Zwei Blaubeersammler gehen vor 36 Jahren durch ein Waldstück bei Lüneburg. Ein Geruch treibt sie ins Unterholz, sie folgen ihm – und finden dort die Leichen eines Ehepaares. Es sind Ursula und Peter Reinold, sieben Wochen zuvor als vermisst gemeldet. Sie waren an diesem Sonntag im Mai 1989 nur spazieren im Waldgebiet Görde, als sie auf einen Unbekannten trafen.

Die Polizei durchkämmt den Wald, eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei sucht nach Spuren. Nur 800 Meter entfernt stoßen die Beamten auf zwei weitere Leichen: Ingrid Warmbier und Bernt Michael Köpping, ein Liebespaar, das sich dort heimlich verabredet hatte. Ihre Wertgegenstände liegen verstreut, als hätte es einen Kampf gegeben. Vier Tote in zwei Wochen.
Die Angst in der Region ist groß, denn die Polizei tappt im Dunkeln. Die Gördemorde beherrschen bundesweit die Schlagzeilen. Die Bevölkerung traut sich nicht mehr in den Wald, Kinder dürfen nicht mehr allein raus. Ermittler Jürgen Schubbert übernimmt die Ermittlungsgruppe später, 2017, als die Fälle bereits 28 Jahre zurückliegen.
Die Akten sind voller Fotos vom Leichenfundort, aber es gibt keine heiße Spur. Immer wieder führen die Ermittlungen ins Leere, selbst der bundesweite Zeugenaufruf bei „Aktenzeichen XY” bringt keinen Erfolg. Was die Ermittler wissen: Beide Paare waren mit ihren Autos in die Görde gefahren. Doch die Fahrzeuge wurden später Kilometer entfernt vom Tatort gefunden – offenbar hatte der Täter sie selbst bewegt.
In den Wagen wurden Veränderungen festgestellt, Details, die die Polizei bis heute geheim hält, denn nur der Täter kennt sie. Die Art der Tötung bleibt ebenfalls unter Verschluss. Die Forensiker gehen von einem Serientäter aus, der aus Macht-, Kontroll- und Demütigungsbedürfnis handelte. Zur gleichen Zeit, nur 40 Kilometer entfernt, verschwindet eine Frau spurlos: Birgit Meier, 41, Fotografin und Mutter einer Tochter.
Jasmin, damals 21, versucht ihre Mutter zu erreichen, aber niemand geht ans Telefon. Sie fährt hin, die Wohnung ist leer. Birgit ist frisch getrennt, wohlhabend, kurz vor der Scheidung. Ihr Ehemann gerät schnell unter Verdacht, doch er kann entlastet werden.
Ermittler Manfred Hamel sucht im Umfeld der Verschwundenen nach vorbestraften Gewalttätern und stößt auf Kurt-Werner Wichmann. Der Mann hat ein langes Strafregister und kennt Birgit persönlich. Jasmin erinnert sich: „Man hat schon durchaus gemerkt, dass er wohl an meiner Mama ein bisschen interessierter war, aber sie hat es immer abgewimmelt. ”
Wichmanns Vergangenheit ist erschütternd.
Schon als Schüler wird er als Sonderling beschrieben, seine Lehrerin notiert, die Eltern seien so primitiv, dass von ihnen keinerlei Unterstützung zu erwarten sei. Mit 14 begeht er die erste Straftat, mit 18 schießt er auf Polizeibeamte. Mit 21 nimmt er eine Anhalterin mit, vergewaltigt sie und schlägt sie bis zur Bewusstlosigkeit. Er legt die reglose Frau in den Kofferraum, in dem bereits ein Spaten liegt – er will sie eingraben.
Doch die Frau erwacht, schlägt ihn mit dem Spaten nieder und flieht. Manfred Hamel ist überzeugt, dass Wichmann auch Birgit Meier auf dem Gewissen hat. Er beantragt einen Durchsuchungsbeschluss, doch die Staatsanwaltschaft lehnt ab – die Beweise reichen nicht. Hamel verliert den Mut und gibt den Fall ab.
Erst drei Jahre später, 1992, unterzeichnet eine neue Staatsanwältin den Durchsuchungsbeschluss. Doch dann passiert ein schwerer Fehler: Die Polizei ruft Wichmann auf der Arbeit an und bittet ihn, nach Hause zu kommen. Er taucht stattdessen unter. Die Beamten durchsuchen sein Haus und finden Waffen, Munition und im Garten ein komplettes vergrabenes Auto.
Leichenspürhunde schlagen am Kofferraum an. Doch eine Leiche finden sie nicht. Birgit Meier bleibt verschwunden. 1993 wird Wichmann nach einem Unfall festgenommen, weil in seinem Auto Waffen gefunden werden.
Er kommt in Untersuchungshaft. Aus der Zelle schreibt er Briefe an seine Frau und seinen Bruder: Er solle die Dachrinne reinigen, die Madonnenfigur am Kamin zerschlagen und wegwerfen. Es wirkt wie der Versuch, Spuren zu beseitigen. Dann, wenige Wochen später, nimmt sich Wichmann in seiner Zelle mit seinem Gürtel das Leben.
Mit seinem Tod enden die Ermittlungen. Gegen Tote darf nicht ermittelt werden. Die Staatsanwaltschaft stellt das Verfahren ein, alle Beweismittel – Waffen, Munition, das im Garten vergrabene Auto – werden vernichtet. Der Fall Birgit Meier wird geschlossen.
Doch einer gibt nicht auf: Wolfgang Sielaff, Birgits Bruder und ehemaliger Leiter des Hamburger LKA. Im Ruhestand rollt er den Fall 2002 erneut auf. 15 Jahre lang arbeitet er mit einer privaten Ermittlergruppe. 2017 untersucht er das ehemalige Grundstück von Wichmann.
In der Garage entdeckt er eine Werkstattgrube – seltsam ungeeignet zum Arbeiten am Auto. Er lässt bohren. Die sterblichen Überreste von Birgit Meier werden gefunden. Sie wurde mit einem Kopfschuss getötet, über der Grube erschossen und einbetoniert.
Jasmin, inzwischen 56, bekommt den Anruf. Sie ist schwer traumatisiert: „Ich glaube, ganz schaffen kann man das nie. Es wird nie vorbei sein. ” Bis heute schreibt sie beinahe täglich ein Gedicht an ihre Mutter.
Der Fall Birgit Meier ist gelöst. Doch für die Gördemorde hat noch niemand an Wichmann gedacht. Erst die Re-Analyse der Spuren aus den Opferfahrzeugen bringt 2017 den Durchbruch: Ein DNA-Treffer korrespondiert mit Kurt-Werner Wichmann. Sein Profil passt zum Täterbild des Serienmörders.
Plötzlich, nach 28 Jahren, gibt es einen Namen. Die Ermittlungen weiten sich aus. Auf dem ehemaligen Grundstück werden 2018 erneut Grabungen durchgeführt. Die Beamten finden ein „Geheimzimmer” mit schalldichter Tür, das nur Wichmann und sein Bruder betreten durften.
Darin: Zeitungsartikel über ungelöste Mordfälle – auch über die Gördemorde. Sie finden Äste, Messer, eine Pistole, Säbel. Und im Erdreich: Damenschuhe, Portemonnaies, Handtaschen. Fast 500 Asservate werden sichergestellt, doch keins lässt sich bisher einem Opfer zuordnen.
Ermittler Jürgen Schubbert: „Man muss sich fragen, welcher normale Mensch vergräbt Frauenschuhe in seinem Garten. Das ist ein Grund anzunehmen, dass diese Schuhe mit der Tötung von Frauen zu tun haben. ” Wichmann war ein Autoliebhaber, besaß rund 25 Fahrzeuge, war mobil. Die Ermittler gehen davon aus, dass er für weitere Straftaten verantwortlich sein könnte.
In seinem Geheimzimmer sammelte er Artikel über die Ermordung von Ilse Gerkens 1968 und von Ulrike Burmester 1969 sowie über die 1986 verschwundene Jutta Schneefuß. Beweise gibt es bis heute nicht. Die Ermittler vermuten, dass Wichmann einen Mittäter hatte – die nach den Taten bewegten Opferfahrzeuge und Zeugenaussagen sprechen dafür. Es gibt tatsächlich eine noch lebende Person, gegen die sich ein Tatverdacht richtet.
Sie verweigert aber die Aussage. Die Cold-Case-Ermittler der Polizei Lüneburg stehen kurz davor, die Ermittlungsergebnisse noch in diesem Jahr an die Staatsanwaltschaft zu übergeben. Ein Prozess gegen den mutmaßlichen Mittäter könnte einer der spektakulärsten Kriminalfälle der deutschen Geschichte abschließen. Jasmin appelliert an mögliche Mittäter, endlich zu sprechen: „Die dürfen nicht übersehen, dass es da Leute gibt, die vielleicht daran zerbrechen, die das Recht haben zu wissen, was den Verstorbenen passiert ist.
” Jürgen Schubbert hofft, dass auch die letzten Fragen beantwortet werden.


