„Ja, wir könnten ja miteinander reden“, sagte er plötzlich aus heiterem Himmel, „aber ich hätte da schon etwas von euch gehabt. Ich trinke gerne Vita Cola, ich rauche gern, trinke Kaffee und esse am liebsten diesen Camembert – aber nicht den im Silberpapier, sondern den im Goldpapier. “
Hans Tiers, damals Ermittler bei der Kripo Gera, stockte der Atem. Der Mann, den er da in Dresden vernahm, war wegen eines Raubmordes inhaftiert.

Tiers und seine Kollegen hatten ihn befragt, weil sie hofften, er könne etwas zum ungeklärten Mord an dem Polizisten Lutz L. sagen. Und nun das: Der Gefangene schien reden zu wollen – aber nur gegen Cola, Kaffee, Zigaretten und Käse. „Das war natürlich ein Hinweis für uns“, erinnert sich Tiers.
„Aha, der will mit uns kommunizieren. Will er uns verarschen? Will er uns auf eine falsche Fährte führen? Oder ist es wirklich so?
“
Die Beamten besorgten, was verlangt wurde. Vita Cola, Kaffee, Zigaretten und den Camembert in Goldpapier. „Da sollte der sehen, dass wir es ernst meinen“, sagt Tiers. Die Vernehmungen zogen sich über Wochen hin.
Immer wieder neue Colaflaschen, immer wieder Käseportionen. Und dann, Stück für Stück, begann Horst S. zu erzählen. Es war der 14.
Juni 1979, drei Uhr morgens. In Gera klingelte bei der Feuerwehr das Notruftelefon. Ein Nachbar in der Ernst-Thälmann-Straße war durch beißenden Rauchgeruch aufgewacht und hatte die Einsatzkräfte alarmiert. In der Wohnung im ersten Stock drang beißender Qualm aus der Tür.
Die Feuerwehrleute handelten schnell: Sie drehten den Haupthahn des Gasanschlusses zu, bevor sie die Wohnung betraten. Was sie dort fanden, war ein Schlachtfeld der Verwüstung. Bierflaschen, Weinflaschen, benutzte Gläser, volle Aschenbecher mit Zigarettenkippen. Es roch nach einer durchzechten Nacht.
Und inmitten dieses Chaos lag ein toter Mann. „Man hatte nur so ein weißes Unterhemd und eine Hose an“, erinnert sich Hans Tiers. „Unter diesen Umständen wussten wir natürlich klar, dass es ein Polizist war, denn die Uniform hing am Korridor. “
Es war die Uniformjacke eines Hauptwachtmeisters.
Dazu zwei Polizeimützen – eine Winter-, eine Sommermütze. Der Tote war Lutz L. , ein Polizist, der allein lebte und offenbar vor seinem Tod noch Besuch gehabt hatte. Die Ermittler standen vor einem Rätsel.
Zunächst mussten sie alle Möglichkeiten prüfen: Selbstmord? Unglücksfall? Doch der Befund war eindeutig. An zwei verschiedenen Stellen in der Wohnung war Feuer gelegt worden.
Die Feuerwehr hatte einen Schwelbrand gelöscht. Ein Verbrechen war naheliegend. Die Obduktion im Bezirkskrankenhaus Gera brachte Gewissheit. Lutz L.
war an einer Gasvergiftung gestorben. Der Blutalkoholwert lag bei unfassbaren 4,2 Promille, und er hatte 67 Prozent Kohlenmonoxid eingeatmet. Aber er hatte noch eine Weile gelebt, während das Leuchtgas ausströmte – denn in seinen Atemwegen fanden sich Rußpartikel aus dem Schwelbrand. In der Wohnung wurden keine Fingerabdrücke gefunden.
Doch den Ermittlern fiel auf, dass Gegenstände fehlten. Wertgegenstände waren entwendet worden. War es ein Raubmord? Die Polizei veröffentlichte Abbildungen der fehlenden Dinge, hoffte auf Zeugen.
Doch niemand meldete sich. Sie rekonstruierten die letzten Stunden des Polizisten. Gegen Mitternacht hatte Lutz L. seine Stammkneipe verlassen, mit einem prall gefüllten Beutel voller Wein- und Bierflaschen.
Er wollte nach Hause gehen – in die Anton-Saefkow-Straße. Aber niemand hatte ihn auf dem Heimweg gesehen. Monate vergingen. Hans Tiers und seine Kollegen waren Anfang August 1979 so gut wie ausermittelt.
„Wir waren ein bisschen frustriert, weil viele Ermittlungsergebnisse ins Leere gelaufen sind, obwohl wir intensiv gearbeitet haben“, sagt Tiers. Dann kam der entscheidende Anruf aus Dresden. Dort arbeitete die Polizei an einem Raubmordfall und hatte zwei Verdächtige in Haft: Horst S. und Uwe J.
, beide 20 Jahre alt. Die Dresdner Kollegen hatten eine kriminalistische Information zusammengestellt, die auf ähnliche Taten hindeutete. Hans Tiers und drei Kollegen sollten die beiden Männer zum ungeklärten Fall in Gera vernehmen. Tiers begann mit Horst S.
, der ihm zugänglicher schien. Und dann kam dieser Satz mit der Cola und dem Käse. Die Beamten spielten das Spiel mit. „Er kann es bekommen“, sagten sie, „aber es muss eine Gegenleistung entstehen.
“ Horst S. nickte. „Ich mach das schon. “
Sie vereinbarten: Er würde über die Tat in Gera sprechen.
„Wir waren in einer Stadt mit G“, sagt Tiers. „Und plötzlich waren wir angespannt. “
Es kostete sie noch etliche Colaflaschen und Käseportionen, bis Horst S. endlich alles zugab.
„Wir haben in der Folge eindeutig die Tötung gestanden“, erinnert sich Tiers. „Als sie die Wohnung betreten haben, waren sie eigentlich ein bisschen erschrocken, weil sie wussten: Sie sind in der Wohnung eines Polizisten. Und da gab es zu der Zeit den Ausspruch: ‚Pass auf, hier – den müssen wir fertig machen, den müssen wir umbringen, weil wir sind jetzt in der Bullenwohnung. Da kann uns nur Schlimmes passieren, dass wir mit viel höheren Strafen rechnen müssen.
‘“
Die beiden Männer hatten den Polizisten überwältigt, während er betrunken war. Sie hatten das Gas aufgedreht, Feuer gelegt und die Wohnung geplündert. Horst S. und Uwe J.
wurden wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Hans Tiers, heute pensioniert, erzählt die Geschichte vom Geständnis für Cola und Käse noch immer. „So etwas habe ich in meiner gesamten kriminalistischen Laufbahn nicht erlebt“, sagt er. „Und wenn ich es anderen Kriminalisten erzählt habe, haben auch die gesagt: So eine Situation hatten wir nie – dass uns das ermöglicht hat, die Täter zu knacken.
“
Doch nicht jeder Fall endet mit einem so absurden, aber glücklichen Zufall. Bielefeld, 21. März 1990. Am frühen Nachmittag entdeckten zwei junge Mädchen auf einem Spielplatz die Leiche eines Mannes.
Der Kopf war schwer verletzt. Die Kinder alarmierten sofort die Polizei – die heute den Ort im „typischen Bielefelder Bahnhofsmilieu“ verortet. Kriminalhauptkommissar Markus Mertens rekonstruiert die Ermittlungen von damals. „Die Einsatzkräfte haben in einem Gebüsch einen männlichen Leichnam gefunden“, sagt er.
„Den Einsatzkräften war sofort klar, dass es sich um ein Tötungsdelikt handelt. “
Neben der Leiche lag die mutmaßliche Tatwaffe: ein Ziegelstein mit Blutspuren. Der Tote war Erhard Büker, ein 52-jähriger Angestellter einer lokalen Zeitung. Zeugen beschrieben ihn als liebenswürdig und umgänglich.
Er lebte allein und war homosexuell. Am Vorabend hatte Büker die „Sperlingsgasse“ besucht, eine Gaststätte im Bahnhofsviertel. Dort hielt er sich mehrere Stunden auf. Zwischendurch verließ er das Lokal, um Bargeld zu holen.
Um 21:58 Uhr hob er 200 D-Mark an einem Geldautomaten ab. Danach ging er zum Spielplatz – und wurde dort brutal getötet. Die Obduktion bestätigte: Erhard Büker starb durch massive stumpfe Gewalt gegen Kopf und Oberkörper. Seine Geldbörse samt Bargeld und EC-Karte ist bis heute verschwunden.
„Natürlich springt einem sofort die Habgier an“, sagt Mertens. Doch ob Hass auf Homosexuelle oder Verdeckungsabsicht eine Rolle spielten, blieb unklar. Zeugen hatten Büker am Abend seines Todes mit einem Mann mit blonden Haaren gesehen. Ein Phantombild wurde erstellt, die Öffentlichkeit eingeschaltet – vergeblich.
„Nach intensivem Aktenstudium bezweifeln wir heute sogar, dass diese Person mit der Tat etwas zu tun haben könnte“, sagt Mertens. Doch dann entdeckten die Ermittler in Bükers Wohnung einen Zettel mit einer Adresse in Halle, in der damaligen DDR. Sie kontaktierten ihre Kollegen im Osten – eine der ersten Zusammenarbeiten nach der Grenzöffnung. Zwei Personen in Halle gaben an, geplant zu haben, Büker zu überfallen.
Sie sagten aus, ein dritter Mann habe gestanden, Büker erschlagen zu haben. Doch der Verdächtige hatte ein Alibi: Exakt zum Tatzeitpunkt machte er vor Gericht eine Zeugenaussage. Auch seine Komplizen kamen nicht in Frage. Rund 100 Personen aus Bükers Umfeld wurden überprüft – ohne Ergebnis.
Die Akten wurden geschlossen. 2003, dreizehn Jahre später, untersuchten Experten die Asservate im Labor auf fremde DNA. Sie wurden fündig – doch die Spur war unvollständig und nicht für einen maschinellen Abgleich geeignet. Die Akte wurde erneut geschlossen.
2023 gründete die Polizei Bielefeld eine Cold-Case-Einheit und rollte den Fall neu auf. Mit modernster Technik konnte die damals rudimentäre DNA-Spur fast vollständig ausgeschärft werden. „Wir haben große Hoffnung, dass wir den Fall auch 35 Jahre später noch klären können“, sagt Mertens. Mehr als die Hälfte der rund 100 Kontaktpersonen hat bereits eine Speichelprobe abgegeben.
Für Hinweise wurde eine Belohnung von 7. 000 Euro ausgelobt. „Es ist ein gutes Gefühl, dass es uns gelungen ist, die Spur so weit zu verbessern, dass sie heute zu einem Täter führen kann“, sagt Mertens. Wann die Prüfungen abgeschlossen sind, ist unklar.
Sicher ist: Zum ersten Mal seit Jahrzehnten gibt es eine realistische Chance. Ein Tatort, der aussah wie ein Schlachtfeld. Überall Blut. Messerstiche, die man trotz der Dunkelheit schon erkennen konnte.
„Der Tatort sah aus wie ein Schlachtfeld“, erinnert sich Hauptkommissar Ulrich Bux. „Es war sehr, sehr viel Blut, gerade in dem eigentlichen Tat-Zimmer. “
Münster, 30. Mai 1996.
In einem kleinen Studio am Stadtrand arbeitete die Prostituierte Lydia S. Sie war allein, wenn sie ihre Freier empfing – und das wurde ihr an diesem Abend zum Verhängnis. „Die Leiche war sehr übel zugerichtet“, sagt Bux. „Sie wies mehrere Messerstiche auf.
“ Das Opfer trug wieder normale Unterwäsche – offenbar war es nach dem Geschlechtsakt zur Tötung gekommen. Bux dokumentierte alles mit einer Videokamera. Die Matratze war mit Messerstichen übersät. „Die Einstiche gingen bis ins Lattenrost“, sagt er.
„Eine komplette Durchstichtiefe von bis zu 14 Zentimetern. “ Das Opfer erlitt mehr als 80 Messerstiche und verblutete. Die Wohnung war komplett durchwühlt. Doch der Täter hatte viele Spuren hinterlassen: Blutspuren, die eindeutig nicht vom Opfer stammten, ein benutztes Kondom mit Sperma und blutbefleckte Schuhfragmente.
„Die Spurenlage war eigentlich ausgezeichnet“, sagt Bux. „Ich hatte gute Hoffnung, den Täter schnell zu finden. “
Hinter dem Bett fand das Team ein Etui mit drei Schlüsseln. „Wir konnten ziemlich sicher sein, dass dieses Etui nicht dem Opfer gehörte“, sagt Bux.
„Und wenn etwas am Tatort gefunden wird, das nicht zum Opfer gehört, ist man schon sehr euphorisch. “
Einer der Schlüssel gehörte zu einem Motorroller. Deshalb glaubte Bux, der Täter müsse aus Münster kommen. Die anderen Schlüssel sahen aus wie Haustürschlüssel – und das brachte ihn auf eine Idee.
„Wir haben 100 Kopien des Schlüssels anfertigen lassen“, erinnert sich Bux. „Sind mit Kräften einer Einsatzhundertschaft durch die Straßen von Münster gezogen. An 43. 000 Privatobjekten haben wir die Schlüssel ausprobiert.
Bei sechs Objekten passten sie – aber das waren ausgeleierte Schlösser. Die Personen konnten wir als Täter ausschließen. “
Die Aktion führte zu nichts. Doch Bux gab nicht auf.
Er recherchierte, wer das Etui hergestellt hatte: 68. 000 Exemplare waren aus Hongkong nach Europa importiert worden, 43. 000 davon verkauft. Er versuchte, alle Käufer zu überprüfen – ohne Erfolg.
Bux vermutete, der Täter könnte vorbestraft sein. Aber alle überprüften Straftäter hatten ein Alibi oder kein Motiv. Und ein Mann, der so brutal zuschlägt, ist gefährlich. „Bei Fremdtätern besteht jederzeit die Gefahr, dass er sofort wieder zuschlägt“, sagt Bux.
Eineinhalb Jahre nach dem Mord war die DNA-Analyse endlich so weit fortgeschritten, dass Spuren zugeordnet werden konnten. Bux speiste die DNA vom Tatort in die neue Datenbank ein – keine Übereinstimmung. Fünf Jahre später kam die spektakuläre Wende: Ein Mann wurde wegen mehrerer Sexualstraftaten festgenommen und erkennungsdienstlich behandelt. Seine DNA stimmte mit der vom Tatort überein.
Der Täter war ein 24-Jähriger aus einer normalen Familie, der noch bei seinen Eltern lebte. Aber er hatte bereits fünf Jahre wegen eines brutalen Überfalls auf eine Joggerin abgesessen – eine Woche nach seiner Haftentlassung hatte er Lydia S. ermordet. „Ein sehr, sehr extremer Rückfall“, sagt Bux.
Bei seiner Vernehmung gestand der Mann und fertigte eine Skizze des Tatablaufs an. Er beschrieb, wie er Lydia vom Bett aus attackiert hatte, wie sie zur Tür fliehen wollte, wie er sie zurückzog und sie schließlich vor dem Bett mit den tödlichen Stichen tötete. Das Chaos in der Wohnung entstand durch die Tat selbst – nicht durch die Suche nach Beute. „Das gehörte zu seinen Fantasien, Personen zu fesseln, aber auch zu töten“, sagt Bux.
„Er zeigte keine Reue. Man konnte sehen, wie die Tat wie in einem Film bei ihm ablief und er sich an ihr ergötzte. “
Nach dem Mord floh der Täter mit dem Zug zurück in seinen 60 Kilometer entfernten Heimatort. Dort fand Bux endlich auch die Haustür, zu der der Schlüssel passte.
2002 brachte er den Mann vor Gericht: lebenslange Haft plus Sicherungsverwahrung. „Er sitzt heute noch ein. Gott sei Dank“, sagt Bux. „Er ist extrem gefährlich.
“
Währenddessen in Südtirol: Bozen, 5. Januar 2021. Gegen 16 Uhr meldet ein Sohn seine Eltern als vermisst: Peter N. und Laura P.
, ein pensioniertes Lehrerpaar. Sie hätten am Vorabend die Wohnung verlassen. Der 30-jährige Benno N. wohnte seit sechs Monaten wieder bei seinen Eltern.
Er habe bei einer Freundin übernachtet, erzählte er. Am nächsten Morgen sei er zurückgekehrt, um den Hund auszuführen. „Ich bin früh zurückgekommen“, sagte er später. „Wenn die Schlafzimmertür geschlossen ist, heißt das, sie schlafen noch.
Ich habe den Hund genommen, bin spazieren gegangen, und als ich zurückkam, waren sie weg. “
Capitano Ferdinando Nasta von der Carabinieri in Bozen übernahm die Ermittlungen. Schnell machten ihn die Aussagen des Sohnes stutzig. Warum war Benno am Vorabend mit dem Wagen seines Vaters zur Freundin gefahren – obwohl der Vater das Auto angeblich nie verlieh?
Auch sonst verhielt sich Benno auffällig. Am 7. Februar, drei Tage nach dem Verschwinden der Eltern, wurde er zufällig beobachtet, wie er mit dem Volvo seines Vaters zu einer Waschstraße fuhr. „Er wollte das Auto säubern“, sagt Nasta.
„Um das zu verhindern und den Zustand des Wagens zu konservieren, haben wir ihn angehalten und das Auto beschlagnahmt. “
Am 8. Januar machten Polizisten an einer Brücke über die Etsch, vor den Toren Bozens, eine entscheidende Entdeckung. Im Schnee lag ein Abdruck – daneben rot gefärbter Schnee.
Ein Test ergab: Es war Blut. Die Proben wurden zur Analyse nach Parma geschickt. „Da war jemand im Schnee abgelegt worden“, sagt Nasta. „Der Schnee war hart – es mussten ein paar Tage vergangen sein.
Das brachte uns dazu, an das Schlimmste zu denken. “
Die Auswertung der Überwachungskameras zeigte: Ein dunkler Volvo wurde dreimal erfasst, das letzte Mal um 21 Uhr an der Brücke. Der Wagen schaltete plötzlich die Lichter aus. Die Rekonstruktion der Handy-Daten ergab: Am Abend des Verschwindens brauchte Benno für den Weg zur Freundin 60 Minuten statt der üblichen 20.
Was tat er in den fehlenden 40 Minuten? Am 14. Januar kam die Nachricht aus dem Labor: Im Kofferraum des Volvos fanden sich DNA-Spuren von Peter und Laura N. Das Blut aus dem Schnee stammte sicher von Peter.
In der Wohnung der Eltern entdeckte die Polizei im Flur ausgebleichte Stellen – mit scharfem Reinigungsmittel behandelt. In einem Schuppen bei Schloss Maretsch wurden Kanister für Aktivsauerstoff gefunden. Und auf Bennos Handy fand man im Suchverlauf vom 4. Januar die Einträge: „Körperflüssigkeiten“, „Blut“, „Bleiche“.
In der Nacht vom 28. auf den 29. Januar 2021 wurde Benno N. festgenommen.
Die Vorwürfe: Doppelmord und Leichenverbergung. Die Suche nach den Leichen wurde intensiviert – über 120 Einsatzkräfte suchten rund um die Uhr in der Etsch, mit Hubschraubern, Wärmebildkameras und Hunden. Im Februar wurden die Staudämme geöffnet, um den Pegel abzusenken. 34 Tage nach dem Verschwinden wurde Laura P.
aus der Etsch geborgen. „Als Benno die Fotos der Leiche seiner Mutter vorgelegt wurden, brach er zusammen und legte ein Geständnis ab“, sagt Nasta. Fast drei Monate später wurde auch die Leiche des Vaters in der Etsch bei Trient entdeckt. Am 4.
März 2022 begann der Prozess. Benno N. wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. „Es ist eine Tragödie aus menschlicher Sicht“, sagt Nasta.
„Sich vorzustellen, dass ein Kind so weit gehen könnte, seine Eltern zu töten – diejenigen, die es zur Welt gebracht haben. “
Und dann war da noch der Fall, der sich über fast vier Jahrzehnte hinzog – und bis heute ungelöst ist. 23. Januar 1985.
An diesem Abend kam die 15-jährige Ulla Lilienthal aus Isernhagen nicht nach Hause. „Ulla wollte zu einer Freundin nach Großburgwedel“, erinnert sich ihre Schwester Bärbel. „Sie sind gemeinsam noch zur Bushaltestelle gegangen. Ulla hatte gesagt, dass sie abends wieder zu Hause sei – das war das letzte Mal, dass sie und unsere Mutter sich gesehen haben.
“
Ulla war das sechste von acht Kindern. „Sie war sehr eigenwillig und hatte ihren eigenen Kopf“, sagt Bärbel. „Sie konnte dickköpfig und stur sein, aber auch liebevoll. Sie wollte eben ihren eigenen Weg gehen.
“
Mit dem Bus fuhr das Mädchen nach Großburgwedel, wo sie eine Freundin in einer Stiftung für Kinder- und Jugendhilfe besuchte. Sie hörten Musik, probierten Kleidung an, aßen zusammen. Dann zog Ulla weiter – ohne zu sagen, wohin. Ein Freund gab später an, Ulla in der Fußgängerzone von Großburgwedel gesehen zu haben – aber aus der Entfernung.
Für die Polizei ist die Stiftung deshalb der letzte gesicherte Aufenthaltsort. Danach verliert sich ihre Spur. Dass Ulla für ein paar Tage unterwegs war, war nicht untypisch. Deshalb suchte ihre Schwester zunächst auf eigene Faust.
Erst am 2. Februar – über eine Woche später – wandte sich die Familie an die Polizei. Am gleichen Tag machten Spaziergänger in einem Waldstück bei Großburgwedel eine merkwürdige Entdeckung: verstreute Kleidungsstücke – eine Hose, einen Pullover – relativ offen im Gebüsch. Man dokumentierte den Fund, konnte ihn aber niemandem zuordnen.
Acht Tage später fanden Spaziergängerinnen die Leiche eines jungen Mädchens. Es war Ulla Lilienthal. „Man kann nicht sagen, dass da jemand nicht geweint hat“, erinnert sich Bärbel. „Mein Vater hat sich ins Schlafzimmer zurückgezogen.
Er war total fertig. “
Die Leiche lag in einem Graben, abseits eines Parkplatzes, unbekleidet. „Man konnte schnell feststellen, dass sie erdrosselt wurde“, sagt Polizeikommissarin Annabell Vater von der Cold-Case-Einheit Hannover, die den Fall seit 2022 bearbeitet. Die Tatwaffe: ein roter Netzstrumpf.
1985 gab es in Deutschland noch keine DNA-Analyse. Die Obduktion ergab: Ulla starb noch am Abend ihres Verschwindens. Kurz nach dem Besuch bei ihrer Freundin muss sie auf den Täter getroffen sein. Knapp einen Monat nach dem Mord kam ein möglicher Tatverdächtiger ins Spiel: ein 16-Jähriger, ebenfalls Bewohner der Stiftung, in der Ulla sich oft aufgehalten hatte.
„Er soll laut Zeugenaussagen ihren roten Pullover getragen haben“, sagt Vater. „Das war interessant, weil man ihn damit gesehen hat, als Ulla schon als vermisst galt – und wahrscheinlich auch schon verstorben war. “
Der Jugendliche gab verschiedene Versionen an, wie er an den Pullover gekommen sein könnte, widersprach sich. Doch die Aussagen reichten nicht für einen dringenden Tatverdacht.
Er wurde freigelassen. Aus heutiger Sicht bewertet die Polizei ihn nur noch als Zeugen. Ein weiterer Zeuge meldete sich aufgrund eines Zeitungsartikels: Er habe einen Jugendlichen mit einem roten Netzstrumpf gesehen – genau der Art, mit der Ulla erdrosselt wurde. Auch dieser Teenager lebte in der Einrichtung.
Doch es gab nur die Zeugenaussage, keine Bestätigung. Auch diese Spur verlief im Sande. Die Polizei vermutet, dass der Täter ein Auto besessen haben muss, um die Leiche in das abgelegene Waldstück zu bringen. Ob Ulla als Anhalterin in sein Auto stieg oder ob es jemand aus ihrem Umfeld war – unklar.
Der Fall blieb 35 Jahre lang ungelöst. 2020 rollte die Cold-Case-Einheit Hannover den Fall neu auf. Mit modernen Analysetechniken wurden Ullas Kleidung und der rote Netzstrumpf erneut auf DNA untersucht. „An Asservaten, die damals gesichert wurden, konnten tatsächlich noch DNA-Spuren nachgewiesen werden“, sagt Vater.
„Inwieweit die mit der Tat in Verbindung gebracht werden können, ist noch nicht klar. Es gibt neue Ansätze, die geprüft werden. “
Im Dezember wurden Plakate aufgehängt, Flyer an mehr als 11. 000 Haushalte verteilt.
Für Hinweise gibt es 5. 000 Euro Belohnung. „Auch wenn es noch so unwichtig erscheint, kann das für uns das eine Puzzleteil sein“, sagt Vater. „Und jede Straftat außer Mord verjährt – da muss man sich keine Sorgen machen, dass etwas auf einen zukommt.
“
Für Ullas Familie ist der Wunsch nach Gerechtigkeit groß. „Ich hoffe, dass sie ihn kriegen“, sagt Bärbel. „Es bringt unsere Ulla nicht wieder, aber man hätte die Gewissheit, dass nach so vielen Jahren doch noch Gerechtigkeit geschieht. “
Und dann war da der Fall, den zwei Ermittler nach 27 Jahren lösten – mit einem Trick, der an ein Wunder grenzt.
23. August 1981. In Neuenkirchen im Landkreis Cuxhaven wurde die 21-jährige Swantje S. Opfer eines brutalen Verbrechens.
Ihre Leiche wurde in einem Wassergraben nahe einer Landstraße entdeckt – erstochen. Reiner Brenner von der Mordkommission Cuxhaven war damals noch Jungermittler. „Es war im Grunde mein erster größerer Fall, der mit der Tötung eines Menschen zu tun hatte“, erinnert er sich. „Beim Aktenstudium ist mir aufgefallen, wie grausam die Tat abgelaufen ist.
“
Swantje hatte an dem Tag bis 17 Uhr in einem Blumenladen gearbeitet, war nach Hause gegangen, hatte geduscht und sich mit einem Freund getroffen. Gegen 23:15 Uhr entschied sie sich, noch allein loszugehen – das war üblich. In dieser Nacht traf sie offenbar auf ihren Mörder. Am nächsten Morgen stellte die Mutter fest, dass Swantje nicht in ihrem Zimmer war.
Es begann eine fast dreitägige Suchaktion. Am Morgen des 26. August fand ein Zeuge die Leiche: komplett entkleidet, bis auf transparente Kniestrümpfe, in einem Wassergraben, 18 Meter von einer Kreisstraße entfernt. Sie wies 63 Messerstiche auf – 44 davon in den Rücken.
Eine Blutspur im Graben deutete darauf hin, dass Swantje noch versucht hatte, zu einem nahegelegenen Bauernhof zu flüchten. Sie war offenbar aus dem Graben gekrochen, dann aber wegen ihrer schweren Verletzungen zurück ins Wasser gerutscht. Am Tatort wurden neben der Kleidung des Opfers ein Kälberstrick und ein weißer Kinderschal gefunden – Gegenstände, mit denen der Täter sein Opfer gefesselt hatte. Doch die Tatwaffe, das Messer, fehlte.
Die Öffentlichkeitsfahndung blieb erfolglos. 1981 gab es keinen Tatverdächtigen. 27 Jahre später starteten Brenner und Staatsanwalt Arne Wieben einen neuen Versuch. Sie setzten auf moderne DNA-Analyse.
Die Asservate wurden dem Landeskriminalamt Niedersachsen zugesandt. „Später haben wir die Mitteilung bekommen, dass am T-Shirt der Ermordeten eine vollständige DNA festgestellt worden ist“, sagt Brenner. Alle Männer, die 1981 im Fokus der Ermittlungen gestanden hatten, wurden zur Speichelprobe gebeten – kein Treffer. Doch dann stieß Brenner in den Akten auf eine alte Tonbandkassette.
„Ich musste erst ein Gerät finden, um sie abzuspielen“, sagt er. „Die hatten wir damals nicht bei der Polizei. “
Auf der Kassette war ein Notruf aufgezeichnet, der bei der Polizei eingegangen war: Eine anonyme Frau glaubte zu wissen, wer für die Tat verantwortlich war. Sie nannte einen gewissen Ferdinand H.
, einen damals 21-jährigen Straßenarbeiter aus Neuenkirchen. Bei den Ermittlungen hatte er bis dahin keine Rolle gespielt. „Wir haben uns nicht viel von der Vernehmung versprochen“, sagt Brenner. „Aber wir mussten ja irgendwo anfangen.
“ Bei der Befragung legte die Polizei Ferdinand ein ganz normales Passfoto von Swantje vor – kein Leichenbild, kein Tatortbild. „Das führte bei ihm zu einer starken körperlichen Reaktion“, erinnert sich Brenner. „Er musste würgen. Man hielt ihm den Papierkorb hin.
Wenn so etwas passiert, ist das ein Indiz, dass da etwas nicht stimmt. “
Ferdinand gab freiwillig eine Speichelprobe ab. Das Ergebnis der DNA-Analyse traf wenige Tage später ein: Die DNA am T-Shirt von Swantje stammte von Ferdinand. Jetzt war er kein Zeuge mehr, sondern Beschuldigter.
Doch Ferdinand erzählte eine Geschichte: Er sei in der Tatnacht mit seinem Auto vorbeigefahren, habe einen Mantel über einem Leitpfosten hängen sehen, sei neugierig gewesen, habe den Feldweg entdeckt, sei hineingegangen und habe dort den Tatort gefunden. Möglicherweise habe er da etwas angefasst. Wieben und Brenner beschlossen, die Geschichte zu testen. Sie rekonstruierten die Tatnacht: Der deutsche Wetterdienst lieferte Daten zu den damaligen Wetterbedingungen.
Der Tatort wurde mit einer Schaufensterpuppe als Leiche hergerichtet, Kleidung verteilt, ein Mantel über einen Leitpfosten gehängt. „Wir sind mit hochmodernen Autos – viel moderner als das Auto von Ferdinand 1981 – mit Xenon-Licht langsam gefahren“, erinnert sich Wieben. „Wir haben den Mantel nicht gesehen. Irgendwann sagt einer: ‚Wir müssen schon längst drüber sein.
Hat jemand einen Mantel gesehen? ‘ Nein. Dann haben wir das Auto abgestellt und uns versetzt: Ferdinand hat den Mantel gesehen, das Auto abgestellt, ist ausgestiegen. Wir standen da im Dunkeln – komplett dunkel.
Dann sind wir in den Feldweg gegangen. Bei Nacht war überhaupt nicht zu erkennen, dass da ein Weg ist. Wir wussten, nach ungefähr 18 Metern kommt der Tatort. Wir haben nichts gesehen.
Es war unheimlich. Wie das Laufen in einem komplett dunklen Raum. “
Als die Flutlichter angingen, standen die Ermittler mitten am rekonstruierten Tatort. „Ich habe Herrn Brenner angeschaut, er schaute mich an – und uns beiden war in dem Moment klar: Der lügt.
“
Ferdinand verstrickte sich in Widersprüche. Seine Lebensgefährtin berichtete, er habe sich seit den Ermittlungen stark verändert. Nach der Speichelprobe habe er ihr gesagt, er werde „vielleicht jetzt länger eingesperrt“. Er habe sie noch gefragt, wie lange eine DNA-Untersuchung wohl dauere.
Die Ermittler fanden im alten Kälberstrick und im Kinderschal ein Haar des Bauarbeiters sowie ein DNA-Fragment, das ihm mit hoher Wahrscheinlichkeit zugeordnet werden konnte. Doch die Überraschung kam, als die Staatsanwaltschaft anklagen wollte: Das Landgericht Stade wies die Anklage ab, hob den Haftbefehl auf. „Das Gericht sagt: Wenn das alles ist, was die Staatsanwaltschaft hat, reicht das nicht mal für den Haftbefehl“, sagt Wieben. „Eine Klatsche für uns.
“
Die Ermittler ließen sich nicht entmutigen. Sie legten Beschwerde beim Oberlandesgericht Celle ein – und das Oberlandesgericht hob den Beschluss auf. Es kam zur Hauptverhandlung vor derselben Kammer. Die Anklage legte alle Indizien auf den Tisch – und organisierte eine Tatortbegehung mit der Kammer und dem Angeklagten.
Wieder wurde die Szenerie nachgestellt. „Diesmal hatten wir VW-Busse der Polizei dabei“, erinnert sich Wieben. „Die Kammer, die Staatsanwaltschaft, die Verteidigung, der Angeklagte – alle fuhren die Straße entlang und machten sich einen eigenen Eindruck davon, ob man den Mantel hätte sehen können, ob man angehalten hätte, ob man in den Feldweg gegangen wäre. “
Wenige Wochen später wurde Ferdinand H.
zu lebenslanger Haft verurteilt. In der Tatnacht hatte er Swantje zufällig getroffen, in den Feldweg gezwungen und sexuell bedrängt. Aus Angst, erkannt zu werden, hatte er sie getötet und 63 Mal zugestochen. Die Frage, warum die junge Frau keine Abwehrverletzungen hatte, beantwortete ein Brief, den die Ermittler in den alten Akten fanden – verfasst von Swantje drei Jahre vor dem Mord.
Sie schrieb über eine Vergewaltigung in Kanada:
„Als wir in Kanada auf Urlaub waren, ging ich eines Abends harmlos und vertrauensvoll, wie ich bin, allein an einem See spazieren und wurde vergewaltigt. Er hat mich nicht verletzt. Ich wehrte mich nicht, weil ich weiß, dass viele Mädchen, die sich wehren und schreien, getötet werden. “
„Das war wieder ein Aha-Moment“, sagt Wieben.
„Plötzlich konnte ich mir Swantje als eine ruhige, bedachte, kluge Frau vorstellen, die sich überlegte, wie sie heil aus der Situation herauskommt. Deshalb hatte sie keine Abwehrverletzungen. Sie hat es geschehen lassen – und wurde dann doch getötet. “
Und schließlich der Fall, der zeigt, wie viel Glück – und wie viel Theaterblut – manchmal nötig ist, um einen Mörder zu überführen.
23. Oktober 1995, Bozen in Südtirol. In der Nähe des Bahnhofs verabschiedete sich die 32-jährige Heidi Niederbacher von ihren Kolleginnen. Sie habe noch eine Verabredung mit einem „Erich“.
Danach wurde die Prostituierte nie wieder gesehen. Zwei Kolleginnen meldeten sie besorgt als vermisst. Kripochef Dr. Alexander Zelger hörte fast zufällig davon – eine Inspektorin bestand darauf.
„Dottore, le è successo qualcosa? Ne sono sicura“, sagte sie. „Ich bin sicher, der ist etwas passiert. “
Die Kolleginnen hatten sich verhört: Der letzte Freier hieß nicht Erich, sondern Ernst – Ernst Schrott, ein 51-jähriger Landarbeiter, der in einer Baracke hauste.
Zeugen beschrieben ihn als seltsam. Die Ermittler suchten Schrott in seiner abgelegenen Hütte im Eisacktal auf – ohne Strom, ohne fließend Wasser. „Wir konnten nicht glauben, dass da ein Mensch leben konnte“, sagt Zelger. „Es sah aus wie eine Mülldeponie.
“ Aber Schrott war bereitwillig: Ja, er kenne Heidi, sie sei seine Freundin gewesen, er habe sie heiraten wollen. Wo sie sei, wisse er nicht. Doch in dem Müll fanden die Beamten ein zierliches Lederetui – mit einem Zettel, auf dem ein anderer Name stand: Petra Lunardi. Über Funk erfuhren sie: Auch die 53-jährige Petra Lunardi wurde seit Februar 1993 vermisst – zwei Jahre vor Heidi.
Am nächsten Tag wurde die Hütte durchsucht. Die Polizei fand weitere Gegenstände von Heidi – und die alte, dicke Brille von Petra Lunardi. „Ohne diese Brille konnte sie keinen Schritt machen“, sagt Zelger. „Dieses Zeichen war zu deutlich: Da ist etwas passiert.
“
Noch reichte es nicht für eine Verhaftung. Zelger bestellte Schrott zur Vernehmung – zunächst als Zeugen. Schrott beteuerte immer wieder, mit dem Verschwinden der beiden Frauen nichts zu tun zu haben. „Je öfter er das sagte“, erinnert sich Zelger, „desto sicherer war ich, dass er hinter dem Verschwinden steht.
“
Zelger änderte die Strategie. „Ernst, kann es sein, dass Heidi und Petra nicht nett zu dir waren? “, fragte er. Schrott schaute zu Boden, dann wieder hoch.
„Ja“, sagte er schließlich, „die waren gemein zu mir. Sie haben allen versprochen, nett zu sein – ‚geh mit mir aus‘, ‚wir heiraten‘ – und sobald sie bezahlt haben, waren sie weg. “
Zelger setzte alles auf eine Karte. „Ernst, schau mir in die Augen.
Ich verspreche dir, dass du heute nicht ins Gefängnis kommst, wenn du mir sagst, wo wir sie finden können. “ Während er das sagte, dachte er: „Spinn ich? Der sagt gleich, er hat die umgebracht – dann muss ich ihn festnehmen. Aber mir wird schon etwas einfallen.
“
Schrott packte aus. Im Februar 1993 war es im winzigen Führerhaus seiner „Ape“ – einem Kleintransporter – zum Streit mit Petra Lunardi gekommen. „Ich habe ihr das Geld gegeben, und sobald ich ihr das Geld gegeben habe, wollte sie schon abhauen“, erzählte er. „Das war zu viel für mich.
Ich bin einfach ausgerastet. “ Petra sei ohnmächtig geworden, die Brille auf den Boden gefallen – sie habe nicht mehr geantwortet. Schrott hatte ihren leblosen Körper zu einer Brücke über den Tiesener Bach geschleift, der zu der Zeit Hochwasser führte. „Hast du kontrolliert, ob sie noch atmet?
“ – „Nein. “ – „Was hast du getan? “ – „Wie einen Sack Kartoffeln über die Brücke und in den Bach geschmissen. “
Zelger wusste: Die Leiche von Petra Lunardi wird nie wieder auftauchen.
Der Bach mündet kurz darauf in den Fluss Eisack. Und Heidi Niederbacher? „Mit der ist das Gleiche passiert“, gestand Schrott. „Ich habe sie geschlagen – wohl zu fest.
Sie war sofort tot. “ Ihre Leiche habe er im Flussbett des Finsterbachs bei Atzwang mit schweren Steinen abgedeckt. Schrott wurde zum Finsterbach gebracht. Tatsächlich gelang es, die Leiche von Heidi zu bergen.
Doch da war noch Zelgers Versprechen. „Ich wollte es nicht brechen“, sagt er. „Also habe ich Theater gespielt. ‚Ernst?
Wie geht es dir? ‘ – ‚Nicht gut‘, sagte er. Und das war mein Stichwort: ‚Dir dreht sich der Kopf, dir wird schlecht, du musst umfallen. ‘ Und schon lag er bewusstlos auf dem Boden.
So konnte ich ihn festnehmen lassen – aber er kam nicht ins Gefängnis, sondern ins Krankenhaus. “
Ernst Schrott wurde 1996 wegen Totschlags an Heidi Niederbacher zu zehneinhalb Jahren Haft verurteilt. Im Fall Petra Lunardi – ohne Leiche – reichte es nicht für eine Verurteilung. Ihr Tod blieb ungesühnt.
Ernst Schrott ist inzwischen nicht mehr am Leben. Die Fälle zeigen: Manche Täter werden durch Cola und Käse überführt, andere durch einen Trick in einem dunklen Feldweg, und manche warten jahrzehntelang auf Gerechtigkeit. Manche finden sie, andere nicht.
Aber eines verbindet alle Ermittler – die Überzeugung, dass die Wahrheit irgendwann ans Licht kommt.


