„Mom, was würdest du sagen, wenn ich dir erzähle, dass mich jemand umbringen will? “ – Diese Frage stellte die 18-jährige Tammy Lyn Leppard ihrer Mutter Linda Curtis. Es war eine Frage, die Linda bis an ihr Lebensende nicht mehr loslassen sollte. Dabei schien Tammys Leben wie ein Märchen zu sein.

Sie war im Februar 1965 in Florida geboren worden, mitten im Herzen der amerikanischen Kinder-Schönheitswettbewerbe. Schon mit vier Jahren stand sie zum ersten Mal auf der Bühne. Am Ende ihrer Kinderkarriere hatte sie über 280 Kronen gewonnen und an mehr als 400 Wettbewerben teilgenommen. Ihre Mutter arbeitete selbst als Modelagentin und hatte die Familie nach der Scheidung, als Tammy sieben war, allein durchgebracht.
Die Preisgelder waren da ein wichtiger Teil des Einkommens. Als Teenagerin wurde Tammy zum Model. 1978 schaffte sie es sogar auf das Cover des Teen Magazine. Doch ihr Ziel war größer: Sie wollte Schauspielerin werden.
Ein Bekannter ihrer Mutter, ein Theaterschauspieler, coachte sie. Jahrzehnte später erinnerte er sich noch an eine Stunde, in der die damals Zwölfjährige einen Monolog aus „Peter Pan“ vortrug. Schon damals war ihm klar: Aus dem Mädchen konnte etwas werden. 1980 ergatterte sie ihre erste kleine Rolle in „Little Darlings“.
1983 folgte ein Auftritt in „Spring Break“ – einem Film, der beachtliche 25 Millionen Dollar einspielte. Tammy war sogar die Person auf dem legendären Filmplakat. Es waren genau die Babyschritte, die den Weg nach Hollywood ebnen sollten. Natürlich war es wichtig, hinter der Kamera die richtigen Kontakte zu knüpfen.
Genau darum ging es bei einer Party, die zum Abschluss der Dreharbeiten für die „Spring Break“-Besetzung veranstaltet wurde. Es war ein sogenanntes „Out-of-Town-Wochenende“. Tam tys Mutter erlaubte ihr, ohne Aufsicht mitzufahren. Als Tammy von diesem Partywochenende zurückkam, war etwas anders.
Sie wirkte plötzlich zurückgezogen und abwesend. Ihr Ziehbruder Wing, der seit seinem elften Lebensjahr bei der Familie lebte, merkte es als einer der Ersten. Er fragte sie oft, ob sie etwas bedrücke. Meist wechselte sie das Thema oder sagte nur: „Ach, nichts“ und lachte weg.
Dann kam der Tag, an dem sie ihrer Mutter die Frage stellte, ob jemand sie umbringen wolle. Linda war wie vor den Kopf gestoßen. Nach der Party verschanzte sich Tammy erst einmal wochenlang zu Hause. Doch im März 1983 kam die Chance ihres Lebens: eine kleine Rolle in Brian De Palmas „Scarface“ mit Al Pacino.
Eigentlich hätte sie mehrere Drehtage haben sollen. Sie wohnte während der Dreharbeiten in Miami bei Walter, einem Freund der Familie. Doch nach nur vier Tagen klingelte bei Walter das Telefon. Der Castingdirektor sagte, Tammy habe am Set einen Nervenzusammenbruch erlitten.
Es ging um eine Szene, in der jemand erschossen wurde und künstliches Blut spritzte. Als Tammy das sah, begann sie hysterisch zu weinen. So schlimm, dass man sie in einen Trailer bringen musste. Walter holte sie ab.
Als er ankam, lief sie in dem kleinen Wohnwagen auf und ab und schluchzte immer wieder: „Sie werden mich umbringen. Ich weiß nicht, wo ich mich verstecken soll. “
Nach diesem Zusammenbruch ging es direkt zurück nach Hause. Aber statt sich zu erholen, wurden ihre Angstzustände schlimmer.
An manchen Tagen traute sie sich nicht zu essen oder zu trinken, aus Angst, vergiftet zu werden – sogar bei Gerichten, die ihre Mutter selbst gekocht hatte. Einmal machte sie Wing auf einen Van aufmerksam, der vor dem Haus parkte. Sie behauptete, die Scheiben seien verspiegelt, sodass die Besitzer sie beobachten könnten, ohne gesehen zu werden. Am 1.
Juli 1983 erreichte ihre Paranoia ihren Höhepunkt. Sie verließ das Haus, doch die Tür fiel ins Schloss – sie hatte keinen Schlüssel dabei. Wing war zu Hause und hätte ihr einfach öffnen können. Doch Tammy zertrümmerte stattdessen ein bodentiefes Fenster mit einem Baseballschläger.
Als Wing sie fragte, was das solle, stürmte sie auf ihn zu und wurde handgreiflich. Ihre Mutter brachte sie umgehend zu einem Arzt. Tammy wurde für drei Tage stationär in einer Klinik behandelt. Die Ärzte konnten sich ihre Angst und Paranoia jedoch nicht erklären.
Körperlich war sie völlig gesund, keine Drogen, kein Alkohol im Blut. Man entließ sie wieder. Auf dem Rückweg sagte sie zu ihrer Mutter: „Mom, versprich mir, wenn mir irgendwas passieren sollte, zahl es der Person an meiner Stelle heim. “ Als ihre Mutter fragte, was denn passieren solle, antwortete Tammy: „Ich weiß, dass du das nicht hören willst, aber er wird immer noch versuchen, mich umzubringen.
“
Später machte sie kryptische Andeutungen über die Party nach „Spring Break“. Sie habe etwas Schreckliches gesehen, etwas, das sie nicht hätte sehen sollen. Mehr sagte sie nicht. Nur einmal, während eines Zusammenbruchs, faselte sie etwas von Geldwäsche.
Ein paar Tage nach dem Baseballschläger-Zwischenfall verschwand Tammy Lyn Leppard spurlos. Am 6. Juli 1983 hatte Tammy eine Verabredung mit einem Freund namens Keith. Gegen Mittag verließ sie das Haus ihrer Mutter.
Ihrer Mutter fiel auf, dass Tammy sich nicht die Haare gekämmt hatte – für das immer perfekt gestylte Mädchen absolut unüblich. Keith sollte die letzte Person sein, die Tammy lebend sah. Er schilderte, dass die beiden mit dem Auto zum Strand fahren wollten, aber unterwegs in einen Streit gerieten. Tammy habe gesagt, sie wolle von zu Hause abhauen und bat ihn, sie nach Fort Lauderdale zu fahren.
Als Keith sagte, er bringe sie höchstens bis Cocoa Beach, eskalierte der Streit. Schließlich bat sie ihn, sie am alten Glassbank-Gebäude in Cocoa Beach abzusetzen, etwa acht Kilometer von ihrer Wohnung entfernt. Das tat Keith. Überwachungskameras zeigten später, dass Tammy tatsächlich auf dem nahegelegenen Parkplatz war.
Von dort ging sie zu einer Telefonzelle und versuchte, ihre Tante Ginger und einen Freund namens Ron anzurufen. Sie erreichte niemanden und hinterließ mehrere Nachrichten auf Anrufbeantwortern, die als dringlich beschrieben wurden. Was sie gesagt hat, ist bis heute unbekannt. Von dieser Telefonzelle aus verschwand sie.
Niemand hat sie je wiedergesehen. Die Polizei ging zunächst von einer Ausreißerin aus. Die Ermittlungen starteten erst nach einer Woche, denn Tammy war zwar psychisch instabil, aber auf dem Papier eine Erwachsene. 1985 gab es dann einen merkwürdigen Hinweis: Auf der Polizeistation in Cocoa Beach rief eine unbekannte Frau an und behauptete, Tammy Lyn Leppard lebe noch.
Sie würde sich bei den Behörden melden, wenn die richtige Zeit gekommen sei. Ein zweiter Anruf folgte: Tammy gehe es gut, sie würde zur Schule gehen, um Krankenschwester zu werden. Danach meldete sich diese Frau nie wieder. Woher die Anrufe kamen und ob die Polizei sie für glaubwürdig hielt, ist unklar.
Sie blieben ein Hoffnungsschimmer, dass Tammy den 6. Juli 1983 überlebt hat. Die anderen Theorien waren düsterer. Keith, der letzte, der sie lebend sah, rückte ins Visier.
Tammys Mutter erzählte den Medien, ihre Tochter habe Angst vor Keith gehabt. Doch Keith wurde nie als Verdächtiger benannt, nie angeklagt. Er lehnte einen Lügendetektortest ab und entzog sich auch einer einfachen Befragung. Aber die Polizei fand nichts, das gegen ihn sprach.
Es gab auch Gerüchte, Tammy sei zum Zeitpunkt ihres Verschwindens schwanger gewesen, im dritten Monat. Wer das behauptete und wer der Vater hätte sein sollen, ist bis heute unklar. Ein damaliger Kumpel von Tammy erzählte, das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter sei angespannt gewesen, nachdem Linda Tammy in die psychiatrische Klinik hatte einweisen lassen. Das habe die 18-Jährige ihrer Mutter übel genommen.
Linda hielt es allerdings für ausgeschlossen, dass ihre Tochter einfach abgehauen sei. Es ergab keinen Sinn – Tammy hatte sich auf eine dreimonatige Reise nach Kalifornien gefreut, um ihre Schauspielkarriere voranzutreiben. Sie wäre weit weg gewesen, wenn sie Abstand von ihrer Mutter gewollt hätte. Für Linda sprach das alles eher für ein Verschwinden durch fremde Hand – vor allem, da Tammy monatelang Angst gehabt hatte, dass ihr jemand etwas antun würde.
Die Spuren führten auch zu zwei Serientätern. Christopher Wilder, bekannt als „Beauty Queen Killer“, ermordete im Jahr nach Tammys Verschwinden mehrere junge Frauen, auch in Florida. Seine Masche: Er lockte junge Frauen mit dem Versprechen von Modeljobs ins Auto. Eines seiner Opfer entführte er sogar aus einem Einkaufszentrum, in dem Tammy einmal als Model aufgetreten war.
Wilder wurde 1984 bei einem Schusswechsel mit der Polizei getötet. Eine Verbindung zu Tammy konnte nie hergestellt werden. Linda verklagte seinen Nachlass trotzdem – nur, um den Fall ihrer Tochter in den Medien zu halten. Auch der Serienstraftäter John Brennan Crutchley, von den Medien „Vampir-Vergewaltiger“ genannt, war im Monat vor Tammys Verschwinden nach Florida gezogen.
Doch auch hier fehlten konkrete Anhaltspunkte. Tammy Lyn Leppard wurde nie gefunden. Ihre Mutter Linda Curtis starb zwölf Jahre nach dem Verschwinden ihrer Tochter im Jahr 1995 – nach Diabetes, zwei Herzinfarkten, geschäftlichen Problemen und zerbrochenen Beziehungen. Sie erfuhr nie, was aus ihrer Tochter geworden war.
Tammys Schwester Susan führt bis heute eine Facebookseite, um bei der Suche zu helfen. Auf ihre Bitte hin wurden sogar sogenannte Age-Progression-Bilder erstellt, die zeigen, wie Tammy heute aussehen könnte. Diese Bilder würden wohl nicht erstellt werden, wenn die Behörden nicht an die Möglichkeit glaubten, dass sie noch lebt.
Ob Tammy wirklich abgehauen ist und irgendwo Krankenschwester wurde, ob ihre Angst nach der Party berechtigt war oder ob sie Opfer eines Verbrechens wurde – das weiß bis heute niemand.


