Ich lag nachts wach und konnte nicht schlafen, als ich die Geschichte das erste Mal hörte. Ein erfolgreicher Gastronom, seine schwangere Partnerin und ihr kleiner Sohn – eine Bilderbuchfamilie auf…

Ich lag nachts wach und konnte nicht schlafen, als ich die Geschichte das erste Mal hörte. Ein erfolgreicher Gastronom, seine schwangere Partnerin und ihr kleiner Sohn – eine Bilderbuchfamilie auf...

Die Nacht war stürmisch, Regen peitschte gegen die Fenster, Donner rollte über die Insel. Doch in dieser Finca bei Llucmajor schien die Welt noch in Ordnung. Bis kurz nach Mitternacht drei Schüsse fielen. Am nächsten Morgen, um acht Uhr, kam Ilse Kaiser zur Arbeit.

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Sie wollte sich um die Papageien kümmern, wie immer. Doch statt des erwarteten Vogelgeschreis fand sie eine Szene, die sie nie wieder vergessen sollte. Die Polizei wurde gerufen, und der leitende Ermittler Juan José verließ sofort sein Haus. Drei Leichen, hieß es.

Ein Dreifachmord. Vor dem Anwesen drängten sich bereits Journalisten, sogar internationale Medien waren da. Das Tor war schwer zu übersehen. Die Ermittler betraten das Gelände und wussten sofort: Das hier war die Finca von Manfred Meisel, dem berühmten Bierkönig.

Im Büro neben dem Wohnhaus fanden sie zwei Menschen. Sie lagen nebeneinander, Körper an Körper, die Gesichter voneinander abgewandt. Auf dem Boden sammelte sich Blut. Es gab keine Anzeichen für einen Kampf.

Die blonde Frau war Claudia Leisten, dreißig Jahre alt, sie kümmerte sich um die Vögel. Sie hatte mit ihrer Kollegin Ilse die Schichten getauscht – dieser Tausch rettete Ilse das Leben, kostete Claudia aber ihres. Sie war gefesselt, die Abdrücke der Stricke waren noch in ihre Handgelenke gezeichnet. Daneben lag Manfred.

Neunundvierzig Jahre alt. Er war nicht gefesselt, sein Hemd war noch fein säuberlich in die Hose gesteckt. Er wirkte entspannt, wie am Strand. Zwei winzige Löcher an der rechten Seite seines Kopfes, nahe am Ohr.

Die Waffe musste klein gewesen sein, eine sogenannte Frauenpistole. Claudia hatte ähnliche Wunden. Kein Kampf, keine Abwehr. Eine Hinrichtung, sagte Juan José später.

Dann stiegen die Ermittler die Treppe hinauf. Im Elternschlafzimmer waren die Jalousien oben, grelle Sonnenstrahlen fielen auf ein Bett. Darauf lag ein Junge, regungslos. Patrick, Manfreds achtjähriger Sohn.

Auch er hatte zwei Einschusslöcher an der Schläfe, aus nächster Nähe. Er hätte mit ansehen müssen, wie seine Eltern starben – oder er schlief, als die Schüsse fielen. Genaues weiß niemand. Alle drei starben vermutlich gegen 0:30 Uhr.

Im Haus fanden die Ermittler zwei Patronenhülsen aus verschiedenen Herstellerfirmen. Sie waren alt, Rost hatte sich darauf abgesetzt. Auf dem Küchenboden waren Schlammabdrücke zu sehen, in verschiedenen Größen. Eine große Spur, etwa Größe 44 oder 45, und eine kleinere, um die 37 oder 38.

Ein Mann und eine Frau? Oder ein großer und ein kleiner Mann? Dazu kamen zwei fremde Fingerabdrücke, die keinem der Opfer gehörten. Der Fall schlug enorme Wellen, vor allem in Deutschland.

Ein Kind ermordet, eine Art Hinrichtung – das hatte Mallorca noch nie gesehen. Die Ermittler hielten alle Informationen geheim. Wer auch immer das getan hatte, sollte nicht wissen, wie viel die Polizei schon wusste. Diana, Manfreds Partnerin, war nicht auf der Insel.

Sie war in Frankfurt, bei einem Frauenarzttermin, im fünften Monat schwanger. Manfred selbst hatte sie weggeschickt. Eine Frage, die sich viele stellten: Wusste er, dass an diesem Tag etwas passieren würde? Hatte er sie deshalb fortgeschickt?

Am Telefon erfuhr sie, dass ihr Mann und ihr Sohn tot waren. Als sie am 12. November zurückkam, war ihr Zuhause versiegelt. Sie musste in ein Hotel.

Auch Klaus, Claudias Ehemann, war am Boden zerstört. Kurz vor ihrem zehnten Hochzeitstag hatte er seine Frau verloren. Er versuchte, den Schmerz im Alkohol zu ertränken. Am 2.

Januar 2001 starb er in einem Hamburger Krankenhaus an Nierenversagen. Er hatte sich zu Tode getrunken. Wer hatte also das alles getan? Es gab viele Theorien.

Manfred war kein gewöhnlicher Gastronom. Er hatte den Bierkönig an der Schinkenstraße aufgebaut, einen Ort, an dem Zehntausende feierten. Er transportierte seine Einnahmen in Müllsäcken selbst nach Hause, unbewaffnet. Er sprach kein Spanisch, aber er vertraute den Menschen in seiner Umgebung.

Er galt als großzügig, half Freunden mit Krediten, ohne nachzuhaken. Doch er hatte auch Feinde. Neidische Konkurrenz, die großen Player der Partymeile, die Clubs wie den Rio Palace und die Oberbayern Disco besaßen. Sie übernahmen nach Manfreds Tod das Geschäft und teilten es unter sich auf.

Es gab Gerüchte über Schutzgeldforderungen, über die Mafia, über Drogengeschäfte. Manfred hatte Millionen in seiner Finca. Bei den Ermittlungen fanden sie im Schlafzimmer hinter einer Platte einen Tresor mit etwa einer Million D-Mark in Tausendernoten. Einige sagten, Manfred habe zu hart kalkuliert, vielleicht sogar die Drogenmafia betrogen.

Andere sprachen von der Papageienmafia, denn Manfred züchtete exotische Vögel im Wert von Millionen – geschmuggelte Tiere aus aller Welt. Dann gab es da noch Sven, den Geschäftsführer und engen Freund Manfreds. Er war groß, blond, ein echter Gentleman, so wurde er beschrieben. Manfred vertraute ihm sogar den Schlüssel zum Safe.

Sven war früher Türsteher gewesen, dann Küchenchef, dann Geschäftsführer. Und es lief angeblich mehr zwischen ihm und Diana. Sven wirkte geschockt, als er vom Tod seines Chefs erfuhr. Doch einmal soll er betrunken in einer Bar gesagt haben: „Ich habe Manfred Meisel umgebracht.

“ Eine Frau erzählte später, er sei voller Selbstmitleid gewesen und habe gesagt: „Schau mich an, wie ich in der Scheiße sitze und dafür soll ich all die Menschen umgebracht haben. “

Im Jahr 2007 wurde Sven verhaftet. Die Ermittler rekonstruierten die Nacht. In dieser Nacht war Sven weg, um die Markisen einer Herberge zu sichern, weil der Wind so stark war.

Er verließ das Haus um 20 Uhr und kam um 21:10 Uhr zurück. Seine damalige Freundin bestätigte das. Mehr als eine Stunde Verhör, doch sein Alibi war nicht zu erschüttern. Sven wurde wieder freigelassen.

Eine andere Spur führte zu einem Mann namens Mark L. Er hatte seine Ex-Freundin Andrea getötet, sieben Monate nach dem Dreifachmord. Andrea war Tänzerin im Bierkönig gewesen und eng mit Manfred befreundet. Mark hatte ihren Kopf abgetrennt und in eine Mülltonne geworfen.

In einem Brief an Andreas Mutter schrieb er, es sei ein Unfall gewesen. Aber konnte ein Mann, der so etwas getan hatte, auch einen Dreifachmord begehen? Es fehlten die Beweise. Noch eine Geschichte kursierte: ein Mann namens Dieter, ein Unglücksbringer, bei dessen Freunden eingebrochen wurde.

Er hatte sich mit Gastronomen angelegt, die den Hells Angels nahestanden. Ein kleiner türkischer Spezialist soll ihm geholfen haben. Die Schuhgrößen passten, angeblich. Doch auch diese Spur führte ins Leere.

Die Jahre vergingen. Hunderte Menschen wurden befragt, jede Spur verfolgt. Doch der Fall des Bierkönigs blieb ungelöst. Juan José, der Ermittler, sagte später, dass dies der einzige Fall war, den er nicht lösen konnte.

Er glaubte aber noch immer daran, dass die Wahrheit eines Tages ans Licht kommen würde. Diana führte weiter ihr Leben. Sie bekam ein weiteres Kind, einen Sohn namens Florian, und eröffnete ein Restaurant. Das Konzept basierte auf dem, was Manfred vor Jahrzehnten aufgebaut hatte: gutes Essen zu günstigen Preisen.

Doch an Manfreds Finca nagte der Verfall. Diana verkaufte das Anwesen schließlich, weil sie schon beim Anblick des Tores Beklemmungen bekam. Im November 2017, zwanzig Jahre nach dem Mord, sagte eine Pressesprecherin, dass die Hoffnung schwinde. Je mehr Zeit vergehe, desto schwieriger werde es, den Fall aufzuklären.

Und doch kamen immer noch neue Hinweise ein, neue Gerüchte, neue Spuren. Der Bierkönig steht heute nicht mehr für Schlagersongs und ausgelassene Partys. Er steht für eine offene Wunde. Drei Menschen wurden in einer stürmischen Nacht ausgelöscht.

Ein Vater, ein Kind, eine Frau. Ihre Mörder sind bis heute frei. Vielleicht gibt es da draußen noch jemanden, der mehr weiß.