Am 16. März 2020 verliest das Landgericht Frankfurt am Main das Urteil: lebenslange Haft für den Gastronomen Jan M. Wegen Mordes an seiner Geschäftspartnerin Irina A. Das Gericht ist überzeugt, dass er sie nachts in einen Frankfurter Park gelockt und dort mit insgesamt 27 Messerstichen getötet hat.

Beweise gibt es genug – sogar sein eigenes Blut klebt an ihrer Leiche. Doch Jan M. leugnet bis zum Schluss. Und was die Menschen in seinem Umfeld am meisten erschüttert: Niemand kann sich vorstellen, dass dieser freundliche, charmante Mann zu so einer Tat fähig sein soll.
Die Geschichte beginnt etwa 14 Monate vor der Tat, im Februar 2017. Jan M. und Irina A. sind Mitbesitzer einer Bar in der belebten Frankfurter Freßgass.
Da erscheint in der Bildzeitung ein Artikel, in dem die beiden von schrecklichen Vorfällen in der Silvesternacht berichten: 50 bis 70 arabisch aussehende Männer seien in ihre Bar geströmt, hätten sich an den Tischen bedient, Jacken gestohlen und Frauen sexuell belästigt. Irina A. sei selbst Opfer gewesen. Doch Beweise gibt es keine.
Kein Gast hat Anzeige erstattet, keine Handyaufnahmen existieren, und die Überwachungsvideos der Bar sind gelöscht. Die Geschichte war frei erfunden. Das Gericht kommt im späteren Mordprozess zu dem Schluss: Jan M. erfand die Übergriffe, um die Aufmerksamkeit auf seine schlecht laufende Bar zu lenken.
Er überzeugte Irina A. , die Rolle des Opfers zu spielen, und nutzte seine Kontakte zu einem Exilamerikaner, der die Geschichte in der Presse platzierte. Sein Plan ging auf. Und genau hier zeigt sich ein Muster, das Jan M.
sein ganzes Leben lang begleitet: Er inszeniert Kontakte zu Menschen, die ihm nützlich sind, und manipuliert sie, um sein großes Lügengebäude aufrechtzuerhalten. Jan M. wächst ohne Vater in einer Sozialbausiedlung in Frankfurt auf. Er macht Abitur, studiert Betriebswirtschaft und arbeitet bei mehreren Banken.
2008 wird ihm die Übernahme einer Bar angeboten – er wird Gastronom. Von da an legt er größten Wert auf den äußeren Anschein. Er will als extrem erfolgreicher, wohlhabender Geschäftsmann wahrgenommen werden, gibt viel Geld aus, protzt mit Luxusautos und einer teuren Penthousewohnung. Doch weder die Bar noch andere Beteiligungen bringen genug Profit, um diesen Lebensstil zu finanzieren.
Also sucht er Investoren, täuscht ihnen lukrative Deals vor, leiht sich Geld und vertröstet seine Geldgeber immer wieder. Auch Irina A. gegenüber inszeniert er sich als erfolgreicher Geschäftsmann. Sie stammt aus Moldawien, ihr Vater besitzt dort die größte Supermarktkette des Landes.
Sie liebt das Nachtleben, feiert gern, konsumiert Alkohol und Kokain, und träumt davon, sich selbst eine lukrative Existenz aufzubauen. Genau diesen Traum nutzt Jan M. aus. Er bringt sie dazu, sich 200.
000 Euro von ihrem Vater zu leihen und in seine Bar zu investieren. Das Geld verschwindet in seinen laufenden Kosten. Irina A. schwankt zwischen rationalem Zweifel und dem Gefühl, dass Jan M.
doch ihr vertrauter, freundlicher Freund sei. Selbst Warnungen aus ihrem Umfeld ändern daran lange nichts. Auch das Geld von Irina reicht nicht. Jan M.
erfindet eine neue Lüge: Er täuscht seinen Investoren eine Darmkrebserkrankung vor, die dringend in den USA behandelt werden müsse. Mit Tränen in den Augen – ein bemerkenswertes schauspielerisches Talent – bekommt er noch einmal 200. 000 Euro zinslosen Kredit. Experten beschreiben seine Persönlichkeit als stark narzisstisch geprägt: ständige Suche nach Anerkennung, Fokus auf sich selbst und die Instrumentalisierung aller Beziehungen für den eigenen Vorteil.
Im Frühjahr 2018 macht Irina A. eine Entziehungskur wegen ihres Kokainkonsums. Sie ist psychisch labil, leidet unter Ängsten und depressiven Stimmungsschwankungen. Sie sucht Halt bei Jan M.
, doch der weist sie ab – denn er weiß, dass er über sie kein neues Geld mehr bekommen kann. Im Gegenteil: Ihr Vater macht Druck, das geliehene Geld zurückzufordern. Irina verlangt von Jan M. , ihren Anteil an der Bar zu verkaufen und sie auszuzahlen.
Doch Jan hat kein Geld, und die Anteile sind nur einen Bruchteil dessen wert, was sie bezahlt hat. Sein Lügenkonstrukt steht kurz vor dem Kollaps. Eine vernünftige Entscheidung wäre gewesen, die Eigentumswohnung zu verkaufen, den Lebensstil einzuschränken und das Problem zu lösen. Doch das will Jan M.
nicht. Für ihn ist die Vorstellung, dass sein Image zusammenbricht und die Menschen sehen, wer er wirklich ist, so unerträglich, dass die Alternative – eine Frau zu töten, der er Freundschaft vorgaukelte – für ihn offenbar die einfachere Lösung war. Noch am 19. April 2018, einen Monat vor der Tat, schreibt er an Irina A.
: „Mach dich nicht so verrückt wegen deinen Eltern, du gehörst doch schon zu meiner Familie. Ich lasse dich nicht alleine. Niemals. “ Kurz darauf bringt er sie dazu, eine Liste angeblicher Rückzahlungen anzufertigen, die nie stattgefunden haben – ein Alibi für die Zeit nach dem Mord.
Dann bestellt er sie nachts zu einem Treffen mit einem angeblichen neuen Investor in einen Frankfurter Naturpark. Auf dem Weg begegnen sie einem gemeinsamen Bekannten – das rettet Irina an diesem Tag das Leben. Jan entscheidet sich, die Tat zu verschieben. Er glaubt offenbar, der Zeitpunkt sei nicht günstig und könnte zu seiner Überführung führen.
Auch das zeigt, wie sehr er sich selbst überschätzt. Irina verbringt ihren letzten Tag emotional aufgewühlt. Sie geht feiern, besorgt sich Champagner und wieder Kokain. Dann zieht sie sich, wie von Jan angewiesen, dunkle und unauffällige Kleidung an und fährt erneut in den Park.
Diesmal zieht Jan unvermittelt ein Messer und sticht zu – 27 Mal. Irina hat keine Chance. Jan versteckt ihre Leiche im hohen Gras und fährt mit dem Motorrad nach Hause. Dort wäscht er das Blut ab und geht mit seiner Lebenspartnerin essen, als wäre nichts geschehen.
Doch sein Plan hat einen entscheidenden Fehler: Er hat sich selbst an der Hand verletzt, sein Blut klebt an der Leiche und am Tatort. Vor Gericht leugnet er bis zum Schluss und erfindet absurde Ausreden. Dennoch glauben viele, die ihn kennen, an seine Unschuld – ein Zeichen dafür, wie effizient er darin war, Menschen emotional zu manipulieren. Er wirkt wie ein freundlicher, sympathischer Mensch, der zu echten Beziehungen fähig ist.
Doch all das war nur Maske. Und erschreckenderweise halten einige bis heute an dieser Maske fest. Das Urteil des Landgerichts Frankfurt am Main wird vom Bundesgerichtshof am 27. Mai 2021 rechtskräftig bestätigt.
Jan M. muss mindestens 15 Jahre verbüßen. Bis heute, so vermuten Experten, wird er vermutlich nie bereit sein, die Wahrheit zu sagen – denn der Glaube der Menschen an ihn ist für ihn zu wertvoll, um ihn aufzugeben.


