Ich hielt eine 4000 Jahre alte Tonschüssel zum ersten Mal in der Hand und wusste sofort, dass alles, was ich über Pasta gelernt hatte, gelogen war. In der Schüssel lagen feine, gelbe Fäden –…

Ich hielt eine 4000 Jahre alte Tonschüssel zum ersten Mal in der Hand und wusste sofort, dass alles, was ich über Pasta gelernt hatte, gelogen war. In der Schüssel lagen feine, gelbe Fäden –...

Eine einzelne Zeitschrift der amerikanischen Nudelherstellervereinigung behauptete 1929, die Spaghetti seien nach einem erfundenen Matrosen namens „Spaghetti“ benannt worden, der Marco Polo auf seiner Reise nach China begleitet hatte. Niemand ahnte, dass aus diesem Werbetext eine weltweit geglaubte historische Tatsache werden würde. Sie schaffte es in Schulbücher, Zeitungsartikel und sogar in einen Hollywood-Film. Dabei kommt das Wort „Spaghetti“ ganz schlicht vom italienischen „spaghetto“, was nichts anderes als „dünne Schnur“ bedeutet.

Thumbnail

Um zu verstehen, woher die Nudeln wirklich kommen, muss man viel weiter zurückgehen. Etwa 4000 Jahre. Im November 2002 arbeiteten Archäologen der chinesischen Akademie der Wissenschaften an einer Ausgrabungsstätte namens Lajia. Die Gegend liegt in der Provinz Qinghai am Oberlauf des Gelben Flusses, eine karge, windgepeitschte Landschaft auf dem tibetischen Hochplateau.

Das Team grub sich Schicht für Schicht durch Sediment und Lehm, als es auf eine umgestürzte Tonschüssel stieß. Solche Schüsseln tauchen ständig auf. Die Forscher erwarteten nichts Besonderes. Doch als sie die Schüssel umdrehten, lagen darunter gelbe, dünne Fäden.

Sie sahen aus wie frisch zubereitete Nudeln, etwa 50 Zentimeter lang, zart, mit einem Durchmesser von ungefähr drei Millimetern. Sie ähnelten verblüffend den handgezogenen Lamiannudeln, die man heute noch in nordchinesischen Restaurants bekommt. Die Schüssel war durch ein gewaltiges Erdbeben und eine darauffolgende Überschwemmung verschüttet worden. Das Dorf Lajia war in Sekunden unter Schlamm und Geröll begraben worden, ähnlich wie Pompeji unter der Asche des Vesuvs.

Der Lehm hatte dabei eine luftdichte Versiegelung über der Schüssel gebildet und die Nudeln 4000 Jahre lang konserviert. Als Wissenschaftler die Reste mit Radiocarbondatierung untersuchten, kam die erste Überraschung: Die Nudeln bestanden nicht aus Weizen. Sie waren aus Rispenhirse und Kolbenhirse hergestellt – zwei Getreidearten, die in der Region seit Jahrtausenden angebaut wurden. Die Forscher hatten nur Sekunden, um Fotos zu machen, bevor die Nudeln an der Luft zu Pulver zerfielen.

4000 Jahre konserviert und dann innerhalb von Minuten zerstört. Die Bilder, die in diesen wenigen Sekunden entstanden, gingen um die Welt. Die Nudeln von Lajia sind bis heute der älteste physische Beweis für Nudeln auf der ganzen Welt. Und sie zeigen eines ganz deutlich: Nudeln sind keine Erfindung eines einzelnen Landes oder einer einzelnen Kultur.

Die chinesischen Nudeln aus Hirse und die italienische Pasta aus Hartweizen haben ungefähr so viel gemeinsam wie ein Kanu und ein Containerschiff. Beides schwimmt, beides transportiert – und doch sind Bauweise, Material und Zweck grundverschieden. Die eigentliche Geschichte der Pasta, wie wir sie heute kennen, führt nicht nach China. Sie führt in den Nahen Osten.

Arabische Nomaden standen vor einem praktischen Problem. Sie waren oft wochenlang durch Wüsten und entlang von Handelsrouten unterwegs und brauchten Nahrung, die nicht verdarb. Frischer Teig hielt sich nur wenige Stunden. Also entwickelten sie im 8.

oder 9. Jahrhundert eine Lösung: Sie mahlten Hartweizen zu grobem Grieß, der Semolina, formten daraus dünne Stränge und trockneten sie tagelang in der heißen Wüstensonne, bis jede Feuchtigkeit entwichen war. Das Ergebnis nannten sie „Itria“. Getrocknet hielt sich dieses Produkt monatelang, bei richtiger Lagerung sogar über Jahre.

Es war federleicht, platzsparend zu verstauen und schnell zuzubereiten. Soldaten trugen es auf Feldzügen, Seeleute auf langen Fahrten über das Mittelmeer, Händler auf ihren Karawanen. Schon im 9. Jahrhundert beschrieb der arabische Arzt Isho Bar Ali in seinem medizinischen Wörterbuch diese Itria als „schnurartige Formen aus Semolinagrieß, die vor dem Kochen getrocknet werden“.

Das ist eine der frühesten klaren Beschreibungen von getrockneter Pasta in der gesamten Menschheitsgeschichte. Der entscheidende Unterschied zu den chinesischen Hirsennudeln war der Hartweizen, auch Durum genannt. Durum hat deutlich mehr Eiweiß und einen höheren Glutengehalt als andere Weizensorten. Genau das macht die Pasta formstabil beim Kochen und elastisch beim Formen.

Und dann kamen die Araber nach Sizilien. Zwischen 831 und 1091 stand die Insel unter arabischer Herrschaft. Die neuen Machthaber brachten den Hartweizenanbau, fortschrittliche Bewässerungssysteme und eben jene Technik der Pastatrocknung mit. Sizilien erwies sich als perfekter Standort.

Das Klima war heiß genug zum Trocknen, die Böden ideal für den Hartweizenanbau, und die Lage im Zentrum des Mittelmeers bot Zugang zu Handelsrouten in jede Himmelsrichtung. Wie groß diese Industrie war, beschrieb ein Mann namens Muhammad al-Idrisi im Jahr 1154. Der arabische Geograf verfasste eines der ehrgeizigsten Werke des gesamten Mittelalters, in dem er einen Ort namens Trabia beschrieb als „einen bezaubernden Ort, reich an ganzjährigen Wasserläufen und Mühlen“. Dort wurde Pasta in solchen Mengen hergestellt, dass sie nicht nur ganz Kalabrien versorgte, sondern per Schiff in muslimische und christliche Gebiete exportiert wurde.

Schiffsladungen, wohlgemerkt. Nicht ein paar Säcke auf einem Karren. Al-Idrisi beschreibt eine industrielle Produktion mit funktionierendem Exportnetzwerk – Mühlen, angetrieben von Wasserläufen, Trocknungsanlagen, Handelspartner über das gesamte Mittelmeer verteilt. Und jetzt das entscheidende Detail: Al-Idrisi schrieb das im Jahr 1154.

Marco Polo wurde 1254 geboren. Genau 100 Jahre später. Als al-Idrisi die sizilianische Pasta-Industrie dokumentierte, existierte Marco Polo noch nicht einmal als Idee. Was hat Marco Polo dann tatsächlich geschrieben?

Nach 17 Jahren am Hof des Mongolenherrschers Kublai Khan kehrte Polo 1295 nach Venedig zurück. Im Gefängnis diktierte er seine Erlebnisse einem Mithäftling, der dafür bekannt war, Geschichten auszuschmücken. Was das Buch über Nudeln sagt, ist weniger, als die Legende behauptet. Polo erwähnt ein Nahrungsmittel aus dem Mehl der Sagopalme und vergleicht es mit etwas, das einem „Lagana“ ähnele – flache Teigblätter, die man in Italien längst kannte.

Genau das ist entscheidend: Polo beschreibt etwas Fremdes, indem er es mit etwas vergleicht, das er von zu Hause kennt. Er bringt keine neue Speise nach Italien. Er findet in China etwas, das ihn an italienisches Essen erinnert – und das setzt voraus, dass er dieses italienische Essen bereits kannte, bevor er nach China aufbrach. Ein Beweisstück zertrümmert die Marco-Polo-Theorie unwiderlegbar.

Im Spaghetti-Museum in Pontedassio liegt ein Dokument aus dem Jahr 1279: das Testament eines genuesischen Soldaten namens Ponzio Bastone. In seiner Nachlassliste vererbte er unter anderem einen Korb Makkaroni an seine Erben. 1279. Marco Polo befand sich zu diesem Zeitpunkt noch am Hof Kublai Khans in China.

Er würde erst 16 Jahre später heimkehren. Und trotzdem vererbte ein ganz normaler Soldat in Genua getrocknete Pasta, als wäre sie so gewöhnlich wie eine Wolldecke. Die Nudel brauchte keinen Entdecker und keinen berühmten Reisenden. Sie war längst da, fest verankert im Alltag des mittelalterlichen Italiens.

Bis ins 16. Jahrhundert war Pasta in weiten Teilen Italiens ein Essen für besondere Anlässe. Das änderte sich im 17. Jahrhundert grundlegend, als wirtschaftlicher Niedergang und wachsende Armut über Neapel kamen.

Gleichzeitig fielen die Produktionskosten für Pasta drastisch, weil mechanische Pressen große Mengen Makkaroni schnell und günstig herstellten. In den Gassen der Stadt hingen bald Nudeln von Balkonen und über die Straßen gespannten Leinen. Straßenhändler, die sogenannten Makaronari, kochten riesige Kessel voller Nudeln an offenen Ständen und verkauften Portionen für wenige Münzen. Die Kunden griffen mit der bloßen Faust hinein, hoben die Faust über den Kopf und ließen die heißen Fäden in den offenen Mund gleiten.

Kein Teller, keine Gabel, kein Besteck. Die Gewohnheit, Pasta al dente zu kochen, entstand übrigens aus dieser Straßenverkaufskultur: Die Makaronari kochten die Nudeln absichtlich kürzer, weil sie so schneller verkaufen konnten. Als Johann Wolfgang von Goethe 1789 die Stadt besuchte, notierte er verwundert, dass Makkaroni aller Art überall und zu niedrigem Preis zu finden seien. Neapel hatte damals bereits 280 Nudelläden.

Die Pasta war jetzt ein Volksessen. Aber es fehlte noch eine Zutat: die Tomate. Die Tomate kam im 16. Jahrhundert aus Amerika nach Europa und wurde zunächst mit tiefem Misstrauen behandelt.

Viele Europäer hielten die leuchtend rote Frucht für giftig. Es dauerte fast 200 Jahre, bis sich die Italiener trauten, sie ernsthaft in der Küche einzusetzen. Wann genau zum ersten Mal jemand Tomatensoße über Pasta kippte, weiß kein Mensch. Es gibt keinen dokumentierten Moment.

Aber Mitte des 19. Jahrhunderts war die Verbindung so fest in der neapolitanischen Identität verankert, dass man sich die Küche dieser Stadt ohne sie nicht mehr vorstellen konnte. Die ikonischste Kombination der Weltküche entstand nicht in der Versuchsküche eines berühmten Kochs. Sie entstand an offenen Straßenständen, aus Notwendigkeit, aus Sparsamkeit und aus dem glücklichen Zusammentreffen zweier Zutaten von verschiedenen Kontinenten.

Und dann kam Amerika ins Spiel. Thomas Jefferson, der dritte Präsident der Vereinigten Staaten, lebte als Botschafter in Frankreich und bereiste Europa. Als er nach Amerika zurückkehrte, brachte er einen französischen Koch, zahlreiche Rezepte und eine Nudelmaschine aus Neapel mit. Im Weißen Haus servierte er seinen Gästen Makkaroni mit Käse.

Die eigentliche Welle kam später. Zwischen 1880 und 1920 kamen über vier Millionen Italiener in die Vereinigten Staaten. Sie brachten ihre Rezepte und ihre Leidenschaft für Pasta mit. In den italienischen Vierteln von New York, Boston und Chicago eröffneten kleine Nudelfabriken und Restaurants.

Aber außerhalb der italienischen Gemeinden hatte Pasta ein Imageproblem. Die Einwanderer galten vielen als arm und kulturell unterlegen. Ihre Küche wurde als primitives Essen betrachtet. Makkaroni, das war etwas für Einwanderer, nichts für respektable amerikanische Familien.

Die Nudelindustrie wollte das ändern. Die National Macaroni Manufacturers Association veröffentlichte 1929 den Artikel mit der Geschichte vom Matrosen „Spaghetti“. Die Idee dahinter war simpel: Wenn man Nudeln nicht als rein italienisch, sondern als universelles Weltkulturerbe präsentierte, das Marco Polo aus dem mysteriösen China mitgebracht hatte, klang das exotisch genug, um Neugier zu wecken – und vertraut genug, um keine Berührungsängste auszulösen. Neun Jahre später kam Hollywood.

1938 erschien der Film „The Adventures of Marco Polo“ mit Gary Cooper in der Hauptrolle. In einer Szene sitzt der venezianische Entdecker in einem chinesischen Haus und probiert ein Gericht aus feinen langen Teigfäden. Er ist begeistert und nimmt das Rezept mit nach Europa. Danach zweifelte in Amerika kaum noch jemand an der Geschichte.

Marco Polo hatte die Nudeln aus China nach Italien gebracht. Das war Allgemeinwissen. Die Legende sprang zurück nach Europa, wurde in Schulbüchern nachgedruckt, in Reiseführern wiederholt, in Dokumentationen nacherzählt. Dass die ganze Sache auf einem Werbeartikel und einem Unterhaltungsfilm beruhte, ging vollständig unter.

Die echte Geschichte der Pasta umspannt 4000 Jahre und drei Kontinente. Sie beginnt bei den Hirsennudeln am Gelben Fluss, führt zu arabischen Nomaden, die aus Hartweizen und Sonne eine kulinarische Innovation schufen, und macht Halt in Trabia auf Sizilien, wo ein arabischer Geograf eine blühende Exportindustrie dokumentierte. Kein einzelner Entdecker hat die Pasta nach Italien gebracht. Stattdessen waren es Jahrhunderte langsamer Wanderung, des Handels und der Anpassung an neue Böden, neue Klimata und neue Geschmäcker.

Die Nudel reiste auf den Handelsrouten arabischer Kaufleute, in den Satteltaschen von Nomaden, in den Laderäumen sizilianischer Handelsschiffe und durch die Hände von Straßenverkäufern in Neapel. Und dann gibt es ein letztes Detail, das die Marco-Polo-Legende niemals liefern könnte: In der arabischen Sprache heißt die getrocknete Pasta „Itria“. Im sizilianischen Dialekt sagt man bis heute „Tria“, wenn man bestimmte Nudelsorten meint. Auf den Märkten von Palermo, in kleinen Orten an der Küste, in Familienküchen.

Das Wort hat die Epochen überlebt – die arabische Herrschaft, die normannische Eroberung, die Staufer, die spanischen Vizekönige, zwei Weltkriege. Es ist immer noch da, nach über 1000 Jahren. Ein einzelnes Wort, unauffällig und beständig, das die wahre Herkunft der Pasta verrät, wenn man weiß, wonach man sucht. Es brauchte keinen Matrosen namens Spaghetti, keinen Hollywood-Film und keine Werbekampagne.

Nur ein arabisches Wort in einem sizilianischen Dialekt, das seit über 1000 Jahren dasselbe bedeutet.