Im 12. Jahrhundert, während Europa mit der Pest kämpfte und seine Städte kaum ein paar tausend Einwohner zählten, existierte am anderen Ende der Welt eine Metropole, die größer war als London, Paris und Rom zusammen. Bis zu 750. 000 Menschen lebten in Angkor, der Hauptstadt des Khmer-Reiches.

Die Tempel ragten über die Baumkronen des tropischen Regenwaldes hinaus, die Straßen waren angelegt wie in einer modernen Großstadt, und ein ausgeklügeltes Bewässerungssystem aus künstlichen Seen und Kanälen durchzog das ganze Land. Und all das wurde auf der Grundlage eines einzigen Getreidekorns gebaut. Es war kein Gold und kein Eisen. Es war Reis.
Ein Korn, das die meisten von uns einfach in den Topf werfen, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken. Dabei hat genau dieses Korn mehr Imperien geformt, mehr Feudalsysteme finanziert und mehr Menschenleben bestimmt als fast jede andere Pflanze auf der Erde. Die Geschichte des Reises beginnt weit vor Angkor, vor jeder Schrift und vor jeder bekannten Zivilisation. Vor über 9.
000 Jahren, im Tal des Jangtse im Süden Chinas, begannen Menschen damit, wilde Reispflanzen gezielt zu sammeln und anzubauen. Archäologen haben an Fundorten wie Shangshan und Kuahuqiao Überreste von Reiskörnern entdeckt, die zu den ältesten Spuren von Ackerbau auf der ganzen Welt gehören. Die Menschen dort waren keine Bauern im heutigen Sinne. Sie waren Jäger und Sammler, die irgendwann anfingen, bestimmte Gräser bevorzugt zu pflegen, weil deren Körner nahrhafter waren als andere.
Reis war zu diesem Zeitpunkt noch eine Wildpflanze – Oryza rufipogon, wie Biologen die wilde Urform nennen. Sie wuchs in den feuchten Überschwemmungsgebieten entlang des Jangtse, zwischen Schilfgräsern und Sumpfpflanzen. Die Körner waren klein, brüchig und fielen von selbst von der Pflanze ab, bevor man sie ernten konnte. Für eine Wildpflanze ist das ein Vorteil, weil sich die Samen so über den Boden verteilen.
Für Menschen, die diese Pflanze als Nahrungsquelle nutzen wollten, war es ein Problem. Also begannen sie über Generationen hinweg gezielt jene Pflanzen auszuwählen, deren Körner fester an der Ähre hafteten. Aus Oryza rufipogon wurde Oryza sativa, die Kulturform des Reises, die heute auf Feldern von Vietnam bis Kalifornien wächst. Dieser Prozess dauerte keine Wochen und keine Monate.
Er zog sich über Jahrtausende hin – und er veränderte alles. Denn der Nassreisanbau hatte eine Eigenschaft, die ihn von fast jeder anderen Form der Landwirtschaft unterschied: Reis lieferte pro Hektar mehr Kalorien als Weizen, Gerste oder Hirse. Deutlich mehr. Ein richtig bewässertes Reisfeld konnte im gleichen Zeitraum zwei bis dreimal so viele Menschen ernähren wie ein Weizenfeld gleicher Größe.
Das bedeutete, dass Gemeinschaften, die Reis anbauten, schneller wachsen konnten. Mehr Menschen auf engerem Raum, ohne zu verhungern. Und genau das passierte. Entlang des Jangtse-Tals entstanden die ersten dauerhaften Siedlungen.
Dort, wo vorher kleine Gruppen von Nomaden durchgezogen waren, lebten plötzlich hunderte von Menschen an einem festen Ort. Sie bauten Häuser aus Holz und Lehm, legten Vorräte an und begannen sich zu spezialisieren. Nicht jeder musste mehr selbst Nahrung beschaffen. Manche konnten Werkzeuge herstellen, Keramik brennen oder Handel treiben.
Der Reis ernährte sie alle. Was dort im Jangtse-Tal passierte, war im Grunde eine stille Revolution. Keine Waffen, keine Eroberungen, kein einziger Herrscher – nur Menschen, die lernten, eine Pflanze zu kontrollieren. Und diese Kontrolle gab ihnen etwas, das vorher kaum eine Gemeinschaft besessen hatte: einen Überschuss.
Mehr Essen, als man zum Überleben brauchte. Dieser Überschuss ist der Rohstoff, aus dem Zivilisationen gebaut werden. Und dann begann etwas, das die gesamte Geschichte Ostasiens für die nächsten Jahrtausende prägen sollte. Der Reis wanderte.
Aus dem Jangtse-Tal breitete er sich nach Norden und Süden aus – nach Südostasien, nach Indien, nach Korea und Japan. Überall, wo er hinkam, veränderte er die Gesellschaften von Grund auf. Die dramatischste Veränderung fand in dem Land statt, in dem der Reis geboren wurde. China hatte etwas, das andere Regionen zu dieser Zeit nicht besaßen: Flüsse.
Und zwar nicht irgendeinen Fluss, sondern ein ganzes Netz aus Wasserstraßen, die sich perfekt für den Nassreisanbau eigneten. Im Süden, entlang des Jangtse und des Perlfluss-Deltas, bauten Bauern ausgeklügelte Terrassensysteme und Bewässerungsanlagen. Jeder Hang wurde in schmale Stufen unterteilt, jede Stufe flach genug, um Wasser darauf stehen zu lassen. Diese Reisterrassen, die sich bis heute über die Hügel Südchinas ziehen, sind keine romantische Kulisse für Postkarten.
Sie sind Ingenieurskunst, die seit Jahrtausenden funktioniert. Die Folgen waren gewaltig. Der Reisanbau ermöglichte Bevölkerungsdichten, die in Europa jahrhundertelang undenkbar waren. Während ein europäischer Bauer mit Weizen und Gerste eine Familie versorgen konnte, ernährte ein chinesischer Reisbauer auf derselben Fläche drei bis vier Familien.
Die Bevölkerung wuchs, und mit ihr wuchsen Städte, Bürokratien und Armeen. Der Reisüberschuss machte Arbeitsteilung in einem Ausmaß möglich, das andere Getreidekulturen nicht hergaben. Handwerker, Gelehrte, Soldaten, Beamte – sie alle aßen den Reis, den andere für sie angebaut hatten. Ohne diesen Überschuss hätte China nie die komplexe Verwaltung aufbauen können, die das Reich über Jahrtausende zusammenhielt.
Die Han-Dynastie erkannte das früh. Unter den Han, die China von 206 vor Christus bis 220 nach Christus regierten, wurde Reis zur Grundlage des Steuersystems. Bauern zahlten ihre Steuern nicht in Münzen, sie zahlten in Reis. Der Staat sammelte Reis ein, lagerte ihn in riesigen Getreidespeichern und verteilte ihn an Soldaten, Beamte und Arbeiter.
Reis war Geld. Und wer den Reis kontrollierte, kontrollierte das Reich. Dieses System war so stabil, dass es über Dynastien hinweg funktionierte. Die Tang-Dynastie perfektionierte es, die Song-Dynastie expandierte es weiter.
Unter den Song, zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert, erreichte der Reisanbau in China ein Niveau, das die Welt so noch nicht gesehen hatte. Die Song-Kaiser ließen neue Reissorten aus dem Champa-Königreich in Vietnam importieren, die schneller reiften als die einheimischen Sorten.
Diese Champa-Sorten brauchten nur 60 Tage von der Aussaat bis zur Ernte, statt der üblichen 100 bis 120 Tage. Plötzlich waren zwei Ernten pro Jahr möglich, in manchen Regionen im Süden Chinas sogar drei. Das war ein Produktivitätssprung, der in Europa erst Jahrhunderte später durch die industrielle Landwirtschaft erreicht werden sollte. Die Bevölkerung Chinas explodierte.
Unter den Song lebten zum ersten Mal in der Geschichte über 100 Millionen Menschen in einem einzigen Reich. Städte wie Hangzhou und Kaifeng wuchsen zu Metropolen mit hunderttausenden Einwohnern heran. Alle diese Menschen mussten mit Reis versorgt werden, und all dieser Reis musste transportiert werden – vom Süden, wo er wuchs, in den Norden, wo die Hauptstädte lagen und die Armeen stationiert waren. Also bauten die Chinesen den Kaiserkanal, eine der gewaltigsten Baumaßnahmen der Menschheitsgeschichte.
Über 1. 700 Kilometer Wasserstraße, die den Jangtse mit dem Gelben Fluss verband. Reisbarken fuhren Tag und Nacht den Kanal entlang, beladen mit tausenden Tonnen Getreide, die den Norden am Leben hielten. Das alles hing am Reis.
Ohne ihn hätte China den Kaiserkanal nie gebaut. Und ohne den Kanal wäre der Norden nie in der Lage gewesen, die Millionen von Menschen zu ernähren, die dort lebten, arbeiteten und die Grenzen des Reiches verteidigten. China war nicht das einzige Reich, das diese Lektion verstand. Tausende Kilometer weiter südlich hatte ein anderes Volk den Reis auf seine eigene Art genutzt.
Und was die Khmer damit aufbauten, war selbst für chinesische Verhältnisse beeindruckend. Im 9. Jahrhundert nach Christus erklärte sich ein König namens Jayavarman zum Herrscher über die Khmer. Sein Reich lag in dem Gebiet, das heute Kambodscha ist, und es war zu diesem Zeitpunkt nicht viel mehr als eine Ansammlung verstreuter Fürstentümer im tropischen Tiefland Südostasiens.
Jayavarman änderte das. Er vereinte die Khmer unter seiner Herrschaft und gründete eine Hauptstadt, die zur größten vorindustriellen Stadt der Welt werden sollte: Angkor. Angkor war kein Zufall und kein Glücksfall. Angkor war eine Maschine.
Die Khmer hatten etwas begriffen, was zu dieser Zeit kaum eine andere Zivilisation in dieser Konsequenz umsetzte: Sie verstanden, dass Wasser die Grundlage für alles war. Also bauten sie Barays – riesige künstliche Stauseen, die Millionen von Kubikmetern Regenwasser auffangen konnten. Der Westbaray, der größte von ihnen, maß 8 Kilometer in der Länge und über 2 Kilometer in der Breite. Er allein fasste genug Wasser, um während der Trockenzeit tausende Hektar Reisfelder zu bewässern.
Und die Khmer bauten nicht nur einen Baray. Sie errichteten ein ganzes Netzwerk aus Kanälen, Deichen und Becken, die das Wasser vom Tonle-Sap-See und von den umliegenden Flüssen in die Felder rund um Angkor leiteten. Moderne Satellitenbilder zeigen, wie weitläufig dieses Netzwerk tatsächlich war: über 1. 000 Quadratkilometer bewässertes Ackerland, verbunden durch hunderte von Kanälen, die das Wasser von den großen Stauseen in die einzelnen Parzellen leiteten.
Das System war so effizient, dass die Bauern in der Region bis zu drei Reisernten pro Jahr einfahren konnten. Drei Ernten in einer Zeit, in der europäische Bauern froh waren, wenn sie eine einzige Weizenernte durch den Winter brachten. Dieser Reisüberschuss war der Motor, der Angkor antrieb. 750.
000 Menschen, vielleicht sogar eine Million, lebten in und um die Stadt herum. Die Khmer-Könige konnten Armeen aufstellen, Tempel errichten und hunderte von Priestern, Beamten und Handwerkern beschäftigen, weil sie genug Reis hatten, um alle zu ernähren. Die Khmer-Gesellschaft war streng organisiert. Jedes Dorf rund um Angkor hatte seine zugewiesene Fläche, seine Wasserquote und seine Abgabenpflicht.
Ein Teil jeder Ernte ging direkt an den König, ein weiterer Teil an die Tempel. Die Tempel selbst waren wirtschaftliche Zentren, in denen tausende von Arbeitern, Tänzerinnen und Priestern lebten – alle versorgt durch den Reis, den die Bauern in den umliegenden Feldern ernteten. Angkor Wat, der berühmteste Tempel des Khmer-Reiches, wurde im frühen 12. Jahrhundert unter König Suryavarman II gebaut.
Er ist bis heute das größte religiöse Bauwerk der Welt, und er wurde finanziert durch Reisüberschüsse. Ohne die Barays, ohne das Wasser und ohne den Reis hätte es diesen Tempel nie gegeben. Aber das System hatte eine Schwäche. Es hing vollständig am Wasser.
Als sich im 14. und 15. Jahrhundert die Monsunmuster veränderten und schwere Dürreperioden die Region trafen, brach das Bewässerungssystem zusammen. Die Kanäle versandeten, die Barays hielten nicht genug Wasser, und die Erträge auf den Reisfeldern fielen dramatisch.
Die Bevölkerung von Angkor schrumpfte. Die Tempel, die der Reis finanziert hatte, standen plötzlich leer. Die Macht der Khmer-Könige schwand mit jedem Jahr, in dem die Ernten geringer ausfielen. Gleichzeitig griffen die Nachbarn aus dem heutigen Thailand die Geschwächten an.
Bis zum 15. Jahrhundert war Angkor praktisch aufgegeben. Die Menschen zogen an die Küste und in die Ebenen, wo der Regen zuverlässiger fiel. Der Dschungel holte sich die Tempel zurück.
Die Wurzeln gewaltiger Bäume sprengten die Steinmauern auseinander. Das Reich, das der Reis aufgebaut hatte, ging an der Abhängigkeit von genau diesem Reis zugrunde. Aber die Geschichte des Reises war längst nicht vorbei. Zur selben Zeit, als Angkor verfiel, hatte ein anderes Land am anderen Ende Asiens den Reis zu etwas gemacht, das es nirgendwo sonst auf der Welt gab.
Japan hatte ihn zur Währung erklärt. Japan im 8. Jahrhundert nach Christus, die Nara-Periode. Das Land hatte den Reisanbau Jahrhunderte zuvor aus China und Korea übernommen, und die japanischen Bauern hatten ihn an die besonderen Bedingungen der japanischen Inseln angepasst.
Die vulkanischen Böden waren fruchtbar, die Regenfälle reichlich, und die schmalen Täler zwischen den Bergen eigneten sich perfekt für terrassierte Reisfelder, die sich wie grüne Stufen die Hänge hinaufzogen. Japan ging einen Schritt weiter als China. In Japan wurde Reis nicht nur zur Grundlage der Ernährung, er wurde zur offiziellen Währung. Das System hieß Koku.
Ein Koku war die Menge Reis, die einen erwachsenen Mann ein ganzes Jahr lang ernähren konnte – ungefähr 150 Kilogramm. Ab dem 16. Jahrhundert, unter den Tokugawa-Shogunen, wurde das Koku-System zur Basis der gesamten Feudalordnung. Jeder Daimyō, jeder Provinzfürst Japans, wurde nach der Reisproduktion seines Landes bemessen.
Ein Daimyō, dessen Provinz 100. 000 Koku Reis im Jahr produzierte, war reicher und mächtiger als einer mit 30. 000 Koku. So einfach war die Rechnung.
Samurai, die Kriegerelite Japans, erhielten ihren Sold in Reis. Ein ranghoher Samurai bekam mehrere hundert Koku pro Jahr, ein niedrigerer Samurai vielleicht 30 oder 50. Wer viel Reis hatte, konnte Diener bezahlen, Waffen kaufen und Einfluss ausüben. Wer wenig hatte, kämpfte ums Überleben.
Das Problem war, dass Reis ein Naturprodukt ist und Naturprodukte schwanken im Wert. Eine schlechte Ernte, eine Überschwemmung, ein Taifun über den japanischen Inseln – und plötzlich war der Reis knapp. Die Preise stiegen, Samurai konnten sich weniger leisten, und die Bauern, die ohnehin schon den Großteil ihrer Ernte als Steuern abgeben mussten, hungerten. In der Edo-Periode zwischen dem 17.
und 19. Jahrhundert kam es in Japan zu über 1. 000 dokumentierten Reisaufständen. Bauern, die nicht mehr genug zu essen hatten, griffen zu Werkzeugen und Knüppeln und zogen vor die Paläste der Daimyō.
In den großen Städten wie Osaka und Edo entstanden sogar Reisbörsen, an denen mit Reis gehandelt wurde wie heute mit Aktien. Die Dojima-Reisbörse in Osaka, gegründet im frühen 18. Jahrhundert, wurde zum Finanzzentrum Japans – nicht wegen Gold oder Silber, sondern weil dort der Reispreis gemacht wurde. Händler spekulierten auf zukünftige Ernten, kauften Reis auf Termin und verkauften ihn weiter, bevor er überhaupt geerntet war.
Es war einer der ersten Terminmärkte der Welt. Und japanische Reishändler entwickelten dabei Methoden der Chartanalyse, die noch heute im modernen Börsenhandel verwendet werden. Die sogenannten Kerzencharts, die auf den Bildschirmen jedes Aktienhändlers erscheinen, wurden ursprünglich von Reishändlern in Osaka erfunden, um Preisschwankungen auf dem Reismarkt zu analysieren. Der gehandelte Rohstoff war kein Edelmetall, sondern Getreide.
Das Koku-System hielt Japan fast 300 Jahre zusammen. Es definierte, wer Macht hatte und wer nicht. Es bestimmte, ob ein Samurai eine Familie gründen konnte oder ob er arm blieb. Reis durchdrang jede Ebene der japanischen Kultur.
Das Wort für Mahlzeit, Gohan, bedeutet auf Japanisch gleichzeitig „gekochter Reis“. Reiskuchen bei Neujahrsfeiern, Sake aus fermentiertem Reis bei religiösen Zeremonien, Reisstroh für die Seile, die heilige Shintō-Schreine schmückten. Die Japaner definierten sich über ihren Reis. Und das tun sie zum Teil bis heute.
Aber die Welt außerhalb Japans stand nicht still. Während die Tokugawa-Shogune ihre Grenzen geschlossen hielten, machten sich europäische Kolonialmächte auf den Weg nach Asien – und sie hatten längst begriffen, wie viel dieser Reis wert war. Im 17. Jahrhundert kamen die Niederländer nach Südostasien.
Die Niederländische Ostindien-Kompanie war zu dieser Zeit das mächtigste Handelsunternehmen der Welt, und sie war nicht nach Java und Sumatra gekommen, um Freundschaften zu schließen. Sie kam, um Geld zu verdienen. Ab 1830 führten die Niederländer auf Java ein Zwangsanbausystem ein, das sogenannte Cultuurstelsel. Auf dem Papier klang es harmlos: Javanische Bauern sollten ein Fünftel ihres Landes für den Anbau von Exportgütern zur Verfügung stellen – Zucker, Kaffee, Indigo.
Die Erträge gingen direkt an die Kolonialmacht. In der Praxis war es eine Katastrophe. Denn die Bauern konnten dieses Fünftel ihres Landes nicht mehr für den Reisanbau nutzen, und die Quoten wurden regelmäßig überschritten. Viele Bauern mussten die Hälfte oder sogar mehr ihres Landes für die Niederländer bewirtschaften und hatten kaum noch Platz, um Reis für die eigene Familie anzubauen.
Die Folge waren Hungersnöte. In den 1840er Jahren starben in mehreren Regionen Javas zehntausende von Menschen, weil nicht genug Reis produziert werden konnte, um die Bevölkerung zu ernähren. In der Provinz Demak allein brach die Reisproduktion so stark ein, dass ganze Dörfer sich von Baumrinde und wilden Knollen ernähren mussten. Die Niederländer exportierten weiterhin Zucker und Kaffee nach Europa, während javanische Bauern verhungerten.
In Amsterdam und Den Haag profitierten Aktionäre der Kolonialgesellschaften von den Gewinnen, die das Cultuurstelsel abwarf. Das System brachte den Niederlanden über die Jahrzehnte seiner Existenz Milliarden an Erträgen ein – Geld, das in die niederländische Infrastruktur, in Eisenbahnlinien und Häfen floss. Die Kosten trugen andere. Die Geschichte des Reises unter kolonialer Herrschaft war kein Einzelfall.
In Indochina, im heutigen Vietnam, zwangen die Franzosen die Bauern zum Reisexport, während im Mekong-Delta die Bevölkerung von den Erträgen ihrer eigenen Felder abgeschnitten wurde. In Myanmar unter den Briten wurde der Reisexport zum wichtigsten Wirtschaftszweig der Kolonie, mit ähnlichen Folgen für die Landbevölkerung. Aber das schlimmste Kapitel dieser Geschichte spielte sich an einem anderen Ort ab, über 100 Jahre nach dem Cultuurstelsel, am anderen Ende Asiens: Bengalen, 1943. Die Region gehörte zum britischen Empire, und der Zweite Weltkrieg war in vollem Gange.
Als Japan Burma eroberte, fiel eine der wichtigsten Reiszufuhrquellen für Bengalen weg. Die britische Kolonialregierung reagierte aber nicht so, wie die Menschen in Bengalen es gebraucht hätten. Sie ließ Reis aus Bengalen für die Versorgung der Truppen in anderen Regionen abziehen. Sie zerstörte Boote und Reisvorräte an der Küste aus Angst vor einer japanischen Invasion.
Und sie tat wenig, um die explodierten Reispreise auf den lokalen Märkten zu kontrollieren. Das Ergebnis war eine der schlimmsten Hungersnöte des 20. Jahrhunderts. In den Straßen von Kalkutta lagen die Leichen der Verhungerten auf den Gehwegen, während in den Lagerhäusern der britischen Kolonialverwaltung wenige Kilometer entfernt genug Getreide lag, um sie zu ernähren.
Zwischen 2 und 3 Millionen Menschen starben in Bengalen. Familien, die seit Generationen von ihren Reisfeldern gelebt hatten, verloren alles. Winston Churchill, damals britischer Premierminister, wies jede Verantwortung von sich. Er machte in internen Korrespondenzen die Bevölkerung Indiens selbst für die Krise verantwortlich und lehnte Hilfslieferungen ab, die aus anderen Teilen des Empires angeboten wurden.
Die Reisvorräte in Kalkutta blieben unter Verschluss. Java und Bengalen zeigen eine Seite des Reises, die selten erzählt wird. Reis war nicht nur die Grundlage von Imperien, er war auch das Werkzeug, mit dem Kolonialmächte ganze Bevölkerungen kontrollierten und ausbeuteten. Die Kontrolle über den Reis bedeutete die Kontrolle über das Leben der Menschen.
Das war der Hebel, den die Kolonialherren nutzten – und er funktionierte. Aber der Reis hatte noch ein Kapitel vor sich, eines, das die Welt erneut verändern sollte, diesmal in eine andere Richtung. In den 1950er Jahren stand die Welt vor einem Problem, das kaum jemand öffentlich aussprechen wollte: Die Bevölkerung wuchs schneller als die Nahrungsmittelproduktion. In Asien, wo Milliarden von Menschen vom Reis abhingen, drohte eine Katastrophe.
Wissenschaftler und Politiker befürchteten flächendeckende Hungersnöte, die alles in den Schatten stellen würden, was Bengalen erlebt hatte. 1960 gründeten die Ford Foundation und die Rockefeller Foundation gemeinsam das Internationale Reisforschungsinstitut auf den Philippinen, in der Provinz Laguna, südlich von Manila. In den Laboren und Versuchsfeldern des Instituts arbeiteten Pflanzengenetiker, Agrarwissenschaftler und Bodenkundler aus über 20 Ländern an einem gemeinsamen Ziel: einen Reis zu züchten, der deutlich mehr Ertrag brachte als alle bekannten Sorten. Sie kreuzten tausende verschiedener Linien, testeten die Ergebnisse unter verschiedenen Boden- und Klimabedingungen und verwarfen die allermeisten davon wieder.
Und dann schafften sie es. 1966 stellten die Forscher auf den Philippinen eine neue Sorte vor. Sie hieß IR8, und die Medien tauften sie schnell den „Wunderreis“. IR8 war kürzer als herkömmliche Reispflanzen, mit dickerem Stängel und schweren Ähren.
Der kürzere Wuchs war der Schlüssel, denn traditionelle Reissorten wuchsen so hoch, dass sie unter dem Gewicht ihrer eigenen Körner umknickten und auf dem nassen Boden verfaulten. IR8 blieb stehen – und bei richtiger Düngung und Bewässerung brachte diese Sorte doppelt so viel Ertrag wie die alten Sorten. In manchen Regionen Asiens verdreifachte sich die Ernte. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Zwischen 1960 und dem Jahr 2000 stieg die globale Reisproduktion von etwa 150 Millionen Tonnen auf über 600 Millionen Tonnen.
Die Weltbevölkerung verdoppelte sich im selben Zeitraum, aber die Reisproduktion vervierfachte sich. Ohne diese Steigerung wären die Hungersnöte, die Experten in den 50er Jahren vorausgesagt hatten, mit großer Wahrscheinlichkeit eingetreten. Indien, das noch Anfang der 60er Jahre Reis importieren musste, wurde innerhalb weniger Jahre zum Selbstversorger. Die Philippinen, Pakistan, Indonesien und Bangladesch erlebten ähnliche Sprünge.
Die Grüne Revolution, wie man diesen Umbruch später nannte, rettete nach Schätzungen von Wissenschaftlern hunderte von Millionen Menschenleben. Aber die Grüne Revolution hatte einen Preis. Die neuen Hochleistungssorten brauchten deutlich mehr Wasser, mehr chemischen Dünger und mehr Pestizide als die traditionellen Sorten. Bauern, die sich diese Mittel leisten konnten, profitierten.
Bauern, die es nicht konnten, gerieten ins Hintertreffen und verschuldeten sich, um mit den anderen mitzuhalten. In vielen Regionen Asiens nahmen Kleinbauern Kredite auf, um Dünger und Saatgut zu kaufen, und verloren am Ende ihre Höfe, weil die Ernten trotzdem nicht reichten, um die Schulden zu decken. Die Böden laugten aus, das Grundwasser sank, und die Artenvielfalt auf den Feldern ging zurück. Statt dutzender lokaler Reissorten, die über Jahrhunderte an die jeweiligen Bedingungen angepasst worden waren, wuchsen plötzlich überall dieselben Hochleistungssorten.
Die neuen Sorten verdrängten traditionelles Wissen. Bauern, die seit Generationen ihre eigenen Sorten gezüchtet und an lokale Böden und Klimabedingungen angepasst hatten, gaben diese Praxis auf und kauften Saatgut von Konzernen. Damit gingen nicht nur Pflanzensorten verloren, sondern auch das Wissen, wie man sie anbaut. Und trotzdem war die Grüne Revolution ein Wendepunkt.
Ohne sie wäre die Welt heute eine andere. Die Frage war nur, ob die Erfolge von damals ausreichen würden, um die Probleme von morgen zu lösen. Heute essen dreieinhalb Milliarden Menschen auf der Erde jeden Tag Reis. In Asien macht Reis in vielen Ländern mehr als die Hälfte der täglichen Kalorienzufuhr aus.
In Bangladesch liegt der Anteil bei über 70 Prozent. Reis ist nicht irgendein Nahrungsmittel unter vielen. Für fast die Hälfte der Menschheit ist er die Grundlage des täglichen Überlebens. Aber der Reis steht vor Problemen, die er in 9.
000 Jahren nicht kannte. Der Klimawandel verändert die Monsunmuster in Süd- und Südostasien. Überschwemmungen und Dürren wechseln sich häufiger und heftiger ab als je zuvor, und beide sind verheerend für den Nassreisanbau auf den Feldern. Höhere Temperaturen reduzieren die Reiserträge, weil die Pflanzen während der Blütezeit empfindlich auf Hitze reagieren.
Wissenschaftler am Internationalen Reisforschungsinstitut auf den Philippinen und an Universitäten in China, Japan und Indien arbeiten an neuen Sorten, die hitzeresistenter und trockentoleranter sind als alles, was bisher auf den Feldern stand. Einige dieser Sorten, wie der sogenannte Sub1-Reis, der bis zu zwei Wochen vollständig unter Wasser überleben kann, sind bereits im Einsatz in Überschwemmungsgebieten in Bangladesch und Indien. Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung weiter. Die Vereinten Nationen rechnen mit etwa 9,7 Milliarden Menschen bis zum Jahr 2050.
Der steigende Meeresspiegel bedroht die großen Reisdelta-Regionen in Vietnam, Bangladesch und Myanmar, in denen ein erheblicher Teil des weltweiten Reises angebaut wird. Salzwasser dringt in die Küstengebiete ein und macht Reisfelder, die seit Jahrhunderten bewirtschaftet werden, unbrauchbar. Wie diese Menschen alle ernährt werden sollen, ist eine der drängendsten Fragen unserer Zeit – und Reis wird bei der Antwort auf diese Frage eine zentrale Rolle spielen, so wie er es seit 9. 000 Jahren tut.
Aber es gibt auch eine andere Seite der Rechnung. Der Reisanbau selbst ist eine erhebliche Belastung für das Klima. Die überfluteten Reisfelder in Asien produzieren Methan, ein Treibhausgas, das deutlich stärker wirkt als Kohlendioxid. Etwa 10 bis 12 Prozent der weltweiten Methanemissionen stammen aus Reisfeldern.
Das Nahrungsmittel, das die Welt ernährt, verändert gleichzeitig das Klima, das seinen Anbau bedroht. Forscher arbeiten an Methoden, die Methanemissionen zu senken, etwa durch periodisches Trockenlegen der Felder statt permanenter Überflutung. Die Ergebnisse in den Versuchsfeldern in China und Vietnam sind vielversprechend, aber die Umsetzung in den Millionen von Kleinbauernbetrieben Asiens ist eine Aufgabe, die Jahrzehnte dauern wird. Vor 9.
000 Jahren hat ein Korn im Jangtse-Tal die Welt verändert. Die Frage ist, ob wir jetzt in der Lage sind, das Korn zu schützen, das uns seither am Leben hält.


