Sie stand im Flur seiner New Yorker Wohnung und wusste sofort, dass etwas nicht stimmte. Die Augen an den Wänden, in einzelnen Rahmen importiert aus England, sollten angeblich für verwundete Soldaten angefertigt worden sein. Maria Farmer war 25, Künstlerin, und Jeffrey Epstein hatte ihr versprochen, ihre Karriere zu fördern. Sie war gekommen, um zu arbeiten.

Sie blieb, um zu überleben. Epstein war 1953 als Sohn einer ganz normalen Mittelstandsfamilie in Brooklyn geboren worden. Sein Vater arbeitete zunächst im Abrissgeschäft des Großvaters, später beim New Yorker Parkamt. Seine Mutter führte den Haushalt.
Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Mark wuchs Jeffrey in einer Welt auf, die nichts mit dem zu tun hatte, was später kommen sollte. Ein Klassenkamerad erinnerte sich, dass der junge Epstein ihm einmal sagte, er werde eines Tages sehr reich sein. In der Schule war er gut, besonders in Mathematik. Doch richtig durchstarten konnte er nicht.
Am Cooper Union College und später am Courant Institute belegte er Kurse, schloss aber nie ab. Trotzdem schaffte er 1973 den Sprung an die Dalton School, eine der exklusivsten Privatschulen Amerikas. Das Schulgeld liegt heute bei über 60. 000 Dollar im Jahr.
Der damalige Direktor legte wenig Wert auf formale Abschlüsse, Hauptsache, die Lehrer verstanden ihr Fach und waren interessante Persönlichkeiten. Epstein, damals 21, unterrichtete Mathematik und Physik. Er coachte das Mathe-Team, half bei einem Schulmusical mit und war bei den Schülern äußerst beliebt. Doch einige Schülerinnen fanden den jungen Lehrer seltsam.
Er soll oft mit Schülerinnen geflirtet haben. Eine ehemalige Schülerin berichtete später, Epstein habe versucht, Zeit mit ihr außerhalb der Schule zu verbringen. Sie meldete das dem Schulleiter. Es gab Gerüchte über eine ungewöhnlich enge Beziehung zu einer bestimmten Schülerin.
Jahre später behauptete eine andere Frau, Epstein habe sie im Alter von 14 Jahren eingeladen, bei ihm einzuziehen, und sie wiederholt sexuell missbraucht. Er bestritt alles, die Klage wurde fallengelassen. Der damalige Schulleiter behauptete, nie etwas von irgendwelchen Vorfällen gehört zu haben. Dieses Muster sollte sich wiederholen: Immer wusste angeblich niemand etwas.
Epstein verließ die Dalton School schließlich nicht wegen der Vorwürfe, sondern weil die Schulleitung Zweifel an seinen Lehrmethoden hatte. Für ihn kein Verlust. Denn 1976 lernte er auf einer Kunstausstellung in Manhattan die Eltern eines Schülers kennen. Sie waren beeindruckt von seinen Mathefähigkeiten und fragten, ob ein Job an der Wall Street nicht besser zu ihm passen würde als der Schulalltag.
Kurz darauf vermittelten sie ihm ein Treffen mit Ace Greenberg, einem hochrangigen Mitarbeiter der Investmentbank Bear Stearns. Greenberg war überzeugt von dem jungen Mann, obwohl der keinerlei Erfahrung im Finanzwesen hatte. Auch Michael Tennenbaum, ein weiterer Geschäftsmann bei Bear Stearns, war beeindruckt. Er sagte später: „Er war ein verdammt guter Verkäufer.
“
Epstein bekam die Stelle. Als Verkäufer verdiente er damals 25. 000 Dollar im Jahr, heute entspricht das etwa 140. 000 Dollar.
Ein gewaltiger Sprung nach vorn. Doch kaum ein Jahr später fiel eine Unregelmäßigkeit auf: In seiner Bewerbung hatte Epstein behauptet, er habe zwei Universitätsabschlüsse. Die Personalabteilung fragte nach und stellte fest, dass er nie an einer der genannten Universitäten eingeschrieben war. Epstein gestand Michael Tennenbaum die Lüge, als der ihn damit konfrontierte.
Er sagte, er habe gewusst, dass niemand ihn ohne Abschluss eingestellt hätte. Tennenbaum war entwaffnet von dieser plötzlichen Ehrlichkeit. Epstein behielt seinen Job. Und er machte weiter.
Immer wieder fielen manipulierte Spesenabrechnungen auf. Bei einer Konferenz in der Karibik stellte er Schmuck und Outfits für seine damalige Freundin in Rechnung. Die Finanzabteilung meldete das dem CEO, doch es gab keine Konsequenzen. Auch bei Insider-Geschäften soll er sich bereichert haben, erst mit kleinen Summen im vier- oder fünfstelligen Bereich, später mit immer größeren Beträgen.
Besonders wichtig wurde seine Verbindung zu Jimmy Kane, einem Mann, der ebenfalls über Ace Greenberg zu Bear Stearns gekommen war. Intern kursierten Gerüchte, Epstein besorge Kane Frauen und Drogen. Im Gegenzug öffnete Kane ihm die Türen zur Geschäftswelt. Epstein nutzte Frauen, um seine Position zu sichern.
Er begann eine Beziehung mit Ace Greenbergs Tochter, und die großzügigen Spesenabrechnungen wurden weiterhin übersehen. Nach vier Jahren bei Bear Stearns war Epstein in der New Yorker High Society angekommen. 1980 kürte das Frauenmagazin Cosmopolitan ihn zum „Bachelor des Monats“. Er wechselte seine Partnerin, die Beziehung zur Tochter des Greenbergs hielt nicht.
1981 wurde intern gegen ihn ermittelt, weil er seiner damaligen Freundin Zugang zu Börsengeschäften verschafft und einem Freund 15. 000 Dollar geliehen hatte, was gegen seine Regeln als Broker verstieß. Die Strafe: 500 Dollar Geldbuße und zwei Monate Suspendierung. Epstein stritt alles ab und kündigte stattdessen.
Sein Bonus von etwa 100. 000 Dollar wurde ihm trotzdem ausgezahlt. Er verließ Bear Stearns 1982 und reiste mit seiner neuen Partnerin Paula nach England. Sie stellte ihn einem alten Freund vor, einem Waffenhändler mit besten Kontakten zur britischen Oberschicht.
Epstein wurde ein gern gesehener Gast in der Familie, er unterrichtete sogar einen der Söhne. Im Gegenzug machte der Waffenhändler ihn zu seinem Berater. Auch dort soll Epstein nach einigen Jahren Spesenabrechnungen manipuliert haben, inklusive Luxushotels und Privatjets. Die Freundschaft endete im Streit.
Zurück in New York arbeitete Epstein als Berater, gemeinsam mit einem Anwalt, und verteilte Tipps zur Steuervermeidung. Er hielt Kontakt zu seinen alten Kontakten bei Bear Stearns. Über einen ehemaligen Kollegen kam er 1982 an einen Geschäftsmann namens Michael Stroll, der ihm 450. 000 Dollar anvertraute, angeblich für einen Öl-Deal, der nie existierte.
Zwei Jahre später war das meiste Geld verschwunden. Stroll verklagte ihn, doch 1993 entschied ein Richter, Epstein sei nicht persönlich haftbar. Das Geld war weg. Epstein hatte den finanziellen Grundstein für alles Weitere bekommen.
Sein Durchbruch zum Millionär kam über eine andere Verbindung: die spanische Schauspielerin Ana Obregón. Als die Börsenfirma Dry Stay Securities zusammenbrach und das Geld der Anleger verschwand, beauftragten die Obregóns und andere Familien Epstein mit der Suche. Bis heute weiß niemand, wie er es schaffte, aber er fand die Millionen. Dafür bekam er eine beträchtliche Summe.
In den späten 1980er Jahren lernte er über einen Kontakt bei Bear Stearns die Sekretärin Patricia Schmidt kennen, die dort arbeitete, und eine weitere junge Frau. Über sie hatte er Zugang zu den Büchern und Insiderinformationen der Bank. Gegen Ende der 1980er Jahre arbeitete er mit dem Geschäftsmann Steven Hoffenberg zusammen, der ein Pyramidensystem aufbaute und damit 500 Millionen Dollar von Kunden unterschlug. Hoffenberg wurde zu 20 Jahren Haft verurteilt und behauptete vor Gericht, Epstein habe das System mitentwickelt.
Epstein bestritt das und wurde nie angeklagt. Er machte weiter, trieb Aktienkurse mit falschen Übernahmeangeboten in die Höhe und verkaufte dann. Bis 1988 soll er ein Vermögen von 15 Millionen Dollar angehäuft haben. Über Bekannte wurde er Vorstandsmitglied der New York Academy of Arts, einer renommierten privaten Kunsthochschule.
Wieder ein Netzwerk. Über einen Flug 1987 lernte er den Versicherungsmakler Robert Meister kennen, der ihn mit dem Milliardär Les Wexner bekannt machte, dem Kopf von Victoria‘s Secret und einer der reichsten Männer Amerikas. Epstein erzählte Meister, er habe gehört, Wexners Finanzberater habe Geld veruntreut, und er könne helfen. Ein Jahr später wurde Epstein Wexners persönlicher Finanzberater mit voller Vollmacht über dessen Vermögen.
Er konnte Mitarbeiter einstellen, Schecks unterschreiben, Immobilien kaufen und verkaufen und Gelder überweisen. Wexners bisheriger Berater warnte: „Ich habe einen MBA von der Ohio State University, aber ich habe kein Wort verstanden von dem, was dieser Typ sagte. Ich habe zu Les gesagt: Halte dich fern von ihm. “ Wexner hielt sich nicht fern.
Er entließ den Berater, der danach jahrelang keinen Job mehr fand und zeitweise in seinem Auto lebte. Epstein soll behauptet haben, der Mann habe Wexners Gelder veruntreut. Auch andere in Wexners Umfeld warnten vor Epstein, sogar Robert Meister selbst versuchte, Wexner davon abzubringen. Wexner distanzierte sich von vielen Freunden, während sein Verhältnis zu Epstein immer enger wurde.
Bis heute ist unklar, wie Epstein ihn so fest an sich binden konnte. Über die Jahre übertrug Wexner ihm ein Privatflugzeug, ein Haus in New York und ein Anwesen in Ohio, einige unter Marktwert. Zusammen sind diese Werte heute etwa 100 Millionen Dollar wert. Insgesamt soll Epsteins Partnerschaft mit Wexner ihm zwischen 200 und 400 Millionen Dollar eingebracht haben.
Mit diesem Geld kaufte Epstein eine Villa in Palm Beach, nur wenige hundert Meter von Mar-a-Lago entfernt, dem Anwesen von Donald Trump. Die beiden waren damals eng befreundet. Epstein spendete an Politiker, begleitete einen demokratischen Abgeordneten nach Israel, knüpfte Kontakte in Politik und Wissenschaft. Er gründete seine eigene Stiftung, kam in Kontakt mit Harvard und der Rockefeller-Universität und wurde Mitglied der Trilateralen Kommission, eines Think-Tanks, der Politiker aus Nordamerika, Europa und Asien berät.
Er gab sich als Talentscout für Victoria‘s Secret aus, obwohl das Unternehmen angeblich keine Scouts einsetzte. Über die Journalistin Katherine Cryer lernte Epstein deren Freund Elliot Stein kennen, der ihn wiederum mit Leon Black bekannt machte, einem der Gründer von Apollo, einer der größten Vermögensverwaltungsgesellschaften an der Wall Street. Black sollte später Wexner als lukrativsten Klienten ablösen. 1993 traf Epstein über Wexner zum ersten Mal den US-Präsidenten Bill Clinton.
Die Journalistin Vicky Ward schrieb 2003 einen Artikel über Epstein für das Magazin Vanity Fair. Sie hatte mit drei Frauen gesprochen, die von sexueller Gewalt durch Epstein berichteten. Doch diese Aussagen wurden aus dem Artikel entfernt. Ward machte dafür den damaligen Chefredakteur Graydon Carter verantwortlich, der die Aussagen der Frauen nicht geglaubt habe.
Carter bestritt das: Es habe keine drei offiziellen Quellen gegeben, und ohne Zeugen, die vor Gericht aussagen würden, hätte der Artikel rechtlichen Risiken nicht standgehalten. Die Frauen hätten die Verantwortung tragen müssen, was emotional und finanziell unerträglich gewesen wäre. Eine der Frauen sagte: „Der Rat, den ich bekam, war: Er ist so reich. Er kann dich bekämpfen, er kann dich lächerlich machen, er kann das den beiden Betroffenen antun.
Und genau das hatte ich befürchtet, dass er wissen würde, wo sie wohnen, und jemanden schicken könnte, wenn sie abends mit dem Hund spazieren gehen. “
Während Ward an dem Artikel arbeitete, soll Epstein sie ständig gefragt haben: „Was hast du über die Mädchen? Was weißt du über die Mädchen? “ Er rief den Verleger an, setzte ihn unter Druck, schickte angeblich gefälschte Briefe von Wards Quellen.
Er tauchte persönlich im Vanity-Fair-Büro auf und fragte, in welchem Krankenhaus Ward ihre Zwillinge zur Welt gebracht habe. Ward engagierte einen Sicherheitsdienst, weil sie wusste, dass Epstein in mehreren Kliniken gespendet hatte. Bereits 1996 hatte sich eine Frau an die Behörden gewandt: Maria Farmer. Sie arbeitete im Sommer an einem Kunstprojekt in Les Wexners Villa, von Epstein beauftragt.
Sie sollte Bilder für die Kulisse eines Hollywood-Films mit Jack Nicholson malen. In Epsteins New Yorker Wohnung hatte sie zuvor seltsame Dinge beobachtet: Regierungsbeamte, die ein- und ausgingen, und minderjährige Mädchen, die von Ghislaine Maxwell täglich zu ihm gebracht wurden, angeblich für Victoria‘s-Secret-Castings. Einmal soll Epstein zu Donald Trump gesagt haben: „Sie ist nicht für dich da. “ Trump habe später bemerkt, Maria sehe aus wie höchstens 16.
In Wexners Villa fühlte sich Maria ständig beobachtet. Sie musste um Erlaubnis für alles bitten, das Gelände war von bewaffneten Sicherheitsleuten und Hunden bewacht. Nach etwa acht Wochen riefen Epstein und Maxwell sie eines Tages ins Schlafzimmer und begingen sexuelle Übergriffe an ihr. Maria floh und rief die Polizei.
Am anderen Ende der Leitung sagte man ihr: „Wir arbeiten für Les Wexner. “ Die Beamten waren tatsächlich bei Wexners Sicherheitsdienst unter Vertrag. Maria rief ihren Vater an, der sie abholte. Auch ihre 16-jährige Schwester Annie berichtete nach ihrer Rückkehr von sexuellen Übergriffen durch Epstein und Maxwell.
Epstein hatte Annie angeblich eine Auslandsreise finanziert, um ihren Lebenslauf aufzubessern, damit sie an einer Ivy-League-Universität aufgenommen würde. Die beiden Schwestern versuchten, Anzeige bei der Polizei in New York zu erstatten. Die Beamten sagten, sie seien nicht zuständig, der Tatort liege in Ohio. Maria wandte sich an das FBI.
Sie berichtete auch, dass Fotos und Negative fehlten, die sie von ihren Schwestern gemacht hatte, darunter Nacktaufnahmen der 16-jährigen Annie und der 12-jährigen jüngeren Schwester. Sie vermutete, Epstein habe sie gestohlen. Er soll sie zuvor aufgefordert haben, Fotos von jungen Mädchen im Schwimmbad zu machen, und gedroht haben, ihr Haus anzuzünden, wenn sie jemandem davon erzähle. Maria gab ihre Aussage beim FBI ab, doch sie hörte nie wieder etwas von den Behörden.
Keine Rückfragen, keine Antworten. Jahre später wurde sie in den Medien als Lügnerin dargestellt. Erst im Dezember 2025 zeigten freigegebene Dokumente, dass sie tatsächlich eine Aussage gemacht hatte. Die Behörden hatten offenbar nichts unternommen, obwohl Maria Epstein beschuldigt hatte, intime Fotos von Minderjährigen zu besitzen.
In den FBI-Transkripten fehlten jedoch die Namen von Ghislaine Maxwell und Donald Trump, obwohl Maria sie erwähnt haben will. Im selben Jahr 1996 wurde das Management von Victoria‘s Secret darüber informiert, dass Epstein versucht hatte, in die Besetzung von Models für den Katalog einzugreifen. Wexner versprach, sich darum zu kümmern. Es geschah nichts.
1997 meldete sich das Model Alicia Aden bei der Polizei. Epstein hatte ihr einen Modeljob für Victoria‘s Secret versprochen und sie in ein Hotelzimmer in Santa Monica bestellt. Dort machte er abfällige Bemerkungen über ihre Figur, bat sie näher zu kommen, betastete sie, versuchte sie zu entkleiden und sagte, er wolle sie vergewaltigen. Alia floh weinend.
Eine Woche später erstattete sie Anzeige. Sie wollte andere Frauen schützen. Später erzählte sie, Epstein habe versucht, sie mit einem 100-Dollar-Schein zu besänftigen. Sie habe abgelehnt und gesagt, sie sei keine Prostituierte.
Eine Frau sei ihr sogar barfuß nachgelaufen, um ihr das Geld zu geben. Erst dann habe sie es angenommen und sei davongefahren. In den Akten fehlt dieser Aspekt. Die zuständige Behörde gab an, Aden habe keine Strafverfolgung gewünscht, sondern Epstein nur ermahnen wollen.
Alia bestritt das entschieden. Sie habe ihre Aussage vor einem männlichen Polizisten gemacht, der sie gefragt habe, ob sie wirklich eine Anzeige aufgeben wolle, schließlich sei sie freiwillig in Epsteins Hotelzimmer gegangen. Eine Woche später ging sie erneut zur Polizei, um sicherzustellen, dass eine Anzeige aufgenommen wurde. Sie sagte später in einem Interview: „Wenn du mich damals ernster genommen hättest, hätte das all diesen Mädchen helfen können.
Es hätte verhindert werden können. “


