Ich dachte, ich kenne den Fall Epstein – bis ich verstand, wie er seine Opfer systematisch mundtot machte. „Wenn du jemanden anzeigst, weiß ich, wen ich anrufen muss“, sagte er mir einmal kalt…

Ich dachte, ich kenne den Fall Epstein – bis ich verstand, wie er seine Opfer systematisch mundtot machte. „Wenn du jemanden anzeigst, weiß ich, wen ich anrufen muss“, sagte er mir einmal kalt...

Die Anklage gegen Jeffrey Epstein wurde fallengelassen – nicht weil er unschuldig war, sondern weil er tot war. Sechseinhalb Jahre später ist der Fall aktueller denn je, und doch scheint eine klare Trennung zwischen Fakten und Verschwörungstheorien unmöglich. Für die Kriminalpsychologie ist Epstein ein besonders interessanter Fall, weil er unterschiedliche psychologische Mechanismen nutzte, um sowohl seine Sexualstraftaten zu begehen als auch finanziellen und gesellschaftlichen Erfolg zu erlangen. Sein Vorgehen war in den Grundzügen keineswegs außergewöhnlich.

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Ungewöhnlich ist vor allem, wie lange es ihm gelang, sein gesellschaftliches Ansehen und seine elitären Kontakte zu nutzen, um mit seinen Straftaten davonzukommen. Jeffrey Epstein wächst im New Yorker Stadtteil Brooklyn auf. Als Kind gilt er als begabter Pianist und hat ein Faible für Mathematik. Nach dem Schulabschluss studiert er mathematische Physiologie, bricht das Studium jedoch ohne Abschluss ab.

Trotzdem bekommt er 1974 mit gerade einmal 21 Jahren einen Job als Mathematiklehrer an einer renommierten High School. Bereits als junger Mann bringt er sich in eine Position, die er aufgrund seiner Qualifikation eigentlich nie hätte erreichen können. Das gelingt ihm durch sein sehr selbstbewusstes Auftreten, kombiniert mit einem, wie viele es beschreiben, einnehmenden Charme. Als Lehrer gilt Epstein höchstens als durchschnittlich.

Stattdessen fällt er schon damals durch Verhalten auf, das aus heutiger Sicht mindestens unangemessen scheint. Er war der einzige Lehrer, der die Partys der Schülerinnen und Schüler besuchte, und er flirtete offen mit ihnen. Obwohl dies bereits erste Anzeichen für die spätere Entwicklung waren, wurde darüber in der damaligen Zeit nicht gesprochen. Es wurde gesellschaftlich nicht problematisiert, wenn sich ein Lehrer so verhielt.

Epstein inszeniert sich als Mathegenie. Ein Vater, dessen Kind auf Epsteins Schule geht, stellt ihn einem Wall-Street-Banker vor. Epstein erkennt die Chance, in den New Yorker Finanzsektor zu wechseln. In seiner Bewerbung behauptet er fälschlicherweise, zwei Universitätsabschlüsse zu haben – und kommt damit durch.

Schon damals nutzt er seine Position, um sich Zugang zu jungen Frauen zu verschaffen. Über Spesenquittungen kauft er teuren Schmuck, den er jungen Frauen schenkt, mit denen er Affären hat. Er behauptet zudem, Model-Scout für Victoria’s Secret zu sein, um auch diese Position für Kontakte mit immer jüngeren Frauen zu nutzen. Seine Fähigkeit, Macht zu missbrauchen und Grenzen zu überschreiten, nahm damals ihren Anfang, und niemand hielt ihn jemals davon ab, in dieser Entwicklung immer weiter in kriminelle Verhaltensweisen überzugehen.

Unter anderem hilft Epstein dem Investmentbanker Steven Hoffenberg beim Aufbau eines Betrugsschemas, das Investoren um fast 500 Millionen Dollar betrügt. Hoffenberg kommt dafür für 18 Jahre ins Gefängnis. Epstein hingegen wird nicht belangt. Seine Betrugsopfer beschreiben ihn als charismatischen Hochstapler, der, um eigene Bedürfnisse zu befriedigen, den Schaden anderer völlig gewissenlos in Kauf nimmt.

Doch Epsteins Erfolg scheint ihm Recht zu geben – vor allem in den Augen anderer Wall-Street-Banker. Sie belohnen ihn nicht nur mit Geld und Aufträgen. Bereits damals war Jeffrey Epstein dafür bekannt, junge Frauen attraktiv zu finden. Konkret bedeutet das: Epstein, damals Mitte 30, zeigt sehr offen, dass er gerne Frauen Anfang bis Mitte 20 datet.

Seine typischerweise männlichen Geschäftspartner fördern diesen Machtmissbrauch, indem sie Mitarbeiterinnen in genau der Altersgruppe und mit einem Aussehen, das Epstein gefallen würde, in den Abendstunden mit Unterlagen zu ihm schicken. Mehrere Frauen begannen damals Affären mit ihm und wurden offenbar von ihren Arbeitgebern als eine Art Geschenk in diesem Kontext zugeführt. 1991 lernt Epstein Ghislaine Maxwell kennen, die Tochter eines britischen Medienmoguls. Sie ist in der New Yorker High Society extrem gut vernetzt und verschafft ihm Zugang zu noch exklusiveren Kreisen.

Zusammen mit ihr etabliert Epstein vermutlich die Missbrauchsstrategie, die im Zentrum dessen steht, was wir heute als den Fall Epstein kennen. Dieser Missbrauch wird oft als Pädophilie bezeichnet, doch das ist wissenschaftlich nicht korrekt. Mit Pädophilie beschreibt man, dass sich ein Erwachsener sexuell zu Kindern mit einem vorpubertären Körperschema hingezogen fühlt. In Abgrenzung dazu gibt es den Begriff Hebephilie, der eine erwachsene Person beschreibt, die sich sexuell zu Jugendlichen mit pubertärem Körperschema hingezogen fühlt.

Im Fall Epstein gibt es viele Belege dafür, dass er eine ausgeprägte hebephile Neigung hatte, also eine starke Anziehung zu Jugendlichen, in seinem Fall Mädchen. Daneben konnte er Sexualität mit erwachsenen Frauen auch als befriedigend erleben. Schon früh kokettierte er damit, Affären mit Frauen Anfang bis Mitte 20 zu haben, also Frauen, die zehn Jahre jünger waren als er. Im weiteren Verlauf wurde die Altersdiskrepanz immer größer.

Epstein nutzte diese sogenannten Affären nicht nur narzisstisch zur Aufwertung gegenüber Geschäftspartnern, sondern er vermittelte dadurch den Eindruck, er sei zwar stark an jungen Frauen interessiert – aber genau das lenkte davon ab, dass er in Wirklichkeit ein deutlich stärkeres sexuelles Interesse an minderjährigen Mädchen hatte. Laut Gerichtsdokumenten gibt es bereits vor 1991 drei Anschuldigungen wegen sexuellen Missbrauchs gegen Epstein. Sowohl Angestellte als auch spätere Opfer sagen, dass die Zahl der Missbrauchsfälle rapide ansteigt, nachdem Ghislaine Maxwell in Epsteins Leben tritt. Ermittlungsunterlagen zeigen: Sie managt seine Anwesen, rekrutiert Opfer und ist angeblich auch selbst als Täterin beteiligt.

Maxwell sprach zunächst häufig Studentinnen an, die volljährig waren, im weiteren Verlauf aber immer jüngere Jugendliche. Sie gab sich als eine Art große Schwester aus – eine nette weibliche Person, der man sich anvertrauen kann. Als sie das Vertrauen etabliert hatte, machte sie ein Angebot: Epstein, ihr sehr gut vertrauter Freund, lasse sich sehr gerne massieren, und das sei eine einfache Möglichkeit, etwas Geld zu verdienen. Ab diesem Punkt zeigt sich, wie kalkuliert rational Epstein das Ganze inszenierte.

Er kam zur Überraschung der Geschädigten nackt in die Situation. Das wirkte völlig verstörend, aber er verhielt sich, als sei das völlig normal. Er verunsicherte dadurch gezielt ihre Wahrnehmung: Es schien nicht so, als sei das, was er tat, falsch, sondern als sei es eine normale Situation. Die junge Frau, die völlig überfordert war, dachte, dass vielleicht ihre eigene Wahrnehmung unangemessen sei.

Er normalisierte die übergriffige Situation. Das ist typisch für die Manipulation sexueller Missbrauchstäter: Sie gestalten die Situation so, als sei sie völlig normal, und beeinflussen dadurch gezielt die Wahrnehmung der Geschädigten. Die Betroffenen berichteten, dass sie zunächst verunsichert waren und dann die Massage durchführten. Epstein verhielt sich betont freundlich, sprach mit ihnen, zeigte Interesse an ihnen als Person und ließ nebenbei einfließen, dass er etwas für sie tun könne, sie fördern oder Dinge finanzieren könne.

Als er dann immer mehr sexuell grenzüberschreitende Verhaltensweisen und explizite Übergriffe beging, hatten die Geschädigten bereits so stark manipulierte Wahrnehmungen, dass sie jeden weiteren Übergriff zwar schrecklich fanden, sich aber weder trauten noch in der Lage waren zu kommunizieren, wie schlecht es ihnen damit ging. Gleichzeitig wirkte er danach immer so, als sei nichts Besonderes geschehen. Anfang der 1990er-Jahre beginnt Epstein, Geld für politische Zwecke zu spenden. Das verschafft ihm Zugang zum damals neu ernannten US-Präsidenten Bill Clinton, der Epstein bald so nahesteht, dass Clinton ihm eine handgeschriebene Grußkarte schickt und ihn als Freund bezeichnet.

Epstein sammelt über die Jahre einflussreiche Kontakte: den Staatsanwalt Alan Dershowitz, den späteren US-Präsidenten Donald Trump, Starregisseur Woody Allen, den Sprachwissenschaftler Noam Chomsky, Microsoft-Gründer Bill Gates und den früheren britischen Prinzen Andrew. Hierbei nutzt Epstein unbewusst den sogenannten Halo-Effekt: Menschen schließen von einer als sehr positiv wahrgenommenen Eigenschaft auf viele andere vermeintlich positive Eigenschaften. Epstein trat so charismatisch, selbstbewusst und manipulativ auf, dass sich das erste Gespräch mit ihm für die meisten Menschen wahnsinnig gut anfühlte. Allein das bewirkte, dass ihm automatisch Eigenschaften wie Vertrauenswürdigkeit und gute ethische Werte zugeschrieben wurden.

Jahrzehntelang wertet Epstein sein Ansehen auf, indem er sich mit möglichst vielen erfolgreichen Menschen assoziiert. Das wird zum Selbstläufer: Er lernt wichtige Menschen kennen, beeindruckt sie, und sie öffnen ihm Türen zu immer reicheren und einflussreicheren Kontakten. Wichtig zu betonen ist: Dass Epstein gezielt Kontakte zu reichen und mächtigen Menschen suchte, bedeutet nicht, dass diese Menschen wussten, dass er Sexualstraftaten beging, geschweige denn solche mit ihm begangen haben. Epstein war ein planvoller, rational vorgehender Straftäter, der genau wusste, welchem Menschen gegenüber er welches Bild von sich vermitteln musste.

Gleichzeitig nutzte er seine aktiv aufgebauten Kontakte, um die Geschädigten von einer Anzeige abzuhalten. Er sagte ihnen, dass er sehr viele mächtige Menschen kenne, und entmutigte sie dadurch aktiv, überhaupt über eine Anzeige nachzudenken. Während Epstein sein Netzwerk weiter ausbaut, nehmen auch seine Missbrauchstaten zu. Er besitzt inzwischen eine Villa in New York, eine in Florida, ein Wohnhaus in Paris, eine Ranch in New Mexico und eine Karibikinsel.

Er reist im Privatjet zwischen seinen Anwesen hin und her und hat neben Maxwell weitere Rekrutiererinnen, die ihn mit immer neuen Opfern versorgen. Die Epstein-Akten zeichnen ein sich wiederholendes Bild: Unter 18-Jährige werden von Maxwell oder anderen Rekrutiererinnen unter dem Vorwand einer Massage zu Epstein gebracht – und der Kreislauf aus Manipulation und Missbrauch beginnt von Neuem.