Mein Mann Rudi stand in der Küche und löffelte die Nudelsuppe, die ich für ihn auf dem Herd hatte stehen lassen. Doch dann hielt er inne, nahm den Topf und ging zur Terrassentür hinaus. Unsere zwei Schäferhunde, der alte Lux und unser Welpe Carl, kamen sofort angeschossen. Rudi kippte ihnen die Reste der Suppe in ihre Näpfe.

Ich weiß noch, wie ich aus dem Wohnzimmer das Schmatzen hörte. Keine Minute später fing Carl an zu würgen. Dann übergab sich Lux. Beide Hunde lagen zitternd auf der Terrasse, und mir wurde eiskalt.
Das war nicht einfach nur ein Magenproblem. Das war schon wieder ein Anschlag. Wir wussten es in dem Moment, noch bevor wir die Überwachungskameras auswerteten. Seit November vergiftete jemand unser Leben.
Es begann mit einer Nacht, in der unser Welpe Carl ein Stück Schweinemett im Garten fraß. Das Fleisch war mit Schneckenkorn präpariert. Carl bekam Krämpfe, seine Körpertemperatur stieg auf 41,5 Grad. In der Tierklinik sagten sie uns, unbehandelt wäre er sicher gestorben.
Wir waren entsetzt, wer konnte so einen Hass in sich tragen? Wir suchten das gesamte Grundstück ab. Überall fanden wir das blaue Gift: im Zwinger, in der Hundehütte, auf den Gehwegen, in den Ritzen der Wiese. Wir hängten Flugblätter auf.
Wir riefen die Polizei. Doch niemand hatte eine Spur. Die Beamten meinten, es sei wohl ein Hundehasser. Dann wurde unser Auto beschädigt.
Ein faustgroßes Loch in der Frontscheibe, die Motorhaube voller Glassplitter. Daneben lag ein Pflasterstein. Wenig später, auf dem Weg zur Arbeit, hörte ich einen Knall. Wieder ein Stein, wieder nur Blechschaden.
Dann blockierte jemand eine einsame Waldstraße, und als ich ausstieg, schlug etwas Rundes in mein Fahrzeug ein. Die Polizei vermutete ein Luftgewehr oder eine Zwille. Ich hatte solche Angst, dass ich nicht mehr zum Hundesporttraining ging. Ich, die 2016 noch Deutsche Meisterin mit meinem Schäferhund Lux geworden war, traute mich nicht mehr aus dem Haus.
Die Beamten konnten uns nicht schützen. Zu geringfügig waren die Taten, zu wenige Spuren. Sie rieten uns, selbst Kameras zu installieren. Wir hängten zwei auf.
Doch das Schlimmste kam erst noch. An dem Abend im Februar überlebte mein Mann nur, weil er die Suppe nicht selbst aß. Meine Freundin Julia, die bei der Kriminalpolizei arbeitet, sagte am Telefon: „Friert das Erbrochene ein, das ist ein Beweismittel. “ Ich stand da mit einem Gefrierbeutel in der Hand und dachte: Wir müssen diesen Menschen finden.
Also rüsteten wir auf sieben Kameras auf. Wochenlang passierte nichts. Bis zum 17. März.
Da sahen wir zum ersten Mal eine Gestalt auf unserem Grundstück. Völlig vermummt, mit Skibrille, Skimütze und Handschuhen. Die Person entdeckte unsere Kamera, erschrak, riss sie ab und warf sie weg. Mein Mann Rudi sah sich die Bilder an und wurde blass.
„Das ist Enrico R. aus dem Tennisverein“, sagte er. Nur die Nase war zu sehen, aber Rudi erkannte ihn sofort. Die Polizei interessierte sich zunächst kaum dafür.
Sie stellten einen Durchsuchungsbeschluss, aber nur wegen zweier gestohlener Batterien aus der Kamera. Meine Freundin Julia aber schaute tiefer in die Akten. Und dann rief sie mich an. Ihre Stimme zitterte: „Julia, der hat schon zwölf Jahre gesessen.
Wegen versuchten Mordes. “
Ich konnte nicht sprechen. Zwölf Jahre. In Bayern.
Wir wussten nichts davon. Dort, im Jahr 2000, hatte Enrico R. versucht, den Vater seiner damaligen Freundin mit Arsen zu töten. Der Mann hieß Hans J.
und war Justizwachtmeister. Es begann mit einer unerklärlichen Krankheit: Übelkeit, Erbrechen, Gangstörungen. Der Hausarzt dachte an Multiple Sklerose. Bis ein Labor eine 78-fach erhöhte Arsenkonzentration im Blut fand.
Ohne diesen Zufall wäre Hans J. gestorben. Was war damals geschehen? Enrico R.
hatte sich in den verheirateten Hans J. verliebt. Er sagte zu ihm: „Ich will, dass du mein einziger Freund bist. “ Als Hans J.
das nicht erwiderte, hasste er ihn. Er zog bei der Tochter ein, versteckte ein Mikrofon im Schlafzimmer der Eltern und lauschte. Als sie ihn entdeckten, warf man ihn raus. Kurz darauf begann das Gift.
Und jetzt, fast zwanzig Jahre später, stand dieser Mann vor unserem Haus. Es war nicht nur ein Hundehasser. Es war ein Mann, der sich an einer ganzen Familie rächen wollte, weil er seine Liebe nicht bekam. Er hatte sich in Rüdesheim in den Tennisverein eingeschlichen, war inoffizieller Platzwart geworden.
Niemand ahnte etwas. Die Polizei durchsuchte sein Haus. Sie fanden ein Luftgewehr, Säure über Fahrzeugen, aufgestochene Reifen. Und in der Küche stand ein Topf.
In dem Topf war Nudelsuppe.


