Am 6. Juli 2019 wird Jeffrey Epstein am Flughafen Teterboro nahe New York festgenommen. Die Anklage lautet: Sex mit hunderten Minderjährigen gegen Bezahlung, zwischen 2002 und 2005. Es ist nicht das erste Mal, dass der Multimillionär mit dem Gesetz in Konflikt gerät.

Bereits 2008 wurde er wegen der Prostitution einer Minderjährigen verurteilt und verbüßte dreizehn Monate Haft. Seitdem ist er ein registrierter Sexualstraftäter. Vor Gericht bietet Epstein 77 Millionen Dollar und seinen Privatjet als Kaution an, um bis zum Prozess auf freiem Fuß zu bleiben. Doch der Richter lehnt ab.
Er zitiert Epsteins „übermäßige Neigung zu sexuellen Handlungen mit oder in Anwesenheit von minderjährigen Mädchen“ – bis zu viermal am Tag. Diese Neigung nennt er unkontrollierbar. Epstein bleibt in Untersuchungshaft. Ich arbeite im Bereich der Rückfallprävention mit Menschen, die Sexualstraftaten begangen haben.
Deshalb ist es mir wichtig zu betonen: Es gibt Menschen, die sich mit ihrer Verantwortung auseinandersetzen, mit ihrer Schuld, und die aktiv den Rest ihres Lebens damit verbringen, wachsam zu bleiben. Diese Menschen würden ihrem Umfeld eine völlig andere Geschichte erzählen als Jeffrey Epstein. Epstein präsentierte seiner Umgebung nach seiner Verurteilung eine Erzählung, die ihn maximal entlastete und seine Opfer maximal belastete. Er stellte sich als Unschuldigen dar, als Opfer einer Justiz, die ihn zu Unrecht verfolgte.
Eine Person, die wirklich bereut hätte, hätte Verantwortung übernommen, hätte erklärt, warum sie wie gehandelt hat und wie sie in Zukunft bestimmte Risiken im Blick behalten muss. Epstein tat das Gegenteil. Er tat so, als wäre nichts gewesen. Doch sein Verhalten sprach eine andere Sprache.
Schon vor 2006 tauchte in Ermittlungsakten ein Wort auf: „Spinnennetz“. Epsteins Partnerin Ghislaine Maxwell managte seine Anwesen und führte ihm regelmäßig neue Opfer zu. Andere Rekrutiererinnen versorgten ihn mit teilweise minderjährigen Mädchen und waren laut Aussagen einiger Betroffener selbst am Missbrauch beteiligt. Sein gesamtes Umfeld – vom Personal bis zu seinen Kontakten in der High Society – sah, wie er sich täglich mit jungen Frauen umgab.
Die Frage ist: War Epstein Teil eines Missbrauchsnetzwerks? In meiner Arbeit habe ich mit Menschen gesprochen, die in solchen Netzwerken waren, in denen sexuelle Ausbeutung von Minderjährigen systematisch betrieben wurde. In diesen Fällen schließen sich mehrere Personen zusammen, die das gemeinsame Interesse teilen, Missbrauch zu begehen. Sie besprechen ihre Taten, planen sie, führen sie gemeinsam aus.
Was ich dabei gelernt habe: Täter testen ihr Umfeld. Sie machen Kommentare über Missbrauchsfälle, die in den Medien thematisiert werden, und beobachten die Reaktionen. Sie machen unangemessene sexualisierte Witze, die zunehmend jüngere Personen betreffen, und schauen, wie andere reagieren. Die meisten Menschen in ihrem Umfeld zeigen dabei ganz klar, dass sie solches Verhalten niemals tolerieren würden.
Genau diesen Menschen präsentieren die Täter dann eine manipulative Fassade, die es unmöglich erscheinen lässt, dass sie jemals so eine Straftat begehen könnten. Wenn Epstein ähnlich agiert hat – und die Hinweise darauf sind stark – dann hat er sicherlich auch festgestellt, dass die allermeisten in seinem Umfeld seine Taten abgelehnt hätten. Deshalb entwickelte er sein Narrativ der Unschuld. Es ist aber auch möglich, dass er in seltenen Fällen erkannt hat, dass die eine oder andere Person ähnliche Interessen hatte.
Ob weitere Personen tatsächlich gemeinsam mit ihm Straftaten begangen haben, müssen die Ermittlungen zeigen. Klar ist aber auch: Sein Netzwerk an prominenten Kontakten bestand zu einem großen Teil aus Menschen, die seine Taten sicher nicht toleriert hätten. Epstein hat sie manipuliert. Und gerade dadurch, dass diese Menschen seinen sozialen Status aufrechterhielten, machten sie seine Taten indirekt über so lange Zeit möglich.
Sie stellten keine Fragen, sie sahen weg, sie hielten ihn für unantastbar. Nach seiner Verhaftung 2019 kommt Epstein in ein New Yorker Gefängnis. Es ist das letzte bekannte Foto von ihm. Am 10.
August 2019, um 6:30 Uhr morgens, wird er tot in seiner Zelle gefunden. Die offizielle Stelle stuft seinen Tod als Suizid ein. Doch die Umstände seines Todes und seine Verbindungen in die gesellschaftlichen Eliten befeuern viele Verschwörungsnarrative. Forschung zeigt, dass Menschen besonders anfällig für Verschwörungsglauben sind, wenn sie Kontrollverlust empfinden, sich machtlos gegenüber vermeintlichen Eliten fühlen oder bereits reale Skandale erlebt haben.
Der Fall Epstein wird immer wieder herangezogen, um angeblich als Beleg für unterschiedlichste Verschwörungserzählungen zu dienen. Ich habe darüber mit Professor Dr. Michael Butter gesprochen, einem Amerikanisten, der sich mit der Verbreitung von Verschwörungsnarrativen beschäftigt. Er erklärt den Unterschied zwischen real existierenden Netzwerken und Verschwörungsannahmen:
„Verschwörungstheorien gehen immer davon aus, dass nichts durch Zufall geschieht.
Da ist alles geplant, und alle, die involviert sind, ziehen an einem Strang und stellen ihre persönlichen Interessen zurück, weil sie ein großes Ziel verfolgen. Bei echten Netzwerken ist es ein Geben und Nehmen. Da gibt es viele geteilte Interessen, aber auch individuelle. Wenn man genau hinschaut, stellt man fest: Die Leute in den Epstein Files haben durchaus unterschiedliche Interessen, was sie wollen, wozu sie bereit sind, wo sie investieren wollen.
Es geht in der Regel um persönlichen Vorteil. “
Die These, dass alle elitären Männer in Epsteins Umfeld ein gemeinsames Ziel hatten – den Missbrauch Minderjähriger –, lässt sich laut Butter bisher nicht belegen: „Das könnte theoretisch sein, aber die Epstein Files geben das bisher in keiner Weise her. Man müsste dann annehmen, dass immer nur in Codes kommuniziert wurde, dass alle sich einig sind und etwas wissen, was wir nicht wissen, weil wir den Code nicht geknackt haben. Dann sind wir im Bereich der Spekulation.
Es gibt keine echten Belege dafür. “
Zudem sei es höchst unwahrscheinlich, dass wirklich all diese vielen Menschen dieselben sexuellen Interessen teilten. „Das wäre nicht repräsentativ dafür, wie Gesellschaft funktioniert. Dann landen wir bei absurden Theorien, dass mächtige Männer eher zu Pädophilie neigen.
Dafür gibt es keine Belege. “
Butter betont aber auch: Wenn Menschen einmal von solchen Theorien überzeugt sind, helfen Argumente oft nicht mehr. Dann kommt das nächste Gegenargument, und das wird ein Endlosspiel. Um zu verstehen, warum der Fall Epstein für Verschwörungserzählungen so attraktiv ist, muss man sich die Q-Anon-Verschwörungstheorie ansehen.
Butter erklärt:
„Q Anon war lange Zeit keine typische Verschwörungstheorie, wurde es aber später. Sie entstand nach der Wahl 2016 aus der Pizzagate-Verschwörungstheorie. Diese behauptete, die Demokratische Partei, namentlich Hillary Clinton und ihr Wahlkampfmanager, würden aus einer Pizzeria in Washington D. C.
einen Kinderpornoring betreiben. Die Speisekarte war angeblich eine chiffrierte Kommunikation: Wenn man eine Pizza auf eine bestimmte Art bestellte, sollte das bedeuten, dass man ein Kind für einen bestimmten Service wollte. Das war offensichtlich eine politisch motivierte Verschwörungstheorie, um die Demokraten zu disqualifizieren. “
Nach der Wahl entwickelte sich daraus Q Anon.
Eine anonyme Figur namens Q veröffentlichte sogenannte Q-Drops mit der Botschaft: „Ihr müsst nichts tun, lehnt euch zurück, entschlüsselt meine Hinweise und genießt die Show. Donald Trump und seine Verbündeten gehen gegen den Kindesmissbrauch und den tiefen Staat vor. “
Diese Verschwörungstheorie hielt jahrelang Trump-Wähler bei der Stange, die sich fragten, warum Hillary Clinton noch nicht verhaftet worden war. Erst mit der Coronakrise wurde Q Anon zu einer typischen Verschwörungstheorie mit Appellfunktion: Die Pandemie sei inszeniert worden, um Trump die Wahl zu stehlen, und man müsse sich dagegen wehren.
Beim Sturm aufs Kapitol sah man dann Q-Anon-Symbole. Im Zentrum von Q Anon stehen zwei Elemente: die alte Erzählung vom tiefen Staat, der gegen die Interessen der Bürger arbeitet, und die Idee des Kindesmissbrauchs, der Pädophilie und sogar des Kindesmordes. Angeblich würden Kinder getötet, um aus ihrem Blut das sogenannte Adrenochrom zu gewinnen, mit dem Eliten ihr Leben verlängern. Wenn nun Enthüllungen über einen Sexualstraftäter auftauchen, der mit vielen mächtigen Menschen aus Politik, Wirtschaft und Entertainment verbunden war, kann man das – wenn man ohnehin verschwörungstheoretisch ausgerichtet ist – als Beleg dafür sehen, dass die alten Behauptungen doch stimmen.
„Darin liegt die Verbindung zwischen Q Anon und den Epstein Files“, sagt Butter. Interessant ist, dass selbst seriöse Medien teils verschwörungstheoretisch wirken, wenn sie Dinge vermischen, die man auseinanderhalten müsste. „Da wird jemand ganz oft genannt, da war jemand auf der Insel, da ist jemand fotografiert worden mit irgendwem – das wird dann als Beleg genommen. Man muss erst schauen: Was davon ist moralisch zu verurteilen, was juristisch, was stimmt überhaupt, was wissen wir noch nicht?
“
Butter erwähnt auch die sogenannte Satanic Panic, die seit den 60er- und 70er-Jahren in den USA existiert und sich in der Populärkultur niederschlug – etwa in Filmen wie „Rosemaries Baby“ oder „Das Omen“. Auch dort wurde von Netzwerken gesprochen, die Kinder missbrauchen. Diese alten Narrative reichen bis zu den Hexenprozessen von Salem zurück. „Q Anon speist sich aus verschiedensten kulturellen Traditionen und kann auf verschiedenste Weise gelesen werden“, so Butter.
Zu den Verschwörungstheorien um Epsteins Tod sagt er: „Die gibt es schon länger. Sie stoßen in eine Lücke, wo es ein Erklärungsdefizit gibt. Wir wissen es nicht genau, ob wirklich alles bekannt geworden ist. Es wäre nicht das erste Mal, dass jemand im Gefängnis ermordet wird.
Aber auch das ist kein Beleg für ein riesiges Netzwerk an Verschwörern. Nach allem, was wir wissen, hat Epstein Selbstmord begangen – auch wenn die Realität nicht ganz perfekt aufgeht, wie wir es uns von außen vorstellen. “
Eine Parallele sieht Butter zum Tod von Uwe Barschel, dem CDU-Politiker, der 1987 nach einem Politikskandal voll bekleidet tot in einer Hotelbadewanne gefunden wurde. „Der Vergleich zeigt, wie sich der Diskurs verändert hat.
1987 war das Wort Verschwörungstheorie im deutschsprachigen Raum noch kaum verbreitet. Heute wäre das Internet voll damit, und auch die Medien würden sich ständig damit beschäftigen. “
Vollständig aufklären wird sich der Fall Epstein wahrscheinlich nie. 48 Stunden vor seinem Tod änderte er sein Testament und machte es seinen Opfern schwerer, Schadensersatz einzuklagen.
2021 zahlten seine Nachlassverwalter 121 Millionen Dollar an 136 Opfer seines Missbrauchs. Bis 2026 folgten weitere 189 Millionen Dollar – und bis heute stehen viele Prozesse aus. Seine Komplizin Ghislaine Maxwell wurde 2022 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt. Die Richterin betonte, dass sie nicht an Epsteins Stelle verurteilt werde, sondern weil sie selbst instrumental am Missbrauch mehrerer minderjähriger Mädchen beteiligt war.
Die Konsequenzen für andere Personen in Epsteins Umfeld fielen bisher weit geringer aus – was neue Verschwörungsnarrative befeuert.


