Der mysteriöse Tod von Jens Salaf: Neue Gutachten werfen Fragen auf – Eltern fordern Wiederaufnahme der Ermittlungen

Monschau, Eifel – Mehr als sechs Jahre nach dem Tod des 21-jährigen Studenten Jens Salaf verdichten sich die Hinweise, dass hinter seinem Ableben möglicherweise mehr steckt als ein tragisches Unglück. Ein 700-seitiges Privatgutachten des Instituts für angewandte Kriminalistik und Forensik aus Duisburg, das im Auftrag der Familie erstellt wurde, legt nun nahe, dass Jens Salaf nicht allein durch Unterkühlung ums Leben kam, sondern Opfer eines Gewaltverbrechens geworden sein könnte. Die Eltern, Manuela und Helmut Salaf, kämpfen seit Jahren um die Wahrheit und haben das Gutachten persönlich der zuständigen Oberstaatsanwältin übergeben.
Die Behörden prüfen derzeit, ob das Verfahren wieder aufgenommen wird.
Die Nacht des 20. Februar 2020 begann für Jens Salaf wie ein ausgelassener Karnevalstag. Der Student aus dem Eifelort Monschau-Kalterherberg hatte sich als Bayer verkleidet, mit rot-weiß kariertem Hemd, Lederhose und Trachtenschuhen.
Gemeinsam mit Freunden feierte er in Simmerath, Lammersdorf und schließlich in der Veranstaltungshalle „Tenne“ in Eicherscheid. Gegen Mitternacht verließ er mit einem Freund die Halle. Beide stiegen in den sogenannten Partybus, der sie nach Hause bringen sollte.
Doch an der ersten Haltestelle in Konzen-Blumengasse stieg Jens aus – ein Schritt, der bis heute Rätsel aufgibt. Warum er den Bus verließ, obwohl er noch kilometerweit von zu Hause entfernt war, ist unklar.
Ein Busfahrer, der später befragt wurde, erinnerte sich an ein kurzes Gespräch mit Jens. Der junge Mann habe gesagt, er wolle eigentlich nach Kalterherberg, aber in Konzen aussteigen, um eine Bekannte in Mützenich zu treffen und dort weiterzufeiern. Diese Aussage wirft neue Fragen auf: Wer war diese Bekannte?
Und wie sollte Jens die fünf Kilometer bis nach Mützenich zurücklegen, wenn er aufgrund eines früheren Autounfalls mit einer 30 Zentimeter langen Schraube im Bein kaum längere Strecken gehen konnte? Die Ermittler des Privatgutachtens vermuten, dass Jens sich mit jemandem verabredet hatte, der ihn mit dem Auto abholen sollte. Doch sein Handy, das er noch kurz nach 1 Uhr nachts für verzweifelte Anrufe bei Freunden genutzt hatte, wurde nie gefunden.
Die Anrufe selbst sind ein weiteres Mysterium. Jens versuchte mehrfach, seinen Freund Fabian zu erreichen, der jedoch schlief. Ein anderer Kumpel, Mike, nahm das Gespräch an und hörte Jens weinen und wimmern.
Nach wenigen Sekunden brach die Verbindung ab, das Handy war ausgeschaltet. Was in den 50 Minuten zwischen dem Ausstieg aus dem Bus und diesen Anrufen geschah, ist bis heute unklar. Die Freunde, die den Abend mit Jens verbracht hatten, gaben später an, nie von den Ermittlern befragt worden zu sein.
Auch andere Zeugen, darunter eine Frau, die von einer Schlägerei gehört haben will, blieben ungehört.
Die offizielle Version der Polizei und Staatsanwaltschaft lautete zunächst: Jens starb an Unterkühlung bei 1,03 Promille Alkohol im Blut. Seine halb nackte Leiche wurde am 22. Februar auf einem Feld nahe Konzen gefunden, nur etwa einen Kilometer von der Bushaltestelle entfernt.
Die Kleidung, darunter Lederhose, Schuhe, Brille und Handy, fehlte spurlos. Die Behörden werteten dies als typisches Anzeichen für die sogenannte Kälteidiotie, bei der Unterkühlte paradoxerweise ihre Kleidung ablegen. Doch das Gutachten des Duisburger Instituts stellt diese These infrage.
Die Gutachter fanden in den Polizeiunterlagen Hinweise auf Verletzungen, die nicht zu einem einfachen Erfrierungstod passen. Jens wies Kratzer und Schnittwunden von bis zu 25 Zentimetern Länge an Armen, Händen, Rücken, Brust und Beinen auf. Seine Knie waren aufgeschürft.
Besonders auffällig: Eine frische Schnittverletzung am Kopf, die zum Zeitpunkt des Auffindens noch nicht verkrustet war, obwohl Jens nach offizieller Darstellung bereits 36 Stunden zuvor gestorben sein soll. „Wie kann eine Verletzung noch frisch sein, wenn der Tod am frühen Morgen des 21. Februar eingetreten ist?
“, fragt der Anwalt der Familie, Reiner Diz. Zudem sei ein hochgradiges Hirnödem festgestellt worden, das laut Gutachten nicht allein durch Kälte erklärbar sei, sondern auf stumpfe Gewalteinwirkung hindeute.
Ein weiteres Detail: Der Polizeihubschrauber, der mit einer Wärmebildkamera ausgestattet war, flog am Freitag, dem 21. Februar, über das Feld, auf dem Jens später gefunden wurde. Trotz der auffälligen rot-weißen Kleidung und der unbekleideten Beine wurde er nicht entdeckt.
Die Gutachter halten es für möglich, dass Jens erst später – möglicherweise noch lebend – auf das Feld gebracht wurde. Ein Mitarbeiter des angrenzenden Bauernhofs versicherte der Familie, die Leiche habe am Freitag definitiv noch nicht dort gelegen. Auch die Hofbesitzerin, die am Samstagmorgen mit ihrem Hund spazieren ging, bemerkte nichts.
Die Privatermittler gehen davon aus, dass Jens nach dem Ausstieg aus dem Bus von einer Gruppe junger Männer angegriffen wurde. Mindestens zwei bis drei dieser Personen könnten bereits mit ihm im Bus gesessen haben. Die Verletzungen, darunter Schläge mit einem Gürtel oder das Setzen auf seine Beine, deuten auf eine gezielte Gewaltaktion hin.
„Es sieht so aus, als wollte man ihm eine Lektion erteilen“, sagt der Leiter des Instituts, Marius Richter. „Sein Tod wurde dabei billigend in Kauf genommen. “ Die Ermittler haben zudem Hinweise auf ein mögliches Tatmotiv gefunden: Auf Jens‘ Laptop, der in seinem Elternhaus verblieben war, entdeckten sie Fotos und Videos von zwei weiblichen Personen, mit denen er trotz einer festen Beziehung möglicherweise intime Kontakte hatte.
„Das könnte Rachegelüste geweckt haben“, so Richter.
Die Familie Salaf hat das Gutachten Anfang 2026 der zuständigen Oberstaatsanwältin übergeben. Diese bestätigte den Eingang und leitete es an die zuständige Abteilung weiter. Ob die Ermittlungen wieder aufgenommen werden, ist noch offen.
„Wir hoffen, dass endlich eine gründliche Untersuchung stattfindet“, sagt Manuela Salaf. „Unser Sohn verdient die Wahrheit. “ Die Eltern sind überzeugt, dass Jens nicht einfach nur betrunken erfroren ist.
„Die Ungereimtheiten sind zu zahlreich“, betont ihr Anwalt. „Die Polizei hat nie richtig ermittelt. Zeugen wurden nicht befragt, Spuren nicht gesichert.
Das muss sich jetzt ändern. “
Der Fall Jens Salaf hat in der Eifel und weit darüber hinaus Wellen geschlagen. In sozialen Medien und Foren diskutieren Nutzer immer wieder über die mysteriösen Umstände seines Todes. Die Familie hofft, dass das Gutachten den Druck auf die Behörden erhöht.
„Wir werden nicht aufgeben“, sagt Helmut Salaf. „Bis wir wissen, was wirklich passiert ist. “ Die nächsten Wochen werden zeigen, ob die Staatsanwaltschaft die Akten wieder öffnet.
Bis dahin bleibt die Frage: Was geschah in jener kalten Februarnacht 2020 mit Jens Salaf?


