Mein Großvater war einer der letzten Konditoren in Deutschland, die den Baumkuchen noch von Hand auf einem rotierenden Spieß backten. Er sagte immer: „Wer das schnell macht, macht es falsch.“…

Mein Großvater war einer der letzten Konditoren in Deutschland, die den Baumkuchen noch von Hand auf einem rotierenden Spieß backten. Er sagte immer: „Wer das schnell macht, macht es falsch.“...

Es begann vor über hundert Jahren mit einer Frage, die sich ein deutscher Konditor in einer fernen Stadt stellte. Eine Frage, die einfacher klang, als sie war: Wie macht man einen Kuchen, der wie ein Baum aussieht? Die Antwort darauf veränderte die Geschichte zweier Nationen – und keiner der Beteiligten ahnte davon auch nur das Geringste. Der Baumkuchen verdankt seinen Namen seinem Querschnitt.

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Schneidet man ein fertiges Stück an, sieht man konzentrische Ringe, wie die Jahresringe eines Baumes. Jeder einzelne Ring entspricht einer Schicht Teig, die über einem rotierenden Spieß aufgetragen und unter Hitze gebacken wurde, bevor die nächste Schicht folgte. Ein traditioneller Baumkuchen hat zwischen fünfzehn und fünfundzwanzig solcher Schichten, jede zwischen zwei und fünf Millimetern dünn. Das klingt nach einem überschaubaren Handwerk.

Es ist das exakte Gegenteil. Der Konditor gießt eine dünne Schicht Teig auf den sich drehenden Spieß, lässt sie bei Hitze stocken, prüft mit dem bloßen Auge, ob die Oberfläche die richtige goldbraune Farbe erreicht hat – und gießt dann die nächste Schicht auf. Dieser Vorgang wiederholt sich Schicht für Schicht. Jede Schicht muss exakt im richtigen Moment aufgetragen werden.

Zu früh ist die Schicht darunter noch nicht fertig, zu spät ist sie bereits zu trocken, um sich mit der nächsten zu verbinden. Ein traditioneller Baumkuchen braucht zwischen einer und zwei Stunden reiner Herstellungszeit. Er lässt sich nicht beschleunigen. Er fordert die vollständige Aufmerksamkeit eines ausgebildeten Konditors über die gesamte Dauer seiner Entstehung.

In Deutschland führte genau das beinahe zu seinem Aussterben. Die frühesten schriftlichen Belege für den Baumkuchen finden sich in deutschen Kochbüchern des 17. Jahrhunderts. Eine Rezeptvariante taucht 1682 auf, eine weitere in einem Dresdner Haushaltsbuch aus dem frühen 18.

Jahrhundert. Die Technik selbst, einen Kuchen auf einem rotierenden Spieß über offenem Feuer zu backen, ist jedoch deutlich älter – im Grundprinzip eine Variante des Spießbratens, nur eben angewandt auf Teig statt auf Fleisch. Was den Baumkuchen vom einfachen Spießkuchen unterschied, war der Teig: reich an Eiern, Butter und Zucker, manchmal mit Marzipan verfeinert, dünn genug, um gleichmäßig aufgetragen zu werden, aber fest genug, um die charakteristischen Ringe zu bilden. Die genaue Rezeptur war das Betriebsgeheimnis jedes Konditors und wurde von Generation zu Generation weitergegeben.

Im deutschsprachigen Raum des 18. und 19. Jahrhunderts war der Baumkuchen ein Festtagsgebäck der höheren Gesellschaft. Teuer in der Herstellung, teuer wegen der Zutaten, teuer wegen des Fachwissens, das seine Herstellung verlangte.

An Fürstenhöfen wurde er als Geschenk zwischen Herrschern überreicht. In wohlhabenden Bürgerfamilien wurde er zu Hochzeiten und Weihnachten bestellt. Er war nicht das Gebäck des Alltags. Er war das Gebäck des besonderen Moments – ein Ausdruck von Status, von Können, von Respekt gegenüber dem Empfänger.

Ein Konditor, der Baumkuchen herstellen konnte, war kein gewöhnlicher Zuckerbäcker. Die Ausbildung dauerte Jahre und erforderte ein fast intuitives Gespür für die Temperatur der Flamme, für die Konsistenz des Teigs, für den exakten Moment, in dem eine Schicht fertig war. Dieser Moment ließ sich nicht mit Thermometern oder Timern messen. Er wurde mit den Augen erkannt – durch Erfahrung, durch tausende Stunden am Spieß.

Die Stadt Salzwedel in der Altmark erhebt seit Jahrhunderten den Anspruch, die eigentliche Heimat des Baumkuchens zu sein. Seit dem frühen 19. Jahrhundert existiert dort eine lebendige Tradition, geprägt von Familien, die das Handwerk über Generationen weitergaben. Seit 2007 ist der Salzwedeler Baumkuchen als geschützte geographische Angabe der Europäischen Union registriert – er darf nur innerhalb eines definierten Gebiets um Salzwedel hergestellt werden.

Doch das schützt die Tradition nicht davor, auszusterben. Denn in Deutschland fehlt das, was eine handwerkliche Tradition am Leben hält: der Markt. Der Baumkuchen ist aufwendig und deshalb teuer. Er ist zerbrechlich und deshalb schwer zu transportieren.

Er ist kalorienreich und deshalb in einer Zeit, in der Ernährungsbewusstsein zum Mainstream geworden ist, kein Alltagsgebäck. Die jüngeren Generationen in Deutschland kaufen keine Baumkuchen. Die Älteren kaufen sie gelegentlich zu Weihnachten. Die Nachfrage reicht nicht, um eine neue Generation von Baumkuchenkonditoren auszubilden.

Das ist die deutsche Seite der Geschichte. Eine Geschichte des langsamen Vergessens. Die japanische Seite beginnt mit einem Krieg, einem Kriegsgefangenen und einem Ausstellungsstand in Hiroshima. Karl Juchheim wurde 1886 in Westerburg im Westerwald geboren.

Er absolvierte eine Ausbildung zum Konditor und suchte, wie viele junge Handwerker seiner Zeit, sein Glück in der weiten Welt. 1908 reiste er nach Tsingtau, einer Stadt im heutigen China, die damals unter deutschem Kolonialschutz stand. Deutschland hatte das Gebiet 1898 von China gepachtet, und die Stadt war in den folgenden Jahren zu einem Zentrum deutschen Lebens in Ostasien geworden – mit deutschen Brauhäusern, deutschen Schulen und deutschen Konditoreien. Juchheim eröffnete in Tsingtau eine Konditorei und belieferte die deutsche Kolonie mit dem, was sie vermisste: mitteleuropäisches Gebäck, Torten, Pralinen.

Er heiratete Elise, eine Frau aus seiner Heimat, die ebenfalls nach Tsingtau gekommen war. Für ein paar Jahre schien das Leben einfach. Dann begann der Erste Weltkrieg. 1914 griff Japan, das auf der Seite der Alliierten stand, das deutsche Kolonialgebiet in China an.

Nach kurzer Belagerung kapitulierte die deutsche Garnison in Tsingtau. Karl Juchheim, ein ziviler Kolonist, wurde zusammen mit den deutschen Soldaten als Kriegsgefangener interniert und nach Japan gebracht. Was in diesen Jahren geschah, ist für die Geschichte des Baumkuchens entscheidend. Die deutschen Kriegsgefangenen in Japan wurden vergleichsweise human behandelt.

Viele durften handwerklich tätig sein und knüpften Kontakte zu japanischen Bürgern. Die japanische Bevölkerung, die die Deutschen zum ersten Mal in größerer Zahl sah, war von deren Handwerk und Kultur fasziniert. Die Deutschen brachten den Japanern das Brotbacken bei, die Herstellung von Wurst, das Brauen von Bier. Einige dieser Einflüsse blieben haften – die heutige japanische Brotkultur geht teilweise auf diese Begegnungen zurück.

Und Karl Juchheim wartete. Er konditierte. Er dachte an seine Konditorei in Tsingtau und bereitete sich auf das vor, was kommen würde. Am 4.

März 1919 fand in Hiroshima eine Ausstellung statt: die Ausstellung südmeerischer Produkte aus deutschem Kolonialbesitz. Es war eine Veranstaltung, die Waren aus den ehemaligen deutschen Kolonien präsentieren sollte – gewissermaßen als kulturelle Brücke zwischen den Ländern nach dem Krieg. Karl Juchheim stand an einem Ausstellungsstand. Und er backte Baumkuchen.

Es war das erste Mal, dass Japaner dieses Gebäck sahen. Sie beobachteten die Herstellung – den rotierenden Spieß, die dünnen Teigschichten, die Lage um Lage aufgebaut wurden, die langsam entstehende goldbraune Oberfläche. Sie probierten. Und sie waren begeistert.

Was die Japaner in diesem Moment sahen, war mehr als ein fremdes Gebäck. Sie sahen ein Gebäck, das tief mit japanischen ästhetischen und symbolischen Vorstellungen übereinstimmte. Die konzentrischen Ringe, die Jahresringe des Baumes, die der Querschnitt zeigt – sie erinnerten an Wachstum, an Zeit, an Beständigkeit. In der japanischen Kultur ist das Bild des Baumes mit seinen Ringen ein zutiefst positives, bedeutungsvolles Symbol.

Ein Gebäck, das im Querschnitt wie ein Baum aussieht, passte in ein Weltbild, in dem Nahrungsmittel symbolische Bedeutung tragen. Das war kein bewusster Marketingschachzug. Es war ein kultureller Zufall. Aber Zufälle dieser Art ändern manchmal die Geschichte.

Karl Juchheim blieb in Japan. Nach dem Krieg wurde er nicht zwangsausgewiesen. 1921, Jahre vor dem Ende des Zweiten Weltkriegs, eröffnete er in Yokohama eine Konditorei – das Haus Juchheim, wie er es nannte. Elise half beim Aufbau des Betriebs.

Dann zerstörte das Erdbeben von Kanto im September 1923, eines der verheerendsten Erdbeben der japanischen Geschichte, Yokohama und Teile Tokios – und damit auch die Konditorei der Juchheims. Doch die Familie baute neu auf, in Kobe, größer, mit einem Café für deutsche Spezialitäten und einem Ruf, der sich langsam, aber sicher in ganz Japan verbreitete. Was Juchheim anbot, war mitteleuropäische Konditorware. Aber das Herzstück, das Produkt, für das sein Name berühmt wurde, war der Baumkuchen.

Er war das Aufwendigste, das Exklusivste, das Unbekannteste – und genau das machte ihn zum Begehrtesten. In Japans hochentwickelter Schenkultur fand der Baumkuchen seinen festen Platz. Er war teuer, weil er aufwendig herzustellen war. Er war selten, weil er spezielles Wissen erforderte.

Er war fremd, was ihm ein Prestige verlieh, das einheimische Produkte nicht hatten. Und er hatte diese Ringe – diese konzentrischen, bedeutungsvollen Ringe. Der Zweite Weltkrieg unterbrach diese Geschichte. Als Japan 1945 kapitulierte, wurden deutsche Staatsbürger als Angehörige einer Feindnation behandelt.

Karl und Elise Juchheim wurden im Alter von fast sechzig Jahren aus Japan ausgewiesen. Sie kehrten in ein vom Krieg verwüstetes Deutschland zurück, ein Land, das sie seit Jahrzehnten kaum kannten. Karl Juchheim starb 1949 in Berchtesgaden, wenige Jahre nach seiner Rückkehr. Aber er hatte etwas hinterlassen, das größer war als er.

Seine japanischen Mitarbeiter hatten die Technik des Baumkuchens von ihm gelernt. Sie führten das Unternehmen weiter – unter japanischer Leitung, mit japanischen Besitzern, aber unter dem Namen Juchheim, weil dieser Name Vertrauen bedeutete. Das Unternehmen wuchs in den Nachkriegsjahrzehnten zu einem der bekanntesten Süßwarenkonzerne Japans. Heute betreibt es über dreihundert Filialen im ganzen Land und produziert täglich tausende Baumkuchen.

Doch es blieb nicht allein. Japanische Konditoren begannen, den Baumkuchen zu interpretieren. Sie verwendeten japanische Zutaten: Matcha, das feine grüne Teepulver. Sakura, Kirschblütenextrakt.

Yuzu, eine japanische Zitrusfrucht mit intensivem, blumigem Aroma. Schwarzen Sesam. Hojicha, gerösteten Tee. Sake, den japanischen Reiswein.

Der Baumkuchen verwandelte sich. In seiner Technik blieb er erkennbar deutsch – die Ringe, der Spieß, die Schichtung. Aber in seinem Geschmack wurde er japanisch. Eine Hybridform entstand, die es in Deutschland nie gegeben hatte.

Heute ist der japanische Markt für Baumkuchen einer der bedeutendsten der Welt. Die japanische Präfektur Nagano, bekannt durch die Olympischen Winterspiele 1998, hat sich zu einem überraschenden Zentrum entwickelt. Lokale Produzenten verwenden Äpfel aus der Region, Walnüsse und Honig von Nagano-Bienen und kombinieren diese mit der klassischen Baumkuchentechnik zu Produkten, die als Souvenir für Reisende verkauft werden. Der Baumkuchen ist dort ein Symbol regionaler Identität geworden – wie der Lebkuchen in Nürnberg oder der Stollen in Dresden.

In Japan wird Baumkuchen zu Hochzeiten verschenkt. Er wird in den prächtigen Untergeschossen der großen Kaufhäuser als Premiumprodukt verkauft. Er wird in spezialisierten Boutiken hergestellt, die nichts anderes anbieten. Er wird von Reisenden als Souvenir mitgenommen, in sozialen Medien fotografiert und geteilt.

Der Baumkuchen ist in Japan so tief verwurzelt, dass er aufgehört hat, ein fremdes Produkt zu sein. Er ist japanisch geworden. Und in Deutschland? Deutschland hat das Handwerk entwickelt, verfeinert, über Jahrhunderte weitergegeben – und dann im Laufe des 20.

Jahrhunderts fast vergessen. Industrielle Lebensmittelproduktion, verändertes Konsumverhalten, die mangelnde wirtschaftliche Attraktivität eines so zeitaufwendigen Handwerks: All das hat dazu beigetragen, dass der Baumkuchen in seinem Herkunftsland zu einem Randereignis geworden ist. Es stellt sich die Frage, die bei jedem kulturellen Produkt irgendwann gestellt wird: Wem gehört der Baumkuchen? Die formale Antwort ist einfach.

Der Salzwedeler Baumkuchen ist EU-geschützt, die Technik, die geographische Herkunft, der Name – alles geregelt. Der japanische Baumkuchen heißt Baumukūhen, die phonetische Übertragung des deutschen Wortes, und wird ohne geographischen Schutz hergestellt, ohne rechtliche Bindung an Deutschland. Aber die eigentliche Frage ist eine andere. Sie lautet nicht: Wer hat rechtlichen Besitz an dem Gebäck?

Sie lautet: Wo lebt das Gebäck wirklich? Und die Antwort darauf ist eindeutig. In Japan. Seit einigen Jahren gibt es jedoch eine Gegenbewegung.

Junge deutsche Konditoren, teilweise inspiriert durch die japanische Baumkuchenrenaissance, beginnen den Baumkuchen neu zu entdecken. In Berlin, in Hamburg, in einigen mittelgroßen Städten entstehen kleine Werkstätten, die Baumkuchen wieder auf traditionelle Weise herstellen und zu Preisen verkaufen, die die tatsächlichen Kosten des Handwerks widerspiegeln. Manche dieser jungen Konditoren sind nach Japan gereist, um dort zu lernen. Sie haben in japanischen Betrieben gearbeitet, japanische Techniken beobachtet, japanische Varianten probiert – und sind zurückgekehrt zur deutschen Technik, zum deutschen Grundrezept.

Aber mit einem anderen Bewusstsein dafür, was möglich ist, wenn man das Handwerk ernst nimmt. Das ist eine der merkwürdigsten Wendungen dieser Geschichte: Ein deutsches Gebäck wurde in Japan so lebendig gehalten, dass es von Japan nach Deutschland zurückkehren musste, um deutsche Konditoren an ihre eigene Tradition zu erinnern. Karl Juchheim wollte seinen Landsleuten in Tsingtau Heimatgeschmack bieten. Er hatte keine Absicht, einen kulturellen Austausch zu stiften.

Er hatte keine Vision davon, dass sein Gebäck eines Tages in japanischen Kaufhäusern als nationales Symbol gelten würde. Er war ein Konditor, der sein Handwerk kannte – und er praktizierte es dort, wo er war. Aber indem er es praktizierte, indem er an einem Märztag in Hiroshima einen Baumkuchen auf einem Spieß drehte und eine Menge japanischer Besucher zuschauen ließ, löste er etwas aus, das größer war als er selbst. Die Ringe des Baumkuchens wachsen langsam, Schicht um Schicht.

Jede Schicht braucht Zeit, um zu stocken. Man kann sie nicht beschleunigen, nicht überspringen. Ein Baumkuchen mit zwanzig Ringen enthält zwanzig Momente vollständiger Aufmerksamkeit – zwanzig Mal, in denen ein Mensch sein Handwerk gegen die Ungeduld des Augenblicks gestellt hat. Vielleicht ist das der Grund, warum eine Kultur, die Geduld schätzt, in diesem Gebäck etwas erkannt hat, das über den Geschmack hinausgeht.

In Japan hat man diese Lektion gelernt. In Deutschland lernt man sie gerade wieder – Schicht für Schicht, Ring für Ring. So, wie es der Baumkuchen selbst verlangt.