„Stell das wieder hin! “, hatte Rolf Fahrenhorst gesagt, und schon wieder knallte die Tür. Es war der gleiche Streit wie immer. Geld.

Die Häuser. Die Mieten. Der Vorwurf des Sohnes, sich krumm und bucklig zu machen, während die Eltern nur kassierten. Und der Vorwurf der Eltern, dass er nichts auf die Reihe bekam.
Peter Fahrenhorst war Mitte dreißig, hatte sein Studium geschmissen, eine eigene Firma in den Sand gesetzt. Seit Jahren kümmerte er sich um die zwei Mietshäuser seiner Eltern, verwaltete, renovierte, strich Mieten ein – aber das Geld gehörte den Eltern. Er wollte investieren, sie wollten sparen. Und irgendwann wollte er die Häuser einfach auf seinen Namen überschrieben haben.
„Ich kann es nicht mehr hören“, schrie er. „Ihr sitzt hier in eurem Elfenbeinturm und haltet schön die Hand auf. Miete kassieren, nichts investieren. So funktioniert das nicht.
“
„Niemand hat gesagt, dass du hunderttausend Euro in die Häuser stecken sollst“, erwiderte der Vater ruhig. „Ich darf mich krumm und bucklig machen für den Hungerlohn, den ihr mir zugesteht. Das ist Sklavenarbeit! “
„Wir wollten dir helfen, das haben wir getan.
“
„Helfen? Ihr sitzt mir nur im Nacken. Seit Jahren. Und wenn wieder was nicht klappt, dann flippt ihr aus.
“
Die Fronten waren verhärtet. Das Zerwürfnis zwischen den Eltern und ihrem einzigen Sohn wurde immer größer. Sie kommunizierten nur noch über Anwälte, und dann trafen Rolf und Heidi Fahrenhorst eine Entscheidung, die alles eskalieren ließ: Sie wollten die Häuser zurück. Der Fachanwalt, der die Übertragung Jahre zuvor begleitet hatte, riet ihnen, das zu tun.
Denn Peter war straffällig geworden. Es gab Ermittlungen wegen Diebstahls, dann eine Verurteilung wegen Betrugs. Seit Ende 2003 saß er eine zehnmonatige Haftstrafe ab. In der Justizvollzugsanstalt erfuhr er, dass seine Eltern ihn auf Rückgabe der Immobilien verklagt hatten.
Und dass er zusätzlich Verbindlichkeiten von rund hunderttausend Euro übernehmen sollte. Praktisch enterbt. Ohne Einkünfte. Am Ende seiner Haft würde er überschuldet auf der Straße stehen.
Seine Mutter rief ihn an. „Peter, das Gericht hat uns recht gegeben. Die Häuser kommen jetzt zurück. “ Mehr sagte sie nicht.
Aber das reichte. Peter schrieb ihnen einen Brief. Keine Drohung, keine Erklärung. „Ich möchte niemals mehr etwas mit euch zu tun haben“, schrieb er.
Gefühlslos. Endgültig. Ein paar Tage später waren Rolf und Heidi Fahrenhorst verschwunden. Mittwoch, 25.
August 2004. Die Tochter Marion versuchte seit zwei Tagen vergeblich, ihre Eltern telefonisch zu erreichen. Sie fuhr zum Haus der beiden Siebzigjährigen. Im Flur lagen die Zeitungen von Montag bis Mittwoch, ungelesen.
Eine Erinnerung vom Steuerberater, weil sie am Montagvormittag einen Termin versäumt hatten. Das Auto, ein dunkelblauer Golf, war weg. Aber die Koffer waren noch da. Und die Medikamente des Vaters.
„Die machen so etwas nicht“, sagte Marion der Polizei. „Sie fahren nie spontan weg. Und wenn, dann würden sie Bescheid sagen. “
Die Beamten fragten nach Streitigkeiten.
Marion zögerte. „Mein Bruder Peter. Das Verhältnis ist völlig zerrüttet. Er war im Gefängnis.
Jetzt ist er auf Hafturlaub. “
Peter Fahrenhorst hatte am Freitag die JVA verlassen, um Bewährungsurlaub zu nehmen. Zwei Tage später waren seine Eltern verschwunden. Am Freitag darauf sollte er zurückkehren.
Er tat es erst am Montag – drei Tage zu spät. Die Kripo wartete nicht lange. „Wir sind davon ausgegangen, dass er mit dem Verschwinden etwas zu tun hat“, erinnert sich der damalige Ermittler. Peter Fahrenhorst wurde sofort vernommen.
Er wirkte nicht beunruhigt, nicht betroffen. „Meine Eltern sind bestimmt in Urlaub gefahren“, sagte er. Als die Beamten fragten, was er in den zehn Tagen gemacht habe, zuckte er mit den Schultern. Er habe Freunde besucht.
Mehr nicht. Ein Alibi konnte er nicht vorweisen. Und als er nach seinen Eltern fragte, stellte er keine Fragen. Keine einzige.
„Er hat sich für das Schicksal seiner Eltern nicht interessiert“, sagt Volker Lange, der leitende Ermittler. „Er hat nur gebetsmühlenhaft wiederholt: ‚Die tauchen wieder auf, machen Sie sich keine Sorgen. ‘“
Die Beamten waren sich sicher, aber sie hatten nichts in der Hand. Keine Leichen, keine Spuren, kein Geständnis.
Sie durchsuchten das Haus. Es fehlten zwei Wolldecken, die Handys von Heidi Fahrenhorst, die Ausweise und die Portemonnaies. In der Garage fehlten zwei Spaten, die dort immer gestanden hatten. Und ein Weinglas in der Küche trug DNA – die von Peter Fahrenhorst.
Auch Nachbarn meldeten sich. Sie hatten am Abend des 22. August einen heftigen Streit gehört. Männerstimmen.
Und dann war Ruhe. „Wir sind nicht freiwillig verschwunden“, sagte der Ermittler. „Da hat jemand nachgeholfen. Und dieser Jemand war möglicherweise der eigene Sohn.
“
Peter Fahrenhorst bestritt alles. Bis auf seine Hände. Die waren übersät mit Blasen und Schwielen. „Das sieht aus wie nach stundenlangem Graben“, sagte ein Beamter.
„Ich habe mich beim Grillen verbrannt“, behauptete Peter. „Wo? Und mit wem? “
„Bei einer Freundin.
Drei Tage lang. Aber ihren Namen will ich nicht nennen. Sie hat zwei Kinder, ich will sie da nicht reinziehen. “
Es war das einzige Alibi, das er je nannte.
Nie gab es einen Namen. Nie eine Adresse. Die Handfläche wurde gerichtsmedizinisch untersucht, aber das Ergebnis war nicht eindeutig. Die Indizien reichten trotzdem: Die Kripo richtete eine Mordkommission ein.
Peter Fahrenhorst wurde zum Beschuldigten. Ein Jahr verging. Die Beamten arbeiteten eine Flut von Hinweisen ab – Teiche, Wälder, die Elbe. Nichts.
Dann entschieden Polizei und Staatsanwaltschaft zu einem ungewöhnlichen Schritt: Sie veröffentlichten das Foto von Peter Fahrenhorst im Fernsehen, in der Sendung „Aktenzeichen XY“, und riefen Zeugen auf. 3. 000 Euro Belohnung für Hinweise. Es kamen Hinweise.
Aber keiner führte weiter. Die Ermittler waren enttäuscht. Doch dann, neun Monate nach dem Verschwinden, geschah etwas Unerwartetes. Die Tochter fand in der Post ihrer Eltern einen Strafzettel aus Schweden.
Ausgestellt am 28. August 2004, fünf Tage nachdem das Ehepaar verschwunden war, im schwedischen Trelleborg, in Hafennähe. Der Wagen: der dunkelblaue Golf der Fahrenhorsts. Zehn Minuten nach der Ausstellung war er wieder weg.
„Ein Sechser im Lotto“, fanden die Ermittler. Die Spur führte zur Fähre von Trelleborg nach Travemünde. Die Reederei wurde kontaktiert, die Passagierlisten wurden durchgesehen. Und tatsächlich: Am 29.
August, einen Tag nach dem Strafzettel, war ein Mann unter dem Namen „Frederik Fahrenhorst“ von Schweden nach Deutschland gefahren. Passagierliste, Studententicket. Peter Fahrenhorst war tatsächlich für ein Studium eingeschrieben. Zwei Monate später, im April 2006, ging die Mordkommission erneut in die Öffentlichkeit – wieder mit Aktenzeichen XY.
Diesmal meldete sich ein Ehepaar aus Nürnberg. Sie hätten den Mann im Sommer 2004 am Hafen von Trelleborg gesehen. Er hätte sie angesprochen, ob er mit auf die Fähre dürfe, weil seine EC-Karte nicht funktioniere. Er sah ungepflegt aus, als hätte er sich tagelang nicht gewaschen.
Und dann: „Er war später doch auf der Fähre. Wir haben ihn wiedererkannt. “
Peter Fahrenhorst stritt auch das ab. „Das war ich nicht.
“ Aber die Indizienkette war geschlossen. Am 6. März 2006 begann vor dem Landgericht Verden der Prozess gegen Peter Fahrenhorst wegen zweifachen Mordes. Es war ein reiner Indizienprozess.
Keine Leichen, kein Tatwerkzeug, keine Zeugen der Tat. Die Staatsanwaltschaft trug vor, Peter habe bei seinen Eltern geklingelt, um die Rückübertragung der Häuser zu erzwingen. Es sei laut geworden. Er habe den Vater und die Mutter getötet und die Leichen mit dem Auto weggebracht.
Die Verteidigung plädierte auf Freispruch: kein Tatnachweis, kein Motiv, das vor Gericht stand, nur vage Indizien. Peter selbst sagte nur einen Satz dazu: „Ich bin unschuldig. Meine Eltern leben. “
36 Verhandlungstage lang zog sich der Prozess hin.
Dann, am 1. März 2007, das Urteil: Wegen Totschlags in besonders schwerem Fall, in zwei rechtlich zusammentreffenden Fällen, verurteilte das Gericht Peter Fahrenhorst zu lebenslanger Freiheitsstrafe. Nicht wegen Mordes, weil die Mordmerkmale nicht eindeutig festgestellt werden konnten. Aber die Kammer war überzeugt: Er hatte seine Eltern eigenhändig getötet und ihre Leichen selbst beseitigt.
„Ich war wie vom Donner gerührt“, sagte der Verteidiger später. „Damit habe ich nicht gerechnet. “
Auch die Ermittler waren überrascht. „Wir hatten nur Indizien, wenn auch sehr starke.
Wir haben nicht geglaubt, dass das für eine Verurteilung reicht. “
Peter Fahrenhorst legte Revision ein. Das Urteil blieb bestehen. Der Fall schien abgeschlossen – bis zehn Jahre später, im Jahr 2017, ein Anruf aus dem Gefängnis kam.
Peter Fahrenhorst wollte die Polizei sprechen. Er habe sich entschlossen, ein Geständnis abzulegen. Er bat darum, dass die Beamten ihn in der JVA besuchten. Die Ermittler, die den Fall damals bearbeitet hatten, kamen wirklich.
Und Peter erzählte. Er habe seine Eltern getötet, räumte er ein. Details nannte er keine, aber er gab an, die Leichen nach Schweden gebracht und dort vergraben zu haben. Das Auto, den Golf, habe er angezündet.
Vom Boot aus habe er es im Wasser versenkt. Die Polizei ging den Angaben nach. In Schweden, nahe Trelleborg, fanden sie tatsächlich die Überreste eines ausgebrannten Autowracks. Die Fahrgestellnummer war der Beweis: Es war der Golf von Heidi und Rolf Fahrenhorst.
Der Mann, der jahrelang stets „Ich bin unschuldig“ gesagt hatte, zeigte zum ersten Mal, was aus dem Auto seiner Eltern geworden war. Wo er die Leichen vergraben hatte, wollte er nicht sagen. Und bis heute, mehr als fünfzehn Jahre nach ihrem Verschwinden, hat niemand ihre sterblichen Überreste gefunden. Ein Fall von Doppelmord ohne Leichen.
Bis heute ungelöst – zumindest in dem Sinne, dass die letzte Frage offen bleibt: Wo liegt das Ehepaar Fahrenhorst begraben?


