Gelöst – durch Aktenzeichen XY! 24 Jahre alter Mordfall nach Zuschauerhinweis aufgeklärt
Ein einziger Anruf bei einer TV-Sendung hat einen der rätselhaftesten Kriminalfälle Deutschlands nach fast einem Vierteljahrhundert gelöst. Es ist der 28. August 2019, als ein Mann vor dem Fernseher sitzt und eine alte Ausgabe von „Aktenzeichen XY … ungelöst“ sieht.

Was er dort erblickt, lässt ihn nach 23 Jahren des Schweigens zum Hörer greifen. Der Fall des unbekannten Toten aus der Hauser Sandkuhle, der 1996 grausam ermordet und an einem abgelegenen Kieswerk in Nordrhein-Westfalen entsorgt worden war, erhält plötzlich ein Gesicht und einen Namen. Der Hinweisgeber, Thomas S.
, sagt den Beamten am Telefon einen Satz, der alles verändert: „Ich kann Ihnen sagen, wie der Mann heißt und wo der herkommt. “ Es ist der Durchbruch in einem Verfahren, das die Ermittler jahrzehntelang vor ein Rätsel gestellt hatte.
Der Fall begann an einem sonnigen Wintermorgen im Dezember 1996. Ein Jäger suchte mit seinem Hund in der stillgelegten Hauser Sandkohle nahe der niederländischen Grenze nach verletztem Wild. Statt eines Tieres fand er eine menschliche Leiche.
Sie war nackt, stark verwest und brutal zugerichtet. Der Mann wies 17 schwere Verletzungen am Schädel auf, die von einem stumpfen, quadratischen Gegenstand stammten, vermutlich einem Hammer. Seine Nase war gebrochen, er hatte Abwehrverletzungen an den Händen.
Die Obduktion ergab, dass er gewürgt worden war, aber an einem Schädel-Hirn-Trauma starb – ein qualvoller, langsamer Tod. „Es war eigentlich ein bisschen unberührte Natur, aber an diesem Abhang war Müll heruntergeschüttet worden. Da lagen Papierzeitungen, und die Leiche lag auch an diesem Abhang, und es sah auch aus, als sei die wie Müll herabgeworfen worden“, beschrieb ein Ermittler den Fundort.
Die Ermittler standen vor einem Mysterium. Der Tote wies Leichenflecken auf beiden Körperseiten auf, was bedeutete, dass er nach dem Tod umgelagert worden war. Ein gebrochenes Bein des Opfers war offenbar erst nach seinem Tod entstanden, wahrscheinlich beim Transport.
Die Identifizierung schien unmöglich. Der Mann wurde auf etwa 40 bis 45 Jahre geschätzt, und seine Zahnfüllungen deuteten auf eine Herkunft aus Osteuropa hin. In der Umgebung hielten sich viele polnische Landarbeiter auf, die oft illegal und ohne festen Wohnsitz in Deutschland waren.
Die Polizei richtete die Sonderkommission „Sandkuhle“ ein, doch alle Spuren verliefen im Sand. Es gab keine Vermisstenanzeige, keinen Freund, keinen Kollegen, der diesen Mann suchte. Im Januar 1997 wurde der Tote unter einem anonymen Grab beigesetzt, begleitet von nur zwei Polizisten.
Jahre vergingen, und der Fall schien in Vergessenheit zu geraten. Doch das LKA Nordrhein-Westfalen richtete eine neue Cold-Case-Datenbank ein. Mit moderner Bildtechnik erstellten die Ermittler neue Phantombilder, die den Toten ohne die entstellenden Verletzungen zeigten.
Sie hofften, dass diese Bilder vielleicht jemand erkennen würde. Am 28. August 2019 wandten sie sich erneut an „Aktenzeichen XY … ungelöst“.
Die über 50 Hinweise, die nach der Sendung eingingen, waren meist falsch – bis auf Hinweis Nummer 41. Thomas S. rief an und identifizierte den Toten als Wilfried Karlitz, einen 43-jährigen Familienvater aus Würselen bei Aachen.
Wilfried war Busfahrer gewesen, hatte eine Werkstatt betrieben und mit Wohnmobilen gehandelt. 1996 war er spurlos verschwunden – ohne Abschied, ohne Erklärung. Seine Familie hatte angenommen, er sei wegen finanzieller Probleme ins Ausland abgehauen.
Dass er einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein könnte, war niemandem in den Sinn gekommen. Ein damaliger Beamter hatte keine Vermisstenanzeige aufgenommen, weil es keine Anhaltspunkte für ein Verbrechen gab. Wilfrieds Schäferhund Rex und sein VW-Bus waren ebenfalls verschwunden, und seine Frau hatte ihn nach Jahren der Ungewissheit scheiden lassen.
Nun, 23 Jahre später, erfuhr sie durch die Polizei, dass ihr Mann anonym begraben worden war.
Thomas S. , der Hinweisgeber, war der Bruder eines mutmaßlichen Mittäters. Dessen Bruder, selbst inzwischen verstorben, habe damals bei Wilfried in der Werkstatt ausgeholfen und dort gelebt.
Nach Wilfrieds Verschwinden und der Zwangsversteigerung seines Hauses hätten Thomas‘ Bruder und ein anderer Mann, Achim K. , bei einem Gespräch nach ein paar Bieren die Tat gestanden. Sie hätten Wilfried aus Habgier getötet – für 5000 D-Mark, die er durch den Verkauf eines Wohnwagens zusammengespart hatte.
Die beiden Männer hätten immer wieder auf ihn eingeschlagen, seinen Körper in einen Teppich gewickelt und zur Hauser Sandkohle gebracht, einem Ort aus ihrer Kindheit. „Mein Mandant bestreitet die Tat, weil er von einem Bekannten beschuldigt wurde, dass er damals mit dem Mord bei ihm geprahlt habe, wurde er festgenommen“, sagte Achims Verteidiger später.
Der Prozess begann 2021. Wilfrieds Tochter, zum Zeitpunkt des Verschwindens ihres Vaters erst sieben Jahre alt, saß als Nebenklägerin im Saal. Sie war mit der Vorstellung aufgewachsen, dass ihr Vater sie verlassen hatte.
„Das war sehr, sehr schlimm, als er plötzlich nicht mehr da war. Okay, Papa hatte halt ein paar Schulden. Wahrscheinlich ist er deswegen ins Ausland gegangen“, erinnerte sie sich.
Die Verteidigung versuchte, Zweifel an der einzigen Zeugenaussage zu säen. Es gab keine DNA-Spuren, keine handfesten Beweise. Doch der Richter war überzeugt: Der Haupttäter, der bei einem Unfall 1997 gestorben war, habe mit einem Hammer mehrfach auf den Kopf des Opfers eingeschlagen.
Achim K. habe sich darüber amüsiert, wie verkrümmt die Leiche in der Kiesgrube gelegen habe. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass die beiden Männer gemeinsame Sache gemacht hatten.
Im Mai 2021 fällte das Landgericht Aachen das Urteil: lebenslange Haft für Achim K. wegen Mordes in Tateinheit mit räuberischer Erpressung mit Todesfolge. Es war das Ende einer 24-jährigen Suche nach Gerechtigkeit.
Wilfrieds Tochter kaufte sein anonymes Grab und setzte einen Grabstein darauf. „Das war für mich schon sehr wichtig. Das war so dieser kleine Abschluss, den wir nicht machen konnten“, sagte sie.
Wilfried war nicht mehr der Unbekannte aus der Sandkuhle. Er war wieder das, was er immer war: ein Vater, ein Ehemann, ein Mensch. Die Geschichte dieses Falls zeigt, wie entscheidend es sein kann, dass Menschen hinschauen und sprechen – auch nach Jahrzehnten.
Ein Anruf, ein Geständnis, und plötzlich verändert sich alles.

