Rund 20 Jahre nach der schockierenden Tat, die Deutschland in Atem hielt, bleibt der Fall des sogenannten Kannibalen von Rotenburg ein juristisches und psychologisches Phänomen, das die Grenzen der menschlichen Einwilligung aufzeigt. Am 9. Mai 2006 verurteilte das Landgericht Frankfurt am Main den 45-jährigen Computertechniker Armin Meiwes wegen Mordes und Störung der Totenruhe zu lebenslanger Haft.

Das Urteil war der Höhepunkt eines der bizarrsten und zugleich erschütterndsten Kriminalfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte.
In der Nacht vom 9. zum 10. März 2001 tötete Meiwes den Diplomingenieur Bernd B.
, zerteile dessen Leichnam und fror Fleischstücke ein, um sie später zu verzehren. Vor Gericht plädierte Meiwes auf Tötung auf Verlangen, denn sein Opfer habe den ausdrücklichen Wunsch gehabt, von ihm getötet und geschlachtet zu werden. Doch die Richter entschieden anders: Es war Mord, kein Totschlag auf Verlangen.
Die Frage, die den Fall so einzigartig macht, ist die nach der Gültigkeit einer solchen Einwilligung, wenn sie auf extremen, pathologischen Fantasien beruht.
Zwei Männer mit extremen Fantasien begegneten sich im Internet. Der eine, Armin Meiwes, hatte einen stark ausgeprägten Fetisch, bezogen auf Menschenfleisch, und wollte diesen in der Realität ausleben. Der andere, Bernd B.
, hatte eine sehr klare Vorstellung davon, dass er getötet werden möchte. Das Treffen dieser beiden ging in die deutsche Zeitgeschichte als der Fall des Kannibalen von Rotenburg ein. Was brachte sie dazu, ihre gefährlichen Fantasien auszuleben?
Und wie kann man Menschen wie ihnen helfen, bevor es zu solchen Taten kommt?
Der Fall schockiert wie kaum ein zweiter in der deutschen Justizgeschichte. Die Tat ruft allgemein Unverständnis hervor, sowohl für das Handeln von Täter Armin Meiwes als auch das scheinbare Einwilligen seines Opfers Bernd B. Um diesen Fall zu verstehen, müssen wir in die Vergangenheit von Opfer und Täter eintauchen, wobei wie immer gilt, dass das Ziel ist, diese unbegreiflich wirkende Tat zu erklären, nicht aber zu entschuldigen.
Die Biografien beider Männer weisen einige Parallelen auf.
Beide verlieren als Kinder eine für sie relevante Bezugsperson und sind ihr Leben lang nicht in der Lage, diesen Verlust adäquat zu bewältigen. Dann werden beide auch von einer jeweils erwachsenen Bezugsperson aufgezogen, die aber nicht gut in der Lage ist, die Grundbedürfnisse eines Kindes bezogen auf Empathie, emotionale Stabilität und auch die angemessene Förderung von Selbstvertrauen zu vermitteln. Diese vielen emotionalen Schwierigkeiten, die sie beide als Kinder erleben, sind offenbar die Grundlage dafür, dass sie auch beide eine sehr ähnliche Kompensationsstrategie entwickeln, nämlich eine sehr lebhafte Fantasiewelt, die im weiteren Verlauf ihrer jeweiligen Leben immer mehr Raum einnimmt.
Armin Meiwes wird 1961 in Essen geboren. Er wächst in einem Gutshaus auf, zusammen mit zwei älteren Halbbrüdern. Meiwes sagt, er hatte als Kind alles, sogar ein Pferd, und erlebt dann, wie seine heile Welt plötzlich zerbricht.
Zuerst ziehen seine Halbbrüder aus. Dann verlässt der Vater plötzlich die Familie. Der junge Armin Meiwes läuft dem Auto seines Vaters noch nach.
Vergeblich. Es gibt sehr viele Menschen, die in ihrer Kindheit ähnliche Erlebnisse und auch ähnliche Schwierigkeiten entwickeln. Allerdings hängt es halt sehr von individuellen Faktoren ab, wie ein Kind dann in einer solchen Belastungssituation letztendlich versucht, diese zu bewältigen.
Und als Kind ist natürlich ein Mensch nicht in der Lage, den Gedanken zu fassen, welche Bewältigungsstrategien für meine schmerzhafte emotionale Überforderungssituation stehen mir zur Verfügung. Das ist natürlich nicht, was ein Kind denkt, sondern das Kind wird automatisch merken, was sich gut anfühlt. Der 8-jährige Armin Meiwes bleibt mit seiner fast 50-jährigen Mutter allein zurück.
Sie zieht ihn in rauem Befehlston zur Haus und Gartenarbeit heran und schickt ihn zu Bekannten, um dort im Haushalt zu helfen. Meiwes flüchtet sich in eine Fantasiewelt, in der er einen jüngeren Bruder hat, der immer für ihn da ist und mit dem er über alles reden kann.
Die Strategie, die wir hier sehen, dass Armin Meiwes als kleiner Junge, der merkt, dass er sich sehr einsam fühlt und dass er mit seiner letzten verbliebenen Bezugsperson, nämlich seiner Mutter, auch nicht wirklich über seine Bedürfnisse kommunizieren kann. Dass er jetzt an dieser Stelle sich eine Person vorstellt, die seine Grundbedürfnisse befriedigt. Diese Strategie ist an dieser Stelle gar nicht mal so abwegig und sie ist auch keineswegs selten.
Kinder neigen dazu, manchmal in Phasen, in denen sie etwas vermissen, sich zum Beispiel so eine Fantasiefreundschaft. Oder in seinem Fall war es dann der Fantasie Bruder vorzustellen. Und für die meisten Menschen, die dies für eine Weile dann nutzen, ist das nur eine Phase, die dann mit weiteren Lebensentwicklungen auch irgendwann wieder abgelegt wird.
In Meiwes frühe Kindheit fällt auch ein Schlüsselerlebnis, das seine spätere Tat maßgeblich beeinflusst. Als Kind, das auf dem Dorf aufwächst, gehören für Armin Meiwes Nutztiere und auch deren Schlachtungen zum Leben dazu. Der Anblick vom Ausweiden und das Vor und Zubereiten des Fleisches faszinieren ihn.
Für ihn scheint es, dass ein Schwein, das zur Dorfgemeinschaft dazugehört, zu Fleisch verarbeitet und gegessen wird und dadurch, wie er es sieht, Teil der Gemeinschaft bleibt. Das scheint der Ausgangspunkt zu sein seiner Vorstellung, dass ein Lebewesen, durch das Verzehrt werden dann sozusagen für immer mit der eigenen Person verschmelzen könne.
An dieser Stelle bedient ja die Vorstellung mehrere Grundbedürfnisse, die in seinem Leben unbefriedigt bleiben. Einerseits hat er ja ein ganz, ganz großen Drang nach ganz viel Nähe und die Vorstellung, dass diese gefühlsmäßige Nähe durch das Verspeisen und sozusagen auch ein körperlicher Teil der eigenen Person werden, dass diese Nähe dadurch hergestellt werden könnte. Diese Vorstellung beginnt ihn eben sehr stark zu faszinieren.
Gleichzeitig bedeutet ja die Vorstellung auch, dass wenn das Gegenüber nicht mehr lebt, es aber trotzdem die eigene Person nicht mehr verlassen kann, wird natürlich diese Person zu einem Objekt.
Denn sie ist ja nicht als eine Person mit eigenen Rechten und Bedürfnissen hier in der Phantasie relevant, sondern es ist mehr eine objektifizierte Vorstellung eines Menschen, der dann nicht mehr selber ein Leben führen und reagieren und vielleicht auch Dinge tun kann, die vielleicht dann auch ein selber verletzen könnten, sondern diese Person ist nur noch ein Objekt für dieses tiefe Gefühl, nicht mehr einsam zu sein und sich einem vermeintlich dann Menschen ganz, ganz nahe zu fühlen. Mit Beginn seiner Pubertät erhalten für Armin Meiwes diese Fantasien eine sexuelle Komponente. Er nutzt die Vorstellung von Schlachtungen, von, wie er es beschreibt, schönen Jünglingen als Phantasie, um dazu zu masturbieren.
Ich finde es interessant, dass er allerdings an keiner Stelle sich mit dem Gedanken darüber auseinandersetzt, dass zur Umsetzung der eigenen Fantasie, den Tod einer anderen Person herbeizuführen, per se falsch ist. Und das unterscheidet ihn massiv von den Menschen, die ich seit vielen Jahren interviewe, die ähnliche Fantasien wie er haben, die aber von Anfang an immer wieder betont haben, dass ihnen klar war sie werden das niemals umsetzen, weil sie nicht den Tod eines Menschen bewirken wollen, um ihre Fantasie auszuagieren. Genau das fehlt bei Armin Meiwes.
Er betont zwar immer wieder, dass es ihm wichtig ist und auch bei der Tat eine ganz große Rolle gespielt hat, dass das Gegenüber zugestimmt hat.
Ich habe aber den Eindruck, dass es dabei weniger um die Rechte des Gegenübers als Individuum geht, sondern vielmehr darum, dass Armin Meiwes damit ein subjektives Bild von sich, das er in seinem Wertesystem ein guter Mensch sei, weiter aufrecht erhält und es ist ja ein sehr, sehr wichtiger Teil seiner Fantasie, dass er das Gegenüber sympathisch finden möchte und dass das Gegenüber also auch ihn sympathisch finden sollte. Und das bedeutet, letztendlich ist es auch maximal egoistisch, denn dieses Einvernehmen, das er betont, ist ja ein wesentlicher Bestandteil der Fantasie. Eine sympathische Person, mit der er eine positive Situation zusammen erlebt, dann in diesem positiven Kontext zu einem Teil von sich zu machen.
Das bedeutet, würde er eine Person gegen ihren Willen töten und essen, dann wäre das schlicht und ergreifend nicht die für ihn befriedigende Fantasie. Ein Gerichtsgutachter attestiert Armin Meiwes eine fetischistische paraphile Störung, also eine krankhafte Abweichung, in der Sexualstruktur, die sich auf ein unbelebtes Objekt, nämlich in diesem Fall Männerfleisch, bezieht. In der fünften Auflage des diagnostischen und statistischen Manuals psychischer Störungen werden sexuelle Interessen entweder als normophil, normal oder als paraphil abweichend eingestuft.
Ein normophiles sexuelles Interesse ist ein Interesse an genitaler Stimulation oder vorbereitenden Liebkosungen mit phänotypischen, normalen, körperlich reifen, einwilligenden menschlichen Partnern.
Jedes andere sexuelle Interesse gilt als paradil, also nicht normophil. Allgemein sind Paraphilien keineswegs selten. Eine Studie aus dem Jahr 2017 findet bei 45,6 Prozent der teilnehmenden Personen den Wunsch, mindestens ein paraphiles Verhalten auszuleben.
In der Nennung sind Fetische also auf unbelebte Objekte oder nicht genitale Körperteile bezogene Paraphilien mit 44,5 Prozent die zweithäufigste nach Voyeurismus mit 46,3 Prozent. Während Paraphilien harmlose sexuelle Vorlieben sind, zeichnen sich krankhafte paraphile Störungen dadurch aus, dass die betroffene Person darunter leidet, oder in relevanten Lebensbereichen beeinträchtigt wird, oder anderen Menschen Schaden zufügt.
Sehr viele dieser Vorlieben haben prinzipiell schon mal überhaupt keinen Inhalt, durch den andere Menschen geschädigt werden würden. Beispielsweise wenn eine Person einen Schuhfetisch hat und dann gerne Schuhe sammelt und vielleicht auch mit einer anderen Person zusammen das auslebt, dann ist das per se auf gar keinen Fall etwas, was eine Straftat auslösen müsste. Andererseits gibt es natürlich auch ungewöhnliche sexuelle Fantasieinhalte, die, wenn man alle ungewöhnlichen Vorlieben betrachtet, eher selten vorkommen, die allerdings beim Ausleben tatsächlich andere Menschen schädigen würden.
Armin Meiwes hatte genau eine solche Fantasie.
Eine Fantasie, die, wenn er sie in der Realität ausleben wollte, damit einherging, das Leben eines anderen Menschen zu diesem Zwecke zu beenden. Wenn aber ein Mensch merkt, so wie er, nämlich während der Pubertät, dass es ihn sexuell auch stimuliert und dass diese Fantasien immer intensiver werden, dann sollte dieser Mensch in jedem Fall versuchen, erst einmal zu überlegen, an welche Stelle er sich wenden kann. Im Idealfall an eine geeignete Fachstelle und dort eben über diese Fantasien spricht, damit er sicherstellt, dass er niemals auch nur im Entferntesten in die Nähe einer Situation sich weiterentwickelt, in der er diese Fantasie ausleben und dadurch einen anderen Menschen schädigen könnte.
Auch Armin Meiwes späteres Opfer Bernd B. erleidet einen schmerzhaften Verlust in der Kindheit. Er ist fünf Jahre alt, als seine Mutter, bis dahin seine wichtigste Bezugsperson, plötzlich und unerwartet stirbt.
Sein Vater vermutet einen Suizid und verschweigt Bernd B. die Umstände ihres Todes. Der Gerichtsgutachter nimmt an, dass Bernd B.
sich selbst die Schuld für den Tod seiner Mutter gibt und möglicherweise deshalb beginnt, einen Todeswunsch zu entwickeln. Diesen Wunsch verheimlicht er zunächst und lebt viele Jahre ein nach außen normales Leben.
Bernd B. ist offenbar über viele Jahre auf der Suche nach einem Lebensmodell, in dem er sich sexuell und emotional zufrieden fühlen kann. Zunächst lebt er über viele Jahre Partnerschaften und auch seine Sexualität mit Frauen.
Doch dann, Mitte 30, setzt er sich zunehmend mehr mit seinen homosexuellen Bedürfnissen auseinander. Er hat nun auch immer häufiger sexuelle Kontakte mit männlichen Sexarbeitern, und im Rahmen dieser Kontakte erwähnt er, dass er es als eine sehr, sehr stimulierende sexuelle Fantasie empfindet, wenn der Sexarbeiter ihm seinen Penis abbeißen würde.
Die Sexarbeiter, mit denen er in dieser Zeit zu tun hat, sagen ihm allerdings, dass sie nicht diese Art von Verhalten umsetzen werden, auch wenn er ihnen sogar zunehmend höhere Geldsummen bietet. Und er akzeptiert es, wobei er immer weitere Versuche aber unternimmt, eine Person zu finden, die ihm diese Fantasie umsetzbar machen möge. An dieser Stelle spricht er allerdings noch nicht davon, in diesem Kontext sterben zu wollen.
Bernd B. weiß, dass sein Vater homophob ist. Erst mit 42 traut er sich, seinem Vater von seiner Homosexualität zu erzählen.
Sein Vater reagiert abfällig, nimmt Bernd B. s Coming out aber hin, weil er, wie er später äußert, im Alter eine höhere Toleranzbereitschaft entwickelt habe.
Er räumt allerdings ein, hätte sein Sohn sich früher offenbart, wäre es sicherlich zu Auseinandersetzungen gekommen. Wir können davon ausgehen, dass Bernd B. die Reaktion seines Vaters wahrscheinlich enttäuscht.
Bernd B. sagt seinem Vater auch, dass er sich immer so sehr gewünscht hat, dass der Vater stolz auf ihn sei und dass er doch deswegen immer seinem Vater versucht hat, alles recht zu machen. Und in solchen Äußerungen kann man ja erkennen, wie sehr er sich eigentlich gewünscht hat, von seinem Vater einfach so geliebt zu werden, wie er ist.
Leider war der Vater offenbar nicht in der Lage, ihm das so zu zeigen.
Und meiner Meinung nach ist der zeitliche Zusammenhang zu der weiteren Entwicklung recht interessant, denn es ist ja ab diesem Zeitpunkt erkennbar, dass Bernd B. sich immer mehr nun auch in die Phantasie weiterentwickelt, dass er nun unbedingt eine Umsetzung seiner sexuellen, gegen sich destruktiven Fantasien auch wirklich jetzt will, dass er will, dass ein anderer Mann ihn auf die Art zu Tode bringt, die für ihn noch mit einer letzten sexuell maximal befriedigenden Vorstellung verknüpft ist. Bernd B.
lebt in Berlin, hat einen gutbezahlten Job und eine nach außen hin glückliche Beziehung mit einem anderen Mann. Doch er führt ein Doppelleben.
Seinem Partner verschweigt er seine destruktiven Fantasien und lebt sie mit sechs Arbeitern und in SM Studios aus. Der Gerichtsgutachter wird später beschreiben, dass die Vorstellung, dass von einem anderen Mann zerfleischt werdens und die damit einhergehende Qual nunmehr den Kern der sexuellen Stimulation von Bernd B. bildet.
Bernd B. will ab diesem Zeitpunkt offenbar dies wirklich real umsetzen und in dieser Phase koppelt sich diese sexuelle Fantasie an zusätzlich die Vorstellung, dass er auch im Zuge dieses Aktes sterben will. Das heißt seine Gesamtfantasie, quasi das Drehbuch, das er sich hier erschafft, besteht darin, einerseits diese schon lange und immer stärker ausgeprägte Fantasie, dass ein Mann ihm den Penis eben abtrennen solle, zu leben und in diesem Kontext aber auch zu Tode zu kommen.
Und beide Elemente sind natürlich in dem Moment, in dem dieser Mensch tatsächlich die Bereitschaft zeigt, das in der Realität leben zu wollen, gefährlich für diesen Menschen. Und ab diesem Moment hat dieser Mensch eine behandlungsbedürftige Störung, denn das ausagieren dieser Fantasie ist ja eine schwerwiegende Gefährdung der eigenen Person. Genau wie Bernd B.
Führt auch Armin Meiwes ein Doppelleben. Seit 1993 wohnt er allein mit seiner Mutter in diesem riesigen Gutshaus. Sie ist über 70 und bettlägerig, und so kann Mewes ungestört seinen fetischistischen Phantasien nachgehen.
Er filmt, wie er sich ein Messer an den Hals legt, sich mit Ketchup als Kunstblut einschmiert und sich mit einem Flaschenzug an den Beinen nach oben zieht wie ein zum Schlachten aufgehängte Stier. Armin Meiwes Mutter stirbt am 2. September 1999.
Jetzt wohnt er ganz allein und beginnt damit, seine Phantasien in die Tat umzusetzen. Im Internet findet er angebliche Schlachtanleitungen zur Zerlegung menschlicher Körper und Foren wie dieses voller User, die seine kannibalistischen Fantasien teilen. Armin Meiwes schaltet meist in gebrochenem Englisch Kontaktanzeigen wie diese.
Ich suche nach Jungs zwischen 18 und 25 Jahren. Hast du einen normal gebauten Körper, dann schlachte ich dich und esse dein geiles Fleisch. Es fällt sehr auf, dass Armin Meiwes zwar immer wieder seinen Wunsch nach einer absoluten emotionalen Nähe und Verschmelzung äußert, wenn er begründet, dass er eben deswegen einen für ihn sympathischen Mann sich einverleiben will, dass er aber gleichzeitig an der Aufrechterhaltung engerer Beziehungen zu Menschen wenig interessiert ist.
Beispielsweise kommuniziert er auch in seinen Chats bezogen auf seine kannibalistischen Vorstellungen zwar teilweise über längere Zeit mit Männern.
Er trifft sogar einige dieser Männer. Es wird aber deutlich, dass er sich nur so weit für diese interessiert, dass er eine grundsätzliche Sympathie auf seiner Seite empfinden möchte und gleichzeitig auch eine Attraktivität dieser Personen gegenüber wahrnehmen möchte. Dass er aber zum Beispiel in Wirklichkeit diesen Menschen gar nicht näher kennenlernen will.
Man merkt also schon diese Egozentrik und dies wird unter anderem mit seiner schizoiden Persönlichkeitsstruktur begründet. Eine schizoide Persönlichkeitsstruktur bezogen auf ihn beschreibt, dass er insgesamt sehr wenig Interesse an dem Aufbau engerer Beziehungen zu anderen Menschen hat.
Dass er sehr stark mit sich und seinen Fantasywelten beschäftigt ist. Dass er auch an sexuellen Beziehungen zu anderen Menschen wenig Interesse hat und dass er eben auch gegenüber anderen Menschen emotional eher nicht so mitfühlend ist. Entsprechend den Wünschen eines potenziellen Opfers baut Armin Meiwes im Dachboden seines Hauses einen sogenannten Schlachtraum.
Ausgestattet unter anderem mit einem Metallbett mit Heizöfen, das zum Verschmoren des Mannes dienen soll. Zu einem Treffen kommt es nicht. Der Mann bricht den Kontakt mit Meiwes ab.
Insgesamt hat Armin Meiwes bis zu seiner Verhaftung Kontakt mit fast 400 vermeintlich gleichgesinnten Personen aus Internetforen. Doch er und parallel zu ihm auch Bernd B. , der zufällig in ähnlichen Foren unterwegs ist, merken, dass sie die einzigen sind, die es mit einer Umsetzung ihrer Fantasien wirklich ernst nehmen.
In dem Moment, in dem Bernd B. und Armin Meiwes merken, dass zu ihrer eigenen Irritation alle anderen, die sie in diesen Internetkreisen treffen, offenkundig nicht bereit sind, diese Art von Fantasie in die Realität umzusetzen, hätten beide die Möglichkeit, sich die Frage zu stellen, was wohl die Ursache dafür ist.
Die Menschen, die die Fantasie haben, andere zu essen, so wie Armin Meiwes. Diese Menschen berichten in der absolut überwiegenden Mehrzahl der Fälle, dass die Vorstellung dafür aber in der Realität einen Menschen dann zu Tode zu bringen. Dass diese Vorstellung für sie ganz erkennbar und auch gefühlsmäßig und auch gedanklich absolut falsch und unangenehm ist.
Und auf der anderen Seite würden die allermeisten Menschen, die eine ähnliche Fantasie wie Bernd B. aufweisen, also beispielsweise die Fantasie, geschlachtet werden zu wollen oder wie er sich vorstellte, zerfleischt. Die allermeisten dieser Menschen sind auf gar keinen Fall bereit dazu, für einen solchen Moment einer realen Umsetzung der Sexualfantasie ihr Leben zu opfern.
Am 5. Februar 2001 schaltet Bernd B. eine Kontaktanzeige.
Ich biete an, mich von euch bei lebendigem Leib verspeisen zu lassen. Keine Schlachtung, sondern Verspeisung. Also wer es wirklich tun will, der braucht ein echtes Opfer.
Armin Meiwes antwortet. Und zwischen beiden entbrennt sofort ein reger Nachrichtenaustausch. Bernd B.
, der in Wirklichkeit 43 ist, macht sich Meiwes gegenüber sieben Jahre jünger, um ihm zu gefallen. Und auch Armin Meiwes tut alles, um seinem Gegenüber zu gefallen und wie er hofft, mit ihm seine ultimative Fantasie umsetzen zu können.
Armin Meiwes versucht Bernd B. gegenüber die Art von Person darzustellen, die Bernd B. sich hier wünscht, und zwar eine Person, die es genießt, Bernd B.
dann auch Schmerzen zuzufügen, die also auch sadistisch dominant auftritt. Und das ist in keinster Weise das, was Armin Meiwes persönlich als erregend empfindet. Ich finde es sehr interessant, dass Armin Meiwes selbst ja sagt, er wolle diesen Menschen in sich haben und mit diesem Menschen verschmelzen.
Wenn man sich vergegenwärtigt, dass er ganz bewusst dafür gesorgt hat, dass dieser Mensch auch ihn als Person ja gar nicht so wirklich kennengelernt hat, also manipuliert Meiwes Bernd B. ganz eindeutig, indem er versucht, ihm vorzugaukeln, genau komplementäre sexuelle Fantasien zu haben und Bernd B. versucht offenbar sehr dominant, Meiwes dazu zu bringen, seine Vorstellungen genau so umzusetzen, wie er sie eben entwickelt hat.
Und in dieser Interaktion der beiden wird sehr deutlich, dass auf beiden Seiten die komplette Durchführung dieser Tat eigentlich von einer langen Reihe von gegenseitigen Enttäuschungen geprägt ist. Denn sie merken an ganz vielen Punkten, dass sie überhaupt nicht in dem, was sie da machen oder auch in dem, was sie eigentlich wollen, kompatibel sind. Berlin, 8.
März 2001. Bernd B. reicht für den Folgetag, einen Freitag, Urlaub ein und löscht alle Daten auf der Festplatte seines Computers.
Am nächsten Morgen fährt er mit dem ICE nach Kassel, wo er sich mit Armin Meiwes trifft.
In Armin Meiwes Gutshaus kommt es zu einer, wie es im Urteil steht, sexuellen Annäherung. Allerdings nicht so, wie sie es sich vorgestellt haben. Armin Meiwes ist so aufgeregt, dass er keine Erektion bekommt.
Und Bernd B. Muss aufgrund des zögerlichen Verhaltens von Armin Meiwes erkennen, dass dieser nicht der sexuell sadistische Partner ist, den er sich gewünscht hat. Bernd B.
wird klar, dass Armin Meiwes, obwohl er versucht, diese Rolle zu spielen, genau diese Art von Verhalten gar nicht ansatzweise authentisch zeigen kann, da ihm das Leiden des Gegenübers explizit zuwider ist.
Die Kernmotivation der Tat von Armin Meiwes ist seine fetischistische Fixierung auf den Verzehr des Fleisches eines für ihn attraktiven Mannes. Allerdings ist er kein gefährlich sexuell sadistischer Täter. Ein solcher würde es sexuell stimulierend finden, seinem Opfer psychisches und oder körperliches Leid zuzufügen.
Hier ist ganz wichtig zu unterscheiden. Denn auch wenn das, was Armin Meiwes tut, sicherlich in der Betrachtung von außen insgesamt sehr brutal wirkt, so ist es in seinem inneren Erleben das Gegenteil. Armin Meiwes hat sehr deutlich in seinem Verhalten gezeigt, dass er das Leid des Opfers eben gerade nicht wünscht.
Und er hat auch explizit dann im Rahmen der Tatbegehung seinem Opfer sowohl Schmerz als auch Beruhigungsmittel gegeben, um die Umsetzung der Tötung für das Opfer erträglich und somit auch aushaltbar zu machen. Ein gefährlich sexuell sadistisch motivierter Täter würde auf gar keinen Fall seinem Opfer Schmerz- oder Beruhigungsmittel verabreichen. Das Urteil gegen Armin Meiwes beschreibt dessen Tötung von Bernd B.
in minutiösem Detail, basierend auf Videoaufnahmen, die Meiwes von seiner Tat macht. Ein Abbeißen von Bernd B. s Penis misslingt, ebenso wie der erste Versuch, diesen abzuschneiden.
Und der Versuch, den schließlich doch erfolgreich abgetrennten Penis zu braten und gemeinsam zu essen. Bernd B. bleibt der von ihm so erhoffte ultimative Orgasmus verwehrt und Armin Meiwes muss feststellen, dass ihm das tatsächliche Töten eines anderen Menschen extrem schwerfällt und anders als erhofft in keiner Weise angenehm für ihn ist.
Obwohl der Gesamtverlauf der Tat für Armin Meiwes keineswegs ausschließlich positiv ist, ist er in der Lage dazu, selbst seine letzte innere Hemmung, nämlich diese letzte Hemmung, dann wirklich aktiv einen Menschen zu töten, zu überwinden, um das Ergebnis zu erzielen, das er sich schon so lange vorgestellt hat.
Das Ergebnis, das er nun auch erlebt ist, dass das Fleisch von Bernd B. dann auch wirklich für sich so zu nutzen, wie es seiner jahrelang aufgebauten Fantasie entspricht. Dass sich das emotional und auch sexuell als äußerst befriedigend darstellt.
Ebenso wie die Betrachtung des Videos seiner Tat. Und demnach ist dieses positive Gefühl im Sinne der Realisierung seiner Fantasie zumindest ab dem Punkt, an dem Bernd B. Tot ist, offenbar die Grundlage dafür, dass er dann auch bald erneut ins Internet geht, um weitere Männer kennenzulernen, von denen er hofft, dass er mit ihnen seine Fantasie auf diese Weise wird umsetzen können.
Anderthalb Jahre lang isst Meiwes regelmäßig Teile von Bernd B. s Leiche und masturbiert zu seinem Tatvideo. Um potenziellen neuen Schlachtopfern zu zeigen, dass er es wirklich ernst meint, schickt er ihnen aus dem Tatvideos Screenshots.
Angeblich unter anderem dieses Bild. Das wird ihm zum Verhängnis, als ihn jemand wegen dieser Bilder bei der Polizei meldet. Die durchsucht Meiwes Haus, beschlagnahmt Fleischstücke aus dem Tiefkühlschrank und CDs mit dem Schlachtvideo.
Armin Meiwes kommt vor Gericht und wird wegen Totschlags zu 8 1/2 Jahren Haft verurteilt.
Die Staatsanwaltschaft geht in Revision. Sie hatte eine Verurteilung wegen Mordes gefordert. Und auch Armin Meiwes akzeptiert das Urteil nicht.
Er sagt, es habe sich um ein Töten auf Verlangen gehandelt. Es ist sehr auffällig, dass Armin Meiwes sehr, sehr konsistent kognitive Verzerrungen, also gedankliche Konstrukte, durch die er sich selbst, seine Verhaltensweisen erklärt und auch sich das Recht dazu gibt, so gehandelt zu haben, dass er diese Konstrukte sowohl genutzt hat, um überhaupt den Entschluss zu fassen, die Tat zu begehen, als auch, dass er genau diese Konstrukte nutzt, um zu begründen, warum er gegen sein Urteil vorgeht.
Er betont, dass er dies tue, weil es der Wille seines Opfers sei. Also instrumentalisiert er auch hier sein Opfer, einen Mann, dessen Persönlichkeit und dessen Leben er kaum kennengelernt hat, weil er sich für seine Persönlichkeit und sein Leben sehr wenig interessierte. Diesen Menschen instrumentalisiert er auch hier als Projektionsfläche, denn er kann auch sich selbst sicherlich damit beruhigen, sich zu sagen, dass ja dieser Mensch erstens sein eigenes Verhalten herbeigeführt habe und dass auch dieser Mensch sich wünschen würde, dass er eben nicht so verurteilt wird, wie er selbst es als ungerecht empfindet.
Der Bundesgerichtshof hebt das Urteil gegen Armin Meiwes auf, aufgrund der Revision der Staatsanwaltschaft. In einem zweiten Verfahren wird Meiwes am 9. Mai 2006 wegen Mordes zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt.
Seit 2017 stellt Meiwes regelmäßig Anträge auf vorzeitige Haftentlassung. Bis Anfang 2026 sind alle dieser Anträge abgelehnt worden. Sowohl Armin Meiwes als auch Bernd B.
hätten professionelle Hilfe in Anspruch nehmen sollen. Dies hätte möglicherweise genau diese Tat verhindert und letztendlich die Leben beider verbessert.
Bernd B. hätte eine psychotherapeutische Behandlung gebraucht, um sich mit seiner Unfähigkeit, negative Emotionen auch nur bewusst wahrzunehmen, geschweige denn diese dann auch ganz aktiv und konstruktiv zu bewältigen, auseinanderzusetzen. Er hätte im Rahmen dieser Psychotherapie dann auch lernen können, eine Lebenszufriedenheit zu entwickeln, die ihn sehr wahrscheinlich davon abgehalten hätte, auch nur ansatzweise die tatsächliche Umsetzung seiner sexuellen Fantasien als ein erstrebenswertes Ziel zu definieren.
Armin Meiwes hätte eine Psychotherapie in Anspruch nehmen müssen, um sich mit seiner Gefährlichkeit auseinanderzusetzen.
Es war ihm bewusst, dass das Ausagieren seiner Fantasie eine Straftat ist. Doch er wollte ganz gezielt nicht die Ursachen dafür, dass genau diese Art von Verhalten strafbar ist, anerkennen. Hätte er sich mit den tatsächlichen Grundlagen auseinandergesetzt, wäre ihm klar geworden, dass er aus absolut egoistischen Gründen einen Menschen der Hilfe gebraucht hätte, dazu manipuliert hat, sich dann in dem Setting von ihm töten zu lassen, das es ihm ermöglicht hat, seine ganz persönliche, sexuelle und emotionale Zielfantasie umzusetzen.


