Der Schleifstein kam jeden Sonntagabend aus der Küchenschublade. Die Großmutter zog die Klinge in dem langsamen Rhythmus darüber, den ihre eigene Mutter ihr beigebracht hatte. Am Montagmorgen erledigte dieses eine Messer die Arbeit von fünf. Dreißig solcher Tricks sind aus deutschen Küchen, Kellern und Gärten verschwunden – in gerade einmal zwei Generationen.

Manche sparten hunderte Mark im Jahr, ohne einen einzigen Gang zum Laden. Die Generation der Großmütter warf nichts weg, was noch brauchbar war. Geschenkpapier wurde glatt gestrichen, gefaltet und in die Schublade gelegt. Bindfaden wurde zur Kugel gewickelt, Schleifen kamen in die Dose.
Alufolie wurde abgespült und über den Wasserhahn gehängt, bis sie trocken war – mit den Knicken von fünf vorherigen Einsätzen. Eine Rolle hielt Monate. Dosen und Gläser wurden für alles Mögliche aufgehoben. In der Kaffeedose lagen die Nägel, im Marmeladenglas die Knöpfe, in der Schokoladendose das Nähzeug.
Niemand kaufte etwas, um darin etwas aufzubewahren. Heute fallen in Deutschland pro Kopf über 220 Kilo Verpackungsmüll im Jahr an. Im Garten stand unter dem Fallrohr ein Fass. Alles Gießwasser kam vom Himmel, nie aus der Leitung.
Kräuter wie Petersilie, Dill und Liebstöckel wurden gebündelt und vom Deckenbalken gehängt, bis sie trocken waren. Dann zerrieb man sie zwischen den Fingern und füllte sie in Gläser für den Winter. Gekauft wurde nichts davon. Der gesamte Putzschrank bestand aus Kernseife, Soda und Essig.
Die Seife wurde in feine Flocken gerieben und in heißem Wasser aufgelöst, ein Löffel Soda dazu. Damit schrubbte man den Holztisch, wischte den Boden und wusch die Wäsche. Ein Block Kernseife kostete nur wenige Pfennige. Als das Wirtschaftswunder die Markenreiniger brachte, verschwand die Kernseife in die hinterste Ecke.
Schuhe wurden zu Hause repariert. Neue Sohlen kamen mit Lederresten und Schusternägeln unter die Sohlen, abgelaufene Absätze wurden mit Gummikappen erneuert. Jeden Sonntag kam Schuhcreme zum Einsatz. Kinderschuhe wanderten vom Ältesten zum Jüngsten, frische Politur verdeckte den Verschleiß.
Man kaufte einmal und reparierte jahrelang. Wer mit Holz heizte, spaltete im Herbst seinen Vorrat selbst, trocknete ihn über den Sommer und verfeuerte ihn im Winter. Das Krachen der Axt durch Birke, das saubere Muster einer gesetzten Holzmiete, die Wärme des Kachelofens, der noch Stunden nach dem letzten Nachlegen Hitze abgab. Eine volle Holzmiete war ein Zeichen: Wer einen vollen Stapel hatte, war bereit für den Winter.
Dann kam die Zentralheizung, und die Axt sammelte Staub. Auch der Ofen selbst wurde mit Bedacht geführt. Abends deckte man die Glut so ab, dass der Ofen bis zum Morgen warm blieb, ohne neues Brennmaterial. Wöchentlich wurde das Ofenrohr geputzt, die Ascheschublade geleert.
Der Unterschied zwischen einem gut und einem schlecht geführten Ofen machte fünfzig Mark im Monat aus. Jede Hausfrau kannte ihren Ofen wie ein Fahrer sein Auto. Dann kam der Thermostat – einmal drehen und vergessen. Das Wissen um das Feuer verschwand in einer Generation.
Vor der Waschmaschine war der Waschtag ein ganzer Arbeitstag. Im Kupferkessel wurde gekocht, auf dem geriffelten Brett geschrubbt, mit bloßen Händen ausgewrungen. Dampf füllte die Waschküche im Keller, rote, aufgesprungene Knöchel im Winter. Die Wäsche hielt jahrelang, weil man sie mit Sorgfalt behandelte.
Kleidung trug man von Kind zu Kind weiter. Das älteste Kind bekam die neuen Sachen, das zweite danach, das dritte danach. Bis ein Kleidungsstück beim Jüngsten ankam, war es mehrfach geflickt und umgenäht. Das geflickte Knie konnte jeder sehen, aber niemand erwähnte es.
Ein Kindermantel war darauf ausgelegt, von mehreren Kindern getragen zu werden. Zerrissene Hosen bekamen einen Flicken, durchgescheuerte Ellbogen wurden verstärkt. Eine geschickte Frau setzte Flicken so sauber ein, dass man zweimal hinsehen musste. Socken wurden mit dem Stopfpilz repariert – einem Holzpilz, glatt poliert von Jahrzehnten der Benutzung.
Das Loch wurde mit einem Kreuzgitter aus Faden zugewoben, Reihe für Reihe. Jedes Mädchen lernte das. Ein paar Socken war nichts zum Wegwerfen, sondern etwas, das man pflegte. Stühle und Sofas wurden zu Hause neu bezogen.
Man nahm den alten Stoff ab, stopfte mit Rosshaar oder Watte neu aus und spannte frischen Stoff über den Rahmen. Möbel waren gebaut, um repariert zu werden. Ein guter Stuhl aus den Fünfzigerjahren wurde zwei- oder dreimal in seinem Leben neu bezogen. Aus jedem Stoffrest, der beim Nähen übrig blieb, entstanden Flickendecken.
Quadrate und Dreiecke wurden an Winterabenden zusammengenäht. Jedes Stück stammte von einem ehemaligen Kleidungsstück – ein Kragen, eine Tasche, ein Ärmel. Die Flickendecke war die Biografie eines Haushalts, in Stoff erzählt. Millionen Familien ernährten sich teilweise oder ganz aus einem Kleingarten.
Kartoffeln, Bohnen, Möhren, Zwiebeln, Kohl, Tomaten und Kräuter. Der Garten war kein Freizeitvergnügen, sondern Lebensmittelproduktion. In den Nachkriegsjahren und weit in die Sechzigerjahre hinein machte er Familien satt. In der DDR diente die Datsche oft als einzige zuverlässige Quelle für frisches Obst und Gemüse.
Alles Organische kam auf den Komposthaufen in der Gartenecke – Küchenabfälle, Eierschalen, Kaffeesatz, Gemüseschalen. Nach einem Jahr hatte man satte, dunkle Erde für die nächste Saison. Dünger kostete Geld, Kompost war umsonst. Der Kreislauf war geschlossen: Küchenreste wurden zu Erde, Erde ließ Gemüse wachsen, Gemüsereste kamen zurück.
Im Erdkeller lagerten Kartoffeln, Möhren, rote Bete, Steckrüben und Äpfel für den ganzen Winter. Sand zwischen den Schichten verhinderte, dass sich die Vorräte berührten. Äpfel wurden einzeln in Zeitungspapier gewickelt. Der Erdkeller war der Kühlschrank, bevor es Kühlschränke gab.
Ein gut gefüllter Keller im Oktober bedeutete, dass eine Familie bis März davon essen konnte, ohne frische Ware zu kaufen. Aus dem Bratenfett nach dem Gänse-, Enten- oder Schweinebraten wurde Schmalz. Das goldene Fett wurde durch ein Tuch in einen Steinguttopf gegossen, manchmal mit Apfel- und Zwiebelstücken. Dickes Brot, bestrichen mit einer Schicht Schmalz und bestreut mit Salz – das war Grundnahrungsmittel der Arbeiterklasse.
Das Schmalz war umsonst, es kam aus dem Braten, den man sowieso machte. Dann kamen die Gesundheitskampagnen gegen tierisches Fett, und das Schmalz galt plötzlich als ungesund und altmodisch. Knochen vom Braten, Hühnerkarkassen, Gemüseenden und Schalen wurden stundenlang auf kleiner Flamme ausgekocht. Aus dem Sonntagsbraten wurde die Montagssuppe, aus der Suppe die Soße am Dienstag.
Ein einziges Huhn ernährte eine Familie dreimal über eine ganze Woche. Die Brühe kostete nichts außer der Hitze zum Köcheln. Selbst in kleinen Stadtgärten hielten sich drei bis fünf Hennen. Sie versorgten den Haushalt das ganze Jahr über mit frischen Eiern, gefüttert mit Küchenresten und Gartenabfällen, fast ohne Kosten.
Der morgendliche Gang zum Hühnerstall, das warme Ei aus dem Stroh gehoben. Dann wurden Supermarkteier billig, die Vorschriften strenger, und die Hühnerhaltung im Garten wurde unpraktisch. Brot wurde einmal in der Woche gebacken – ein Laib aus dem eigenen Ofen oder im gemeinsamen Backhaus auf dem Land. Roggenbrot, Mischbrot, Sauerteigbrot.
Der Sauerteigansatz wurde in einem Steinguttopf am Leben gehalten und wöchentlich gefüttert. Der Sauerteig war oft älter als die Frau, die damit backte. Von Mutter zu Tochter weitergegeben wie ein Erbe. Dann kamen die Großbäckereien und das Supermarktbrot.
Aus Gartenobst wurde Marmelade gekocht. Erdbeeren, Kirschen, Pflaumen, Johannisbeeren. Mit Zucker im großen Topf eingekocht, in sterilisierte Gläser gefüllt, verschlossen mit Zellophan oder Wachs. Die Deckel knackten leise, als sich das Vakuum bildete.
Marmelade war Zahlungsmittel – Gläser wurden verschenkt, getauscht, an Verwandte geschickt. Im Herbst wurde der Weißkohl auf dem Krauthobel in feine Streifen geschnitten, gesalzen und in einen Steinguttopf gestampft, ein Stein als Gewicht obendrauf. Wochen stand er zum Gären. Sauerkraut war das Wintergemüse – billig, reich an Vitaminen, monatelang haltbar im kühlen Keller.
Dann gab es Sauerkraut aus der Dose für Pfennige. Altes Brot war nie Abfall. Es wurde zu Brotsuppe, Semmelknödeln, Armen Rittern, Paniermehl oder Brotpudding. Hartes Brot wurde in warmer Milch eingeweicht und in Schmalz gebraten, mit einer Prise Zucker wurde daraus Armer Ritter.
„Brot schmeißt man nicht weg“, war kein Vorschlag, sondern ein Gesetz im Haushalt. Heute werden in Deutschland rund 700. 000 Tonnen Brot pro Jahr weggeworfen. Aus altem Bratfett wurde Seife hergestellt – mit Lauge und manchmal Kräutern oder Sand zum Schrubben.
Zu Hause oder beim Seifensieder in der Nachbarschaft. In der Nachkriegszeit, als Fabrikseife rationiert war, hielt das die Haushalte sauber. Viele Familien machten weiter, weil es fast nichts kostete. Die Vorratskammer war die Kommandozentrale des Haushalts.
Ein kühler, dunkler Raum, gefüllt mit Eingemachtem, Trockenware und Haushaltsvorräten. Reihen von Weckgläsern mit sorgfältiger Handschrift beschriftet, Säcke mit Kartoffeln und Mehl auf dem Boden, Schmalz und Zuckerdosen auf den oberen Regalen. Eine volle, aufgeräumte Vorratskammer war der Beweis, dass ein Haushalt ordentlich geführt wurde. Sie bedeutete: Wir sind auf niemanden angewiesen, außer auf uns selbst.
Dann kam der Kühlschrank, und neue Wohnungen wurden ohne Speisekammer gebaut. Die Kunst, aus Resten eine Mahlzeit zu machen, war keine Armut, sondern Klugheit. Aus dem Sonntagsbraten wurde am Montag Aufschnitt, aus den Gemüseresten eine Suppe. Der Eintopf auf dem Herd, der am zweiten Tag besser schmeckte.
Die besten Köchinnen waren nicht die mit den feinsten Zutaten, sondern die, die aus dem, was übrig war, noch etwas zauberten. Heute landen rund 75 Kilo Lebensmittel pro Person und Jahr im Müll. Und schließlich das Einkochen – der höchste Ausdruck der Selbstversorgung. Obst, Gemüse, Fleisch und Soßen, verschlossen in Gläsern im kochenden Wasserbad.
Ein einziges Einkochwochenende im Herbst konnte die Speisekammer für den ganzen Winter füllen. Das leise Klappern der Gläser im kochenden Wasser, das befriedigende Klicken, wenn das Vakuum griff. Pflaumen, Birnen, Bohnen, Rotkohl, Gulasch – Glas für Glas füllte sich die Kammer. Das Weckglas, patentiert 1892, revolutionierte die Konservierung.
In den Sechzigerjahren stand in fast jeder deutschen Küche ein Einkochtopf. Um die Jahrtausendwende hatte kaum noch jemand einen. Alles auf dieser Liste war einmal gewöhnlich – keine Bewegung, keine Philosophie, einfach so, wie man es machte. Die Frauen, die das taten, schrieben nichts davon auf.
Sie gingen davon aus, dass ihre Töchter neben ihnen in der Küche stehen und es genauso lernen würden, wie sie es selbst gelernt hatten. Das war das Einzige, worin sie sich geirrt haben.
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