen könne. Die Polizei wollte Giovanni Strangio am 24. August 2007 festnehmen, aber seine Wohnung war fluchtartig verlassen worden.
In der Pizzeria fanden die Beamten jedoch eine Waffe und Munition, versteckt in Senf- und Ketchupeimern. Die Mitarbeiter schwiegen, sie hielten sich an die Omerta, das Schweigegelübde der Mafia. Die Ermittler fahndeten international nach Strangio. Im Oktober 2007 wurde der Renault Clio in Belgien gefunden.
An dem Auto wurden Fingerabdrücke und DNA-Spuren gesichert. Eine der Spuren gehörte eindeutig Giovanni Strangio. Zudem meldete sich ein Waffenhändler aus Düsseldorf, der aussagte, dass Strangio eine Woche vor dem Mord versucht hatte, Magazine für eine Beretta zu kaufen. Die Ermittler waren sich sicher: Sie hatten einen der Killer identifiziert.
Die Polizei überwachte Strangios Familie, darunter auch seine drei Schwestern. Durch diese Überwachung führte die Spur nach Amsterdam. Am 12. März 2009 schlug die Sonderkommission zu und nahm Giovanni Strangio fest.
Für die Ermittler war das ein großer Erfolg, denn er war für sechs Morde verantwortlich. Doch es gab noch eine zweite DNA-Spur aus dem Auto, die niemandem zugeordnet werden konnte. In den abgehörten Gesprächen der Schwestern fiel ein Name: Sebastiano Nirta. Die Polizei beschaffte sich heimlich seine DNA von einer Tasse und der Treffer war vollkommen.
Auch Nirta wurde festgenommen, im Februar 2010. Im April 2010 begann ein Mammutprozess im italienischen Locri. Zahlreiche Mitglieder der verfeindeten Clans standen vor Gericht, nicht nur wegen der Morde von Duisburg, sondern auch wegen anderer Straftaten und der Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung. Giovanni Strangio und Sebastiano Nirta wurden per Video aus einem Hochsicherheitsgefängnis zugeschaltet.
Das Urteil wurde im Juli 2011 verkündet: Beide erhielten lebenslange Haft. Auch zwei Schwestern von Strangio wurden zu acht Jahren Haft verurteilt. Heute ist die ’Ndrangheta in Deutschland präsent, aber sie zeigt sich nicht mehr mit der Pistole, sondern im Anzug, als Anwalt, Unternehmer oder Geschäftsmann. Die Morde von Duisburg haben die Strukturen der Mafia sichtbar gemacht, die bis dahin im Verborgenen operierte.
Die Ermittler wissen: Es bleibt noch viel Arbeit, denn die Organisation macht auch in Deutschland weiter ihre Geschäfte.


